Das Volk hat das letzte Wort

Plötzlich macht alles keinen Sinn mehr. Die alten Dieselmotoren, die gesundheitsschädigende Partikel in Höhe der Kindernasen verbreiten, werden weiterhin durch Paris tuckern. Denn Emmanuel Macron musste nachgeben: Die verschärfte Schadstoffprüfung der Fahrzeuge wird im Januar nicht in Kraft treten. Ebenso wird die geplante Benzinsteuererhöhung, die zum Teil für die Energiewende eingesetzt werden sollte, vorerst für sechs Monate auf Eis gelegt. Dabei war es vor allem die unter Luftverschmutzung leidende Pariser Bevölkerung, die 2017 für Macron gestimmt hat. Nur die Hälfte der Hauptstadtbewohner besitzt überhaupt ein Auto, und nur wenige benützen es, um zur Arbeit zu fahren. Rund 70 Prozent geht zu Fuss und per Metro, Tram, S-Bahn, Velo oder Trottinette. In Paris gibt es gar keine gelben Westen, die vielmehr die Provinz vertreten. All diejenigen, die vom günstigeren Quadratmeterpreis weit entfernt der Agglomerationen profitiert und sich anstatt einer winzigen Grossstadtwohnung ein viel günstigeres Eigenheim auf dem Lande errungen haben. Viele verdienen jedoch nur den Mindestlohn von 1200 Euro netto pro Monat. So bringen sich zahlreiche Familien mit zwei oder drei Kindern durch, spartanisch und präzis budgetiert. Das Geld reicht nur für das Notwendigste, die Festkosten, das Benzin. Brauchen die Kinder neue Sneakers, verzichtet die Mutter auf den Frisör. Die Französin ist stark in Sachen système D für „se débrouiller“ –  das heisst, sich kreativ mit allem demjenigen behelfen, das günstig den Alltag durchbringt und erhellt. Doch nun ist sie erschöpft. Kunst und Kultur fliessen zum Glück durch ganz Frankreich, doch Millionen Franzosen schlagen sich qualvoll durch die letzten Monatstage, wenn das Konto schon zu tief im Minus steckt.

Um seine Wähler, die Einkommenssteuer zahlende Mittelschicht, zu entlasten, besteuert Macron seit einigen Monaten auch die Rentner, falls sie mehr als das Existenzminimum von 1200 Euro Pensionsgeld erhalten. Deshalb ist das Durchschnittsalter der gelben Westen hoch. Die jungen Leute setzen sich fast nur in Form derjenigen Samstags-Demonstranten in Szene, die alles mit Hammer und Baseball-Schläger kurz und klein schlagen. Autos, nur wenige Schritte vom Triumphbogen, entzünden, als wäre das Ganze ein fesselndes Videogame. Neonazis und extreme Linke schlagen auch zu. Alle gelben Westen möchten den Sturz Macrons oder verlangen die Auflösung des Parlamentes gefolgt von Neuwahlen, wenn nicht überhaupt eine VI. Republik mit mehr Initiativrechten für das Volk.

Macron stärken nur etwa zwanzig Prozent der Stimmbürger den Rücken, die im ersten Wahlgang der letzten Präsidentschaftswahlen für ihn gestimmt hatten. Andere Sozialisten, Bürgerliche und das Zentrum haben dann in der Stichwahl Macron gewählt, um eine rechtsextreme Präsidentin, Marine Le Pen, zu vermeiden. Mit seiner Steuerreform hat der Finanzspezialist aber seither viele Sozialisten verärgert. Überhaupt existiert die sozialistische Partei, die PS, so gut wie nicht mehr und die Bürgerlichen sind geschrumpft. Macron hat das traditionelle Parteiensystem mit seinem „gleichzeitig rechts und links“ zerstört. Jetzt, in einer äusserst delikaten Lage und der Angst vor einem Bürgerkrieg im Bauch, kann der französische Präsident nur auf die Unterstützung seiner Partei, „La République en Marche“, und des Zentrums zählen.

