Von der Piste in die Bar

Für das Auffallen auf der Piste ist gesorgt: Noch nie haben grosse Modedesigner eine derart kreativ und technisch hochstehende Skimode entworfen wie diesen Winter.

Skioverall Bogner

In St. Moritz, Gstaad oder dem bescheideneren Adelboden hat man schon immer gerne angegeben, sei es mit einem eleganten Kurzschwung oder im aktuellsten Skidress. In der Weite der weissen Piste wollen wir alle eine gute Figur abgeben. Bogners Keilhose war in den Fifties der erste bleibende Gag der Pistenmode. Die Coolness in Oversize der ersten Snowboarder der 1990er Jahre vermischt sich heute

Bogner

mit der Forschung nach den idealsten Textilien der letzten Jahrzehnte: Hohe Funktionalität und Highfashion-Design. Zwar hat Hermès schon in den 1930er Jahren und Karl Lagerfeld bei Chanel vor einem Jahrzehnt ein Outfit für die Piste vorgeschlagen, der Winter 2019/2020 ist jedoch rein visuell das Schönste, was je geboten worden ist. Namhafte Designer mischen mit, um uns auf der Piste einen grossen Jahrgang  zu bescheren.

Die kleingewobenen ethnischen Muster von Monclers Jacken liefern ein völlig neues Pistengefühl, vor allem zu den modischen Trompetenhosen; quasi von der Stadt auf die Piste und flugs in die Bar. „Alpine Clubbing“ heisst denn auch Bogners verrückte Sonderkollektion, die sich an den Clubbern von St. Moritz inspiriert. Die Kapsel habe das Ziel, den Wunsch der Kundin zu erfüllen, die nicht nur im Alltag, sondern auch auf der Piste auffallen und die Marke zeigen wolle ohne auf die hohe Funktionalität zu verzichten. Das traditionelle Skisportlabel aus München, das jahrzehntelang die deutsche Nationalmannschaft eingekleidet hat, will gegenwärtig sein Image verjüngen. Deshalb zeigt Bogner an der Berliner Fashionweek nicht nur seine Qualitätssachen, sondern auch freche Showeffekte wie Miniröcke im Schnee zu silbern schimmernden Gamaschen. Aber auch echt skitüchtige Designermodelle werden geboten, etwa der leuchtgelbe Retro-Overall, der die schlanke Silhouette der Schweizer Skirennfahrerin Doris de Agostini heraufbeschwört.

Mit seinem Retro 1960/1970 schafft auch Monclers Chefdesigner Sandro Mandrino eine sehr hype Highfashion-Skimode. Performanz, Technik, Komfort und Leichtigkeit standen zwar für den Italiener, der eine technische Ausbildung besitzt, im Vordergrund, doch auch seine Kreativität kennt keine Grenzen: Die  Fransen seines Blousons Orbeillaz mit hohem Stehkragen entführt in die Rocky Mountains. Verträumte Stickereien von Sternen und Monden zaubern das Himmelszelt auf die enge, nur am Schulterblatt und der Brust sexy ausgeschnittene Trägerskihose. Skandinavische Motive in süssen Farben oder Blumenprints ergänzen diese Grenoble-Kollektion, die sich tatsächlich für die Piste eignet: Die mit Daunen wattierten Jacken bestehen aus technischem, lackierten Nylon, sind wasserabweisend und atmungsaktiv oder besitzen die notwendigen Taschen für Skipass sowie Handy, ergänzt mit Kabelöffnungen aus Silikon.

Haute-Couture im Schnee

An Moncler’s Genius-Kollektionen, die keine eigentliche Ski- sondern Wintermode darstellen, hat sich sogar Valentinos Chefdesigner Pier Paolo Piccioli beteiligt: Seine weitschwingenden, wattierten, bodenlangen Röcke zu engen Jacken mit Puffärmeln, deren Kapuzen wie Hauben wirken, sind pistenuntauglich, werden jedoch in Courchevel für die gesuchte Aufmerksamkeit sorgen. Dass sich nun auch der Superluxus für den Wintersport interessiert, hat nicht nur mit der Pflege des Egos, sondern auch mit den Marktprognosen zu tun. Denn laut den Börsenberichten wird der Umsatz der Sportmode bis 2023 jährlich um 8 Prozent zunehmen. Mc Kinsey bezeichnet den Sportswear sogar als das Segment mit dem höchsten Wachstumspotential. Aber: „Nur Marken, die den Zeitgeist wiederspiegeln oder den Mut haben, sich neu zu interpretieren, werden mithalten können“.

Urban inspiriert

Templa x Raf Simons

„Raf Simons besitzt ein besonderes Flair für den Zeitgeist, und heute besteht eine grosse Nachfrage nach Outerwear, das Technik und Design vereint“, stellt Rob Maniscalco am Telefon in Melbourne fest. Der Chefdesigner des jungen Labels Templa mit Sitz in Melbourne und Antwerpen hat eng mit dem Topdesigner Raf Simons zusammengearbeitet, um mit der Linie „Templa x Raf Simons“ des Belgiers erste Skiwear zu realisieren. Rafs grosszügiger Stil, weiter, geometrischer Silhouetten, ist sofort erkennbar, ein Outfit für die Piste, das schützt und den aktuellen urbanen Schick besitzt. Die aus nachhaltigen Materialen geschnittene Kollektion garantiert einen hohen Komfort. Ob bei Moncler oder Templa, solche Designermodelle kosten allerdings spielend zweitausend Euros.

