Modeplatz London– einmal mehr “The Place to be”

Die Men-Fashionweek wertet den Modeplatz London auf. Doch auch in der Damenmode findet an der Themse ein Generationswechsel statt.

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Die Briten loben derzeit London als innovativster Modeplatz. Mit der Central Saint Martins besitzt die britische Hauptstadt tatsächlich eine der berühmtesten und kreativsten Modeschulen der Welt. Und britische Modeikonen wie Vivienne Westwood, Alexander McQueen oder Paul Smith haben ihren unverkennbaren Look in den letzten Jahrzehnten  weltweit- vor allem in urbanen Kreisen – verbreitet. Die typische Mischung von Exzentrik, Steifheit und inländischer Stoffe ist ein wesentlicher Bestandteil der britischen Kultur. Auch die Königsfamilie beteiligt sich seit je her am Modefieber, das jetzt an der Themse besonders steigt: Kronprinz Charles eröffnete persönlich im letzten Juni an einer Party im Saint James Palast die erste Londoner Men-Fashionweek aller Zeiten.
Prominenz im Komitee und an Parties

Die im britischen Fashion Concil vertretenen Industriepatrons und Luxuslabels investieren heute bewusst in den weltweit steigenden Männermodemarkt, indem sie die Jungdesigner international anpreisen und gleichzeitig die traditionnellen Herrenschneider der Savile Row unterstützen. An der ehrwürdigen Modeader des feudalen Trendviertels Maifair hängt nämlich der Haussegen schief. Die seit zweihundert Jahren ansässigen Masschneiderateliers beobachten missmutig wie die Trendy-Labels herkömmliche Modeboutiquen an der “Row” eröffnen. Die neue Men-Fashionweek, die im Januar zum zweiten Mal durchgeführt wird, soll alle vereinen. “Sie bietet der neuen Designergeneration die Gelegenheit, sich zu präsentieren und den anderen Marken die Möglichkeit, involviert zu sein”, erklärt Christopher Bailey, Chefdesigner bei Burberry. Obwohl die legendäre britische Marke weiterhin in Mailand läuft, sitzt Bailey im Menswear-Komitee des British Fashion Concil wie auch der Texaner Tom Ford. Kunst, Mode und Business, Sponsoren aus Grossbrittanien und den Vereinigten Staaten, trafen sich an dieser ersten Londoner Men-Fashionweek an rauschenden Parties und entlang der Laufstege, auf denen 50 Labels ebenfalls für Schwung sorgten. Viele, unbekannte Newcomer entfachen ein kreatives Feuer und legen die britische Steifheit fast vollständig ab. Das Formale drückt sich fast nur noch in perfekt geschnittenen, engen Shorts und schwarzen Socken aus. Streetwear, Gleitmode und Workingwear der amerikanischen Westküste fliessen in die typisch satten, englischen Schnitte. Nicht nur Junglabels, sondern auch Traditionshäuser, etwa Hackett London, lieferten eine freche Show, sehr Dandy oder ganz jung, bunt und locker.

Mode und Politik

Staat und Wirtschaft fördern bewusst die eigenen Talente oder versuchen ausländische anzulocken, um den Modeplatz London zu stärken. Als der Sozialist François Hollande im Mai zum französischen Präsidenten gewählt wurde, forderte der britische Premierminister David Cameron die französischen Unternehmen öffentlich auf, ihren Sitz auf die andere Seite des Aermelkanals zu verlegen. Durch die olympischen Spiele und die königlichen Feiern beflügelt hat der Premierminister zudem mit den britischen Industriepatrons die “Great Campaign” lanciert, die eine Milliarde Pfund in die britischen Unternehmen investiert, eine Manne, von der auch die Mode profitiert. Sie dient insbesondere dazu, die zukünftigen Stardesigner im Lande zu behalten, denn die jüngste Vergangenheit gleicht einem Fiasko: Auf der Höhe ihres Ruhmes angelangt, arbeiteten Englands grösste Talente John Galliano und Alexander McQueen für französische Marken. Zudem beging McQueen Selbstmord, und Galliano ruinierte seine Karriere betrunken mit seinen anitsemitischen Sprüchen in der Pariser Marais-Bar. Jetzt macht jedoch eine neue Generation von sich reden: Das neue Londoner Phänomen der Damenmode heisst Christopher Kane. Der Schotte führt die NewGen (Neue Generation) an, die der Exzentrik den Rücken kehrt. Sein abgestepptes weisses Leder wirkt mitten im Sommer wie Schnee. Tüllrüschen sorgen für Spannkraft; Pastel für extreme Frische. Der zerebrale Luxus des 30jährigen wird bereits mit Prada oder Balançiaga verglichen. Auch wenn das Kreative vor allem in der Männermode ins Auge sticht, besänftigt die NewGen die dramatische Londoner Damenmode der letzten Jahre.

Man kann ihr vorwerfen, sich zu stark dem Markt anzupassen, doch Christopher Kane, J.W.Anderson oder Jonathan Saunders zeichnen einen begehrlichen schlichten, sinnlichen Look. Jonathan Anderson entwirft mit Männlichem (Nadelstreifenhosen zu schwarz-weissen Halbschuhen), typisch britischer, blumiger Musterwahl und destrukturierter Schnitte eine starke Allüre. Nach Gallianos und McQueens Opulenz macht die NewGen Minimalismus und schöne Romantik, die Stella Mc Cartney eingeleitet hat. Jedoch auch dieses Luxuslabel für Umweltbewusste gehört einem ausländischen Konzern: Frankreichs PPR. Für den internationalen Modeexperten Jean-Jacques Picard haben die Modeplätze Paris und Mailand so oder so Vorrang. « Zwischen New York und Mailand programmiert, kann ich nur gelegentlich an die Londoner Fashionweek ». Da Frankreich und Italien zudem mehr Modekonzerne als London besitzen, bleibt auch ungewiss, ob London tatsächlich seinen Modeplatz aufwerten kann und seine zukünftigen Stardesigner im Lande zu halten vermag. Doch London darf sich bereits an Alexander McQueens Heimkehr freuen: Das Label zeigt seine Menfashion nicht mehr in Mailand, sondern diese Woche an der zweiten Londoner Men Fashion Week.

Erschienen in AARGAUER ZEITUNG, Schweiz, 4. Januar 2013

Bild: Jonathan Saunders, Herbst-Winter-Kollektion 2013/14

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