Nochmals die Champs-Elyseen in Feuer und Flamme zu erleben, ist unvorstellbar. Doch trotz der Einstellung der geplanten Benzinsteuer, die jetzt auch noch die Grünen und die Parisiens misslaunt, wollen die gelben Westen viel mehr; mehr Kaufkraft, mehr Macht. Der Wunsch nach der Energiewende der einen und dem Bedürfnis des Autos anderer müssen struktureller angegangen werden. Auf dem Lande braucht es bessere öffentliche Verkehrsmittel. Ebenso erleichtert die Reduktion der Postämter und Krankenhäuser in abgelegenen Gegenden den von Macron geplanten Ausstieg aus der Erdöl Ära nicht. Er setzt den Massstab zu hoch. Zu einer solchen Energiewende mit noch mehr Taxen sind die Franzosen nicht bereit. Ihre Kosten müssten anders finanziert werden. Es bräuchte eine tiefe Steuer-, Finanz- und Staatsreform. Doch die Regierung wirkt zu perplex, um die ganze Situation überhaupt in den Griff zu bekommen. Der Traum der neuen, französischen Gesellschaft – der jungen, progressiven „Macronie“, die sich um jeden Bürger kümmert – zerbricht wie ein Kartenspiel. Zum aktuellen Zeitpunkt sieht niemand einen Ausweg. Die gelben Westen rufen erneut zu Demonstrationen am nächsten Samstag in Paris auf, das wie ein gepeinigter Beobachter zittert.

Muslimin und Feministin in einer Person

Sie ist in fünf islamische Länder aufgebrochen, um das Bild der unterdrückten Musliminnen aus der Welt zu schaffen. Mit ihrem Dokumentarfilm „WomenSenseTour“ und der Feministenbewegung „Lallab“ will die 27jährige Französin Sarah Zouak zeigen, dass Feminismus und Islam vereinbar sind.

Sarah Zouak Bild zvg

Ihre braunen Augen leuchten perfekt mit Lidschatten und Eyeliner geschminkt hinter einer dicken Hornbrille, die sie sofort ablegt, sobald eine Kamera auf sie gerichtet wird. Seit ihrem Film „WomenSenseTour“, der ergreifend den Mut, die Initiativen und die Werke muslimischer Frauen in den fünf Ländern Marokko, Tunesien, Türkei, Iran und Indonesien dokumentiert, steht Sarah Zouak oft selbst im Rampenlicht. Sie wurde zur Ikone einer modernen, französischen Jugend, die den Islam und den Feminismus leben will. Ob mit oder ohne Kopftuch steht gar nicht zur Diskussion. Sarah Zouak selbst verzichtet darauf. Sie trägt meist Jeans und weisse Turnschuhe. „ Sie ist eine Perfektionistin, für die jede Einzelheit stimmen muss“, erzählt ihre Kollegin Attika, die bei „Lallab“ (aus Lalle („Frau“ in Arabisch und „Laboratorium“ zusammengesetzt) gegen die Diskriminierung der Frauen kämpft, eine progressive Frauenbewegung, die Sarah Zouak nach der Rückkehr von ihren Dreharbeiten gegründet hat.

Willkommen sind bei „Lallab“ nicht nur Musliminnen, auch weltliche Französinnen oder Homosexuelle, Lire la suite

Keine Frau für Frankreich

Ist Frankreich überhaupt für eine Präsidentin reif? Die Frage stellt sich heute nicht, denn Marine Le Pen vertritt nicht die Frauen sondern ihren Clan und besitzt kein eigentliches Regierungsprogramm.

