Wohin mit der unverkauften Kosmetik?

Bodylotions, Lippenstifte oder Parfums: Jährlich landen Millionen unverkaufter Hygiene- und Kosmetikartikel im Müll. Die meisten werden verbrannt.

Letztes Jahr machte das edle britische Modehaus Burberry Skandal, weil es 2017 Luxusgüter im Werte von 31 Millionen Euros verbrannt hatte. Da lagen nicht nur nagelneue Trenchcoats in Asche, sondern auch teure Parfums. Frankreich hat nachgezählt: Dort machen die Hygiene- und Schönheitsprodukte jährlich mehr als einen Viertel aller zerstörten, unverkauften Güter aus, wenn man vom Lebensmittelbereiches absieht. Das sind elektrische und elektronische Geräte, Textilien, Schuhe oder Bücher im Wert von insgesamt 630 Millionen Euros.

Dass riesige Berge unverkaufter Kleider auf dem Müll landen, anstatt verteilt, verschenkt, wiederverwendet oder recycelt zu werden, ist seit längerem bekannt. Was die Haushaltgeräte und die Elektronik betrifft, funktioniert die Wiederaufbereitung und gewissenhafte Entsorgung vor allem dann, wenn diese ausgedient haben. Doch das ist nur ein Ansatz der zukünftigen Kreislaufwirtschaft: Sie muss auch die Umverteilung unverkaufter Waren in den Griff bekommen. Frankreich will sich darin profilieren und legt nun „als Weltleader gegen die Verschwendung“ ein Anti-Verschwendungs-Gesetzes vor, das die Vernichtung sämtlicher unverkaufter Waren bis spätestens 2023 verbietet. „Eine unserer Umfragen hat ergeben, dass sich drei Millionen Franzosen grundsätzliche Hygieneprodukte nicht leisten können“, beobachtet Dominque Besançon in Paris. Seit 15 Jahren verteilt die Generalbeauftragte dort in der NGO Dons Solidaires unverkaufte Waren an sozial Benachteiligte. Auf diese Weise kamen 2018 Wohn- und Kinderheime, soziale Läden oder Tagesauffangstellen in den Genuss unverkaufter Sachgüter im Wert von 35 Millionen Euros. Eine solche Drehscheibe existiert auch in Deutschland oder Singapur, fehlt aber in vielen anderen europäischen Ländern. Dabei wäre es relativ einfach, die bei einem sogenannten Relaunching oder Saisonwechsel aus dem Verkehr gezogenen Seifen, Sonnencremes oder Zahnbürsten an Vereinigungen weiterzuleiten. Doch um die Abfallberge zu vermeiden, braucht es auch ein grundsätzliches Umdenken der ganzen Warenkette, von der Planung seitens der Hersteller bis zum Verhalten der Kunden.

Luxusgüter werden nicht verramscht

Denn seien wir ehrlich, die trendig grün beschrifteten Shampooflaschen gefallen uns besser als das frühere Modell. Wollen wir nicht ständig alle Farbtöne der Lippenstifte im Laden zur Auswahl präsentiert haben? Stört es uns nicht, wenn wir unser teures Lieblingsparfum auf der Auslage eines Strassenhändlers entdecken? Das war Burberrys Argument für die Zerstörung der Parfums und Kosmetik im Wert von insgesamt 10 Millionen Pfund Sterling: Seit dem Verkauf der Lizenzrechte der Burberry-Schönheitsprodukte an die amerikanische Firma Coty wurden die unverkauften Parfums, Cremes oder Schminken eingezogen und verbrannt, damit sie nicht gestohlen oder billiger verkauft werden konnten. Es habe sich um eine aussergewöhnliche Vernichtung gehandelt, weil sämtliche Kosmetiklinien neu entwickelt würden, relativierte der britische Modeplayer, der inzwischen versprochen hat, solche Vernichtungen in Zukunft zu vermeiden.

Diese Machenschaften sind vor allem im Luxus skandalös und den Betroffenen peinlich. Um das Hochpreisimage zu erhalten und Parallelmärkte zu vermeiden, werden Luxusgüter nicht verramscht: Zwar in einem anderen Sektor, jedoch aus dem gleichen Grund wird Louis Vuitton die Verbrennung seiner hochqualitativen, aber unverkauften Handtaschen vorgeworfen. Einige der Angestellten des LVMH-Labels sprechen im Internet von Reportingzentralen, die unverkaufte Modelle entweder auf einen anderen Kontinenten oder Richtung Verbrennungsanlage spedierten. Der Luxuslederhersteller hat nie dazu Stellung bezogen und will es auf Anfrage auch heute nicht tun. Ebenso hüllt sich Richemont in Schweigen, was den Rückzug und die Zerstörung seiner Markenuhren im Werte von 400 Millionen betrifft. Befände sich der Schweizer Konzern in Paris, müsste er nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes, seine unverkauften Uhren hundertprozentig recyceln.

Aufwändiges Recycling

Doch der Mainstream steht nicht besser da. