Schaufenster zur Traumwelt

Im digitalen Zeitalter wird das Schaufenster zum Bühnenbild.  Darin ist Leïla Menchari Pionierin. Seit 40 Jahren verwandelt sie Hermes‘ Vitrinen in Traumwelten.

 

Unabsichtlich hat die heute 90jährige Künstlerin den aktuellen Trend ausgelöst: Während 40 Jahren zauberte die gebürtige Tunesierin ihre Kindheitserinnerungen saftig grüner Gärten, unheimlicher Höhlen oder blendender Strände in die Schaufenster von Hermès‘ Hauptgeschäft am ehrenwerten Faubourg Saint Honoré in Paris. Zwar ist Leïla Menchari  vor vier Jahren in Pension gegangen, ihre Vitrinen jedoch, die jetzt mit einer Ausstellung geehrt werden, bleiben weltweit ein Begriff. Sogar Leute aus der Provinz oder dem Ausland kamen absichtlich zum edlen Lederlabel, einzig mit dem Ziel, sich vor dem Schaufenster aus dem Alltag schnippen zu lassen, staunend wie ein Kind: Lire la suite

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

Der Schritt ins Unbekannte, der sich meist auszahlt : An der Pariser Fashionweek zeigten hochkarätige Marken die Kollektionen ihrer neu eingestellten, weltbesten Chefdesigner.

Dior_AW1516 - Group shotRaf Simons pour Christian Dior  copyright: Dior

Ganze neun Tage dauerte diesmal die Pariser Fashionweek mit einer neuen Herbst- und Wintermode, die Biss hat : Aalglatte Schaftstiefel verwandeln sich zu Strümpfen. Pelze und Häute, Motive und Farben aus der Savanne oder dem Urwald drücken das Tierische, das Unvorhergesehene, das Ungewisse der Frau aus. Ebenso ungewiss spielen die weltweiten Modeplayer, wenn sie neue Chefdesigner einstellen. Kering und LVMH aus Paris, der Barceloner Konzern Puig sowie Renzo Rossos italienische Holding « Only the Brave » buhlen für ihre diversen Marken um die weltbesten Modedesigner. Auch das an der Pariser Börse notierte, über 170jährige Familienunternehmen Hermès International, führt  zwar wie Chanel kein solches Marken-Portefeuille…, Lire la suite

Neid, Gier und Designerwechsel im Superluxus

Der Champagner fliesst. Die Blicke der Fashionitas glänzen vor Aufregung : 93 Modelabels zeigten Ende September auf den Pariser Catwalks ihre Frühlings- und Sommermode . Hinter den Kulissen aber werden eiskalte Modekriege geführt.

An der Pariser Fashionweek haben die Labels des Superluxus das Sagen. Weit weniger glamourös als ihre Kollektionen kreuzen die Modekonzerne hinter den Kulissen ihre Schwerte. Nach einem vierjährigen, gnadenlosen Streit haben Hermès und Louis Vuitton anfangs September das Kriegsbeil zumindest vorübergehend begraben. Die beiden Luxusmarken sind direkte Konkurrenten. Beide sind vor mehr als 150 Jahren in Paris mit Lederwaren ins Geschäft eingestiegen. Hermès lancierte seinen Prêt-à-Porter 1975. Louis Vuitton stellte im Jahre 2000 als Chefdesigner den amerikanischen Wunderknaben Marc Jacobs ein. Innert dreizehn Jahren hat der lässige New Yorker dem Luxuslederwarenhersteller ein innovatives Modeimage verpasst. Sein Prêt-à-Porter macht zwar nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die begehrten Shows befriedigen dennoch das Ego der betuchten Kundschaft. Dass Jacobs die Firma vor einem Jahr verliess, um sein eigenes Label für den Gang an die Börse fit zu machen, war für LVMH-Chef Bernard Arnault kein Grund zur Trauer : Seiner Tochter Delphine ist der brillante Schachzug gelungen, mit Nicolas Ghesquière frisches Blut und nahtlose Perfektion einzustellen.