Das Angebot richtet sich denn auch an den Grossteil der Luxuskunden, die  jungen und vermögenden Millenniums,

Prada

 

die den neuen, urbanen Lifestyle der ständigen Bewegung pflegen. Deshalb springt auch Miuccia Prada in die Bresche: Ihre Linea Rossa ist Pradas dritte Kollektion sogenannter Funktionssachen, die diesen Winter sogar den Tenor der  Hauptkollektion angeben. Sie wiederspiegeln Travel, Speed, Dynamik und Energie, ob in der Großstadt oder auf der Piste. Aus Goretex und recycelten Materialien bequem geschnitten, gibt das Mailänder Modehaus deshalb auch ein perfektes, zwar sehr schlichtes, aber umso funktionstüchtigeres Skioutfit heraus, bestehend aus Jacke, Hose und Pulli, bis hin zu Helm und taktilen Handschuhen. Eine hochqualitative Skiausrüstung mit Raffinesse: Das eingeklebte Taschentuch fängt den berüchtigten Nasentropfen während der Fahrt auf. Die gummierten Reißverschlüsse lassen keine Feuchtigkeit eindringen. Und da man heute auf der Skipiste eher schwitzt als friert, kann man Pradas Tenues an den Oberschenkeln und –armen blitzschnell öffnen, um für Durchzug zu sorgen.

 

Bilder: zvg

Die Fashion stellt auf grün um

Mit dem Fashionpakt und dem Programm LIFE stellen die grossen Modeplayer die Weichen für umweltbewusste Kleider.

Klar wird es noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis wir völlig entspannt Hoodies, Anzüge oder Abendkleider tragen, die weder der Umwelt, der Artenvielfalt, dem Tier noch den Beschäftigten in der Textilindustrie schaden. Vom Rohstoff über die Produktionsketten und die Transportwege bis zur Ausstattung der Läden, alles soll nun bald aber tiergerecht und nachhaltig werden. Die Modegiganten, die wie Chanel, Hermès, Gucci oder Saint Laurent,  aber auch H&M, Gap oder Carrefour, den Fashionpact unterschrieben haben, engagieren sich, die CO2-Neutralität erst 2050 zu erreichen. Bis 2030 aber wollen sie auf 100 % erneuerbare Energien umstellen, was imponiert, für die Modehersteller jedoch nicht verbindlich ist. Sie müssen dennoch jährlich ihre eingeführten Massnahmen an einer Versammlung bezeugen. Emmanuel Macron persönlich erwartet Resultate, insbesondere was den Respekt der Artenvielfalt, den Schutz der Ozeane und die Begrenzung des Klimaeinflusses betrifft. „Der Textilsektor ist für einen Drittel der Verschmutzung der Ozeane verantwortlich“, donnerte der elegante französische Staatschef ungewohnt heftig Ende August am G7 Gipfel in Biarritz, wo er den Fashionpact enthüllte. 30 internationale Modeakteure und rund 150 Labels haben unterschrieben, dem verschwenderischen Kleiderkonsum und dessen extrem umweltbelastenden Herstellung den Riegel schieben.

Denn die Fastfashion hat die Textilproduktion in den letzten 15 Jahren verdoppelt und zur zweitgrössten Umweltverschmutzerin gemacht. Unsere Bettwäsche und unser Kleiderschrank produzieren weltweit  jährlich 1,2 Millionen Tonnen Treibhausgas. Ganz zu schweigen von der Gewässerverschmutzung durch Färben und Waschen, dem extrem hohen Einsatz von Pestiziden in den Baumwollkulturen oder alle chemischen Fasern, die einen Drittel aller Mikroplastikpartikeln den Meeren beisteuern.

Entsprechend grüne Initiativen finden aber seit einem Monat an den Fashionweeks von New York, Mailand, London und Paris nicht auf dem Laufsteg, sondern am Verhandlungstisch statt. Paris brodelt mit Roundtables, Showrooms und Modemessen, um den Umweltschutz in allen Facetten einzuleiten.  London lancierte sein noch vages Positive-Fashion-Weissbuch, das sich bis in die Schulprogramme auswirken soll.  Mailand hat mit dem Green-Carpet-Fashion-Award nicht nur die umweltbewusstesten Modedesigner ausgezeichnet;  Gucci gab auch bekannt,  die Klimaneutralität bereits erreicht zu haben.  Das erfolgreiche Label kompensiert seine CO2-Emmissionen dank Projekten zum weltweiten Schutz der Wälder. Das florentinische Modehaus gab ebenfalls an, die ganze Beschaffungs- und Produktionskette nachhaltig zu gestalten und will auf organische Fasern oder nachhaltige Materialien fokussieren.

Die Greta Thunberg der Mode

Noch sind aber die reinen Oeko-Labels eine Nische, die es im Internet oder an Messen aufzuspüren gilt. Veja und Jerome Dreyfuss sind die Pioniere für Bio-Leder. Misericordia bezahlt  seit je her faire Löhne. Auf dem Laufsteg gibt es aber nur eine, die durch und durch grün ist und wie eine Greta Thunberg der Mode den Weg weist: Stella McCartney. Die Tochter von Ex-Beatle Paul besitzt die Prominenz, um von anderen Promis angehört zu werden.  „Ich werde weder Leder, noch Pelz, noch Federn einsetzen“, hat die heute 48jährige  schon vor zwanzig Jahren in der Chefetage des Luxuskonzerns Kering – damals noch PPR – während ihres Vertragsabschluss festgehalten. Als Vegetarierin, die auf einer Farm aufgewachsen ist, dominiert bei ihr der Tierschutz. Die Stardesignerin  tüftelt aber auch mit Stoffabfällen und pflanzlichen Ölen, um geschmeidiges  Vegan-Leder zu gewinnen wie man es von ihren Falabellabags kennt. Sie macht aus Stoffresten und den aus den Meeren gefischten Plastikflaschen eine neue Faser, die auch beim Stan Smith Vegan zum Ausdruck kommt. Leimfreie Sneakers sind ihr nächstes Ziel. Mit Adidas entwickelt die Topdesignerin ganze Linien nachhaltigen Sportswears.

