Die Fashion stellt auf grün um

Mit dem Fashionpakt und dem Programm LIFE stellen die grossen Modeplayer die Weichen für umweltbewusste Kleider.

Klar wird es noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis wir völlig entspannt Hoodies, Anzüge oder Abendkleider tragen, die weder der Umwelt, der Artenvielfalt, dem Tier noch den Beschäftigten in der Textilindustrie schaden. Vom Rohstoff über die Produktionsketten und die Transportwege bis zur Ausstattung der Läden, alles soll nun bald aber tiergerecht und nachhaltig werden. Die Modegiganten, die wie Chanel, Hermès, Gucci oder Saint Laurent,  aber auch H&M, Gap oder Carrefour, den Fashionpact unterschrieben haben, engagieren sich, die CO2-Neutralität erst 2050 zu erreichen. Bis 2030 aber wollen sie auf 100 % erneuerbare Energien umstellen, was imponiert, für die Modehersteller jedoch nicht verbindlich ist. Sie müssen dennoch jährlich ihre eingeführten Massnahmen an einer Versammlung bezeugen. Emmanuel Macron persönlich erwartet Resultate, insbesondere was den Respekt der Artenvielfalt, den Schutz der Ozeane und die Begrenzung des Klimaeinflusses betrifft. „Der Textilsektor ist für einen Drittel der Verschmutzung der Ozeane verantwortlich“, donnerte der elegante französische Staatschef ungewohnt heftig Ende August am G7 Gipfel in Biarritz, wo er den Fashionpact enthüllte. 30 internationale Modeakteure und rund 150 Labels haben unterschrieben, dem verschwenderischen Kleiderkonsum und dessen extrem umweltbelastenden Herstellung den Riegel schieben.

Denn die Fastfashion hat die Textilproduktion in den letzten 15 Jahren verdoppelt und zur zweitgrössten Umweltverschmutzerin gemacht. Unsere Bettwäsche und unser Kleiderschrank produzieren weltweit  jährlich 1,2 Millionen Tonnen Treibhausgas. Ganz zu schweigen von der Gewässerverschmutzung durch Färben und Waschen, dem extrem hohen Einsatz von Pestiziden in den Baumwollkulturen oder alle chemischen Fasern, die einen Drittel aller Mikroplastikpartikeln den Meeren beisteuern.

Entsprechend grüne Initiativen finden aber seit einem Monat an den Fashionweeks von New York, Mailand, London und Paris nicht auf dem Laufsteg, sondern am Verhandlungstisch statt. Paris brodelt mit Roundtables, Showrooms und Modemessen, um den Umweltschutz in allen Facetten einzuleiten.  London lancierte sein noch vages Positive-Fashion-Weissbuch, das sich bis in die Schulprogramme auswirken soll.  Mailand hat mit dem Green-Carpet-Fashion-Award nicht nur die umweltbewusstesten Modedesigner ausgezeichnet;  Gucci gab auch bekannt,  die Klimaneutralität bereits erreicht zu haben.  Das erfolgreiche Label kompensiert seine CO2-Emmissionen dank Projekten zum weltweiten Schutz der Wälder. Das florentinische Modehaus gab ebenfalls an, die ganze Beschaffungs- und Produktionskette nachhaltig zu gestalten und will auf organische Fasern oder nachhaltige Materialien fokussieren.

Die Greta Thunberg der Mode

Noch sind aber die reinen Oeko-Labels eine Nische, die es im Internet oder an Messen aufzuspüren gilt. Veja und Jerome Dreyfuss sind die Pioniere für Bio-Leder. Misericordia bezahlt  seit je her faire Löhne. Auf dem Laufsteg gibt es aber nur eine, die durch und durch grün ist und wie eine Greta Thunberg der Mode den Weg weist: Stella McCartney. Die Tochter von Ex-Beatle Paul besitzt die Prominenz, um von anderen Promis angehört zu werden.  „Ich werde weder Leder, noch Pelz, noch Federn einsetzen“, hat die heute 48jährige  schon vor zwanzig Jahren in der Chefetage des Luxuskonzerns Kering – damals noch PPR – während ihres Vertragsabschluss festgehalten. Als Vegetarierin, die auf einer Farm aufgewachsen ist, dominiert bei ihr der Tierschutz. Die Stardesignerin  tüftelt aber auch mit Stoffabfällen und pflanzlichen Ölen, um geschmeidiges  Vegan-Leder zu gewinnen wie man es von ihren Falabellabags kennt. Sie macht aus Stoffresten und den aus den Meeren gefischten Plastikflaschen eine neue Faser, die auch beim Stan Smith Vegan zum Ausdruck kommt. Leimfreie Sneakers sind ihr nächstes Ziel. Mit Adidas entwickelt die Topdesignerin ganze Linien nachhaltigen Sportswears.

