Erfolgreich und glücklich im Rhythmus der Chronobiologie

Wer seine inneren Uhren kennt und respektiert, ist leistungsfähiger, ausgeglichener und glücklicher.

Stört unser Lebenswandel das regelmässige Ticken unserer inneren Uhren, ernten wir einen Jetlag, schlechten Schlaf oder sogar eine Depression. Laut den Chronobiologen, die unsere biologischen Rhythmen seit hundert Jahren erforschen, laufen diese im Takt von 90 Minuten, 24 Stunden, 30 Tagen und einem Jahr. Tag und Nacht. Hormonproduktion und Körpertemperatur sind die wichtigsten Zeitgeber. Kennt und respektiert man sie, kann Stress abgebaut und die Leistung erhöht werden.

Vor zehn Uhr morgens etwas Druckreifes zu produzieren, entspräche einer geistigen Folter. Denn noch ist nur das Kurzgedächtnis in Fahrt, da sich die Körpertemperatur seit dem Erwachen noch im Ansteigen befindet. Das gleiche gilt für die Kinder. Doch erbarmungslos müssen die meisten ab 8 Uhr die Schulbank drücken. Singen oder spielerische Übungen wären das Richtige für sie, während sich die Morgenstunden im Büro zum lockeren Leeren der Mailbox eignen. Wichtige Antworten sollte man jedoch noch liegen lassen. Lange Sitzungen, Reden und alle Arbeiten, die ein vernetztes Denken verlangen, sind überhaupt vor zehn Uhr zu vermeiden.

Dank dem Anstieg der Körpertemperatur und des Zuckerspiegels im Blut sind wir nämlich erst zwischen zehn und halb zwölf zu Glanzleistungen fähig. Das ist der beste Moment für entscheidende Gespräche oder das Verfassen von komplizierten Dokumenten, denn jetzt spukt das Langzeitgedächtnis die notwendigen Informationen automatisch aus, die dort während den REM-Phasen des Schlafes gespeichert worden sind. Deshalb lohnt es sich auch für Kinder, einen Wortschatz, Gedichte oder eine Lektion am Vorabend kurz vor dem Schlafengehen auswendig zu lernen.

Das Aus nach dem Mittagessen

Da der 90-Minuten-Rhythmus unserer fünf Schlafphasen auch tagsüber weiter tickt, sollte alle eineinhalb Stunden eine Pause eingelegt werden, um effizient zu bleiben. Es reicht, frische Luft zu schnappen, etwas zu trinken oder sich kräftig auszustrecken. Nach dem Mittagessen um 14 Uhr ist es aber mit den Hochleistungen wieder ganz aus. Die Temperatur beginnt zu sinken; der Organismus ist mit der Verdauung beschäftigt. Jetzt sollte man sich die von Ärzten, Psychologen und Chronobiologen empfohlene, kurze Siesta (maximum 30 Minuten) gönnen. Verschiedene Studien haben bewiesen, dass die Leistung und die Kreativität anschliessend besser ansteigt als bei denjenigen, die kein Nickerchen gehalten haben.

Ab 15 Uhr gleiten alle in die nächste Hochphase und leiten prägnante Sitzungen, vertreten brillant ihre Standpunkte oder erbringen die wichtigsten, auch körperlichen Arbeiten des Tages. Kinder sind jetzt, ja mitten im Nachmittag fähig, mathematische Komplikationen oder grammatikalische Spitzfindigkeiten zu bewältigen. Bei sinkender Temperatur ab 16.30 Uhr erfreuen sich viele an zwei kreativen Stunden: Brainstormen, Komponieren oder Planen sind jetzt das Richtige.

Mehr als acht Stunden Arbeit pro Tag bezeichnen die Chronobiologen als ungesund. Wer doch noch abends an ein Event, eine Sitzung oder eine Versammlung muss, sollte unterwegs  in den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Entspannung die Augen schliessen oder den Weg zu Fuss zurücklegen, damit sich der Geist an neuen Impulsen erfreut. Um diesen fit zu halten, sollte man jedesmal einen anderen Weg wählen. Der dadurch notwendige Orientierungssinn regt die Hirnzellen an.