Vor dem ersten Wahldurchgang befanden sich unter den elf Präsidentschaftskandidaten nur zwei Frauen: Die Trotzkistin Nathalie Arthaud, die mit dem winzigen Stimmenanteil von 0,6 % ausgeschieden ist, und Marine Le Pen. Trotz ihrer Qualifikation für die Stichwahl vom nächsten Sonntag dürfte die schlagfertige Präsidentin des Front National dem Favoriten Emmanuel Macron erliegen. Rund 60 Prozent des französischen Stimmvolkes gibt an, für ihn zu stimmen. Schon 2007, als Ségolène Royal nur knapp an Nicolas Sarkozy scheiterte, war Simone de Beauvoirs Feministenland noch nicht für eine Präsidentin reif. Royals Niederlage war vor zehn Jahren nicht auf ihre Vorstellung einer modernen Demokratie zurückzuführen. Der von ihr damals erstmals eingeführte, direkte Austausch mit der Bevölkerung hat Ex-Wirtschaftsminister Macron zur Ausarbeitung seines Regierungsprogramms übernommen. Auch seine Idee, aus dem traditionellen Parteisystem auszubrechen und seine Bewegung „La Marche!“ mit Leuten zwischen der rechten und linken Mitte zu bilden, könnte eigentlich von einer Frau stammen, die bekanntlich von Natur aus lieber auf Kompromisse eingeht als von oben herab ihre Politik diktiert.  Mit der Äusserung „Ich bin Feminist, denn ich glaube an die Andersartigkeit, und die wahre Andersartigkeit für einen Mann ist die Frau“ beweist François Hollandes ehemaliger Berater wohl sein Feingefühl. Doch auch der parteilose Macron hat die Macht an sich gerissen wie es sich Frankreichs Politiker seit Jahr und Tag erlauben.

Seit Royals Popularität kamen Frankreichs Politikerinnen weder bei den Sozialisten noch bei den Konservativen zu einflussreichen Positionen. Zwar besitzt Paris mit Anne Hidalgo eine Stadtpräsidentin, und Lire la suite

Weg mit der Krawatte

Donald Trumps grässlich feuerrote Krawatte, die provokativ bis zum Hosenladen herunterfällt, lässt perplex.  Dass er gewinnen würde, war nicht den Meinungsforschern, jedoch den Krawattenkennern klar: In Amerika ist die Rote die Krawatte des Siegers, die sich einst schon George W. Bush umgebunden hat. Sie steht für Mut, Macht und Männlichkeit und überdeckt schillernd versteckte Komplexe. In Frankreich zählen die Schwarze und die Marine zum guten politischen Geschmack. Just nach ihrer Qualifikation in die konservative Stichwahl haben sich jedoch Alain Juppé und François Fillon ebenfalls eine Rote umgebunden. Lächerlich. Doch oben ohne geht es in der Politik (noch) nicht: Frankreichs krawattenlose Präsidentschaftskandidaten haben alle eine Schlappe an den Vorwahlen eingefangen. Zu locker. Zu fahrig. Am letzten Sonntag standen sich die linken Präsidentschaftskandidaten gegenüber: Benoît Hamon siegte haushoch als moderner Denker mit der schmalen Schwarzen zum Slim-Anzug gegen Manuel Valls, der feinfühlig seine bekannte Autorität mit einer Hellblauen ausbalanciert hat. Das gefällt dem Männermodedesigner Lucas Ossendrijver. Blau, Schwarz und Rot seien zu kodiert; Trumps roter Halsschmuck „ein bisschen schwierig“. Darüber macht sich der Schweizer Jungdesigner Julian Zigerli nicht einmal Gedanken. Sämtliche Krawatten sind für ihn Schnee von gestern. Die Revolution der Millenials hat begonnen. Als Linksextremist mit utopischem, volksnahen Gedankengut versteckt Benoît Hamon bereits die Schale samt Krawatte unter einer Mainstream-Parka. In zwanzig Jahren ist es mit dem männlichen Statussymbol der 20. Jahrhunderts sowieso aus. Statur und Bedeutung werden ab sofort krawattenlos mit einem am Hals zugeknöpften schneeweissen Hemd demonstriert oder einem feinen Rollkragenpulli in warmen Farbtönen: Fuchsrot für Trump.

Fillon neuer Favorit der konservativen Franzosen

Dank einer unglaublichen Dynamik ist es François Fillon gelungen, Nicolas Sarkozy aus dem Vorwahlkampf zu eliminieren. Der zweitplatzierte Alain Juppé besitzt nur noch wenige Chance, um die Präsidentschaftskandidatur in der Endrunde vom nächsten Wochenende zu gewinnen.