Die populäre Modeikone hat zudem einen guten Draht zu Luxuskonzernleitern wie François-Henri Pinault (Kering) oder Bernard Arnault (LVMH). Sie war es, die Pinault vor zwei Jahrzehnten von der Umstellung auf ein nachhaltiges Modell, – wie ihr Label es lebt – überzeugte.  Inzwischen hat Kering in 7 Ländern auf 100% erneuerbare Energien umgestellt; in Europa auf 77 Prozent. Macron hatte den Keringchef bereits im Mai mit der Ausarbeitung des Fashionpakts beauftragt, den alle Labels der Keringgruppe (Balenciaga, Saint Laurent, Bottega Veneta, etc.), nicht aber Bernard Arnaults LVMH- Luxusmarken (etwa Louis Vuitton, Dior, Celine) unterschrieben haben. Der zweitreichste Mann der Welt hinkt ein bisschen nach, fängt sich aber auf, indem er 5 Millionen zur Bekämpfung der Waldbrände im Amazonas spendet, und nun Stella McCartney als seine Sonderberaterin einstellt:

LVMH lanciert eigenes Umweltschutzprogramm

„Ich habe den Fashionpakt nicht unterschrieben, weil LVMH keine Fashiongruppe ist. Diese stellt nur einen kleinen Anteil unserer Tätigkeit dar. Ausserdem machen viele dieser Unternehmen Fastfashion. Damit haben wir nichts zu tun“, erklärte Bernard Arnault am letzten Mittwoch, als der LVMH Chairman und CEO überraschend sein Umweltschutzprogramm LIFE veröffentlichte.  Es will insbesondere  Alternativen zum Warentransport per Luftverkehr suchen. Mit einer Charta will der Luxuslederwarenkonzern auch die Rohstoffe tierischer Herkunft klar definieren.

Was auf dem Papier steht, geht allerdings noch nicht konkret über den Laufsteg. In London sind Vin + Omi mit ihren Mänteln aus Brennnesseln aufgefallen, die aus Prinz Charles‘ Garten stammen. Vegane Wanderschuhe, Bio-Polos und Jacken aus recycelten Bettfedern zeigte in Mailand auch Tommy Hilfiger. Stella McCartney’s Show mit der Frühjahrskollektion läuft am nächsten Montag.

Vor zwei Jahren hat sie sich von Pinault getrennt. Dank ihrer kürzlichen Ernennung zur Umweltschutzberaterin des weltweit grössten Luxuskonzerns LVMH ist die Beatletochter nun einmal mehr am richtigen Platz: Ihm wird vorgeworfen, jüngst unverkaufte Handtaschen verbrannt zu haben, sie aber erhielt den Green Carpet Fashionpreis  Grownbreaker und wird deshalb auch hier auf grün umschalten.

Bilder: Unterschrieben haben den Fashionpact auch Saint Laurent und Hermès. Der Luxuslederhersteller hat die Szenograhie seiner Runway-Show rezykliert und einer Künstlervereinigung gespendet copyright Jean-François José

Christian Dior: Masslos und unvergänglich

Die Ausstellung Christian Dior – Couturier du Rêve im Pariser Musée des Arts décoratifs ist ebenso grossartig wie die 70jährige Geschichte des weltberühmten Labels.

Unter zwei Stunden kommt niemand wieder hinaus. Das Ausstellungsangebot ist uferlos, genauso masslos und doch pedantisch wie es der 1905 in der Normandie geborene Christian Dior gewesen sein muss. Müde und leer wirkt allerdings sein Blick auf allen ausgestellten Fotos und Gemälden. Denn der ursprüngliche Student politischer Wissenschaften, Zeitungsillustrator und Galerist musste bereits mit einigen Schicksalsschlägen leben, als er 1946 sein Modehaus an der Pariser Avenue Montaigne eröffnete: Seine Mutter, die ihm mit ihrer grossbürgerlichen Eleganz das Modeflair eingehaucht hatte, war 1931 gestorben; sein Vater, ein Düngerfabrikant, in Konkurs gegangen. Nicht nur Christians späterer Freund, der Surrealist Jean Cocteau hat „Dior“ mit Gott und Gold (Dieu et Or) verglichen. Mit „Diors Dünger ist Gold Wert“ hatte schon Papa Reklame gemacht. Umsonst. Lire la suite

Kreativdirektor – ein Genie des vernetzten Denkens

In zähen Verhandlungen buhlen die französischen Modehäuser um die weltbesten Chefdesigner. Saint Laurent hat blitzschnell Hedi Slimane ersetzt. Diors Damenabteilung hingegen bleibt weiterhin verwaist.

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Früher entwarf ein Yves Saint Laurent eigenhändig seine Kollektionen allein vor dem weissen Blatt – heute ist der Kreativdirektor längst kein Solist mehr, sondern ein Dirigent, der seinem Team angibt, was es zu zeichnen hat. Er schleift überhaupt am ganzen Image einer Marke. Er muss eine starke Vision besitzen und sich dennoch in die manchmal fast hundertjährige Geschichte eines weltberühmten Traditionshauses einbetten. Diese Auffrischung des globalen Eindruckes ist Hedi Slimane (47) bei Yves Saint Laurent binnen vierer Jahre gelungen. Sogar weit weg vom Pariser Firmensitz, in Los Angeles, hielt das sensible Wunderkind der Modeszene … Lire la suite

Neid, Gier und Designerwechsel im Superluxus

Der Champagner fliesst. Die Blicke der Fashionitas glänzen vor Aufregung : 93 Modelabels zeigten Ende September auf den Pariser Catwalks ihre Frühlings- und Sommermode . Hinter den Kulissen aber werden eiskalte Modekriege geführt.

An der Pariser Fashionweek haben die Labels des Superluxus das Sagen. Weit weniger glamourös als ihre Kollektionen kreuzen die Modekonzerne hinter den Kulissen ihre Schwerte. Nach einem vierjährigen, gnadenlosen Streit haben Hermès und Louis Vuitton anfangs September das Kriegsbeil zumindest vorübergehend begraben. Die beiden Luxusmarken sind direkte Konkurrenten. Beide sind vor mehr als 150 Jahren in Paris mit Lederwaren ins Geschäft eingestiegen. Hermès lancierte seinen Prêt-à-Porter 1975. Louis Vuitton stellte im Jahre 2000 als Chefdesigner den amerikanischen Wunderknaben Marc Jacobs ein. Innert dreizehn Jahren hat der lässige New Yorker dem Luxuslederwarenhersteller ein innovatives Modeimage verpasst. Sein Prêt-à-Porter macht zwar nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die begehrten Shows befriedigen dennoch das Ego der betuchten Kundschaft. Dass Jacobs die Firma vor einem Jahr verliess, um sein eigenes Label für den Gang an die Börse fit zu machen, war für LVMH-Chef Bernard Arnault kein Grund zur Trauer : Seiner Tochter Delphine ist der brillante Schachzug gelungen, mit Nicolas Ghesquière frisches Blut und nahtlose Perfektion einzustellen.