Die populäre Modeikone hat zudem einen guten Draht zu Luxuskonzernleitern wie François-Henri Pinault (Kering) oder Bernard Arnault (LVMH). Sie war es, die Pinault vor zwei Jahrzehnten von der Umstellung auf ein nachhaltiges Modell, – wie ihr Label es lebt – überzeugte.  Inzwischen hat Kering in 7 Ländern auf 100% erneuerbare Energien umgestellt; in Europa auf 77 Prozent. Macron hatte den Keringchef bereits im Mai mit der Ausarbeitung des Fashionpakts beauftragt, den alle Labels der Keringgruppe (Balenciaga, Saint Laurent, Bottega Veneta, etc.), nicht aber Bernard Arnaults LVMH- Luxusmarken (etwa Louis Vuitton, Dior, Celine) unterschrieben haben. Der zweitreichste Mann der Welt hinkt ein bisschen nach, fängt sich aber auf, indem er 5 Millionen zur Bekämpfung der Waldbrände im Amazonas spendet, und nun Stella McCartney als seine Sonderberaterin einstellt:

LVMH lanciert eigenes Umweltschutzprogramm

„Ich habe den Fashionpakt nicht unterschrieben, weil LVMH keine Fashiongruppe ist. Diese stellt nur einen kleinen Anteil unserer Tätigkeit dar. Ausserdem machen viele dieser Unternehmen Fastfashion. Damit haben wir nichts zu tun“, erklärte Bernard Arnault am letzten Mittwoch, als der LVMH Chairman und CEO überraschend sein Umweltschutzprogramm LIFE veröffentlichte.  Es will insbesondere  Alternativen zum Warentransport per Luftverkehr suchen. Mit einer Charta will der Luxuslederwarenkonzern auch die Rohstoffe tierischer Herkunft klar definieren.

Was auf dem Papier steht, geht allerdings noch nicht konkret über den Laufsteg. In London sind Vin + Omi mit ihren Mänteln aus Brennnesseln aufgefallen, die aus Prinz Charles‘ Garten stammen. Vegane Wanderschuhe, Bio-Polos und Jacken aus recycelten Bettfedern zeigte in Mailand auch Tommy Hilfiger. Stella McCartney’s Show mit der Frühjahrskollektion läuft am nächsten Montag.

Vor zwei Jahren hat sie sich von Pinault getrennt. Dank ihrer kürzlichen Ernennung zur Umweltschutzberaterin des weltweit grössten Luxuskonzerns LVMH ist die Beatletochter nun einmal mehr am richtigen Platz: Ihm wird vorgeworfen, jüngst unverkaufte Handtaschen verbrannt zu haben, sie aber erhielt den Green Carpet Fashionpreis  Grownbreaker und wird deshalb auch hier auf grün umschalten.

Bilder: Unterschrieben haben den Fashionpact auch Saint Laurent und Hermès. Der Luxuslederhersteller hat die Szenograhie seiner Runway-Show rezykliert und einer Künstlervereinigung gespendet copyright Jean-François José

Das Aus für Sonia Rykiel

Ohne die Maschenkönigin läuft ihr Modehaus nicht mehr: Zwei Jahre nach dem Tod der Gründerin wird Frankreichs intellektuellstes Label liquidiert.

Ob sexy oder salopp in schwarzem Plüsch oder Spitzen, bei Rykiel war immer alles total bequem und dennoch hochstilisiert, vom spitzen Stöckelschuh bis zum Haarschmuck. Rykel – das war ein Stil, eine geschmeidige, elegante Silhouette; ein kühner Blick unter der Stirnfranse hervor. Rykiels leuchtende Ringelpullis standen im Kontrast zu ihren Zigaretten rauchenden Frauen, ganz in Schwarz. Die aus dem Bürgertum stammende Sonia Rykiel hat fast so viel wie Yves Saint Laurent oder Coco Chanel zur Emanzipation der Frau beigetragen. Diesen Sommer aber hat das Handelsgericht von Paris nach drei Aufschüben nun doch entschieden, das 51jährige Modehaus zu liquidieren.

Dank der 2018 nach ihr benannten Pariser Allee bleibt zum Glück in ihrem Stammviertel Saint-Germain-des-Prés eine Spur der einflussreichen Modeschöpferin, die die sichtbaren Nähte und abgeschnittenen Säume lanciert hat. Ein Trend, den später die Modedesigner in Japan und Belgien kopierten. Dass nur sie und kein anderer Modeschöpfer in der französischen Hauptstadt eine eigene Strasse besitzt, unterstreicht die Bedeutung dieses Labels, das für Freiheit, Lebensfreude und Erotik steht; „die parisischste Parisienne überhaupt“ laut Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

Mit der Liquidierung der Marke stirbt die Intellektuelle ein zweites Mal, die mit ihrem Firmensitz in Saint-Germain-des-Prés das Stadtviertel seit den Seventies geprägt, Mode und Literatur vereint hat. Ihr Modehaus stand und fällt mit der 2016 im Alter von 86 Jahren an Parkinson verstorbenen Modeschöpferin und Schriftstellerin, die immer samt Notizbuch und Filzstiften unterwegs gewesen war. Sie hatte zwar ihr Label bereits vier Jahre vor ihrem Tod an die Hongkonger Holding  First Heritage Brands verkauft, die jetzt mit 30 Millionen Verlust (2018) aufgibt. Denn auch der Umsatz ist um das Dreifache geschmolzen. Den neuen Eigentümern ist es misslungen, Rykiels einstigen Familienbetrieb, der während 40 Jahren florierte, der internationalen Generation Y schmackhaft zu machen. In den letzten Jahren waren die meisten Kundinnen über fünfzig.

