Unmöglich französisch

Wer hat das letzte Wort?

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Sind wir reif (mûr) für die neue französische Rechtsschreibung oder drückt sie uns an die Wand (mur)? Seit Jahrhunderten streiten sich der französische Staat und die einst königliche Akademie um die Vereinfachung ihrer Muttersprache. Auch im heutigen Gefecht ums Circonflexe vertritt die Republik im Namen der Egalité – die ihr schrilles Aigu behält – alle Franzosen, insbesondere seine wohlbehüteten Knirpse, denen sie das Lernen erleichtern will. Die von König Ludwig XIII und Kardinal Richelieu gegründete Académie Française schützt hingegen seit 1620 die Ursprünge der Sprache, den Adel und die Elite. Skrupellos lehnte sie im 18. Jahrhundert etwa die Vorschläge der Reformisten „als Zeichen des Unterschiedes zwischen Sprachwissenschaftlern und den Ungebildeten“ ab. „Die Schrift ist das Gemälde der Stimme, je mehr sie ihr gleicht desto besser ist sie“, antwortete Voltaire 1777. Kühn ersetzte er sodann in seinen Schriften das oi durch ein ai, ein Vorschlag, den die Akademie erst 1835 absegnen wird. Mit dem Recht auf Bildung für alle und Frankreichs Eröffnung unzähliger öffentlicher Grundschulen Ende des 18. Jahrhunderts sind die Gepflogenheiten der französischen Rechtschreibung aber längst nicht mehr einzig Sache von Frankreichs vierzig Akademiemitgliedern, den sogenannten Unsterblichen.

Zirkumflex und Grave wechseln den Platz
Seit kurzem ist der verbale Schlagabtausch um etymologische und phonetische Funktionen erneut in Paris entfacht. „Aus mit dem Circonflexe“ oder „Umstellen geht nicht mehr“- titeln seit dem letzten Frühling die französischen Tageszeitungen. Viele schreiben sich in Twitter die Finger wund. Sogar von der Abschaffung aller Betonungszeichen ist die Rede. Von Exhumierung und Tod. Überforderte Lehrer, hoffnungslose Nostalgiker, die progressive Erziehungsministerin Najad Vallaud-Belkacem und die konservative Akademie Frankreichs streiten um den Satus-Quo versus Vereinfachung und Anpassung. Man könnte meinen, das Land der Menschenrechte stände vor einer Revolution. Dabei hat „NVB“ im Februar im Rahmen der Reform der Schulprogramme lediglich wiederholt, dass die 1990 abgesegneten Rechtschreibungsänderungen als Referenz und die traditionelle Schreibweise weiterhin als richtig gälten. Jetzt kommen allerdings diese Aenderungen von rund 2000 Wörtern zum Schulbeginn von Herbst 2016 in die Schulprogramme. Vor allem das verflixte Zirkumflex und das langgezogene Accent grave (schlimm, tief) sorgen seither für Diskussionsstoff.

Kein Grund zur Panik
Sie werden nicht abgeschafft. Das Französisch wird weiterhin bekleidet durch die Welt flanieren. Das borgend, abgeschlossen wirkende Dach ^, dieser Hut, der Migräne verursacht, wird nicht total eliminiert, einzig auf dem „i“ und dem „u“. Man kann sich mit entraîner trainieren, das jetzt als entrainer zu schreiben ist, weil das Circonflexe keinen Einfluss auf die Betonung besitzt. Markiert es aber die Endung eines Verbes darf es bleiben: Zum Beispiel im Konjunktiv der Vergangenheit – „qu’il fût“ – dass er geworden war. Ja, lange ist es her, seit der Philosoph René Descartes 1637 das ursprüngliche „s“ – qu’il fust – mit dem Dachzeichen ersetzt hat! Das war einfacher als heute. Die Ausnahmen kann sich kaum jemand einprägen: Die Eigennamen behalten ihr Dach und auch gleiche Worte mit widersprüchlichem Sinn: du (des) – dû (Schuld, ausstehend). Dass sich oignon (Zwiebel) nun in ognon schält, treibt das Wasser in die Augen. Der amerikanische Revolver hingegen wird als révolver französisiert.

Kleine Reformette und Weltruhm
Es ist das Französisch der Zukunft, in das die Erstklässler sofort einsteigen sollen. Ob es den Lehrern, Schriftstellern und Publizisten gefällt oder nicht, die revidierte Orthographie von 1990 wird zur Referenz. Es handle sich um keine Revolution, sondern lediglich um eine kleine Reformette, beschwichtigt das Erziehungsministerium. „Die Reform wird bald in Vergessenheit geraten“, poltert hingegen Hélène Carrère d’Encausse im „Figaro“. Die Akademie habe sie 1990 lediglich grundsätzlich und nicht im Detail abgesegnet, schwört deren auf ewig gewählte Secrétaire perpetuelle. Denn Ende der 1980er Jahre hatte das Französische in der Welt an Ruhm verloren. Viel zu vielschichtig, verlangten die Linguisten eine Reform, weshalb Alt-Premier Minister Michel Rocard den inzwischen aufgelösten Conseil Supérieur de la Langue Française CSLF gründete, eine staatliche Kommission mit Experten als Mitgliedern, die die heute zur Diskussion stehende Rechtsschreibung ausgebrütet haben.