Denn Ghesquière ist ein As. « Der beste seiner Generation », meint Suzy Menkes, die einflussreiche Moderedaktorin der Herald Tribune. Der 43jährige Nordfranzose weiss, was er will, plant minutiös und entwirft haarscharf. Vuittons neuer Creative Director beherrscht die modische Architektur des weiblichen Körpers ebenso gut wie Cristobal Balenciaga, der Gründer von Ghesghières Ex-Arbeitgeber. Der Stardesigner verliess seinen Chefdesignerposten bei Balenciaga im November 2012 mit der stolzen Abfindung von 6,5 Millionen Euros, nachdem er das alte Pariser Modehaus zu einem der begehrtesten und geheimnisvollsten Labels geschliffen hatte. Die Abfindung war allerdings mit einer Schweigeklausel verbunden, die Gesquière schamlos übersah. Der stets gelassene Modedesigner warf in den Medien Balenciaga vor, nur am geschäftlichen Resultat interessiert gewesen zu sein. Skrupellos hätte die Chefetage ihn ausgenutzt. Die Kering-Gruppe, der Balenciaga angehört, zitierte ihn vor Gericht und verlangt sieben Millionen Euros Schadenersatz. Während das Schlichtungsverfahren noch in Gange ist, fiebern Ghesquières weltweite Fans – allen voran Charlotte Gainsbourg und Anna Wintour – dem nächsten Mittwoch entgegen, an dem « Nicolas » zum zweiten Mal den Catwalk von Louis Vuitton betreten und seine intelligenten, nicht sofort erfassbaren Entwürfe enthüllen wird. Und das nur sechs Stunden bevor Christophe Lemaire seine letzte Kollektion und für das Hause Hermès preisgeben wird.

Ueber Lemaires Rücktritt lacht sich Bernard Arnault ins Fäustchen. Denn der Verlust seines Damenmodedesigners trifft Hermès’ CEO Axel Dumas kurz bevor er endlich den unerbittlichen Zweikampf mit Arnault aus dem Wege geschafft hat : Seit vier Jahren knabbert Vuittons ehrbarmungsloser Präsident gierig soviele Hermès-Aktien wie möglich. Es gelang Arnault gar, 23 Prozent der Anteile seines grössten Konkurrenten einzustecken. Ein Affront, der in Hermès’ solidem Modehaus einem Erdbeben gleichkam. Um eine allfällige Uebernahme der Aktienmehrheit zu vermeiden, hat sich die Familie Hermès vereint und 51 Prozent des Kapitals für zwanzig Jahre blockiert. Wegen seines heimlichen Einstiegs in Hermès Kapital wurde Arnault von der französischen Börsenaufsicht zu einer Busse von acht Millionen Euros verknurrt. Nun haben der LVMH-Patron und Dumas ihren sogenannten « Handtaschenkrieg » ebenfalls in einem Schlichtungsverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beendet. Arnault hätte sich nämlich gerne ein Stück von Hermès’ Handtaschenmarkt abgeschnitten. Die bis zu 60 000 Euros gehandelte « Birkin » oder « Kelly » sind in der in der Highsociety ein Must und ein gesuchtes Sammlerstück. Vuittons ebenfalls luxeriösen Taschen haben nie diesen exklusiven Ruf erreicht.