Der Grösse einer Rykiel entsprechend, hätte man wohl besser einen Stardesigner eingestellt anstatt die schwierige Neuinterpretierung ihres einzigartigen Stils diskreten Designern anzuvertrauen. Rykels Nachfolger hatten zu viele Ideen in einer Kollektion vereint. Fad wirkte nun plötzlich der Sportswear-Chic, den die Französin überhaupt erfunden hatte. Sogar die zum fünfzigjährigen Bestehen des Labels präsentierte Manifesto-Kollektion wurde zum Flopp. Seit letztem April hat das Handelsgericht von Paris verbissen nach einem neuen, solventen Investor mit einem soliden Projekt gesucht. Umsonst. Das Label wird aufgelöst, und die 133 Personalmitglieder entlassen.

Seine Neulancierung ist auch am verpassten digitalen Einstieg gescheitert. Ausserdem bleibt das Label in Asien so gut wie unbekannt. Denn es handelt sich um eine erzfranzösische Marke, das  rund die Hälfte des Umsatzes schon immer in Frankreich gemacht hat. Sonia Rykiel bot aber in den Seventies als eine der ersten Modeschöpfer überhaupt, Designermode von der Stange an. Als Vizepräsidentin der offiziellen Syndikatskammer war die Frau mit der karottenroten Mähne eine Pionierin ausdrucksstarker, perfekt inszenierter Modeschauen.

Eine Rykiel-Show war immer ein fröhliches Fest. Oft lancierte sie den gleichen Look an allen tanzenden Models, von Kopf bis Fuss, jede in einer anderen Farbe. Dieser optimistische Zeitgeist ist vorbei und ihre ausgelassene Stimmung, ihr Sinn für Sinnlichkeit, wurde nie mehr erreicht. Ihre Aufschriften in Strass symbolisierten die verbale Emanzipation, der Zungenschlag der Frau, die sagt, was sie sagen will. Den langen Maschenkleidern, dem Plüsch und den üppigen Wollfransen neue Botschaften einzuhauchen, schaffte zuerst noch ihre Tochter Nathalie. Seit sich aber auch diese zurückgezogen hat, funktionierte das Kulturgut ihrer Mutter nicht mehr. Denn diese hatte ihr Wesen, den Genuss des Exquisiten, die unabhängige Weiblichkeit, ihren Entwürfen regelrecht einverleibt.

Photo: zvg par Sonia Rykiel

LUXUS ANSTATT TURNSCHUHE

Der französische Konzern Kering trennt sich von Puma, um ein reiner Luxusplayer zu sein, denn seine Nobelmarken Saint Laurent, Gucci und Balenciaga sind heute begehrter denn je.

Mit seinem verspielten Mustermix am gleichen Look hat Chefdesigner Alessandro Michele Gucci in ein neues Zeitalter befördert

Die einst in der Bretagne mit einem Möbelunternehmen begonnene Saga der Familie Pinault gipfelt heute in einem sagenhaften Triumpf: Mit einem Umsatz von 15,5 Milliarden Euros (2017) figuriert sie nun unter den weltweit grössten Luxusgüterkonzernen. Dabei hat vor zehn Jahren der Anteil des Luxus des damals noch PPR (Pinault-Printemps-Redoute) genannten Unternehmens nur 17 Prozent ausgemacht. Heute sind es 71 % des Gesamtumsatzes vor allem dank Kerings legendärer Modemarken Gucci, Saint Laurent und Balenciaga. Das Wachstum der noch im Konzern gehaltenen Sport- und Lifestylelabels ist hingegen weit bescheidener ausgefallen. Deshalb trennt sich Konzernleiter François-Henri Pinault nun von Puma und verteilt die Mehrheit der Aktien des deutschen Turnschuhproduzenten an die Kering-Aktionäre.

Denn der Erfolg im Luxussegment ist phänomenal:  Dank genialen Chefdesignern ist Guccis Umsatz um mehr als vierzig Prozent auf 6,2 Milliarden gestiegen, und Saint Laurent sitzt ebenfalls wieder fest im Sattel. Die Millennium-Generation steht zudem sehr auf Balenciaga, das 100jährige Nobellabel mit dem unverkennbaren architektonischen Stil, in den der erfolgreiche Chefdesigner Demna Gvasalia nun Streetwear einfliessen lässt.  Klar haben die markenübergreifenden, neu eingeführten Produktionsabläufe, die Umstellung auf eine nachhaltige Fabrikation und der Glamour von Pinaults Ehefrau, der mexikanische Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Salma Hayek, viel zum modernen Image des Konzerns beigetragen, der weltweit 44 000 Mitarbeiter, darunter 60% Frauen beschäftigt. Diese zu fördern steht für Pinault dank Hayek im Vordergrund: „Meine Frau hat mich sehr beeinflusst, was die feministische Problematik betrifft“, betont der 56jährige Konzernleiter, Vater von drei Kindern, davon zwei aus erster Ehe. Salma Hayek (51), die den Sohn des Firmengründers François Pinault in Venedig kennengelernt und 2009 geheiratet hat, setzt sich als Aufsichtsratsmitglied der Fondation Kering international für die Frauenrechte ein.

