Baku peilt hoch hinaus

Luxushotels schiessen in der aserbaidschanischen Hauptstadt wie Pilze aus dem Boden. Marriott, Four Seasons, Fairmont, Kempinski, Park Inn, sie alle haben in den letzten zwei Jahren in Baku eine verlockende Niederlassung eröffnet.

Kräne ragen in den Himmel. Lastwagen und Presslufthammer wirbeln den Staub neu entstehender Strassen auf. Baku wächst zusehends. Ein neues Häusermeer entsteht rund um die in der Weltkulturliste der UNESCO eingetragenen Altstadt mit ihren bis ans Ufer des Kaspischen Meeres gebauten Festungsmauern. Dank kolossaler Erdölförderungsverträge erfreut sich die zwei Millionen Einwohner zählende Stadt eines traumhaften Wirtschaftsaufschwunges, der den Bau einer modernen Metro, zeitgenössischer Museen, neuer Geschäftsviertel und fünf grosser Luxushotels ausgelöst hat. Gleich neben dem aus der sowjetischen Zeit stammenden, imposanten Regierungsgebäude lockt das JW Marriott, ein Hochhaus mit 243 modernen, aber sinnlich gestalteten Zimmern und 14 Konferenzräumen. Das grösste und exklusivste Hotel im Südkaukasus steht jedoch seit Juni 2013 oberhalb Bakus Altstadt: Die 318 Zimmer, die Wellness- und Fitnessräume sowie die exklusiven Gold-Etagen des brandneuen Fairmont bieten eine sensationelle Aussicht auf das Kaspische Meer und seine Metropole. Denn das in weissem Marmor strotzende Sechsstern-Hotel belegt einen der drei eleganten „Flame Towers“, deren Bau 350 Millionen Dollars verschlungen hat. Die nachts kitschig züngelnden Glastürme in Flammenform wurden an der internationalen Immobilienmesse von Cannes als weltbestes Tourismusprojekt des Jahres 2013 prämiert. Die drei Türme symbolisieren Bakus Brennstoffreserven und erinnern gleichzeitig an die antike Feuerverehrung der damals ansässigen Zoroastrier.

 
In der haushohen Hotelhalle und im schicken Frühstückbistro sind dennoch nur wenige Gäste anzutreffen. „Baku ist die Stadt der Zukunft. Wir haben hier eröffnet, weil uns der Standort angeboten worden ist und wir Wert darauf legen, Hotels zu führen, die den Charakter eines Wahrzeichens aufweisen“, begründet Xavier Rugeroni das kühne Unterfangen. Fairmonts Vizepräsident für Europa hofft auf einen weiter wachsenden Touristenstrom, der sich innerhalb eines Jahres bereits verdoppelt hat. Mit zwei Millionen Besuchern im Jahre 2012 liegt Baku trotzdem weit hinter Istanbul, das zwölf Millionen Touristen besucht haben. Dank der Erdölförderung und der vor sieben Jahren entdeckten Erdgasreserven ist Baku jedoch zum wichtigsten Wirtschaftsstandort im Südkaukasus gewachsen. 130 Milliarden US Dollar wurden seit 1995 in den aserbaidschanischen Markt investiert. Die Hälfte stammt von ausländischen Investoren, deren Geschäftsreisende jetzt dank dem Know-How und dem Service der Luxushotelketten in den Genuss nobler Restaurants, moderner Technik und funktioneller Konferenzräume kommen.

 
Noch vor zwei Jahren gab es in der ganzen Stadt ausser dem Pionier Park Hyatt kein grosses, mit Wellness, Fitness und Eventräumen ausgestattetes Hotel. Zudem benötigte Baku 2012 moderne Unterkünfte für die Durchführung des Eurovision Song Contest. „Noch ist Baku dem breiten Publikum unbekannt und ein reines Geschäftsreiseziel. Diese Ereignisse helfen jedoch mit, die Stadt zu lokalisieren“, meint Jean-Pierre Soutric. Der Vizepräsident für Europa bei Four Seasons bezeichnet das an Bakus prächtiger Strandpromonade eröffnete Etablissement zwar als eines der schönsten Hotels der vornehmen Marke. Er ist sich jedoch bewusst, dass es nie Belegungsraten wie in Paris oder New York erreichen wird. Auch Four Seasons hat nicht in eigener Initiative nach einer Adresse in Baku gesucht, sondern ein Angebot erhalten. Aserische Investoren leisten sich derzeit nämlich gerne glamouröse Hotelgebäude. Trotz Arkaden im Beaux-Arts-Stil, einem monumentalen Treppenhaus und lauschiger Balkone in der reichverzierten Fassade ist auch das Four Seasons ein Neubau, in dem sich der Gast wie an der Riviera fühlt.