Jugendliche schlafen lassen

Die Kinder müssten um 20 Uhr im Bett liegen, was der Alltag kaum zulässt. Pubertierende Jugendliche hingegen finden oft vor 22 Uhr keinen Schlaf und sollte man eigentlich bis neun Uhr morgens schlafen lassen. Ansonsten haben wir unser individuelles, lebenslanges Schlafbedürfnis in den Genen. Ein reiner Tagesmensch muss um elf ins Bett, um fit zu bleiben. Die Frühaufsteher noch früher; die Nachtvögel etwas später. Zu welcher Gruppe man zählt, lässt sich ebenfalls am Thermometer ablesen: Dasjenige der Lerchen gibt morgens um sieben zwischen 36,8 und 37 Grad an, während es die Nachtmenschen nur auf 36,5 und 36,7 Grad bringen. Je nach dem verschieben sich entsprechend ihre effizientesten Tagesstunden um rund 90 Minuten.

Zudem: Dienstag und Mittwoch sind Hochleistungstage. Am Montag sollten wichtige Termine vermieden werden, denn das Wochenende mit mehr Schlaf oder einem verschobenen Rythmus bringt uns aus dem Gleichgewicht. Einwöchige Ferien sind zu kurz, und auch lange Sommerferien bringen unser Zeitgefühl durcheinaner. Die Chronobiologen geben je zwei Wochen im Herbst und Frühling den Vorrang, damit wir gesund und munter durch den Winter kommen.

Erfinder der modernen Jeans

Das Symbol der Rebellen gipfelt heute im Massentrend mehrerer Generationen. Das stört und ehrt François Girbaud, der Erfinder der modernen Jeans.

Zwei Modelle aus der Kollektion Closed and François Girbaud

Trotz seines Einflusses und seines spitzfindigen Geistes bleibt der Jeansfachmann, was er immer war: Der gute Kumpel von nebenan. Obwohl der Mann mit dem zottigen Bart und dem eifrigen Blick sein Leben lang über den atlantischen Ozean gependelt ist und heute in Los Angeles wohnt, spricht er noch immer im blumigen Akzent aus Frankreichs Südwesten. Dort ist François Girbaud in den 1940er Jahren in Mazamet aufgewachsen, eine Kleinstadt, die sich in der sorgfältigen Entfernung der Wolle von den Schafhäuten profiliert hat. Dort hat er sein erstes Geld als Koffermacher verdient und in einer Rock’n’Roll-Band gespielt. Die Bekleidungsindustrie und der Traum der unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas sollten sein ganzes Leben prägen. „Wir sind die letzten Zeugen“, meint er staunend nur einige Wochen nach Johnny Hallydays Tod, mit dem er einst die Jugend geteilt und den er noch vor kurzem in LA besucht hat. Die letzten Zeugen der Babyboomers, meint Girbaud, die sich einst in die Jeans verliebt haben, um sie nie mehr loszulassen. Denn es handelt sich dabei nicht um irgendeine Hose, sondern um ein Kultstück, mit dem der Träger oder die Trägerin verschmilzt. Eine regelrechte zweite Haut, in die man sich in den frühen Seventies zwängte, so hart war der Denim damals noch. Heute feiert das deutsche Label Closed sein vierzigjähriges Bestehen mit einer von François Girbaud entworfenen Sonderkollektion, alles lockere Teile mit Workwear-Einfluss für das moderne Citylife zu Fuss, auf dem Skateboard oder per Rad. Der Übergang ist fliessend: Einst Mit-Erfinder der Stonewashed und des Baggy inspiriert sich der Techniker Girbaud weiterhin an der Strasse. Auch das Label Closed hat er 1978 mit seiner Partnerin Marithé Bachellerie gegründet und später an die heutigen Besitzer in Hamburg verkauft.

Noch immer wollen die beiden über Siebzigjährigen keine Modedesigner, sondern Forscher und Erfinder sein. „Bildhauer“, sagt François Girbaud verkniffen, schliesslich gehe es darum, dem Körper mit der Bekleidung zu schmeicheln, ihm geschwungene Formen einzuverleiben. Immer in Jeans. Denn als Marithé mit ihren selbstgestrickten Ponchos im Saint Tropez der Brigitte Bardot grossen Erfolg hatte, gab es in der ganzen Welt nur drei Jeans: Die Levi’s für Cowboys und Goldjäger,

Jeansfachmann François Girbaud copyright Rahel Koerfgen

die Lee für die Baumwollfelder der Südstaaten und die Wrangler der Rodeos. Bald würde sich die Girbaud dazugesellen. Während François begann, Johnny und die halbe nach swingender Leichtigkeit suchenden Yéyé-Generation zu beraten und einzukleiden, wusch und wusch Marithé ihre Wranglers zuerst in einem kleinen Pariser Waschsalon von Saint- Germain –des- Prés, um sie geschmeidiger zu machen. Während andere  Chlor und Säuren einsetzten, um den bockigen Denim zu bändigen, suchten die Girbauds nach einer ökologischeren Prozedur. Ihre Erfindung „Stonewashed“, das heisst,  sie in riesigen Becken mit Vulkansteinen zu baden, die den Stoff bimsten, schuf zwar die bleichenden Substanzen ab. Doch: „Wir sind damit in ein grosses Fettnäpfchen getreten“, bekennt François. „Wir waren uns den enormen Wasserverschleiss nicht bewusst, sondern wollten einfach das Bürgertum foppen“. Dass man heute Jeans trägt ohne eine Botschaft zu verbreiten, findet er deshalb lächerlich. Sie demonstrierten in Jeans mit Jane Fonda gegen den Krieg im Vietnam oder mit den Punkern gegen die Konsumationsgesellschaft.

Als Tochter eines Radrennfahrers fuhr Marithé fort, eigene Schnitte zu auszuklügeln, um die einstige Hose der Minenarbeiter bequemer zu gestalten. Ihre „Pedal Pusher“ aus dem Jahre 1981 mit verkürztem Knöchel und Verstärkung im Sattelbereich wurde inzwischen dreissig Millionen Mal verkauft. Vor einigen Jahren hat sich François nach Los Angeles zurückgezogen, Marithé blieb in Paris. „Wir telefonieren dennoch täglich“, sagt die 73jährige schelmisch unter ihrer langen Stirnfranse hervor. Zu reden gibt es viel, denn er hält nicht inne, um die Denimindustrie ohne Wasserverbrauch und unter fairen Bedingungen in Bangladesch, Pakistan oder Mexiko anzukurbeln.  Nachdem die beiden in den Nullerjahren den Laser zum Bleichen und Strukturieren der Jeans eingesetzt haben, um Wasser zu sparen, tüftelt François weiter mit Sauerstoff und Zellulose. „Denn die Bio-Baumwolle macht nur einen schwindenden Prozentsatz der gesamten Baumwollproduktion aus, die extrem umweltbelastend ist“. Der Jeanserfinder mit der Kinderseele, der sich bei der Arbeit vergnügt, hält bereits stolz einen neuen Jeansstoff in der Hand und drängt, ihn zu berühren:  Ein geschmeidiger Stretchdenim, in den er den dehnbaren Faden vertikal und nicht horizontal einweben lässt. „Für einen besseren Sitzkomfort dank einem elastischen Knie“.

 

Von Kopf bis Fuss vegan

In der Ernährung ist der Veganismus längst ein Trend. Jetzt schwappt dieses Bewusstsein auf die Bekleidung über.

Maud und Judith Pouzin in ihrer Veganmodeboutique in Paris

Im elften Stadtviertel von Paris, ganz nahe der Bastille, gibt es eine rein vegane Käserei, eine entsprechende Konditorei und, seit einem Monat, eine vegane Modeboutique: „ManifesteO11“, ein kühler, puristischer Laden, haben die beiden Zwillinge Maud und Judith Pouzin gegründet, weil die beiden schwarzhaarigen Veganerinnen den herkömmlichen Fashionkommerz satt hatten. Als Fastfashion bezeichnet man heute, die kurzlebigen, oft billigen Kleidungsstücke der grossen Vertriebe wie H&M, wo sich einst auch die beiden Verfechterinnen der neuen Mode eingekleidet haben. „Denn die Mode lieben wir seit je her. Als wir uns aber anders kleiden wollten, fanden wir nicht, was wir suchten“, erzählt Maud, eine Schnellsprecherin, die bis anhin in der Kommunikation gearbeitet hat. Fast politisch, sei ihr Vorgehen, das sich gegen die Tierhaltung und –ausbeutung der Nahrungsindustrie wehre, von der auch die Bekleidungsindustrie betroffen sei. Klar findet man deshalb in ihrer Veganboutique weder Leder noch Pelz, sondern vegane Taschen aus recycelten Velopneus oder schneeweisse Schuhe aus Ananasfasern.