Dass die Pinaults heute in der Highfashion die Nase vorne haben, ist jedoch vor allem ihren Chefdesignern zu verdanken, die am richtigen Ort eingestellt worden sind:  „Um das Ziel eines modernen Luxus zu erreichen, der auf einem kreativen Risiko basiert, vertrauen wir die Universen der Marken einzigartigen Talenten in totaler Freiheit an“, erklärt der stets krawattenlose Konzernleiter. Als sein Vater, der eingefleischte Kunstsammler François Pinault Ende der 1990er Jahre Yves Saint Laurent und Gucci kaufte, gelangen ihm zwei goldene Schachzüge auf einen Streich: Gucci steckte damals voll in der von Tom Ford mit heissem Sexappeal entfachten Erfolgsepoche, und der wenige Jahre später verstorbene Yves Saint Laurent war einer der einflussreichsten und bekanntesten Couturiers aller Zeiten. Damals amtete der eklatante Amerikaner Tom Ford gleichzeitig als Chefdesigner beider Marken. Zwar hatte er dem Florentiner Label neuen Glanz eingebracht. Saint Laurents reiches Erbe ging er hingegen zu zaghaft an. Nach Fords Ausstieg stellte Sohn François-Henri Pinault jedoch 2012 mit Hedi Slimane einen der weltweit besten Chefdesigner an, der erst noch Yves Saint Laurent persönlich gekannt und geschätzt hatte. Mit seiner rockigen Allüre hat Slimane das Seventy-Label neu etabliert. Plötzlich wollten sich wieder alle, die es sich leisten konnten, ein Stück Saint Laurent erhaschen.

Gleichzeitig floppte jedoch Gucci ohne Ford bis Pinault vor zwei Jahren dem langjährigen Studio-Mitarbeiter Alessandro Michele die Regie übergeben hat, der einen radikalen Imagewechsel vollzieht und Fords vulgäre Sexiness verbannt. Das Konzept des Römers eines fröhlichen Spiels mit allen erdenklichen Mustern und Farben am gleichen Look haben dem 46jährigen die Ernennung zum weltweit besten Designer des Jahres 2016 eingebracht. Und Gucci Umsatz stieg spektakulär um fast fünfzig Prozent.

Bei Saint Laurent hingegen findet seit zwei Jahren das Gegenteil statt: Dort entwirft Slimanes Nachfolger, der 36jährige Anthony Vaccarello, extrem erotische Kollektionen. Seine Werbekampagne mit einem Rollergirl, das freizügig den Slip zeigt, machte Skandal, doch sein Rezept mit unendlich langen Beinen unter Superminikleidern, die wie ein Schild wirken, das die Nacktheit schützt, geht auf: 2017 ist Saint Laurents Umsatz nochmals um zwanzig Prozent auf 1,5 Milliarden gestiegen.  Dabei hatte Pinaults Erzkonkurrent, LVMH-Konzernleiter Bernard Arnault mit „Die Redoute steigt in den Luxus ein!“ gewitzelt als ihm ersterer 1999 Gucci unter der Nase weggeschnappt hatte. Denn damals gehörte kein Luxus zum PPR-Konzern, sondern vor allem das Versandhaus La Redoute, das Warenhaus Le Printemps und die riesigen Buchhandlungen und Schallplattengeschäfte FNAC. Von allen dreien hat sich der Konzern jedoch inzwischen getrennt

Erfinder der modernen Jeans

Das Symbol der Rebellen gipfelt heute im Massentrend mehrerer Generationen. Das stört und ehrt François Girbaud, der Erfinder der modernen Jeans.

Zwei Modelle aus der Kollektion Closed and François Girbaud

Trotz seines Einflusses und seines spitzfindigen Geistes bleibt der Jeansfachmann, was er immer war: Der gute Kumpel von nebenan. Obwohl der Mann mit dem zottigen Bart und dem eifrigen Blick sein Leben lang über den atlantischen Ozean gependelt ist und heute in Los Angeles wohnt, spricht er noch immer im blumigen Akzent aus Frankreichs Südwesten. Dort ist François Girbaud in den 1940er Jahren in Mazamet aufgewachsen, eine Kleinstadt, die sich in der sorgfältigen Entfernung der Wolle von den Schafhäuten profiliert hat. Dort hat er sein erstes Geld als Koffermacher verdient und in einer Rock’n’Roll-Band gespielt. Die Bekleidungsindustrie und der Traum der unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas sollten sein ganzes Leben prägen. „Wir sind die letzten Zeugen“, meint er staunend nur einige Wochen nach Johnny Hallydays Tod, mit dem er einst die Jugend geteilt und den er noch vor kurzem in LA besucht hat. Die letzten Zeugen der Babyboomers, meint Girbaud, die sich einst in die Jeans verliebt haben, um sie nie mehr loszulassen. Denn es handelt sich dabei nicht um irgendeine Hose, sondern um ein Kultstück, mit dem der Träger oder die Trägerin verschmilzt. Eine regelrechte zweite Haut, in die man sich in den frühen Seventies zwängte, so hart war der Denim damals noch. Heute feiert das deutsche Label Closed sein vierzigjähriges Bestehen mit einer von François Girbaud entworfenen Sonderkollektion, alles lockere Teile mit Workwear-Einfluss für das moderne Citylife zu Fuss, auf dem Skateboard oder per Rad. Der Übergang ist fliessend: Einst Mit-Erfinder der Stonewashed und des Baggy inspiriert sich der Techniker Girbaud weiterhin an der Strasse. Auch das Label Closed hat er 1978 mit seiner Partnerin Marithé Bachellerie gegründet und später an die heutigen Besitzer in Hamburg verkauft.

Noch immer wollen die beiden über Siebzigjährigen keine Modedesigner, sondern Forscher und Erfinder sein. „Bildhauer“, sagt François Girbaud verkniffen, schliesslich gehe es darum, dem Körper mit der Bekleidung zu schmeicheln, ihm geschwungene Formen einzuverleiben. Immer in Jeans. Denn als Marithé mit ihren selbstgestrickten Ponchos im Saint Tropez der Brigitte Bardot grossen Erfolg hatte, gab es in der ganzen Welt nur drei Jeans: Die Levi’s für Cowboys und Goldjäger,