Denn Ghesquière ist ein As. « Der beste seiner Generation », meint Suzy Menkes, die einflussreiche Moderedaktorin der Herald Tribune. Der 43jährige Nordfranzose weiss, was er will, plant minutiös und entwirft haarscharf. Vuittons neuer Creative Director beherrscht die modische Architektur des weiblichen Körpers ebenso gut wie Cristobal Balenciaga, der Gründer von Ghesghières Ex-Arbeitgeber. Der Stardesigner verliess seinen Chefdesignerposten bei Balenciaga im November 2012 mit der stolzen Abfindung von 6,5 Millionen Euros, nachdem er das alte Pariser Modehaus zu einem der begehrtesten und geheimnisvollsten Labels geschliffen hatte. Die Abfindung war allerdings mit einer Schweigeklausel verbunden, die Gesquière schamlos übersah. Der stets gelassene Modedesigner warf in den Medien Balenciaga vor, nur am geschäftlichen Resultat interessiert gewesen zu sein. Skrupellos hätte die Chefetage ihn ausgenutzt. Die Kering-Gruppe, der Balenciaga angehört, zitierte ihn vor Gericht und verlangt sieben Millionen Euros Schadenersatz. Während das Schlichtungsverfahren noch in Gange ist, fiebern Ghesquières weltweite Fans – allen voran Charlotte Gainsbourg und Anna Wintour – dem nächsten Mittwoch entgegen, an dem « Nicolas » zum zweiten Mal den Catwalk von Louis Vuitton betreten und seine intelligenten, nicht sofort erfassbaren Entwürfe enthüllen wird. Und das nur sechs Stunden bevor Christophe Lemaire seine letzte Kollektion und für das Hause Hermès preisgeben wird.

Ueber Lemaires Rücktritt lacht sich Bernard Arnault ins Fäustchen. Denn der Verlust seines Damenmodedesigners trifft Hermès’ CEO Axel Dumas kurz bevor er endlich den unerbittlichen Zweikampf mit Arnault aus dem Wege geschafft hat : Seit vier Jahren knabbert Vuittons ehrbarmungsloser Präsident gierig soviele Hermès-Aktien wie möglich. Es gelang Arnault gar, 23 Prozent der Anteile seines grössten Konkurrenten einzustecken. Ein Affront, der in Hermès’ solidem Modehaus einem Erdbeben gleichkam. Um eine allfällige Uebernahme der Aktienmehrheit zu vermeiden, hat sich die Familie Hermès vereint und 51 Prozent des Kapitals für zwanzig Jahre blockiert. Wegen seines heimlichen Einstiegs in Hermès Kapital wurde Arnault von der französischen Börsenaufsicht zu einer Busse von acht Millionen Euros verknurrt. Nun haben der LVMH-Patron und Dumas ihren sogenannten « Handtaschenkrieg » ebenfalls in einem Schlichtungsverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beendet. Arnault hätte sich nämlich gerne ein Stück von Hermès’ Handtaschenmarkt abgeschnitten. Die bis zu 60 000 Euros gehandelte « Birkin » oder « Kelly » sind in der in der Highsociety ein Must und ein gesuchtes Sammlerstück. Vuittons ebenfalls luxeriösen Taschen haben nie diesen exklusiven Ruf erreicht.

Die beiden werden sich jedoch kaum aus den Augen lassen. Arnault muss zwar seine Hermès-Anteile an die LVMH-Aktionäre ausschütten und darf keine weiteren erstehen, allerdings lediglich während fünf Jahren. Diese Einigung kam genauso überraschend wie die Trennung von Christophe Lemaire. Der Abschied ist umso bitterer als dass der vor vier Jahren von Lacoste kommende Modeschöpfer an Hermès sagenhaftem Erfolg beteiligt ist. „Ich bin Christophe Lemaire sehr dankbar für die Leidenschaft, mit der er den Charakter der Damen-Prêt-à-porter bereichert hat. Unter seiner artistischen Leitung hat dieses Metier seine Ästhetik neu definieren können und sehr erfreuliche finanzielle Resultate hervorgebracht », erklärt Axel Dumas. Tatsächlich ist Hermès’ Reingewinn im ersten Semester dieses Jahres um 8 Prozent gewachsen. Für das Jahresende scheint die erstmalige Ueberschreitung der 4 Milliarden-Umsatzmarke nicht unmöglich. Doch der aus Besançon stammende Lemaire denkt an sein eigenes Geschäft. « Meine eigene Marke wächst signifikant und ich muss und möchte mich ihr nun vollständig widmen können“, sagt der 49jährige mit Recht, denn auch sein Vorgänger Jean Paul Gaultier hatte während seinem Engagement bei Hermès weder Zeit noch Kraft, um sich gebührend seiner eigenen Firma zu widmen. Das einstige « enfant terrible » der Modeszene muss jetzt sogar seinen Prêt-à-Porter einstellen. Sein weltberühmter Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Nur noch Haute Couture und Parfums.