Umstellen unmöglich
„Es ist schwierig“, stöhnt allerdings ein Primarlehrer im Pariser Viertel Bolivar. Die neuen Regeln verwirrten die Kinder. Die Bindestriche fielen ja auch teilweise weg und die Mehrzahl zusammengesetzter Wörter ändere, seufzt er. Alles abzuspeichern, gleicht einem Computer im Kopf. Die Schweizer haben ebenfalls Mühe damit. Ihre Conférence intercantonale de l’instruction publique der Westschweiz und des Tessins hat die berüchtigte Rechtschreibungsreform schon 1996 abgesegnet, aber präzisiert, es stehe jedem frei, die Berichtigungen oder die traditionelle Schreibweise anzuwenden. Beide sind möglich. Beide bleiben richtig, was die Arbeit der Maîtres – nun maitres – erschwert. „Die Rechtschreibereform ist bei uns kein Thema. Den Schülern zu erklären, dass es eine klassische und eine reformierte Variante gibt, wäre nicht sinnvoll – es würde die Rechtschreibung nur komplizierter gestalten – und die ist schon schwierig genug“, meint Gymnasiallehrer Beat Herrmann in Baden. Sofern es nicht um eine Bedeutungsänderung wie „mur – mûr“ gehe, würden weggelassene Akzente kaum als Fehler gewertet. Auch in der Romandie fasst Frankreichs Durchbruch noch nicht Fuss. Denn als Verleger macht die CIIP die Reform im Schulstoff nicht zur Norm. Was aber nicht ist, kann noch werden. In Frankreich jedenfalls hat Vallaud-Belkacem die Schulreform nicht im Parlament abstimmen lassen, sondern per Dekret verordnet. Der neue mit einer roten Makrone am Umschlag gekennzeichnete Primarschulstoff ist in Druck.

Calvin Kleins Comeback dank Raf Simons

Der Star der Haute Couture wechselt in den Mainstream, hat aber vieles mit dem König aus der Bronx gemein.

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photo: ph vanderperre willy-blackwhite for PVH

Dass ein Star der Haute Couture zum Mainstream wechselt, ist eher eine Seltenheit. Doch Raf Simons kehrt als Calvin Kleins Chefdesigner zu seinen Ursprüngen zurück. Der Belgier hat das glamouröse Pariser Label Christian Dior vor knapp einem Jahr verlassen. Nach dieser überraschenden Scheidung, kommt es jetzt zu einer Traumhochzeit.

Als der in der Bronx aufgewachsene Calvin 1968 sein Label gründete, wurde Raf gerade geboren. Als Jüngling studierte Simons nicht Mode, sondern Industriedesign. Diesen Überblick wird dem Couturier eine solide Basis bieten, denn er leitet jetzt beim New Yorker Label die gesamte, kreative Globalstrategie. Genau diese Macht wollte Dior seinem Couturier nicht gewähren. Simons musste sich in Paris mit der Damenmode begnügen, weshalb es offenbar zur Trennung gekommen ist. Nun leitet er bei Calvin Klein alle kreativen Bereiche, Marketing und Kommunikation, sowie sämtliche sechs Linien von der Laufstegmode über die Jeans bis zur Unterwäsche.

Simons (48) startete seine Modekarriere 1995 in Antwerpen. Damals wurde Calvin Klein (73) gerade als Meister des Minimalismus  gefeiert. Während Klein mit dem Logo auf der Feinrippenunterhose weltweit den bis heute anhaltenden Trend auslöste,  entwickelte Simons in der Männermode seinen bahnbrechenden Stil: Schmale, lineare Silhouetten in klassischen Materialien ohne Schnickschnack, gezeigt an Models von der Strasse, brave Buben in englischen Schuluniformen, allerdings im Rhythmus von Punk und Kraftwerk marschierend. Klein hat sich an der Strassenkultur der Bronx und der Workingwomen inspiriert, Simons an der Energie der Underground-Rebellen.

Bauhaus und Architektur haben seinen Minimalismus geprägt. Mit der Eleganz der Schlichtheit wusste der Belgier als Chefdesigner bei Jil Sander (2005-2012) zu brillieren. Nach seiner Passage bei Dior würden jetzt John Gallianos extrem bunten, opulenten Sachen altmodisch anmuten. Genauso modern war Calvin Klein, als er als erster die Designermode zum Mainstream gemacht, die Designerjeans lanciert und das Unisex-Parfum herausgegeben hat. Beide besitzen Humor und den Hang zur Provokation: Klein sorgte im puritanische Amerika mit seinen lasziven Werbekampagnen für Skandal. Um das Aufkommen der Neo-Nazis anzuzeigen, liess Simons einst seine Models in Paris mit Hitler-Frisuren defilieren.

Calvin Klein hat sein Label 2003 an den amerikanischen Modegiganten PVH Corporation verkauft. „Seit Mister Klein selbst nicht mehr im Betrieb ist, unterlag das Unternehmen nie mehr einer einzigen, kreativen Vision“, gibt CEO Steve Shiffman in New York zu. Der Couturier aus Paris soll nun ein neues Kapitel schreiben. Was die bisherigen Designer Italo Zucchelli und Francisco Costa auf dem Catwalk gezeigt haben, war nicht mehr umwälzend. Das Geschäft machte Calvin Klein in den letzten Jahren mit der Unterwäsche und den Jeans, allerdings vor allem in den USA. In Europa und Asien trägt die Jugend längst nicht mehr CK. Seit 2013 hat die Firmenleitung eine weltweite Expansionsstrategie eingeleitet und will nun dank Simons Genie den Umsatz von 3 auf 10 Milliarden Dollars erhöhen. Zudem ist ihr ein anderer Schachzug gelungen: Das berühmte Logo blickt nun aus Justin Biebers enger Jeans während seiner Welttournee hervor!

mehr dazu: Amerikas Skandalkönig Calvin Klein provoziert seit 40 Jahren

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt