Christian Dior: Masslos und unvergänglich

Die Ausstellung Christian Dior – Couturier du Rêve im Pariser Musée des Arts décoratifs ist ebenso grossartig wie die 70jährige Geschichte des weltberühmten Labels.

Unter zwei Stunden kommt niemand wieder hinaus. Das Ausstellungsangebot ist uferlos, genauso masslos und doch pedantisch wie es der 1905 in der Normandie geborene Christian Dior gewesen sein muss. Müde und leer wirkt allerdings sein Blick auf allen ausgestellten Fotos und Gemälden. Denn der ursprüngliche Student politischer Wissenschaften, Zeitungsillustrator und Galerist musste bereits mit einigen Schicksalsschlägen leben, als er 1946 sein Modehaus an der Pariser Avenue Montaigne eröffnete: Seine Mutter, die ihm mit ihrer grossbürgerlichen Eleganz das Modeflair eingehaucht hatte, war 1931 gestorben; sein Vater, ein Düngerfabrikant, in Konkurs gegangen. Nicht nur Christians späterer Freund, der Surrealist Jean Cocteau hat „Dior“ mit Gott und Gold (Dieu et Or) verglichen. Mit „Diors Dünger ist Gold Wert“ hatte schon Papa Reklame gemacht. Umsonst. Doch bescheiden waren die Diors nie: Anlässlich seiner ersten Modeschau im Februar 1947 liess der Couturier sein Modehaus literweise mit dem gleichzeitig lancierten Duft „Miss Dior“ besprühen. „Auch wenn nicht alle Gäste das Parfüm mögen, werden zumindest alle davon reden“, kommentierte der Mann mit den feinen Künstlerhänden.

Tags darauf sprach jedoch die halbe Welt nur von dessen neuer Silhouette: „Your dresses have such a New Look!“ hatte sich nämlich die Chefredakteurin des amerikanischen Magazins Harper‘s Bazaar nach der Modeschau ereifert. Es war eine haarscharf geschnittene Mode für Kinostars: Nachdem Paul Poiret und Coco Chanel das Korsett längst abgeschafft hatten, gesellten sich erneut zur Wespentaille schwingende, rauschende, manchmal wie Handorgeln plissierte Röcke. Das Brot war in Paris so kurz nach dem zweiten Weltkrieg noch rationiert, doch manche Dior-Modelle sollen bis zu vierzehn Metern Stoff verschlungen haben. Unter den 300 ausgestellten Haute-Couture-Modellen wirkt das damalige Nachmittagskleid „Satan“ breit und mächtig in blutroter, plissierter Wolle, Diors Fetischisten Farbe für all den Schmerz, an dem er insgeheim litt. Doch ebenso schlich sich die Erinnerung an Mutters Garten in zarten Blumenmustern, in Spitzen oder Rüschen wie Schlagrahmverzierungen auf Christians stilreine Roben wie sie sie Rita Hayworth, Brigitte Bardot oder Ava Gardner getragen haben. Amerika war im Taumel. Bereits 1948 eröffnete Dior eine Filiale in New York. „Eigentlich war dieser New Look ein Rückschritt“, meint Diors damaliger Assistent, der heute 95jährige Pierre Cardin. Bequem waren die Sachen nicht, doch Monsieur Dior stellte dennoch alle anderen in den Schatten. Sogar Chanel.

Saint Laurent als brillanter aber nur kurzer Nachfolger

Plötzlich starb der 52jährige Couturier jedoch 1957 in der Toskana. Zwar erhielt er ein Begräbnis eines Filmstars, doch an der schicken Avenue Montaigne brach die Erfolgssaga ab. Klar machte sein Nachfolger, der blutjunge Yves Saint Laurent, mit seiner Trapez-Kollektion von sich reden, die derart modern war, dass man sie noch heute tragen könnte. Doch Saint Laurent wurde in den Algerienkrieg abberufen, wo er nie eintraf, weil der Sensible noch in Paris einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt. Anstatt auf ihn zu warten, stellte Diors verzweifelter Geschäftsführer Marcel Boussac, den unscheinbaren Marc Bohan als Couturier ein, der wohl bis 1988 seine Haute-Couture-Kundinnen beglückte. Mit dem in den 1960er Jahren aufgekommenen Prêt-à-Porter – Kleider ab der Stange – konnte er hingegen nichts anfangen. Als Bernard Arnault, der spätere Besitzer von Louis Vuitton und Moet-Hennessy, Christian Dior 1984 erwarb, war das weltberühmteste Label nicht mehr viel Wert. Arnault hatte jedoch die kühne Idee, den Londoner Bad Boy John Galliano an die ehrenwerte Avenue Montaigne zu holen. Der Exzentriker mit spanischem Blut erhielt 1996 im Hause Dior freie Hand, um dem Label neuen Weltruhm einzuhauchen. Galliano hat sich als genauso genial entpuppt wie Christian Dior. Noch massloser. Noch gigantischer. Seine Entwürfe stechen in der Ausstellung heraus: Grelle Farben, präzise Schnitte, raffinierte Opulenz. Mit seiner an den Obdachlosen inspirierten Kollektion „Clochards“ machte er Skandal. Umso besser, dachte sein Boss Arnault. Es komme nicht darauf an, wie, sondern dass von Dior gesprochen werde!

Gallianos Untergang

Der nächste Tiefschlag liess jedoch nicht auf sich warten: Mit seinen antisemitischen Sprüchen spätnachts im Marais-Viertel heimste sich der betrunkene Showman aus London 2011 die fristlose Kündigung ein, obwohl es ihm gelungen war, den Umsatz zu vervierfachen. Wenige Tage später ging seine Kollektion ohne ihren Chefdesigner über die Bühne. Diors Personal empfing erneut ganz in schwarz. „Wie soll es jetzt weitergehen“?, jammerte ein so mancher, ebenfalls schwarz gekleideter Gast. Inzwischen hat der von Jil Sander gekommene Raf Simons mit seinem edlen Minimalismus die Dior-Allüre geklärt und beruhigt. Galliano hatte sie karikiert. Seinem neuen Chefdesigner wollte Arnault aber nicht mehr das ganze Image anvertrauen, weshalb Simons nach nur drei Jahren ging. Seit 2016 entwirft mit Maria Grazia Chiuri erstmals eine Frau für das Goldlabel. Die Römerin schliesst graziös die Zeitschlaufe: Ihre reichbestickten Tüllkleider, auf denen die Blumen wie frisch gepflückt wirken, könnten vom Markengründer stammen und beweisen, dass Dior nicht nur masslos, sondern geradezu unvergänglich ist.

Bild: Musée des Arts décoratifs

Votre commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l’aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion /  Changer )

Photo Google

Vous commentez à l’aide de votre compte Google. Déconnexion /  Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l’aide de votre compte Twitter. Déconnexion /  Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l’aide de votre compte Facebook. Déconnexion /  Changer )

Connexion à %s