Die Wahl von Lemaires Nachfolgerin ist ebenso verblüffend wie dessen Rücktritt. Denn die 36jährige Nadège Vanhee-Cybulski ist dem breiten Publikum kein Begriff. Sie tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Die diskrete Französin entwarf im Maison Martin Margiela und an der Seite von Phoebe Philo bei Céline bevor sie das Studio der jungen, amerikanischen Marke The Row in New York führte. Die entspannte, zeitlose, ja fast prüde Schlichtheit der Unbekannten passt allerdings gut in Hermès Konzept, dürfte aber die Aktionäre weniger begeistern. Oder lacht zuletzt Alex Dumas am besten ? Denn Vanhee-Cybulski passt tadellos in Hermès’ offizielles Image, das absichlich und ganz im Gegenteil zu Bernard Arnault auf Effekthascherei und Starkult verzichtet.

27.9.2014

Hermès hält sich souverän

Während andere Luxuslabels Leute entlassen oder rote Zahlen schreiben, stellt die Hermès Gruppe Personal ein. Die interne Präsenz der Familie, lebenslange Qualität und verspielte Kreativität sind ihr Erfolgsrezept.

Hermès 2013

Legendäre Handtaschen wie die “Birkin”, geniale Ideen wie das in einem Couvert verschwindende Lederschachspiel oder die federleichte Daunenjacke, die man in eine Umhängetasche knüllt: Wer sich Hermès leisten kann, kauft keine Mode, sondern einen Stil, ein Statussymbol. Wer schon möchte nicht auch ein Stück Hermès besitzen? Das Firmensiegel “H” ist zwar selten ostentativ. Am Pariser Firmensitz des Faubourg Saint Honoré, wo sich Charles-Emile Hermès 1880 niedergelassen hat, wähnt man sich unprätentiös, gar distanziert. Pomp und Glamour sind ein Fremdwort in der gediegenen und dennoch behaglichen Athmosphäre. Bis heute ist die protestantische Moral erhalten geblieben. Es wird nicht von Luxus gesprochen, sondern von kreativem Handwerk. Das Hause investiert wenig ins Marketing, sondern in die “Exzellenz des Produktes” und somit auch in entsprechende Handwerkbetriebe wie die Cristallerie in Saint-Louis, den Schweizer Uhrmacher Vaucher aus Fleurier oder die TCIM (Tannerie des cuirs d’Indochine et de Madagascar), ein Spezialist in der Gerbung exotischer Leder. Deren Verarbeitung stellt dann doch kein moralisches Hindernis dar. Wie dem auch sei: Gerade jetzt in der Krisenzeit bevorzugen die Luxuskunden Topqualität und verzichten auf Schnickschnack. Und ein Hermèsprodukt kann ein lebenslanger Partner sein.

Im Krisenjahr 2008 schuf das emblematische Pariser Modehaus 439 Stellen. Fast 8000 Menschen arbeiten somit weltweit für die Edelmarke, die 2012 den berauschenden Gewinn von 740 Millionen Euros erreichte. Mit einem Umsatz von 3,48 Milliarden Euros ist der französische Konzern einer der wichtigsten globalen Modeplayer. Er serviert keine schnell vergänglichen Trends, sondern erweitert kreativ die über 150jährige Familiengeschichte. Die Firma ist zwar in Paris an der Börse kotiert, doch die heutige 5. und 6. Generation dieser kinderreichen Familie besitzt nicht nur die Aktienmehrheit. Mehrere Erben arbeiten am Faubourg Saint Honoré als Direktoren einzelner Abteilungen und leiten die Kreation.

