Diors neue Powerfrau

Mit Maria Grazia Chiuri entwirft erstmals eine Frau Christian Diors Damenmode. Als Feministin, Karrierefrau und Mutter emanzipiert die Römerin das französische Traditionshaus. 

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John Gallianos fristlose Entlassung vor fünf Jahren, das folgende Jahr ohne Chefdesigner und schliesslich Raf Simons überraschender Rücktritt im Sommer 2015 haben an Diors Image gezerrt: Umsatz und Reingewinn des weltbekannten Labels stagnieren diesen Herbst zum ersten Mal seit langem. Dafür macht die Direktion allerdings den Rückgang der Pariser Kundschaft wegen der Attentate verantwortlich. Dass die einst hippeste Modemarke an Glanz verloren hat, untermauert jedoch eine während der Pariser Fashionweek anfangs Oktober unter den Französinnen durchgeführte Umfrage: Das „Lieblingslabel Dior“ steht erst an vierter Stelle, hinter Chanel, Saint Laurent und sogar Chloé. Jetzt aber entfacht Maria Grazia Chiuri an der Avenue Montaigne eine neue Ära. Doch wer ist die 52jährige Powerfrau, deren kohlenschwarze Augen funkeln, … die  Zähne schneeweiss schimmern und der rechte Fuss während eines Interviews am italienischen Fernsehen pausenlos wippt, als wollte sie sofort zurück ins Atelier?

Obwohl das französische Magazin Paris-Match die platinblonde Römerin als „eiserne Lady der Couture“ bezeichnet, lacht Maria herzhaft viel. Sie erreicht aber auch, was sie will: Die diskrete Italienerin erhielt von Diors Managern, was diese ihrem Vorgänger Raf Simons nicht zugestehen wollten: Sie ist seit drei Monaten nicht nur Chefdesignerin der Damenkollektionen, sondern aller kreativer Bereiche: Accessoires, Schmuck und Marketing. Ebenso hartnäckig hält die mit einem Hemdenfabrikanten verheiratete Mutter zweier Kinder trotz ihrem Engagement in Paris an ihrem Römer Wohnsitz fest. Denn die graziöse, immer schlicht, meist in Schwarz oder Weiss gekleidete Grazia ist vor allem eine eingefleischte Römerin, verschweisst mit der kaiserlichen, barocken, romantischen und neorealistischen Kultur der Stadt am Tiber. Durch die Flohmärkte der italienischen Hauptstadt ist die Tochter einer Couturière als Jugendliche getingelt, um Vintage-Taschen aufzustöbern. Mode hat sie am Römer Istituto Europeo di Design studiert. Seit 24 Jahren arbeitete sie ebenso in Roms typischsten Modehäusern: Chiuris revolutionärer Einfluss in Fendis Maroquinerie-Abteilung stach 1999 Valentino Garavani derart ins Auge, dass Il Divino die Modeschöpferin zu seiner Accessoire-Chefdesignerin machte.

Doch die feurige Modefrau erreicht nicht nur, was sie will. Sie ist auch sehr loyal und treu. Denn ebenfalls in Rom, und zwar auf einem Bahnsteig, lernte sie vor über zwanzig Jahren Pierpaolo Piccioli kennen. Seither haben die beiden stets zusammen entworfen: Zuerst zehn Jahre bei Fendi, wo Chiuri von Beginn weg diese Stellenteilung verlangt hat. Auch bei Valentino gelang der glanzvolle Durchbruch gemeinsam: Als der Maestro sein Label verkauft hatte und 2008 in Pension ging, war es defizitär. Mit Rock, Romantik und Purismus haben Chiuri und Piccioli das alte Römerhaus seit 2009 als Chefdesigner sämtlicher neun Kollektionen derart zum begehrten Fashionlabel des 21. Jahrhundert aufgepeppt, dass sich der Umsatz vervielfacht hat. Kein Wunder war Dior gierig auf Marias Credo: „Jedermann muss sich kleiden, um sich besser zu fühlen. Ich bin gegen die Strenge der Regeln. Keine Frau ist nur ein Typ. Sie kann romantisch und rockig zugleich, manchmal bürgerlich, manchmal transgressiv sein“. Sie selbst ist mutig. Bei Dior entwirft die Modekaiserin zum ersten Mal allein ohne Pierpaolo, der in Rom bei Valentino bleibt. Ebenso betritt sie an der Avenue Montaigne erstmals den Stil und das Erbe der französischen Modekultur. „Als erste Frau die Kreation eines mit dem Ausdruck der Weiblichkeit verbundenen Hauses zu leiten, ist eine grosse Verantwortung“, meint sie, unterstreicht jedoch, dass sie ihre eigene Vision ausdrücken und den stereotypen Kategorien „maskulin-feminin“, „jung-weniger jung“ oder „Vernunft-Gefühl“ entschlüpfen wolle.

Stark und zerbrechlich wie sie selbst, eingeschnürt oder entblösst wie es der Zeitgeist will, hat sie mit ihrer ersten Dior-Kollektion für Sommer 2017 an der Show anfangs Oktober vor allem mit den kecken, dem Fechtsport entstammenden Kombinationen bestochen. Denn Chiuri macht nicht nur Kleider, sondern schafft Atmosphären, erzählt ganze Geschichten: In den minimalistischen, seitlich verschnürten Oberteilen mit bübischen Stehkrägen steckt von Dior keine Spur; höchstens in den wadenlangen Knickers der Fifties oder den Tüllröcken, die sie allerdings zum Lederperfecto präsentiert hat. Ebenso ist die T-Shirt-Aufschrift „We should all be Feminists“ dioristisches Neuland. Trotz dem Geschäftszwang mit den Accessoires träumt Chiuri sichtlich von einer freien Frau mit freien Händen in lockeren Sneakers, die Handtasche diagonal am Rücken getragen. Eindeutig ist ihre Botschaft aber nicht. Zwar wirkt die ausgefranste, weisse Jeans mit dem panzerartigen Top und lässigen Pumps sehr salopp. Doch die zart bestickten, durchsichtigen Sommerkleider mit Spaghettiträgern machen aus der Frau weiterhin eine reizende Verführerin. Nur feministisch ist das nicht, doch Chiuris Erfolgsrezept zieht eben eine entsprechend vielfältige Kundschaft an.

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