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Fillons Aufholjagd der letzten Tage gleicht seinem Hobby: Der erzkonservative Politiker und Rallyfahrer hat seit der TV-Debatte vom letzten Donnerstag alle überholt. Fast 45 Prozent der konservativen Wähler haben für ihn gestimmt. Der Favorit Alain Juppé holte einen überraschend kleinen Stimmenanteil von 28 Prozent und Nicolas Sarkozy muss mit 22 % aufgeben. « Ich habe meine Werte und Ueberzeugungen verteidigt, habe es aber nicht geschafft, die Mehrheit zu überzeugen », meinte dieser gestern enttäuscht nach der Bekanntgabe der Resultate. Zu seinem Nachteil haben sich rund vier Millionen Franzosen an der Vorwahl um die Präsidentschaftskandidatur der französischen Konservativen beteiligt. Ein Paradox, denn … Lire la suite

Einmal mehr Sarkozy?

An den nächsten beiden Wochenenden bestimmen die Franzosen ihren konservativen Präsidentschaftskandidaten. Juppé, Sarkozy, Fillon – alle drei Favoriten sind altbekannte Politiker, die alle versprechen, Frankreichs Finanzen, Image und Sicherheit aufzupolieren.

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Steuersenkungen, massiver Stellenabbau im öffentlichen Sektor, Erhöhung des Rentenalters, Abschaffung der umstrittenen 35-Stundenwoche: Da sich die Regierungsprogramme der sieben konservativen Präsidentschaftsbewerber stark ähneln, werden ihre Charismen sowie ihre Sicherheits- und Immigrationspolitik entscheidend sein. Nur die einzige Frau im Rennen, Ex-Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet, besitzt progressive Ideen, jedoch keine Chancen, den Vorwahlkampf zu gewinnen. Alle drei Favoriten sind Alt-Gaullisten und gehören der von Nicolas Sarkozy neugegründeten Partei Les Républicains (LR) an. Alle drei scheiterten 2012 nachdem … Lire la suite

François Hollande critique les « frappes indiscriminées » côté syrien et russe

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Le Conseil de défense et de sécurité nationale réuni par François Hollande mercredi 5 octobre a pris connaissance de l’évolution de la menace terroriste sur le territoire national et des actions qui ont été mises en œuvre. Il a examiné les dispositions nécessaires pour adapter les mesures de vigilance et l’emploi des forces de sécurité aux risques identifiés et aux impératifs de protection des citoyens et de des intérêts nationaux.

Le Conseil a également étudié les conséquences de l’action des forces du régime syrien appuyées par l’aviation russe en précisant dans un communique qu’ils mènent des frappes indiscriminées contre la poche d’Alep entraînant des atteintes intolérables aux populations civiles et aux infrastructures hospitalières.

Le Président de la République Française a souligné la gravité de la situation. Il a donné instruction de soutenir l’initiative européenne destinée à apporter dans les plus brefs délais une aide humanitaire aux civils piégés dans Alep. Il a demandé de poursuivre les initiatives diplomatiques, en particulier au Conseil de sécurité des Nations Unies, afin de mettre les responsables de ces atteintes aux populations devant leurs responsabilités et de hâter le retour à une négociation politique sur des bases crédibles.

photo: esther elionore haldimann

Wer kann Marine Le Pen bremsen?

Marine Le Pen zvg Marine Le Pen

Den Franzosen fehlt seit Jahren eine klare politische Linie, die ihnen Marine Le Pen hingegen auftischt. Schluss mit dem Diktat aus Brüssel; dank bewachten Grenzen und einer eigenen Währung will sie Frankreichs Wogen glätten. Nach ihrem Triumpf an den Regionalwahlen im letzten Dezember, kandidiert die FN-Präsidentin nun fürs höchste Amt. Die Rechtsextreme besitzt durchaus Chancen, im Frühling 2017 zur Staatschefin gewählt zu werden. 