Kempinski Hotel Badamdar
280 Zimmer ab ca. 181 AZN
http://www.kempinski.com/en/bakuca

Hotel Four Seasons Baku
171 Zimmer ab ca. 340 Fr.
http://www.fourseasons.com/baku/

Fairmont Hotel Flame Towers
318 Zimmer und 19 Appartements ab ca. 340 Fr.
http://www.fairmont.de/baku/

JW Marriott Hotel Absheron Baku
243 Zimmer ca. 295 Fr.
http://www.jwmarriottbaku.com

Park Inn by Radisson Baku
248 Zimmer ab ca. 163 Fr.
http://www.parkinn.com/hotel-baku

24.10.2014 EEH

Mitten in der Kulturvielfalt von Paris Ost

In Paris-Ost leben Menschen der verschiedensten Kulturen, Religionen und sozialen Schichten dichtgedrängt an Boulevards, Strassen, schmalen Passagen und in versteckten Engpässen völlig abseits des Tourismus. Zu Unrecht, denn rund um den Parc der Buttes-Chaumont erlebt man Paris hautnah.

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Ein Wasserfall peitscht derart laut in die dunkle Höhle herunter, dass die Pariser Stadtkinder hemmungslos das Felsenloch hinauf schreien, um sich akustisch auszutoben. Im Tobel pirschen die Dreikäsehochs durchs Dickicht. Die 25 Hektaren umfassende Hügellandschaft der „Buttes Chaumont“ erlaubt den vom Lärm gepeinigten Grosstadtbewohnern, über einsame, nach Blüten und Erde duftende Wege zu spazieren. In dem 1863 von Kaiser Napoleon III „für das Volk“ auf dem ehemaligen Steinbruch angelegten, romantischen Garten drehen heute die Jogger verbissen ihre Runden während sich die Chinesen zum Tai Chi versammeln, das auch viele französische Rentner begeistert. Am Sabbat treffen sich jüdische Jugendliche auf einer der grossen Wiesen. Nur wenige Schritte entfernt diskutieren Araberfrauen. Andere picknicken und faulenzen. „Man lebt hier nicht wirklich zusammen, sondern eher nebeneinander, ohne sich beim anderen einzumischen“, beobachtet Thy Van Nguyen. Die graziöse Pianistin wohnt am Rande des Parks in einer zur Loft umgebauten ehemaligen Werkstatt. Denn je länger je mehr „Bobos“ (Bourgeois-Bohème) lassen sich in solchen originellen Wohnräumen – nur zehn Metrominuten vom Stadtzentrum entfernt – nieder. Die kulturelle, soziale und religiöse Vielfalt in Paris-Ost ist auf die Geschichte der einstigen Dörfer Belleville und La Villette zurückzuführen, die 1860 zu Paris annektiert wurden. Schon immer haben sie Fremde aufgenommen. Südlich, bzw. nördlich der Buttes Chaumont gelegen, verschmelzen Belleville und La Villette zwar … Lire la suite

Jean Paul Gaultier verabschiedet sich mit Humor

Seinen weltberühmten Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Am letzten Samstag zeigte Jean Paul Gaultier während der Pariser Modewoche seine letzte Prêt-à-Porter-Show.