Den Veganern geht es aber ganz allgemein um eine nachhaltige Mode, die sich langsam durchsetzt. Denn die Modeindustrie ist weltweit, nach der Erdölindustrie, der zweigrösste Umweltverschmutzer. Vor allem weil der Baumwollanbau Unmengen an Wasser und Pestiziden verschlingt. Deshalb sind alle Stoffe bei „ManifestO11“ entweder biologisch oder aus recyceltem Material: Elastische, halbdurchsichtigte Bio-Strumpfhosen mit Eukalyptusfasern (Tencer) oder schlammgrüne Handtaschen aus recycelten Plastikflaschen. Zu dieser Moderevolution zählt zudem das Up-Cycling, das aus alten Kleidern neue schafft wie es das Berliner Label „Fade Out“ macht. Aus alten Jeans werden neue Klamotten als Einzelstücke genäht oder ausgediente Berufsbekleidung zu hipper Workingwear verwandelt. „Wir wollen beweisen, dass die Veganmode kreativ sein kann“, meint Maud während einer Tasse Kaffee in ihrer Boutique, deren Beleuchtung mit erneuerbaren Energien gespeist und nachts gelöscht wird.

Alle Sachen sind für sie und ihn. In Kürze wird auch die nachhaltige Unisexmode des Zürcher Labels „Mamquam“ ManifestO11-Sortiment sein. Man findet bereits jetzt wahre Designerstücke wie der flauschige Organic-Cotton-Mantel mit Leinen und Eukalyptus der Britin Martine Jarlgaard (1200 Euros) oder simple T-Shirts aus portugiesischer Bio-Baumwolle  (30 Euros) der Marke „Colorful Standard“. Doch kann man wirklich auf Leder verzichten?  Das für Schuhe und Hosen eingesetzte Polyurethan als Alternative ist fragwürdig. Die dazu verwendeten Salze und Ester der Carbamidsäuren können sehr giftig sein. Doch auch diesen Aspekt, verspricht Maud, umgehend unter die Lupe zu nehmen.

Boutique ManifestO11, 14 Rue Jean-Macé, 75011 Paris

Man packt alles in die Hose

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Als wäre es das Natürlichste der Welt, schiebt der zehnjährige Marcello morgens seinen Pulli säuberlich in die Jeans. „Nimm mir den sofort wieder heraus“, protestiert der Vater, ein Parisien, der glaubt, den guten Geschmack zu kennen. Doch der Mittefünfziger ist ein Hasbeen. Als Gamer und Skater mit tief ins Gesicht fallenden Haarsträhnen surft nämlich sein Sohn  auf der trendigen Welle. Die Laufstege der Pariser Fashionweek haben es bewiesen: Im nächsten Winter wird der Pullover, sei er noch so dick, in der Hose verstaut. Dass es der Feine mit dem Rollkragen sein darf, scheint auf den ersten Blick gerade noch akzeptabel, denn er macht die Schlanken noch attraktiver. Der gleiche Effekt wird mit einem Ringelpulli erreicht, wenn er wie nahtlos in eine blaue Hose gleitet. Der Bogen in der Hose kann aber herzhaft viel weiter gespannt werden, indem dicke Noppen oder flauschige Maschen in Himbeerrot, Blau oder sehr femininer Jade in einen schmalen, an der Hose angenähten Gurt eingeschnürt werden. So gut wie alles, wird von der Hose verschlungen: Pullunder, Sweater, Gilet und warum nicht, der Bomberblouson?