„Die Gefahr ist nicht gebannt“, warnte Manuel Valls im letzten Dezember nach dem zweiten Wahlgang der Regionalwahlen. Im Hinterkopf dachte Frankreichs Premierminister bereits an die Präsidentschaftswahlen, die im Frühling 2017 vor der Tür stehen. Wird das Land wieder zittern wie während der Regionalwahlen, als der Front National mit 6, 8 Millionen Stimmen ein Rekordresultat erzielt hat? Zwar gewann der FN schlussendlich in der Stichwahl keine Region dank dem Rückzug der in der ersten Wahlrunde auf dem dritten Platz gelandeten sozialistischen Kandidaten. Die Konsequenzen für François Hollandes sozialistische Regierungspartei sind dennoch bitter: Von Calais bis an die Grenze der Ile-de-France und von der Hochprovence bis ans Mittelmeer besitzen die Sozialisten wegen ihres „republikanischen Rückzuges“ nun keinen … Lire la suite

Fahrplan der Präsidentschaftswahlen Frankreichs

 

drapoFrankreichs Präsident(in) wird in zwei Wahlgängen, am 23. April und 7. Mai 2017 für eine Amtszeit von 5 Jahren gewählt

Wer 500 Unterschriften von Mandatsträgern erhält, kann sich am ersten Wahlgang beteiligen. Nur die beiden erst Platzierten kommen anschliessend in die Stichwahl

Marine Le Pen hat ihre Kandidatur am 8. Februar bekanntgegeben

Seit 2007 führen die Sozialisten ähnlich wie in den Vereinigten Staaten eine öffentliche Vorwahl durch, um ihre(n) Kandidat(in) zu bestimmen. 2007 war es Ségolène Royal, 2012 François Hollande. Dieser gilt als bisheriger Staatschef für eine zweite Amtsdauer als naturgemässer Kandidat. Doch die Sozialisten planen dennoch eine Vorwahl. Es kandidieren insbesondere die Ex-Minister Arnaud Montebourg und Benoit Hamon. Ganz Frankreich rechnet auch mit der Beteiligung von Emmanuel Macron und seiner Bewegung En Marche.

Heiss wird es ebenfalls bei den Bürgerlichen: Sie führen am 20. November 2016 überhaupt zum ersten Mal eine Vorwahl durch, um ihren Präsidentschaftskandidaten zu bestimmen.  Elf namhafte Politiker(innen) – neun Männer und zwei Frauen – haben ihre Beteiligung bereits offiziell bekanntgeben. Bekämpfen werden sich vor allem Altpräsident Nicolas Sarkozy sowie die beiden Alt-Premierminister Alain Juppé und François Fillon. Ex-Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire (50) besitzt kleine Chancen, viel Charme und junges Blut.

Gegen die Macht der Männer

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Er ist aus dem Patriarchat des Islams ausgestiegen, um sich als homosexueller Imam selbst zu verwirklichen: Der Theologe, Anthropologe und Psycho-Soziologe Ludovic-Mohamed Zahed (39) distanziert sich von allen Dogmen und interpretiert den Islam völlig liberal. Der HIV-positive Imam hat selbst einen Mann geheiratet und in Stockholm zwei iranische Lesben vermählt. Um die Qualen homosexueller Muslime zu dämpfen, gründete der algerisch-französische Doppelbürger in Paris und Marseille die ersten LGBT-Moscheen Frankreichs.

Interview: Esther Elionore Haldimann

Warum braucht es Moscheen für Homosexuelle?
Ludovic-Mohamed Zahed: Es handelt sich nicht um eine Moschee für Homosexuelle, sondern eine, die alle einschliesst, Heterosexuelle, Homosexuelle, Lesben, Transsexuelle und die Frauen. Die sexuellen Minderheiten und die Frauen sind die Avantgarde der fortschrittlichen Reformen und moralischen Urteile. Es geht um ganz neue Beziehungen zur Religion ohne Dogmen, eher philosophisch, in der Richtung wie man heute den Buddhismus empfindet. Der Islam befindet sich in einer Entwicklung, die die Frauen und die Homosexuellen aus einem Bedürfnis heraus eingeleitet haben. Es hätte ein Hetero sein können, doch diese gehen in traditionelle Moschee wie alle anderen.

Sie lehnen sich vor allem gegen das Patriarchat im Islam auf. Warum werfen sie die Homosexuellen und die Frauen in den gleichen Topf, was ihre Diskriminierung betrifft?
Weil ich gegen jedes Patriarchat bin, wo immer es sich befindet. In den traditionellen Moscheen werden die Frauen ganz nach hinten verfrachtet, manchmal beten sie sogar draussen im Garten. Durch solch unkomfortable Plätze werden sie nicht motiviert. Ausserdem erfahren die Frauen ganz allgemein noch heute die grösste Gewalt zuhause von den Männern, auch hier im Westen. In der heutigen arabisch-muslimischen Welt ist die Dynamik der Hinterfragung der Identität in Gange: Muss man derart viril und männlich, stark und gewalttätig sein?

Befindet sich der Islam weltweit nicht eher im Rückschritt zum Fundamentalismus?
Die Abkapselung in den Kommunitarismus und den Radikalismus ist eine störrische Reaktion auf eine Entwicklung, die bereits in Gange ist. Man weiss nicht wie sich in Zukunft entwickeln wird, aber man kann eine Reform des Islams aller beobachten. Die Fortschritte kommen in der arabisch-muslimischen Welt weniger schnell voran als in Europa. Das ist auch gar nicht wünschenswert. Sie müssen ihren eigenen Weg finden, einen demokratischeren, alle einschliessenden. Würden wir ihnen ein Modell aufzwingen, stiessen wir auf totale Ablehnung wie wir es im Irak beobachten. In Tunesien hingegen sind die Menschen offener als anderswo in der muslimischen Welt, weil es dort keine strategischen Interessen gibt, was das Erdöl betrifft. Auch die Konservativsten machen Fortschritte. Klar wollen die Salafisten als Rigoristen zurück zum Ursprung. Die Muslimbrüder stehen zwar für die Anpassung des Dogmas, das das gleiche bleibt, sich aber an die moderne Realität anpasst, was seine Konturen betrifft. Beide verleihen dem Dogma sakralen Charakter. Doch das Dogma in sich ist faschistoid.

Wie gehen schwule und lesbische Muslime heute in Frankreich mit der Islamophobie um?
Persönlich kann ich heute meine Homosexualität und Spiritualität zufrieden ausleben. Homosexuelle Muslime werden aber doppelt diskriminiert; als Muslime oder Araber unter den Franzosen; als Homosexueller in der Familie und dem Islam. Das kann eine grosse Chance sein, ist aber auch der Grund tiefer Depressionen. Unter den jugendlichen Suizidfällen Frankreichs befinden sich 15 Prozent mehr Homosexuelle. Bei den Muslimen müssen es noch mehr sein. Es gibt keine ethnischen Statistiken, doch ich bin davon überzeugt. Die Moschee für alle ist deshalb nicht ein politisches oder ideologisches Projekt, sondern in erster Linie ein Ort, der alle empfängt, damit mehr überleben.

(AP Photo/Claude Paris)

(AP Photo/Claude Paris)

Doch braucht es nicht mehr Einfluss in die Familien, die ihre homosexuellen Kinder ablehnen oder zur Heirat zwingen?
Tatsächlich werden viele von den Familien unter Druck gesetzt, damit sie sich verheiraten. Deshalb kommt es zu zahlreichen Ehen zwischen Schwulen und Lesben. Jeder hat dann einen Liebhaber oder eine Freundin. Das erlaubt ihnen, Kinder zu haben und in der Familie integriert zu sein. Denn kinderlos existiert man in diesen Familien nicht.

Was sagt der Koran zu einer solchen Unehrlichkeit? Muss ein guter Muslim nicht ehrlich und treu sein?
Wem gegenüber, sich selbst oder der Familie? Das ist die Frage. Ein Vers des Korans sagt, dass man seine Eltern respektieren muss. Übertritt ihr Wunsch jedoch die persönlichen Prinzipien und Werte, muss man nicht gehorchen. Wenn Schwule oder Lesben zur Ehe gezwungen werden, dürfen sie sich eigentlich weigern. Denn ist es ehrlich, seine Kinder derart unter Druck zu setzen? Meine eigene Mutter glaubte auch zu wissen, was das Beste für mich ist. Sie brauchte zehn Jahre, um meine Homosexualität zu akzeptieren. Schliesslich hat sie sogar meinen Ex-Mann während des Ramadans zuhause empfangen. Aus Respekt vor sich selbst, muss man seine Ehrlichkeit durchsetzen. Wenn man mit sich selbst ehrlich ist, folgt der Rest.

In arabisch-muslimischen Kreisen ist die Homophobie aber noch weit verbreitet. Sie behaupten, dass der Koran sie in keiner Weise verwirft.
Er spricht vom « sexuellen Extremismus ». Die Homosexuellen aber empfinden sich nicht als Extremisten, sondern als Menschen mit Empfinden für Gleichgeschlechtliche. In der Erzählung im Koran von Sodom und Gomorra geht es um Patriarchen, die Männer und Frauen vergewaltigen, die versuchen, Lots Töchter zu vergewaltigen. Zudem war Lots Frau keine Lesbe, sondern eine Sodomitin. Das alles hat nichts mit der Homosexualität zu tun, wie wir sie heute definieren. Es handelte sich im Grunde um einen heidnischen Kult gegenüber Fremden. Kein anderes Volk soll sich solchen Schändlichkeiten hingeben, ist der sinnbildlichste Vers im Koran, wobei man jedoch nicht weiss, um was für Schändlichkeiten es sich genau handelt. Für mich geht es um patriarchale, rituelle Vergewaltigungen nicht aber um die Homosexualität. Hingegen steht im Koran (17.84-86): « Jeder handelt entsprechend seines Genres (schakila)». Das ist sehr modern. Klar wird auch von Mann und Frau als Gatte und Gattin gesprochen, schliesslich besteht die Bevölkerung, einst oder jetzt, hier und anderswo, mehrheitlich aus Heterosexuellen. Das will aber nicht heissen, dass es keinen Raum für die Vielfalt gibt. Der Koran erzählt von Männern und Frauen, die nicht heirateten, die man nicht dazu zwingen darf. In den Überlieferungen der Hadith werden die Mukhanaothun (Androgyne) explizit erwähnt. Sie kleideten und schminkten sich bunt wie die Frauen, pflegten Beziehungen unter sich, wurden aber auch als sexuelle Objekte während den Schlachtzügen missbraucht. Der Prophet sagt ihnen nicht, sie seien eine Schande, ich werde euch alle töten, nein, er sagt, man dürfe sie nicht zu sexuellen Beziehungen zwingen.

Warum werden dann weltweit noch heute in sieben Ländern Homosexuelle zum Tode verurteilt?
Der heutige Schwulenhass hat mit der Politik, dem faschistischen Patriarchat und dem wirtschaftlichen Umfeld zu tun. Alle sieben Länder sind muslimisch. Laut dem neuen Strafgesetzbuch des Irans, werden die Homosexuellen laut ihrer Rolle bestraft: Nur der passive Partner wird erhängt, weil er als nahe der Weiblichkeit empfunden wird und entsprechend die Männlichkeit schwächt. Der aktive Partner hingegen, der sich ihrer Meinung nach eher auf der Seite der Männlichkeit, der Macht, befindet, kommt mit einer Auspeitschung davon. Ein Flüchtling aus dem Irak hat mir erzählt, dass 130 Personen in Mossul wegen Homosexualität durch die djihadistische Organisation Islamischer Staat getötet worden sind. Sie würfen sie von den Minaretten hinunter. In Saudi Arabien werden sie geköpft. Davon steht aber nichts im Koran oder der Tradition des Propheten. Das sind reine Erfindungen. Die Archive des ottomanischen Reiches aus dem 16. Jahrhundert beweisen, dass niemals jemand wegen Homosexualität verurteilt worden ist.

Warum werden sie dann heute diskriminiert?
Die berühmte, 1825 in Ägypten herausgegebenen „Tausend und eine Nacht“, die schon seit Jahrtausenden existierte, wurde nach dem Zerfall des ottomanischen Reiches von allem gesäubert, was die Sexualität der Frau und der Schwulen betraf. Das hetero-faschistische Patriarchat wurde zur Entwicklung eines arabischen Nationalismus benutzt, den das ottomanische Reich, die Engländer und die Franzosen erstickt hatten. Es handelt sich aber durch und durch um einen grässlichen Männlichkeitswahn, der mit der Spiritualität nichts gemein hat.

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Wollen sie damit sagen, dass die heutige Homophobie des Islams aus dem Kolonialismus gewachsen ist?
Und mit dem Zerfall des ottomanischen Reiches, der die arabisch-muslimische Welt allen möglichen Aggressionen ausgeliefert hat. Die Kolonialstaaten haben Minderheiten diskriminiert. Noch vor 150 Jahren erlebten wir das Gegenteil: Die in Frankreich verfolgten Homosexuellen kehrten in den Maghreb oder den Mittleren Osten zurück, wo sie ihre Sexualität diskret leben konnten. Der Wandel ist aus geopolitischen Gründen entstanden. Der Islam als Zivilisation wurde durch den Faschismus, die Massaker der Minderheiten, die Kontrolle der Identitäten, die Macht der Männer heimgesucht.

Sie hingegen haben sich selbstverwirklicht. Wo holen sie den Mut her?
Hat man Aids, die Homosexualität, den Islamismus und den Rassismus am eigenen Leibe erlebt, besitzt man einen dicken Panzer. Heute lebe ich gut und glücklich. Ich denke aber an all jene, die sich total verloren fühlen. Heute besitzen die Mitglieder unserer Vereinigungen ihre eigenen Kompetenzfelder. Die Bewegung ist daran, sich zu festigen. Wir müssen weitermachen.

Zur Person: 

profil - barceloneLudovic-Mohamed Zahed ist ein Schnellsprecher, der dennoch jedes Wort auf die Waagschale legt. Er kommt zum Interview in salopper Freizeitkleidung ins Pariser Gay-Viertel, wo  der Imam sein letztes Buch „LGBT-Musulman.es“ in einer Buchhandlung signiert. Doch so locker wie er heute wirkt, war sein bisheriges Leben nicht. Zwanzig Jahre Nachdenken habe es gebraucht, sagt er bei einer Tasse Kaffee in einer Marais-Bar. Der 39jährige hat sein ganzes Leben damit verbracht, mit sich ins Reine zu kommen, denn „Ludo“ wurde 1977 in Alger in zwei Kulturen hineingeboren. Kaum zweijährig, zog die fünfköpfige Familie ins „trübe“ Paris; das helle Licht Algers erblickte der Knabe weiterhin während den Ferien. Schliesslich kehrten alle zurück in die Heimat, doch sein grosser Bruder hat ihm dort bald mit Schlägen beigebracht, was ein Mann ist. Er aber verliebte sich in einen Salafisten, mit dem er fünf Jahre lang betete und studierte. Mitten im Algerischen Bürgerkrieg kam der Maturand 1995 durch den Terroranschlag der Islamisten in Alger zur Besinnung. Die Familie liess sich sofort in Marseille nieder, und Ludovic kehrte dem Islam den Rücken.

Aids-positiv mit neunzehn, hat der Wissenshungrige zuerst Psychologie studiert und sich dem Buddhismus zugewandt. Als Zahed auch in dieser Religion den Frauen- und Schwulenhass entdeckte, nahm er den Islam aus einem neuen Blickwinkel in Angriff, was zu seinem Doktorat „Les minorités sexuelles à l’avant-garde des mutations du rapport à l’Islam de France“ (Die sexuellen Minderheiten als Avantgarde der Beziehungsveränderungen des Islams in Frankreich) geführt hat. Jetzt war er der Avant-Gardist: 2010 gründete der Anthropologe Frankreichs erste Vereinigung homosexueller Muslime HM2F und 2012 die erste LGTB-Moschee (2012) in Paris. Seine 2010 in Südafrika besiegelte Ehe mit einem Mann ist 2014 in Brüche gegangen, auch darüber plaudert der hagere Feinfühlige offen. Alle Türen stehen ihm jedoch nicht offen: Für die Universitäten sei er zu schwul und zu islamisch, weshalb man ihm keine Professorenstelle gewähre. Das sei bitter, mache aber nichts, sagt er. Als freier Wissenschaftler in Marseille, bereise er jetzt die halbe Welt. Mehr dazu auf seiner Homepage www.calem.eu und in seinem Buch „Le Coran et la Chair“, Max Milo, Paris, 2012   (Bilder: zvg)