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Der dichtgedrängte Menschenauflauf versperrt die halbe Strasse der Grand Boulevards. Ein Polizeibeamter muss den Verkehr auf die Gegenspur umleiten. Es wird gehupt und gestossen. Die Gäste schlängeln sich dennoch gut gelaunt durch die Paparazzis und Schaulustigen zu Jean Paul Gaultiers aller letzter Prêt-à-Porter-Show. Die riesigen Leuchtbuchstaben des legendären Pariser Kinos « Le Grand Rex » kündigen keine herkömmliche Modeschau, sondern die Wahl von « Miss Jean Paul Gaultier 2015 aus Frankreich und Uebersee » an. Dass Jean Paul auch an die Kolonien denkt, ist kein Detail. Nie hat Gaultier die Minderheiten und die kulturelle Vielfalt vergessen. Nur er holte runde Models auf seinen Laufsteg oder feierte mit einem schwarzen Mann als Aushängeschild, sexy und muskulös, vor acht Jahren das 30jährige Bestehen seines Labels. Das Aus kommt jetzt wie ein Hammerschlag. Seit 38 Jahren entwirft der in bescheidenen Verhältnissen im Pariser Vorrort Arcueil aufgewachsene Franzose Mode für alle.
Deshalb passt es, dass er sich nicht mit einer stereotypen Modeschau, sondern mit einer durch die Choreographin Blanca Li inszenierten, verrückten Parodie verabschiedet. Denn als sein 1974 gegründetes, zu Beginn floppendes Label in den 1980er Jahren am Modehimmel aufstieg, organisierten Gaultier und die sogenannten « neuen Modedesigner » (Mugler, Montana, Alaïa) keine klassischen Präsentationen für eine auserlesene Kundschaft, sondern riesige, dem breiten Publikum zugängliche Shows. Der Platinblonde hatte sich auch nicht wie seine Vorgänger zuerst durch die Haute Couture hochgearbeitet, sondern stieg direkt in den frisch eingeführten Prêt-à-Porter ein. Diesem sagt der inzwischen 62jährige Couturier jetzt Adieu, weil er sich grundsätzlich verändert habe. « Nur in der Haute Couture kann ich mich heute wirklich ausleben. Die geschäftlichen Zwänge des Prêt-à-Porters und sein unentwegt beschleundigter Rythmus bieten weder die zur Selbstbesinnung und zur Innovation notwendige Freiheit noch die Zeit », begründet der Couturier den Rückritt. Der Avantgardist, der stets der Zeit einen Schritt voraus war, kann und will mit dem heutigen Tempo der Modeindustrie nicht mehr Schritt halten. Er will sich nur noch in der kreativeren Haute Couture verwirklichen. Der breiten Masse bleiben lediglich seine originellen und sehr erfolgreichen Parfums, die 40 Prozent von Gaultiers Umsatz ausmachen.

Rockige Röcke für Männer
Obwohl es seine Muse, die spanische Schauspielerin Rossy de Palma schafft, das seriöse Modepublikum im Grand Rex mit einer witzig gewürzten Vorstellung aufzuheitern, hinterlässt die Show einen bitteren Nachgeschmack. Als Rebell und Star ohne Starallüren wird Jean Paul der Mode fehlen. Der Sohn einer Sekretärin und eines Buchhalters konnte mit Zahlen nie viel anfangen. Mit fünfzehn wusste er jedoch haargenau, dass nur das Modemachen für ihn in Frage kommt. Mit achtzehn stellte ihn Pierre Cardin an. «Er hat der französischen Mode derart viel beigesteuert. Keiner hatte international mehr Einfluss als er », lobt der heute 92jährige Cardin an der Bar im Rex seinen einstigen Lehrling, der sich in den 1980er Jahren am lebhaften Londoner Nachtleben, den Strassenmärkten und in Trendshops inspiriert hat. Den Matrosenpulli hat Gaultier allerdings nicht erfunden. Coco Chanel und Yves Saint Laurent hatten das blau-weiss gestreifte bretonische Matrosenshirt bereits zuvor zur Highfashion gemacht. Seit Gaultiers « Boy Toy »-Kollektion von 1983 war sein Markenzeichen jedoch in einer jeden seiner Kollektionen präsent. Die Ikone der Schwulenszene hat die Strassenmode auf den Catwalk geholt und mit seinem mutigen Unisex einen frenetischen Durchburch ausgelöst : Er steckte die Männer in Röcke und was für Röcke : Schicke Kilts oder schwingende Abgesteppte in goldigem Seidensatin. Das hat ihm niemand vor- oder nachgemacht.