Jeansfachmann François Girbaud copyright Rahel Koerfgen

die Lee für die Baumwollfelder der Südstaaten und die Wrangler der Rodeos. Bald würde sich die Girbaud dazugesellen. Während François begann, Johnny und die halbe nach swingender Leichtigkeit suchenden Yéyé-Generation zu beraten und einzukleiden, wusch und wusch Marithé ihre Wranglers zuerst in einem kleinen Pariser Waschsalon von Saint- Germain –des- Prés, um sie geschmeidiger zu machen. Während andere  Chlor und Säuren einsetzten, um den bockigen Denim zu bändigen, suchten die Girbauds nach einer ökologischeren Prozedur. Ihre Erfindung „Stonewashed“, das heisst,  sie in riesigen Becken mit Vulkansteinen zu baden, die den Stoff bimsten, schuf zwar die bleichenden Substanzen ab. Doch: „Wir sind damit in ein grosses Fettnäpfchen getreten“, bekennt François. „Wir waren uns den enormen Wasserverschleiss nicht bewusst, sondern wollten einfach das Bürgertum foppen“. Dass man heute Jeans trägt ohne eine Botschaft zu verbreiten, findet er deshalb lächerlich. Sie demonstrierten in Jeans mit Jane Fonda gegen den Krieg im Vietnam oder mit den Punkern gegen die Konsumationsgesellschaft.

Als Tochter eines Radrennfahrers fuhr Marithé fort, eigene Schnitte zu auszuklügeln, um die einstige Hose der Minenarbeiter bequemer zu gestalten. Ihre „Pedal Pusher“ aus dem Jahre 1981 mit verkürztem Knöchel und Verstärkung im Sattelbereich wurde inzwischen dreissig Millionen Mal verkauft. Vor einigen Jahren hat sich François nach Los Angeles zurückgezogen, Marithé blieb in Paris. „Wir telefonieren dennoch täglich“, sagt die 73jährige schelmisch unter ihrer langen Stirnfranse hervor. Zu reden gibt es viel, denn er hält nicht inne, um die Denimindustrie ohne Wasserverbrauch und unter fairen Bedingungen in Bangladesch, Pakistan oder Mexiko anzukurbeln.  Nachdem die beiden in den Nullerjahren den Laser zum Bleichen und Strukturieren der Jeans eingesetzt haben, um Wasser zu sparen, tüftelt François weiter mit Sauerstoff und Zellulose. „Denn die Bio-Baumwolle macht nur einen schwindenden Prozentsatz der gesamten Baumwollproduktion aus, die extrem umweltbelastend ist“. Der Jeanserfinder mit der Kinderseele, der sich bei der Arbeit vergnügt, hält bereits stolz einen neuen Jeansstoff in der Hand und drängt, ihn zu berühren:  Ein geschmeidiger Stretchdenim, in den er den dehnbaren Faden vertikal und nicht horizontal einweben lässt. „Für einen besseren Sitzkomfort dank einem elastischen Knie“.

 

Von Kopf bis Fuss vegan

In der Ernährung ist der Veganismus längst ein Trend. Jetzt schwappt dieses Bewusstsein auf die Bekleidung über.

Maud und Judith Pouzin in ihrer Veganmodeboutique in Paris

Im elften Stadtviertel von Paris, ganz nahe der Bastille, gibt es eine rein vegane Käserei, eine entsprechende Konditorei und, seit einem Monat, eine vegane Modeboutique: „ManifesteO11“, ein kühler, puristischer Laden, haben die beiden Zwillinge Maud und Judith Pouzin gegründet, weil die beiden schwarzhaarigen Veganerinnen den herkömmlichen Fashionkommerz satt hatten. Als Fastfashion bezeichnet man heute, die kurzlebigen, oft billigen Kleidungsstücke der grossen Vertriebe wie H&M, wo sich einst auch die beiden Verfechterinnen der neuen Mode eingekleidet haben. „Denn die Mode lieben wir seit je her. Als wir uns aber anders kleiden wollten, fanden wir nicht, was wir suchten“, erzählt Maud, eine Schnellsprecherin, die bis anhin in der Kommunikation gearbeitet hat. Fast politisch, sei ihr Vorgehen, das sich gegen die Tierhaltung und –ausbeutung der Nahrungsindustrie wehre, von der auch die Bekleidungsindustrie betroffen sei. Klar findet man deshalb in ihrer Veganboutique weder Leder noch Pelz, sondern vegane Taschen aus recycelten Velopneus oder schneeweisse Schuhe aus Ananasfasern.

Den Veganern geht es aber ganz allgemein um eine nachhaltige Mode, die sich langsam durchsetzt. Denn die Modeindustrie ist weltweit, nach der Erdölindustrie, der zweigrösste Umweltverschmutzer. Vor allem weil der Baumwollanbau Unmengen an Wasser und Pestiziden verschlingt. Deshalb sind alle Stoffe bei „ManifestO11“ entweder biologisch oder aus recyceltem Material: Elastische, halbdurchsichtigte Bio-Strumpfhosen mit Eukalyptusfasern (Tencer) oder schlammgrüne Handtaschen aus recycelten Plastikflaschen. Zu dieser Moderevolution zählt zudem das Up-Cycling, das aus alten Kleidern neue schafft wie es das Berliner Label „Fade Out“ macht. Aus alten Jeans werden neue Klamotten als Einzelstücke genäht oder ausgediente Berufsbekleidung zu hipper Workingwear verwandelt. „Wir wollen beweisen, dass die Veganmode kreativ sein kann“, meint Maud während einer Tasse Kaffee in ihrer Boutique, deren Beleuchtung mit erneuerbaren Energien gespeist und nachts gelöscht wird.

Alle Sachen sind für sie und ihn. In Kürze wird auch die nachhaltige Unisexmode des Zürcher Labels „Mamquam“ ManifestO11-Sortiment sein. Man findet bereits jetzt wahre Designerstücke wie der flauschige Organic-Cotton-Mantel mit Leinen und Eukalyptus der Britin Martine Jarlgaard (1200 Euros) oder simple T-Shirts aus portugiesischer Bio-Baumwolle  (30 Euros) der Marke „Colorful Standard“. Doch kann man wirklich auf Leder verzichten?  Das für Schuhe und Hosen eingesetzte Polyurethan als Alternative ist fragwürdig. Die dazu verwendeten Salze und Ester der Carbamidsäuren können sehr giftig sein. Doch auch diesen Aspekt, verspricht Maud, umgehend unter die Lupe zu nehmen.