Die beiden werden sich jedoch kaum aus den Augen lassen. Arnault muss zwar seine Hermès-Anteile an die LVMH-Aktionäre ausschütten und darf keine weiteren erstehen, allerdings lediglich während fünf Jahren. Diese Einigung kam genauso überraschend wie die Trennung von Christophe Lemaire. Der Abschied ist umso bitterer als dass der vor vier Jahren von Lacoste kommende Modeschöpfer an Hermès sagenhaftem Erfolg beteiligt ist. „Ich bin Christophe Lemaire sehr dankbar für die Leidenschaft, mit der er den Charakter der Damen-Prêt-à-porter bereichert hat. Unter seiner artistischen Leitung hat dieses Metier seine Ästhetik neu definieren können und sehr erfreuliche finanzielle Resultate hervorgebracht », erklärt Axel Dumas. Tatsächlich ist Hermès’ Reingewinn im ersten Semester dieses Jahres um 8 Prozent gewachsen. Für das Jahresende scheint die erstmalige Ueberschreitung der 4 Milliarden-Umsatzmarke nicht unmöglich. Doch der aus Besançon stammende Lemaire denkt an sein eigenes Geschäft. « Meine eigene Marke wächst signifikant und ich muss und möchte mich ihr nun vollständig widmen können“, sagt der 49jährige mit Recht, denn auch sein Vorgänger Jean Paul Gaultier hatte während seinem Engagement bei Hermès weder Zeit noch Kraft, um sich gebührend seiner eigenen Firma zu widmen. Das einstige « enfant terrible » der Modeszene muss jetzt sogar seinen Prêt-à-Porter einstellen. Sein weltberühmter Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Nur noch Haute Couture und Parfums.

Die Wahl von Lemaires Nachfolgerin ist ebenso verblüffend wie dessen Rücktritt. Denn die 36jährige Nadège Vanhee-Cybulski ist dem breiten Publikum kein Begriff. Sie tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Die diskrete Französin entwarf im Maison Martin Margiela und an der Seite von Phoebe Philo bei Céline bevor sie das Studio der jungen, amerikanischen Marke The Row in New York führte. Die entspannte, zeitlose, ja fast prüde Schlichtheit der Unbekannten passt allerdings gut in Hermès Konzept, dürfte aber die Aktionäre weniger begeistern. Oder lacht zuletzt Alex Dumas am besten ? Denn Vanhee-Cybulski passt tadellos in Hermès’ offizielles Image, das absichlich und ganz im Gegenteil zu Bernard Arnault auf Effekthascherei und Starkult verzichtet.

27.9.2014

Hermès hält sich souverän

Während andere Luxuslabels Leute entlassen oder rote Zahlen schreiben, stellt die Hermès Gruppe Personal ein. Die interne Präsenz der Familie, lebenslange Qualität und verspielte Kreativität sind ihr Erfolgsrezept.

Hermès 2013

Legendäre Handtaschen wie die “Birkin”, geniale Ideen wie das in einem Couvert verschwindende Lederschachspiel oder die federleichte Daunenjacke, die man in eine Umhängetasche knüllt: Wer sich Hermès leisten kann, kauft keine Mode, sondern einen Stil, ein Statussymbol. Wer schon möchte nicht auch ein Stück Hermès besitzen? Das Firmensiegel “H” ist zwar selten ostentativ. Am Pariser Firmensitz des Faubourg Saint Honoré, wo sich Charles-Emile Hermès 1880 niedergelassen hat, wähnt man sich unprätentiös, gar distanziert. Pomp und Glamour sind ein Fremdwort in der gediegenen und dennoch behaglichen Athmosphäre. Bis heute ist die protestantische Moral erhalten geblieben. Es wird nicht von Luxus gesprochen, sondern von kreativem Handwerk. Das Hause investiert wenig ins Marketing, sondern in die “Exzellenz des Produktes” und somit auch in entsprechende Handwerkbetriebe wie die Cristallerie in Saint-Louis, den Schweizer Uhrmacher Vaucher aus Fleurier oder die TCIM (Tannerie des cuirs d’Indochine et de Madagascar), ein Spezialist in der Gerbung exotischer Leder. Deren Verarbeitung stellt dann doch kein moralisches Hindernis dar. Wie dem auch sei: Gerade jetzt in der Krisenzeit bevorzugen die Luxuskunden Topqualität und verzichten auf Schnickschnack. Und ein Hermèsprodukt kann ein lebenslanger Partner sein.

Im Krisenjahr 2008 schuf das emblematische Pariser Modehaus 439 Stellen. Fast 8000 Menschen arbeiten somit weltweit für die Edelmarke, die 2012 den berauschenden Gewinn von 740 Millionen Euros erreichte. Mit einem Umsatz von 3,48 Milliarden Euros ist der französische Konzern einer der wichtigsten globalen Modeplayer. Er serviert keine schnell vergänglichen Trends, sondern erweitert kreativ die über 150jährige Familiengeschichte. Die Firma ist zwar in Paris an der Börse kotiert, doch die heutige 5. und 6. Generation dieser kinderreichen Familie besitzt nicht nur die Aktienmehrheit. Mehrere Erben arbeiten am Faubourg Saint Honoré als Direktoren einzelner Abteilungen und leiten die Kreation.

Seit dem Rücktritt von Jean-Louis Dumas im Jahre 2006 führte allerdings erstmals ein « Fremder » das Traditionshaus, dessen Grundstein Thierry Hermès anno 1837 mit Zaumzeug gelegt hat. Als ehemaliger Generaldirektor (1989-1997) und Co-Leiter seit 2004 zählt Patrick Thomas jedoch so gut wie zur Familie. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er die Nachfolge eines Familienmitgliedes vorbereite. Nun hat Dumas Neffe Axel die Führung des Konzerns übernommen. Sein Vetter Pierre-Alexis Dumas den Posten des Artdirectors. Von 2003 bis 2010 peppte Jean-Paul Gaultier die manchmal langweilig anmutende, schlichte Eleganz von Hermès Damenmode mit Humor und etwas Sexiness auf.  Gleichzeitig vernachlässigte der berühmte französische Couturier jedoch sein eigenes Label, weshalb er Hermès verliess. Ueberraschend rief der Konzern Christophe Lemaire ans Ruder der Damenmode. Der Franzose hatte während zehn Jahren die Kreation bei Lacoste geleitet. Im Minimalismus und Unisex verhaftet, gleiten seine Entwürfe nahtlos in Hermès’ diskretes Reich, wo Véronique Nichanian seit über zwanzig Jahren mit mutigen Entwürfen dem wohlsituierten Mann ein Stück Mode und Zeitgeist beibringt.  Fast die Hälfte des Umsatzes wird jedoch mit der Maroquinerie erzielt. Nichtsdestotrotz steigt auch der Parfumverkauf dank Knüllern wie “Kelly Calèche” oder “Terre d’Hermès”, ein würziger Saft für starke Männer.

Obwohl die Hermès Gruppe mit Extras wie die Innengestaltung eines Bugattis, Smarts oder Helikopters diversifiziert, bleibt sie ihren historischen Grundsatzbereichen (Pferde, Reise, Automobil) treu. Ihre Strategie ist Teil der Erfolgsgeschichte: Sie kauft nicht wie ihre Konkurrenten andere Modelabels, höchstens Anteile (etwa Gaultier). Sie investiert vor allem in die eigenen, rund dreihundert Läden. Oft kauft Hermès gleich das ganze Gebäude.

Die Aktie Hermès steigt im Gleichschritt der Gerüchte, eines oder mehrere Familienmitglieder würden verkaufen. Als potentieller Käufer wurde regelmässig der Patron der Luxusholding LVMH, Bernard Arnault, gehandelt. Dieser hat es kürzlich geschafft, in Hermès’ Aktienkapital einzusteigen, was einen Finanzkrieg und verbale Schlagabtausche zwischen Arnault und der Hermès-Direktion ausgelöst hat. Laut einem Gerichtsentscheid hat Hermès das Recht erhalten, die familiäre Aktienmehrheit zu schützen. Doch Arnault besitzt inzwischen dennoch mehr als 20 % der begehrten Hermès-Aktien.

Paris, September 2013  – Bild: Hermès zvg