So abwegig ist die Sache nicht. Den ganzen Bund und Laden des erzmännlichsten Kleidungsstückes zu sehen, wirkt echt sexy. Mann zeigt, was er in der Hose hat. Rebell James Dean hat es in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ 1955 vorgemacht. Allerdings mit dem weissen T-Shirt. Diese Sexiness haben jedoch die Rock-Hippies Jimi Hendrix und Mick Jagger weiter ausgelotet. Als Modeikone und Verfechter der sexuellen Befreiung versenkte der  Leader der Rolling Stones seinen Pulli 1967 hinter einer schimmernden Goldschnalle. Und wer erinnert sich nicht an John Travoltas einzigartige Figur auf dem Tanzparkett? Dank dem Kultfilm Saturday Night Fever, der in den späten Fifeties spielt, ist der Pulli als weltweiter Mainstream in der Hose verschwunden. Das hat die ursprüngliche Botschaft verwässert. Mit der Sexualität der heterosexuellen Männer hat sich die Mode in den letzten Jahrzehnten gar nicht befasst. Der japanische Minimalismus mit seinem übereinander geschichteten Purismus hatte diesem aufregenden Funken ein Ende gesetzt. Nicht für lange und präzis im richtigen Augenblick: Nach dem Harvey-Weinstein-Skandal drängt sich die Diskussion über die sexuellen Grenzen auf. Die Jungen und die Alten sind sich nicht einig. „Kommt mir nicht in Frage“ hat Marcello zu seinem Vater gesagt, der aber nun doch in Betracht zieht, sich im nächsten Winter eine dieser karierten Flanellhosen zu beschaffen, in denen der dicke, beige Rollkragenpulli toll aussieht, und, wer weiss, in eine neue Ära führt.

Modegierige Männer

Nur zu. Formelles mischt sich heute problemlos mit Street- oder Workingwear. Die Freiheit ist da. Und der Mann besitzt endlich auch den notwendigen Mut.

Julien David copyright Raphael Lugassy

Für die Millionen, wenn nicht Milliarden junger Männer, die in den Agglomerationen der Grossstädte wie London, Madrid, Zürich oder Peking, Los Angeles oder Tokio leben, stellt sich die Frage gar nicht. Für sie ist ein gestylter Look völlig normal. Sie haben den Modemut im Blut. Deshalb wurde die Pariser Men-Fashionweek am letzten Wochenende zum wahrhaftigen Happening. Alle Stühle entlang der Laufstege  waren bis auf den letzten Platz besetzt. Bei bester Stimmung haben sich die Männer aus aller Welt an kreativ hochstehenden Schauen für die Mode des Winters 2018/19 inspiriert. Man traf sich beim Edellabel Hermès‘ rund um lauschige Lagerfeuer inmitten eines renovationsbedürftigen Kreuzganges, wo bunte Berglandschaften Pullis und Reisetaschen zierten. In der cleanen Garage des Jungdesigners Julien David hingegen haben die Models ganz witzig in maskierten Hundemasken den trendigen Oversize, Coolness und durchsichtige Regenschütze aus Silikon präsentiert. Sogar bei der Entertainerin Agnes b. war der Andrang so gross, dass sie drei Schauen veranstalten musste. Lanvin erntete tosenden Applaus. Kurz: Die Männer sind begeistert und suchen so mutig wie fast noch nie ihren ganz persönlichen Stil.

„Es findet eine Explosion statt, die eines Tages die Damenmode überrunden wird“, ereifert sich sogar Riad in einer Pariser Tiefgarage an der edlen rue de la Paix, wo sich der Showroom von Nïuku befindet. Der 40jährige Modedesigner gehört zum Dreierteam dieses Junglabels, das wie acht andere Newcomer zum ersten Mal offiziell lief, sozusagen aus dem Underground ins Rampenlicht. Während andere Junglabels absichtlich in den Männermodemarkt einsteigen, weil er weit weniger von den grossen Modegiganten beherrscht wird als bei den Damen, bezeichnet der zweite im Bund, Lenny, die Nïuku-Klamotten als genderless (geschlechtslos). „Viele Frauen kaufen heute Männerkleider“, schmunzelt der Franzose, an dessen Show sich hochkarätige Moderedaktoren, eine äusserst schicke Stadtjugend und stilvoll gekleidete Blacks die Sitz- und Stehplätze streitig gemacht haben, um einen Blick Mode zu erhaschen, die nie langweilt. Man meint, man sehe Vintage und dennoch ist alles neu.

