Kleider als Gemälde

UNGARO EEH

Ungaro

 

Symbolismus, Expressionismus, Renaissance, Pop- oder Street-Art – die Kleider der Männer des nächsten Sommers werden zur Leinwand: In Striemen und Klecksen marmorieren bei Issey Myake die Ölfarben. Nachtblumen schimmern auf Phillip Lims Hemden. Lanvins Blousons werden zu Comicheften mit Pin-Ups in der Grossstadt. Wie aus der Dose aufgesprayt erhält Diors Anzug weisse Balken. Auf Hosen und Shirts quellt Stracciatella-Eiscreme beim Schweizer Julian Zigerli. Angst und Bange flössen die Schattenspiele seiner Hemden aus. Wie ein Pinselstrich ziert Ungaro diese im Zickzack. Doch der grosse Trend besteht aus optischen Täuschungen: Dries van Notens getarnte Militärmäntel entpuppen sich näher betrachtet als verblichene Gobelins aus der Renaissance.

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Dior homme

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Die EM schleicht sich in die Highfashion

Während die Götter der Stadien um den EM-Titel kämpfen, kickt die Highfashion mit Kniesocken, Leuchtfarben und Tattoos über die Catwalks.

Zumindest seit der Männer- Fashionweek vor einer Woche in Paris sind die peinlich zerrissenen Leibchen der Schweizer Nationalmannschaft vergessen. Zwar figuriert kein Schweizer Spieler in den Hitlisten der sexysten Fussballer Europas. Doch muss man nicht Weitblick besitzen, um treffsicher zuzuschlagen? Dank der Highfashion jedenfalls wird das leuchtende Gelb von Yann Sommers Handschuhen zum Trend …. des nächsten Sommers. Ein mancher französischer Kommentator hat den sicheren Griff des Schweizer Torhüters gelobt – das noble Sattlerlabel Hermès macht das Gelb des berüchtigten Absinth, der verwarnenden Karte und der Trainingskutten zum Must für betuchte Männer.

Kniesocken als Zeichen des guten Geschmacks

Was den Look betrifft, beeinflussen die Modeikonen des Fussballfeldes längst die Könige der Catwalks. Jetzt wandeln diese aber gar die virilen Fussballerstülpen zum … Lire la suite

Das Phänomen der neuen Hooligans

Während auf dem Fussballfeld um den Europameistertitel gekämpft wird, prügeln sich die neuen Hooligans aus Osteuropa um die Vormachtstellung der Schlachtenbummler Europas.

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In den unzähligen Kneipen am Marseiller Hafen trinken viele Fussballfans mehr als ein Bier. Die Engländer blödeln schon vor dem Match Russland-England betrunken herum. Plötzlich tauchen zwischen den lauschigen Pergola jedoch gegen 150 kräftige Russen auf. Die kahlen, tätowierten Muskelprotzen strotzen mit nacktem Oberkörper oder pechschwarzer Kleidung. Sie schlagen sofort die anwesenden englischen Fans kurz und klein, mit Fäusten und Füssen. Mehr als zwei Tausend mobilisierte Polizisten können die halbstündige Schlacht um einen Platz in der Top3 des europäischen Hooliganismus nicht verhindern. Auf solch kühne, brutale Russen waren sie nicht gefasst. Fast hilflos schauen ein paar zu, wie einer ihrer Kollegen am Herz eines verletzten Engländers pumpt. Die Bilanz ist bitter: 34 Verletzte, aber nur 20 Verhaftete und erst noch keine Russen.

Das ist nicht nur eine Blamage für Frankreich als Organisationsland. Der anschliessende Übergriff der russischen Fans in den englischen Block im zwei Kilometer entfernten Stadion Velodrome während des berüchtigten Matches stellt ebenso die UEFA in den Schatten, die solche Bilder gar nicht zeigt. Die von den meisten nationalen Fernsehsendern aus den Stadien übernommenen UEFA-Bilder konzentrieren sich auf das grüne Feld, um dem Ruf des Fussballs als populärem Familiensport nicht zu schaden und keine weiteren Schlachten zu schüren.

