Er brachte die Weiblichkeit des Mannes ans Licht

Yves Saint Laurent Der Film über das Leben des Designers pendelt zwischen Romantik und Dekadenz, Ruhm und Ohnmacht

https://i0.wp.com/media.june.fr/article-1938925-ajust_930-f454682865/l-affiche-du-film-est-enfin-devoilee.jpg

Yves Saint Laurents turbulentes und dramatisches Leben zu verfilmen, ist kein Pappenstil. Es gelingt jedoch Jalil Lespert, das reiche Modewerk des berühmten Couturiers in die packende Liebesgeschichte zweier Männer einzuflechten. Der brillante Schauspieler Pierre Niney erlaubt es, sofort in Yves‘ Haut zu schlüpfen, dessen zerrissene Innenwelt zu fühlen, zu verstehen. Klug lässt Lespert nur die wichtigsten Ereignisse einfliessen, die den Charakter des 2008 im Alter von 72 Jahren verstorbenen, sensiblen Couturier geprägt haben. Böse Zungen werfen dem Regisseur allerdings vor, er habe sich den Inhalt von Pierre Bergé diktieren lassen. Tatsächlich tritt Guillaume Gallienne in der Rolle von Saint Laurents Lebens- und Geschäftspartner als nostalgischer Erzähler auf. Doch wer kannte den Couturier besser als der forsche, grosszügige Bergé? Deshalb lüftet der Film ein manches Geheimnis, ja entblösst den Couturier buchstäblich. Nur Bergé und nicht seiner Mutter erlaubte Saint Laurent den Besuch in der psychiatrischen Klinik nachdem der Modeschöpfer in den Algerienkrieg abberufen, aber wegen eines Nervenzusammenbruchs nie eingerückt war. „ Yves Saint Laurent ist manisch depressiv. Sie müssen wissen, ob sie das erdulden können“, erklärt im Film der Arzt dem verliebten Partner. Wie ein Häufchen Elend am Boden kauernd, enthüllt Niney den Ursprung von Saint Laurents Qual; seine Flucht in die Mode und die Droge, seine totale Risikobereitschaft: „Sie haben mich als weiches Schwulenei beschimpft, in der Toilette grün und blau geschlagen und sie (die Mutter) hat mich nicht beschützt“. Das war im katholischen Internat der algerischen Küstenstadt Oran gewesen in der damals französischen Kolonie. Lesperts Kamera liefert durchs Band weg abwechslungsweise die erhabene Schönheit von Paris und das bunte, heisse Ambiente Nordafrikas. Denn Saint Laurent und Bergé kauften sich bald eine blaue Villa mit einem riesigen Garten in Marakesch, wo sich der brave, scheue Jüngling zum drogensüchtigen Edelrebellen entwickelte.

 
„Ich möchte, dass sich die Männer von ihrer drückenden Last befreien wie es die Frauen jüngst getan haben“, flüsterte dieser 1969 als 29jähriger, bestechlich gutaussehend in dem selbstentworfenen, körperbetonten, khakifarbenen Safarianzug. Ja, er hatte der Frau die Garderobe des Mannes einverleibt. Sie emanzipiert. Doch in wie weit hat er die Männermode beeinflusst? Und schafft es der aktuelle Chefdesigner Hedi Slimane heute, dieses Erbe weiterzuspinnen? Diese Frage drängt sich auf, weil die Filmköstume der auftretenden Männer ebenso bestechen wie die schauspielerische Leistung. Auch wenn der Film nicht auf YSL als Männermodedesigner eingeht, erteilt er dem Mann eine gründliche Lektion in Stil und Aesthetik. „Saint Laurent besass einen ganz eigenen Stil in allen Epochen“, erzählt die Kostümschneiderin Madeline Fontaine. Wie ein Musterschüler im dunkelblauen Flanellanzug und dunkler Krawatte wirkt Yves Mathieu-Saint-Laurent in den 1950er Jahren als Assistent bei Christian Dior. Doch bereits glitzern goldene Manschettenknöpfe am feingestreiften, weissen Hemd, eines seiner ewigen Markenzeichen. Zum Auftakt der Liebesgeschichte mit Pierre Bergé trägt der Scheue am Seineufer einen hellgrauen Trench. Dieser von Saint Laurent 1968 in knautschigem, schokoladebraunem Leder entworfene Mantel gilt noch heute als Quintessenz der französischen Eleganz. „Er mochte praktische, aus der Berufskonfektion und der Armee stammende Kleider. Er hasste unnötigen Schnickschnack. Zuerst entwarf er für sich selbst, weil er im Handel nicht das Passende fand“, erinnert sich der inzwischen 84jährige Pierre Bergé. Doch der Ruhm liess auf sich warten. Als Saint Laurent 1968 seine Männermode lancierte, begeisterten sich die Beatles für Pierre Cardins kragenlose, futuristische Anzüge. Die trendige „Pfauenmode“ à la Jimi Hendrix kam aus London. Die neuen, hellen Anzüge stammten aus Italien. Noch trug Saint Laurent ein Outfit mit Hemd und Krawatte unter dem Pulli, das gleichzeitig formell und gelassen wirkte. Ein Stil, der Saint Laurents heutiger Designer jetzt neu lanciert. Ob sich Slimane an den Filmkostümen oder Saint Laurent selbst inspiriert, bleibt sein Geheimnis. Weder der in Los Angeles entwerfende Art Director noch das Hause Saint Laurent waren zu einer Stellungnahme bereit. „Es muss für ihn sehr schwierig sein, ein so markantes Werk weiterzuführen“, meint Madeline Fontaine.