Seit dem Rücktritt von Jean-Louis Dumas im Jahre 2006 führte allerdings erstmals ein « Fremder » das Traditionshaus, dessen Grundstein Thierry Hermès anno 1837 mit Zaumzeug gelegt hat. Als ehemaliger Generaldirektor (1989-1997) und Co-Leiter seit 2004 zählt Patrick Thomas jedoch so gut wie zur Familie. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er die Nachfolge eines Familienmitgliedes vorbereite. Nun hat Dumas Neffe Axel die Führung des Konzerns übernommen. Sein Vetter Pierre-Alexis Dumas den Posten des Artdirectors. Von 2003 bis 2010 peppte Jean-Paul Gaultier die manchmal langweilig anmutende, schlichte Eleganz von Hermès Damenmode mit Humor und etwas Sexiness auf.  Gleichzeitig vernachlässigte der berühmte französische Couturier jedoch sein eigenes Label, weshalb er Hermès verliess. Ueberraschend rief der Konzern Christophe Lemaire ans Ruder der Damenmode. Der Franzose hatte während zehn Jahren die Kreation bei Lacoste geleitet. Im Minimalismus und Unisex verhaftet, gleiten seine Entwürfe nahtlos in Hermès’ diskretes Reich, wo Véronique Nichanian seit über zwanzig Jahren mit mutigen Entwürfen dem wohlsituierten Mann ein Stück Mode und Zeitgeist beibringt.  Fast die Hälfte des Umsatzes wird jedoch mit der Maroquinerie erzielt. Nichtsdestotrotz steigt auch der Parfumverkauf dank Knüllern wie “Kelly Calèche” oder “Terre d’Hermès”, ein würziger Saft für starke Männer.

Obwohl die Hermès Gruppe mit Extras wie die Innengestaltung eines Bugattis, Smarts oder Helikopters diversifiziert, bleibt sie ihren historischen Grundsatzbereichen (Pferde, Reise, Automobil) treu. Ihre Strategie ist Teil der Erfolgsgeschichte: Sie kauft nicht wie ihre Konkurrenten andere Modelabels, höchstens Anteile (etwa Gaultier). Sie investiert vor allem in die eigenen, rund dreihundert Läden. Oft kauft Hermès gleich das ganze Gebäude.

Die Aktie Hermès steigt im Gleichschritt der Gerüchte, eines oder mehrere Familienmitglieder würden verkaufen. Als potentieller Käufer wurde regelmässig der Patron der Luxusholding LVMH, Bernard Arnault, gehandelt. Dieser hat es kürzlich geschafft, in Hermès’ Aktienkapital einzusteigen, was einen Finanzkrieg und verbale Schlagabtausche zwischen Arnault und der Hermès-Direktion ausgelöst hat. Laut einem Gerichtsentscheid hat Hermès das Recht erhalten, die familiäre Aktienmehrheit zu schützen. Doch Arnault besitzt inzwischen dennoch mehr als 20 % der begehrten Hermès-Aktien.

Paris, September 2013  – Bild: Hermès zvg

Frankreichs Modegiganten schlagen zu

hedi slimane lowDie französischen Luxuskonzerne LVMH und PPR buhlen um die Gunst des modefreudigen Mannes und landen geniale Schachzüge in der Damenmode: Raf Simons ersetzt John Galliano bei Dior, Hedi Slimane wird Yves Saint Laurents Chefdesigner.

Dank dem riesigen asiatischen Markt erfährt die Männermode im Luxussegment Zuwachsraten von bis zu 50 Prozent. Da wollen sich die beiden französischen Luxusgruppen PPR und LVMH (Louis-Vuitton-Moët-Hennessy) ein möglichst grosses Stück abschneiden. Die beiden Rivalen melden Schlag auf Schlag die Einstellung neuer Stardesigner, Markeneinkäufe und Neulancierungen an, immer mit dem Ziel, in Asien ihre Präsenz auszubauen. Es handelt sich dabei um die Fortsetzung eines Luxuskrieges, der 1999 zwischen den beiden französischen Modegiganten ausgebrochen ist. Es ist ein Gefecht um Prestige und Marktanteile zweier steinreicher Männer: Als Präsident der Luxusholding LVMH ist Bernard Arnault heute der reichste Mann Frankreichs. Mit seinem von Forbes auf 41 Milliarden geschätzen Vermögen steht der 63jährige ebenfalls an vierter Stelle der reichsten Erdenbürger. Da klingen die 8 Milliarden seines Erzrivalen François Pinault beinahe bescheiden. Der 74jährige Bretone ging zwar 2003 in Pension, doch seither führt sein Sohn François-Henri geschickt die PPR-Gruppe, die bis zur letzten Jahrtausendwende aus Betrieben für die breite Masse bestanden hat. Als Pinault jedoch 1999 Gucci und Yves Saint Laurent erwarb und damit den PPR-Luxuspol gründete, empfand Arnault diesen Einstieg als unverzeihbarer Affront. Denn auch der LVMH-Präsident stand gleichzeitig mit Gucci in Kaufverhandlungen.
Jetzt buhlen die beiden Modegiganten in der Männermode mit prägnanten Schachzügen. Zuerst meldete François-Henri Pinault im letzten November den Kauf der italienischen Luxusmarke Brioni, die keinen minderen als James Bond einkleidet. Auch Barack Obama, halb Hollywood, Wladimir Putin oder Nelson Mandela tragen Brionis Massanzüge. “Wir hegen grosse Ambitionen für dieses die italienische Eleganz wiederspiegelnden Modehauses”, unterstreicht Pinault. Doch auch LVMH will ein anderes, ursprünglich italienisches Label gross herausbringen: Berluti hat sich seit seiner Gründung von 1895 einen Namen mit Massluxusschuhen gemacht. Ab Juni kommt nun eine erste Männermodekollektion in seine Läden. Alles edle Sachen für die Chefetage mit schimmernden Smokings, die Brioni an den Oskarverleihungen Konkurrenz machen dürften. Für diesen Winkelzug hat LVMH eine namhafte Designergrösse aus Mailand eingestellt: Alessandro Sartori entwarf jahrelang für Ermenegildo Zegna.