Lenny Guerrier und sein Partner Riad im Showroom ihres Labels Nïuku copyright esther haldimann

Lenny und Riad stammen ursprünglich aus den Banlieues. Seit dem „R“ von Raf Simons auf den Adidas-Turnschuhen interessiere sich auch die urbane Vorstadtjugend für die Highfashion, erklären sie. Ihr Kult für Hoodies, Bombers und Markensneakers, Street- und Workingwear oder eigens auf dem Flohmarkt zusammengestellte Looks hat inzwischen die Laufstege und den Durchschnittsmann erreicht, um alles zu Formelle zu ergänzen.

Sir Paul Smith

Denn der Mann ist heute modemutig, weil sein Ego seit einem Jahrhundert leidet. Einst eine Modeikone mit rauschenden Krägen (Renaissance), hohen Absätzen, die auch bei den Eidgenossen im 16. Jahrhundert Gang und Gäbe waren, oder Mozartzöpfen (Aufklärung), haben die Kriege den Mann zur Uniform verknurrt. Deshalb mauserte sich der Anzug mit Krawatte nach dem zweiten Weltkrieg nahtlos zur Berufsuniform. Ein Zwang aus dem sich das männliche Geschlecht endlich befreit, um sein wahres „ich“ zu kleiden. „Sein Mut reift seit zwanzig Jahren“, beobachtet der britische Modedesigner Sir Paul Smith. Es ist sein Landsmann David Beckham gewesen, der auf dem Fussballplatz plötzlich einen neuen Look mit Tattoos, Schmuck und gestylter Frisur inszeniert hat. Man nannte diese neuen Männer die Metrosexuellen, die sich mit Masken und Cremen die Haut pflegten. Dann haben die Hipster und Lambersexuellen mit Extravaganz und Coolness den Männern Mut zur lockeren Interpretation ihrer selbst gemacht.

„Sie sind heute mutiger, weil sich die Welt verändert hat, weil sie freier sind.  Lockere Dresscodes werden jetzt in

Carol Lim (Kenzo) copyright esther haldimann

vielen Betrieben akzeptiert. Mit T-Shirts, Jeans, Sneakers oder Formellem kleiden sich die neuen Männer heute aus Freude, nicht mehr aus Zwang“, meint Carol Lim, die als Chefdesignerin zusammen mit Humberto Leon Kenzos alten Stil mit Street- und Workingwear erfolgreich aufpeppt. Beide pendeln zwischen Paris und New York, stammen aber aus Los Angeles, deren Underground seit Jahren in der Mode den Ton angibt und wo auch Stardesigner Hedi Slimane lebt, der diese Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen rockigen Anzügen bei Dior eingeleitet hat.

Sneakers zum Anzug sind seither ein Must und kein Fehltritt. Überhaupt dominiert die Schale nur noch unter den Spitzenpatrons am Davoser Weltwirtschaftsforum oder in der Politik, wo jedoch in Frankreich die „Insoumises“ (Widerspenstigen) rund um den saloppen Jean-Luc Mélanchon bei ihrem Einzug in die Nationalversammlung auch deren bisherigen Dresscode abgeschafft haben.

Paris ist im Winter eine Reise Wert

Nie strahlt die Seinestadt so märchenhaft wie im Winter. Hier ein paar Insider-Tipps für einen magischen Aufenthalt.

Von anfangs Dezember bis Ende Januar strahlt Paris in einem berauschenden Lichtermeer, das die romantischste Stadt der Welt noch sinnlicher macht. Jedes Quartier schmückt seine Strassen, Gassen und Rathäuser im lieblich-kitschigen Weihnachtszauber der Fünfziger Jahre. Ein blauer Glitzerregen fällt auf den Boulevard Haussmann, wo zarte Klänge vor den grossen Warenhäusern ertönen. Vor deren Schaufenster staunen die Kinder dicht gedrängt mit glühenden Wangen, denn hinter … Lire la suite