https://i0.wp.com/www.lesechos.fr/medias/2014/01/08/641240_0203227555688_web_tete.jpg

Fast die Hälfte von Yves Saint Laurent spielt in den 1970er Jahren, während denen Saint Laurent den Mann und sich selbst zum Verführer macht. „Darin war er am Einflussreichsten“, betont Bergé. Allen anderen Couturiers einen Schritt voraus, machte der stilvolle Yves die Jeans salonfähig, schuf die langgliedrige, androgyne Silhouette. Das auf der nackten Haut getragene, mit feinen Blumen bedruckte Seidenhemd. Den Rollkragenpulli unter dem rostbraunen Kordsamtanzug, eine aus Nordafrika stammende Farbnuance. Sein ganzer Lebensstil wurde zum Kult, den der damals flaumbärtige, langhaarige Superschlanke selbst inszenierte: Im Kino lief gerade die Rock-Oper Jesus Christ Superstar als sich der „Rockstar der Modeszene“ splitternackt ablichten liess, um sein erstes Parfum für den Mann anzupreisen. Nie zuvor hatte ein Mann als Werbeobjekt gedient. Nie zuvor hatte ein Couturier selbst für sein Produkt geworben.

„Ich kleide mich ganz bei Saint Laurent ein. Er ist der Geschmack auf Erden. Er ist Mode“, schrieb 1979 ein Fan im Männermodemagazin L’Officiel hommes. Man erträgt Lesperts gewagte Szenen mit Gruppensex, Drogenrausch oder dem in die Toiletten kotzenden Saint Laurent dank diesem feinen Geschmack. „Er wagte es als erster, die Weiblichkeit des Mannes auszudrücken. Wie kein anderer schuf Saint Laurent eine elegante Nonchalance, die immer Klasse hatte“, beobachtet Madeline Fontaine.  Der konservative Yves im Hahnentrittsakko aus Oran hatte sich zum erotischen Edelhippie in Trompetenhosen und Jerseyhemd entfaltet, der sich die Nächte mit Mick Jagger, Paloma Picasso und Andy Warhol um die Ohren schlug. Karl Lagerfeld, rassig mit halblangem, schwarzem Haar, trug das in südamerikanischen Mustern gewobene Hemd weit offen. Sein Freund Jacques Bascher verführt Saint Laurent in einem weissen, saloppen Anzug, wie ihn der Couturier entworfen hatte. Bergé blieb immer seriös und klassisch, bedrohte jedoch den Dandy Bascher handgreiflich, damit er aus Yves‘ Leben verschwindet. „Was immer auch zwischen uns geschehen ist, immer werde ich dir zur Seite stehen“. Mit diesen Worten holt Gallienne die Kinobesucher zurück in die Romantik einer tiefen Liebe.

Seit drei Saisons zurück im Hause Saint Laurent macht Hedi Slimanes Rock-Chic dieser erotischen Eleganz keine Ehre. Zwar schafft er mit Yves‘ Kaban, dem Matrosenpulli, dem Teddyblouson, dem Dufflecoat und dem Trench eine permanente Unisex-Garderobe. Und sein getupftes Hemd dieses Sommers lässt einen Hauch Sinnlichkeit aufkommen. Doch wer die Kinomode tragen will, muss sich gedulden: Mit Kordsamt und Tweed, sensiblen Halstüchern und Saint Laurents feinabgestimmtem Totallook erreicht Slimanes nächste Herbst-Winter-Kollektion die ersehnte Klasse.

Erschienen in AARGAUER ZEITUNG, 4. April 2014