Ausserhalb der Stadien steht Frankreich unter Hochspannung. Nach Terroranschlägen, Überschwemmungen und Krawall muss François Hollande während der EM ebenso jetzt den neuen Hooliganismus in den Griff bekommen. „Es handelt sich für Westeuropa um ein neues Phänomen, das seit 1990 in Osteuropa entsteht“, erklärt in Paris der Historiker Sébastien Louis, ein Experte der radikalen Fans in Europa*, der persönlich beim Schlagabtausch zwischen den Russen und Engländern in Marseille anwesend war. Durch eine verstärkte Repression mit Stadium Verbot und dem Hang der englischen Hooligans sich an Raveparties mit Extasy zu berauschen, habe sich die Lage seit den späten 1980er Jahren in Westeuropa eher beruhigt. „Mit dem Berliner Mauerfall und orientierungslosen Jugendlichen hat sich aber die Gewalt in Osteuropa verschärft. Ausserdem bietet die digitale Technik den Hooligans neue Möglichkeiten sich international zu messen und zu versammeln“. In Ungarn, Polen, der Slowakei und vor allem unter den Hooligans der Moskauer Clubs haben sich durchtrainierte Schläger zu nüchtern vorgehenden, strategischen Sportkämpfern profiliert.

Völlig unter sich, trainieren diese Banden während der sogenannten Free Fights im Wald. Solch organisierte Schlägereien entwickelten sich, laut Sébastien Louis, ebenfalls in Deutschland oder der Schweiz. Zwar gelten die Engländer nach wie vor als stärkste Hooligans Europas, doch diesmal wurden sie von den Russen zu Opfern geprügelt. Neu daran ist, dass diese wie eine paramilitärische Einheit vorgehen.

Der Auftrag der Polizisten sei in Marseille nicht die Verhaftung, sondern die Trennung der gewalttätigen Raufbolde gewesen, verteidigt der Polizeigewerkschafter Jean-Claude Deloge seine Kollegen. Die Russen sind den Franzosen zuerst durch die Latte gegangen, weil diese, extrem gut organisiert, wieder blitzschnell in den vielen, kreuzartig angelegten Gassen des Marseiller Hafens verschwunden sind. Diese besondere Lage habe ihr Einzingeln verunmöglicht. Trotzdem sah es aus, als sei die französische Polizei völlig überfordert. Ginge es nicht um Leben und Tod, könnte man es ihr nicht einmal verübeln. Klar sind Frankreichs Ordnungshüter erschöpft, denn Polizei und Armee kämpfen tagtäglich an allen Fronten: Nicht nur potentielle Terrorziele müssen ständig bewacht werden. Seit Wochen wüten ebenso anarchistische Randalierer jeweils während der Demonstrationen der Gewerkschaften gegen das Arbeitsgesetz. Seit diese ein Kinderspital in Paris beschädigt haben, bewilligt Hollande nur noch Demonstrationen in einem kurzen, hochbewachten Rundgang.

Auch was den Fussball betrifft, reagierte Frankreich schlussendlich zielstrebig: Vor dem Spiel England-Wales in Lens wurden alle Schulen und Läden geschlossen; der Alkoholverkauf ausserhalb der Lokale ist seit Marseille verboten, was allerdings als nutzlos erscheint, denn die Russen waren nüchtern. Auch das ist unter Hooligans neu. Mehrere Hundert Personen wurden inzwischen verhaftet. „Identifizieren und ausweisen“, heisst  laut Regierungssprecher Stéphane Le Foll die Devise. Dank der Ueberwachungskameras konnten schliesslich 43 in Marseille wütende Russen identifiziert und in einem Car verhaftet werden. Drei wurden zu unbedingten Gefängnisstrafen verurteilt. Sie und weitere 20 Russen werden ausgeschafft. Darunter der Rädelsführer ultrarechter Fangruppen Alexander Schprygin alias „Komantscha“ , dem Beziehungen bis zum Kreml nachgesagt werden.

Moskau hat derweil eher pikiert reagiert: Zwar verurteilte Russlands Sportminister Witali Mutko „das schlechte Verhalten“ der russischen Fans. Nach der Verhaftung der 43 Landsleute im Car bei Cannes wurde der französische Botschafter in Moskau allerdings ins Aussenministerium zitiert. Dort warnte Aussenminister Sergei Lawrow vor der „Verschlimmerung der franko-russischen Beziehungen durch das Schüren antirussischer Gefühle“. Die virilen Prügeleien seiner Landsleute hätte er „auf zivilisierte Weise“ geklärt haben wollen.
*) Co-Autor des Buches „Soutenir l’équipe nationale“, Verlag Université Bruxelles

Das Phänomen der neuen Hooligans wurde ebenfalls in den Druckausgaben von SONNTAG und DOPPELPUNKT veröffentlicht