Dieses extravagante Auftrumpfen erfährt jetzt aber einen Dämpfer : Der beste Männermodedesigner des 21. Jahrhunderts, Hedi Slimane, entwirft ab sofort beim PPR-Label Yves Saint Laurent. Das ist für Arnault umso schmerzhafter, als dass Slimane 2007 seinen Vertrag mit der LVMH-Marke Dior homme nicht erneuert hat. Der heute 43jährige Franzose zog sich damals nach Los Angeles zurück, um sich der Photographie zu widmen. Mit seinem Weggang versickerte ebenso der weltweite Ruhm von Diors Männermode. Der eigenwillige, sensible Slimane kehrt allerdings nicht wegen der Männerabteilung zu Saint Laurent zurück, wo er bereits als 30jähriger während dreier Jahre seine Karriere gestartet hat. Als Yves Saint Laurents “Direktor der Kreation und des Image” trägt er das gesamte Bild des Modehauses. “Es ist diese globale Aufgabe, die ihn begeistert,” erklärt seine Pressesprecherin Laurence Kleinknecht. “Hedi liegt das Hause Saint Laurent am Herzen. Es handelt sich um eine Rückkehr zur Quelle”. PPR erwartet von seinem neuen Stardesigner allerdings, dass er insbesondere Yves Saint Laurents reiches, historisches Erbe der Damenmode modernisiert, ein Ziel, auf das man gespannt sein darf. Denn auch die Frauen standen schwer auf Hedis androgyne Dior-Anzüge.

Doch nun ist Dior ein ebenso genialer Vorstoss gelungen: Die Modeszene wartet seit 13 Monaten auf einen Nachfolger des fristlos entlassenen John Galliano. Die ende März angekündigte Einstellung des Belgiers Raf Simons als neuer Art Director von Diors Haute Couture, Damen-Prêt-à-Porters und Accessoires ist eine gelungene Erlösung. Der gesetzte Belgier, der sein Talent seit 1996 mit seiner eigenen Männermode und seit 2005 auch als Jil Sanders Damenmodedesigner bewiesen hat, ist das Gegenteil des fulminanten Galliano. Der graziöse Simons, ein Mann mit Köpfchen, ist schwer im Minimalismus verhaftet, weiss aber auch zu provozieren. Die Haute Couture ist für ihn allerdings absolutes Neuland.
Arnaults und Pinaults Schlagabtausch wird im kommenden Sommer einen ersten Höhepunkt erfahren. Denn Hedi Slimane zeigt seine erste Yves-Saint-Laurent Männerkollektion Ende Juni, nur wenige Tage bevor Raf Simons sein erstes Stelldichein von Diors Haute Couture vorführen wird. Bestimmt werden LVMH und PPR auch ihren erbarmungslosen Männermodekrieg in Asien weiterführen. Denn nur schon in China, ein Land mit geschätzten 2,7 Millionen Millionären, werden 60 % aller Luxuskäufe von Männern getätigt.
Erschienen 27. April 2012 in AARGAUER ZEITUNG, Baden, Schweiz