Die Korsette aus Grossmutters Truhe

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Internationale Anerkennung errang Gaultier 1990 als er Madonna in einem konisch spitzbusigen Korsett auf ihre « Blond Ambition Tournee » rund um den Erdball schickte. Auch Mylène Farmer und Kylie Minogue bestellten ihre heissen Bühnenkostüme bei Jean Paul, der schon als Knabe mit Grossmutters Korsetten gespielt hatte. Die Couturière, die den Enkel zum Stoffkauf nach Paris mitnahm, war seine erste Muse. Auch seine Leidenschaft für die Bühne und das Kino spriess bereits bei Oma vor dem Fernseher, wo die Tänzerinnen des Cabarets «Les Follies Bergères » den Dreikäsehoch faszinierten. Wie immer sitzt Catherine Deneuve auch an seiner letzten Show in der ersten Reihe. Auch auf den Laufsteg hat Gaultier regelmässig Leute von der Bühne geholt: 2011 zeigte Mylène Farmer sein aus Federn konfektioniertes, schwarzes ( !) Hochzeitskleid, und Conchita Wurst modelte für ihn kurz nach ihrem Sieg am letztjährigen Eurovision Song Contest.
Gaultiers Teddy-Banane und sein späterer Hahnenkamm haben sich im laufe der Jahrzehnte zum graumelierten Bürstenschnitt verwandelt. « Spass » habe ihm alles gemacht, erklärt der bubenhafte Senior hinter den Kulissen des Grand Rex. Auch wenn er sich zu Beginn dieses Jahrtausends zuviel aufgeladen und die Uebersicht seiner Firma verloren hat. 2004 trat er zusätzlich zu seinen sechs eigenen Kollektionen pro Jahr den Chefdesignerposten im edlen Luxushause Hermès an, das zuerst 35, dann 45 Prozent des Aktienkapitals der Jean Paul Gaultier SA übernahm. Während seiner sechsjährigen Tätigkeit für Hermès fehlte dem Unermüdlichen allerdings die notwendige Puste, um seinem eigenen Label weiterhin rassige Impulse einzuverleiben. Als er 2010 Hermès verliess, kaufte der spanische Luxuskonzern Puig sein Label. Seither leitete der Modeschöpfer zwar selbst als Präsident seine Firma, verzettelte sich jedoch, indem er etwa auch ins Design einstieg. Laut den französischen Medien verringere sich sein Umsatz seither pro Jahr um zehn Millionen Euro und er verliere deren sieben.

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Nur noch dieses eine Mal zeigen Models mit Löwenmähnen raffinierte Smokings, tätovierte Jeans und graziöse Perfectos. Sie imitieren die berühmtesten Moderedaktorinnen oder treten als glamouröse Miss Fussballergattinnen auf. Die Miss Vintage – waschechte Models in hohem Alter – gleiten am Arm eines jungen Burschen über den Laufsteg. Unter einem Goldregen hindurch grüsst Jean Paul Gaultier zum letzten Mal das sprachlose Publikum. Dann fällt der Vorhang schlagartig. « Die Welt hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Mein Alter erlaubt es mir nicht mehr, Gaultier zu machen», meint der Modemacher nach der Show, den Champagnerkelch in der Hand. Es gäbe keinen Grund, traurig zu sein. Neue Projekte keimten bereits.

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Jean Paul Gaultier, immer ein Schritt voraus…

Jean Paul Gaultier PorträtCopyright Rainer Torrado

1974 : Sein Look Perfecto/Ballettröckchen/Turnschuhe ist ein Flopp, wird aber in den 1990ern zum Must
1976 : Seine raffinierten Korsette machen aus der Unterwäsche ein Outfit, das sich 1990 allgemein durchsetzt
1983 : Der Matrosenpulli gilt noch heute generell als Symbol für « Made in France »
1984 : Mit seinem Männerrock schreibt Gaultier Modegeschichte
1988 : Gaultier Junior für die Knirpse ist ein trendiges Marksegment, in die Luxusmarken sodann einsteigen
1993 : Sein Parfum « Jean Paul Gaultier » in Büstenform und Korsett macht den Flakon zum sinnlichen Objekt
1997 : Seine aalglatten Kostüme tragen zum Erfolg von Luc Bessons Science-Fiction-Film « Das fünfte Element » bei
2003 : « Tout beau tout propre » ist die erste Schminkpallette für den Mann
2004 : Zwei Männer beenden als Hochzeitspaar seine Show. Im letzten Jahr hat Frankreich die Homoehe offiziell eingeführt