Boutique ManifestO11, 14 Rue Jean-Macé, 75011 Paris

Man packt alles in die Hose

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Als wäre es das Natürlichste der Welt, schiebt der zehnjährige Marcello morgens seinen Pulli säuberlich in die Jeans. „Nimm mir den sofort wieder heraus“, protestiert der Vater, ein Parisien, der glaubt, den guten Geschmack zu kennen. Doch der Mittefünfziger ist ein Hasbeen. Als Gamer und Skater mit tief ins Gesicht fallenden Haarsträhnen surft nämlich sein Sohn  auf der trendigen Welle. Die Laufstege der Pariser Fashionweek haben es bewiesen: Im nächsten Winter wird der Pullover, sei er noch so dick, in der Hose verstaut. Dass es der Feine mit dem Rollkragen sein darf, scheint auf den ersten Blick gerade noch akzeptabel, denn er macht die Schlanken noch attraktiver. Der gleiche Effekt wird mit einem Ringelpulli erreicht, wenn er wie nahtlos in eine blaue Hose gleitet. Der Bogen in der Hose kann aber herzhaft viel weiter gespannt werden, indem dicke Noppen oder flauschige Maschen in Himbeerrot, Blau oder sehr femininer Jade in einen schmalen, an der Hose angenähten Gurt eingeschnürt werden. So gut wie alles, wird von der Hose verschlungen: Pullunder, Sweater, Gilet und warum nicht, der Bomberblouson?

So abwegig ist die Sache nicht. Den ganzen Bund und Laden des erzmännlichsten Kleidungsstückes zu sehen, wirkt echt sexy. Mann zeigt, was er in der Hose hat. Rebell James Dean hat es in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ 1955 vorgemacht. Allerdings mit dem weissen T-Shirt. Diese Sexiness haben jedoch die Rock-Hippies Jimi Hendrix und Mick Jagger weiter ausgelotet. Als Modeikone und Verfechter der sexuellen Befreiung versenkte der  Leader der Rolling Stones seinen Pulli 1967 hinter einer schimmernden Goldschnalle. Und wer erinnert sich nicht an John Travoltas einzigartige Figur auf dem Tanzparkett? Dank dem Kultfilm Saturday Night Fever, der in den späten Fifeties spielt, ist der Pulli als weltweiter Mainstream in der Hose verschwunden. Das hat die ursprüngliche Botschaft verwässert. Mit der Sexualität der heterosexuellen Männer hat sich die Mode in den letzten Jahrzehnten gar nicht befasst. Der japanische Minimalismus mit seinem übereinander geschichteten Purismus hatte diesem aufregenden Funken ein Ende gesetzt. Nicht für lange und präzis im richtigen Augenblick: Nach dem Harvey-Weinstein-Skandal drängt sich die Diskussion über die sexuellen Grenzen auf. Die Jungen und die Alten sind sich nicht einig. „Kommt mir nicht in Frage“ hat Marcello zu seinem Vater gesagt, der aber nun doch in Betracht zieht, sich im nächsten Winter eine dieser karierten Flanellhosen zu beschaffen, in denen der dicke, beige Rollkragenpulli toll aussieht, und, wer weiss, in eine neue Ära führt.

Modegierige Männer

Nur zu. Formelles mischt sich heute problemlos mit Street- oder Workingwear. Die Freiheit ist da. Und der Mann besitzt endlich auch den notwendigen Mut.

Julien David copyright Raphael Lugassy

Für die Millionen, wenn nicht Milliarden junger Männer, die in den Agglomerationen der Grossstädte wie London, Madrid, Zürich oder Peking, Los Angeles oder Tokio leben, stellt sich die Frage gar nicht. Für sie ist ein gestylter Look völlig normal. Sie haben den Modemut im Blut. Deshalb wurde die Pariser Men-Fashionweek am letzten Wochenende zum wahrhaftigen Happening. Alle Stühle entlang der Laufstege  waren bis auf den letzten Platz besetzt. Bei bester Stimmung haben sich die Männer aus aller Welt an kreativ hochstehenden Schauen für die Mode des Winters 2018/19 inspiriert. Man traf sich beim Edellabel Hermès‘ rund um lauschige Lagerfeuer inmitten eines renovationsbedürftigen Kreuzganges, wo bunte Berglandschaften Pullis und Reisetaschen zierten. In der cleanen Garage des Jungdesigners Julien David hingegen haben die Models ganz witzig in maskierten Hundemasken den trendigen Oversize, Coolness und durchsichtige Regenschütze aus Silikon präsentiert. Sogar bei der Entertainerin Agnes b. war der Andrang so gross, dass sie drei Schauen veranstalten musste. Lanvin erntete tosenden Applaus. Kurz: Die Männer sind begeistert und suchen so mutig wie fast noch nie ihren ganz persönlichen Stil.

„Es findet eine Explosion statt, die eines Tages die Damenmode überrunden wird“, ereifert sich sogar Riad in einer Pariser Tiefgarage an der edlen rue de la Paix, wo sich der Showroom von Nïuku befindet. Der 40jährige Modedesigner gehört zum Dreierteam dieses Junglabels, das wie acht andere Newcomer zum ersten Mal offiziell lief, sozusagen aus dem Underground ins Rampenlicht. Während andere Junglabels absichtlich in den Männermodemarkt einsteigen, weil er weit weniger von den grossen Modegiganten beherrscht wird als bei den Damen, bezeichnet der zweite im Bund, Lenny, die Nïuku-Klamotten als genderless (geschlechtslos). „Viele Frauen kaufen heute Männerkleider“, schmunzelt der Franzose, an dessen Show sich hochkarätige Moderedaktoren, eine äusserst schicke Stadtjugend und stilvoll gekleidete Blacks die Sitz- und Stehplätze streitig gemacht haben, um einen Blick Mode zu erhaschen, die nie langweilt. Man meint, man sehe Vintage und dennoch ist alles neu.