Deutschweizer Spielklub für Kinder in Paris

Grüezi – Sind Sie im Grossraum Paris lebende Deutschschweizer Eltern und möchten, dass Ihre Knirpse mit anderen Schweizer Kindern ihre sympathische Muttersprache lernen oder ausleben? Dann melden Sie sich doch bitte. Zwei Schweizer lancieren einen Spielclub für Kinder im Alter von 5-10 Jahren! Kontakt: haldimann@orange.fr

Cercle suisse-allemand de jeux pour enfants à Paris 

Bonjour – Avez-vous envie que vos enfants parlent le suisse-allemand? Deux Suisses à Paris lancent un cercle de jeu pour des enfants de 5 à 10 ans afin que les bambins d’expatriés suisses-alémaniques apprennent ou vivent leur charmante langue maternelle! Contact: haldimann@orange.fr

Schaufenster zur Traumwelt

Im digitalen Zeitalter wird das Schaufenster zum Bühnenbild.  Darin ist Leïla Menchari Pionierin. Seit 40 Jahren verwandelt sie Hermes‘ Vitrinen in Traumwelten.

 

Unabsichtlich hat die heute 90jährige Künstlerin den aktuellen Trend ausgelöst: Während 40 Jahren zauberte die gebürtige Tunesierin ihre Kindheitserinnerungen saftig grüner Gärten, unheimlicher Höhlen oder blendender Strände in die Schaufenster von Hermès‘ Hauptgeschäft am ehrenwerten Faubourg Saint Honoré in Paris. Zwar ist Leïla Menchari  vor vier Jahren in Pension gegangen, ihre Vitrinen jedoch, die jetzt mit einer Ausstellung geehrt werden, bleiben weltweit ein Begriff. Sogar Leute aus der Provinz oder dem Ausland kamen absichtlich zum edlen Lederlabel, einzig mit dem Ziel, sich vor dem Schaufenster aus dem Alltag schnippen zu lassen, staunend wie ein Kind: Lire la suite

Neustart bei Lanvin

Frankreichs ältestes Modehaus kämpft um sein Überleben: Der neue Designer Oliver Lapidus soll die Marke zurück in die Gewinnzone führen.

LANVIN ready to wear spring summer 2018
Paris fashion week september 2017

Lanvin, Dior, Saint Laurent,  Balmain….all diese berühmten Modeplayer bestehen in Paris seit mehr als fünfzig Jahren und müssen nach dem Tod ihrer Gründer an den Fashionweeks stetig für neue Highlights, für das Weiterblühen ihrer Marke kämpfen. Dazu werden die weltbesten Modeschöpfer eingestellt oder entlassen, wenn sie nicht an die Erfolge ihrer Vorgänger anknüpfen können. An der Pariser Fashionweek war für Lanvins neuer Couturier Olivier Lapidus die erste Show gleich ein doppelter Challenge: Der charmante 59jährige muss das älteste französische Label in die Moderne führen und gleichzeitig die Kundinnen zurücklocken, die seit Alber Elbaz Weggang ausbleiben. Lire la suite

Christian Dior: Masslos und unvergänglich

Die Ausstellung Christian Dior – Couturier du Rêve im Pariser Musée des Arts décoratifs ist ebenso grossartig wie die 70jährige Geschichte des weltberühmten Labels.

Unter zwei Stunden kommt niemand wieder hinaus. Das Ausstellungsangebot ist uferlos, genauso masslos und doch pedantisch wie es der 1905 in der Normandie geborene Christian Dior gewesen sein muss. Müde und leer wirkt allerdings sein Blick auf allen ausgestellten Fotos und Gemälden. Denn der ursprüngliche Student politischer Wissenschaften, Zeitungsillustrator und Galerist musste bereits mit einigen Schicksalsschlägen leben, als er 1946 sein Modehaus an der Pariser Avenue Montaigne eröffnete: Seine Mutter, die ihm mit ihrer grossbürgerlichen Eleganz das Modeflair eingehaucht hatte, war 1931 gestorben; sein Vater, ein Düngerfabrikant, in Konkurs gegangen. Nicht nur Christians späterer Freund, der Surrealist Jean Cocteau hat „Dior“ mit Gott und Gold (Dieu et Or) verglichen. Mit „Diors Dünger ist Gold Wert“ hatte schon Papa Reklame gemacht. Umsonst. Lire la suite