Bilder:Patrice Stable p/o Jean Paul Gaultier (Show), Stanislas Alleaume p/o Jean Paul Gaultier (Backstage), 4.10.2014 

Neid, Gier und Designerwechsel im Superluxus

Der Champagner fliesst. Die Blicke der Fashionitas glänzen vor Aufregung : 93 Modelabels zeigten Ende September auf den Pariser Catwalks ihre Frühlings- und Sommermode . Hinter den Kulissen aber werden eiskalte Modekriege geführt.

An der Pariser Fashionweek haben die Labels des Superluxus das Sagen. Weit weniger glamourös als ihre Kollektionen kreuzen die Modekonzerne hinter den Kulissen ihre Schwerte. Nach einem vierjährigen, gnadenlosen Streit haben Hermès und Louis Vuitton anfangs September das Kriegsbeil zumindest vorübergehend begraben. Die beiden Luxusmarken sind direkte Konkurrenten. Beide sind vor mehr als 150 Jahren in Paris mit Lederwaren ins Geschäft eingestiegen. Hermès lancierte seinen Prêt-à-Porter 1975. Louis Vuitton stellte im Jahre 2000 als Chefdesigner den amerikanischen Wunderknaben Marc Jacobs ein. Innert dreizehn Jahren hat der lässige New Yorker dem Luxuslederwarenhersteller ein innovatives Modeimage verpasst. Sein Prêt-à-Porter macht zwar nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die begehrten Shows befriedigen dennoch das Ego der betuchten Kundschaft. Dass Jacobs die Firma vor einem Jahr verliess, um sein eigenes Label für den Gang an die Börse fit zu machen, war für LVMH-Chef Bernard Arnault kein Grund zur Trauer : Seiner Tochter Delphine ist der brillante Schachzug gelungen, mit Nicolas Ghesquière frisches Blut und nahtlose Perfektion einzustellen.

Denn Ghesquière ist ein As. « Der beste seiner Generation », meint Suzy Menkes, die einflussreiche Moderedaktorin der Herald Tribune. Der 43jährige Nordfranzose weiss, was er will, plant minutiös und entwirft haarscharf. Vuittons neuer Creative Director beherrscht die modische Architektur des weiblichen Körpers ebenso gut wie Cristobal Balenciaga, der Gründer von Ghesghières Ex-Arbeitgeber. Der Stardesigner verliess seinen Chefdesignerposten bei Balenciaga im November 2012 mit der stolzen Abfindung von 6,5 Millionen Euros, nachdem er das alte Pariser Modehaus zu einem der begehrtesten und geheimnisvollsten Labels geschliffen hatte. Die Abfindung war allerdings mit einer Schweigeklausel verbunden, die Gesquière schamlos übersah. Der stets gelassene Modedesigner warf in den Medien Balenciaga vor, nur am geschäftlichen Resultat interessiert gewesen zu sein. Skrupellos hätte die Chefetage ihn ausgenutzt. Die Kering-Gruppe, der Balenciaga angehört, zitierte ihn vor Gericht und verlangt sieben Millionen Euros Schadenersatz. Während das Schlichtungsverfahren noch in Gange ist, fiebern Ghesquières weltweite Fans – allen voran Charlotte Gainsbourg und Anna Wintour – dem nächsten Mittwoch entgegen, an dem « Nicolas » zum zweiten Mal den Catwalk von Louis Vuitton betreten und seine intelligenten, nicht sofort erfassbaren Entwürfe enthüllen wird. Und das nur sechs Stunden bevor Christophe Lemaire seine letzte Kollektion und für das Hause Hermès preisgeben wird.