Lenny Guerrier und sein Partner Riad im Showroom ihres Labels Nïuku copyright esther haldimann

Lenny und Riad stammen ursprünglich aus den Banlieues. Seit dem „R“ von Raf Simons auf den Adidas-Turnschuhen interessiere sich auch die urbane Vorstadtjugend für die Highfashion, erklären sie. Ihr Kult für Hoodies, Bombers und Markensneakers, Street- und Workingwear oder eigens auf dem Flohmarkt zusammengestellte Looks hat inzwischen die Laufstege und den Durchschnittsmann erreicht, um alles zu Formelle zu ergänzen.

Sir Paul Smith

Denn der Mann ist heute modemutig, weil sein Ego seit einem Jahrhundert leidet. Einst eine Modeikone mit rauschenden Krägen (Renaissance), hohen Absätzen, die auch bei den Eidgenossen im 16. Jahrhundert Gang und Gäbe waren, oder Mozartzöpfen (Aufklärung), haben die Kriege den Mann zur Uniform verknurrt. Deshalb mauserte sich der Anzug mit Krawatte nach dem zweiten Weltkrieg nahtlos zur Berufsuniform. Ein Zwang aus dem sich das männliche Geschlecht endlich befreit, um sein wahres „ich“ zu kleiden. „Sein Mut reift seit zwanzig Jahren“, beobachtet der britische Modedesigner Sir Paul Smith. Es ist sein Landsmann David Beckham gewesen, der auf dem Fussballplatz plötzlich einen neuen Look mit Tattoos, Schmuck und gestylter Frisur inszeniert hat. Man nannte diese neuen Männer die Metrosexuellen, die sich mit Masken und Cremen die Haut pflegten. Dann haben die Hipster und Lambersexuellen mit Extravaganz und Coolness den Männern Mut zur lockeren Interpretation ihrer selbst gemacht.

„Sie sind heute mutiger, weil sich die Welt verändert hat, weil sie freier sind.  Lockere Dresscodes werden jetzt in

Carol Lim (Kenzo) copyright esther haldimann

vielen Betrieben akzeptiert. Mit T-Shirts, Jeans, Sneakers oder Formellem kleiden sich die neuen Männer heute aus Freude, nicht mehr aus Zwang“, meint Carol Lim, die als Chefdesignerin zusammen mit Humberto Leon Kenzos alten Stil mit Street- und Workingwear erfolgreich aufpeppt. Beide pendeln zwischen Paris und New York, stammen aber aus Los Angeles, deren Underground seit Jahren in der Mode den Ton angibt und wo auch Stardesigner Hedi Slimane lebt, der diese Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen rockigen Anzügen bei Dior eingeleitet hat.

Sneakers zum Anzug sind seither ein Must und kein Fehltritt. Überhaupt dominiert die Schale nur noch unter den Spitzenpatrons am Davoser Weltwirtschaftsforum oder in der Politik, wo jedoch in Frankreich die „Insoumises“ (Widerspenstigen) rund um den saloppen Jean-Luc Mélanchon bei ihrem Einzug in die Nationalversammlung auch deren bisherigen Dresscode abgeschafft haben.

Schaufenster zur Traumwelt

Im digitalen Zeitalter wird das Schaufenster zum Bühnenbild.  Darin ist Leïla Menchari Pionierin. Seit 40 Jahren verwandelt sie Hermes‘ Vitrinen in Traumwelten.

 

Unabsichtlich hat die heute 90jährige Künstlerin den aktuellen Trend ausgelöst: Während 40 Jahren zauberte die gebürtige Tunesierin ihre Kindheitserinnerungen saftig grüner Gärten, unheimlicher Höhlen oder blendender Strände in die Schaufenster von Hermès‘ Hauptgeschäft am ehrenwerten Faubourg Saint Honoré in Paris. Zwar ist Leïla Menchari  vor vier Jahren in Pension gegangen, ihre Vitrinen jedoch, die jetzt mit einer Ausstellung geehrt werden, bleiben weltweit ein Begriff. Sogar Leute aus der Provinz oder dem Ausland kamen absichtlich zum edlen Lederlabel, einzig mit dem Ziel, sich vor dem Schaufenster aus dem Alltag schnippen zu lassen, staunend wie ein Kind: Lire la suite

Neustart bei Lanvin

Frankreichs ältestes Modehaus kämpft um sein Überleben: Der neue Designer Oliver Lapidus soll die Marke zurück in die Gewinnzone führen.

LANVIN ready to wear spring summer 2018
Paris fashion week september 2017

Lanvin, Dior, Saint Laurent,  Balmain….all diese berühmten Modeplayer bestehen in Paris seit mehr als fünfzig Jahren und müssen nach dem Tod ihrer Gründer an den Fashionweeks stetig für neue Highlights, für das Weiterblühen ihrer Marke kämpfen. Dazu werden die weltbesten Modeschöpfer eingestellt oder entlassen, wenn sie nicht an die Erfolge ihrer Vorgänger anknüpfen können. An der Pariser Fashionweek war für Lanvins neuer Couturier Olivier Lapidus die erste Show gleich ein doppelter Challenge: Der charmante 59jährige muss das älteste französische Label in die Moderne führen und gleichzeitig die Kundinnen zurücklocken, die seit Alber Elbaz Weggang ausbleiben. Lire la suite