Ueber Lemaires Rücktritt lacht sich Bernard Arnault ins Fäustchen. Denn der Verlust seines Damenmodedesigners trifft Hermès’ CEO Axel Dumas kurz bevor er endlich den unerbittlichen Zweikampf mit Arnault aus dem Wege geschafft hat : Seit vier Jahren knabbert Vuittons ehrbarmungsloser Präsident gierig soviele Hermès-Aktien wie möglich. Es gelang Arnault gar, 23 Prozent der Anteile seines grössten Konkurrenten einzustecken. Ein Affront, der in Hermès’ solidem Modehaus einem Erdbeben gleichkam. Um eine allfällige Uebernahme der Aktienmehrheit zu vermeiden, hat sich die Familie Hermès vereint und 51 Prozent des Kapitals für zwanzig Jahre blockiert. Wegen seines heimlichen Einstiegs in Hermès Kapital wurde Arnault von der französischen Börsenaufsicht zu einer Busse von acht Millionen Euros verknurrt. Nun haben der LVMH-Patron und Dumas ihren sogenannten « Handtaschenkrieg » ebenfalls in einem Schlichtungsverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beendet. Arnault hätte sich nämlich gerne ein Stück von Hermès’ Handtaschenmarkt abgeschnitten. Die bis zu 60 000 Euros gehandelte « Birkin » oder « Kelly » sind in der in der Highsociety ein Must und ein gesuchtes Sammlerstück. Vuittons ebenfalls luxeriösen Taschen haben nie diesen exklusiven Ruf erreicht.

Die beiden werden sich jedoch kaum aus den Augen lassen. Arnault muss zwar seine Hermès-Anteile an die LVMH-Aktionäre ausschütten und darf keine weiteren erstehen, allerdings lediglich während fünf Jahren. Diese Einigung kam genauso überraschend wie die Trennung von Christophe Lemaire. Der Abschied ist umso bitterer als dass der vor vier Jahren von Lacoste kommende Modeschöpfer an Hermès sagenhaftem Erfolg beteiligt ist. „Ich bin Christophe Lemaire sehr dankbar für die Leidenschaft, mit der er den Charakter der Damen-Prêt-à-porter bereichert hat. Unter seiner artistischen Leitung hat dieses Metier seine Ästhetik neu definieren können und sehr erfreuliche finanzielle Resultate hervorgebracht », erklärt Axel Dumas. Tatsächlich ist Hermès’ Reingewinn im ersten Semester dieses Jahres um 8 Prozent gewachsen. Für das Jahresende scheint die erstmalige Ueberschreitung der 4 Milliarden-Umsatzmarke nicht unmöglich. Doch der aus Besançon stammende Lemaire denkt an sein eigenes Geschäft. « Meine eigene Marke wächst signifikant und ich muss und möchte mich ihr nun vollständig widmen können“, sagt der 49jährige mit Recht, denn auch sein Vorgänger Jean Paul Gaultier hatte während seinem Engagement bei Hermès weder Zeit noch Kraft, um sich gebührend seiner eigenen Firma zu widmen. Das einstige « enfant terrible » der Modeszene muss jetzt sogar seinen Prêt-à-Porter einstellen. Sein weltberühmter Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Nur noch Haute Couture und Parfums.

Die Wahl von Lemaires Nachfolgerin ist ebenso verblüffend wie dessen Rücktritt. Denn die 36jährige Nadège Vanhee-Cybulski ist dem breiten Publikum kein Begriff. Sie tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Die diskrete Französin entwarf im Maison Martin Margiela und an der Seite von Phoebe Philo bei Céline bevor sie das Studio der jungen, amerikanischen Marke The Row in New York führte. Die entspannte, zeitlose, ja fast prüde Schlichtheit der Unbekannten passt allerdings gut in Hermès Konzept, dürfte aber die Aktionäre weniger begeistern. Oder lacht zuletzt Alex Dumas am besten ? Denn Vanhee-Cybulski passt tadellos in Hermès’ offizielles Image, das absichlich und ganz im Gegenteil zu Bernard Arnault auf Effekthascherei und Starkult verzichtet.

27.9.2014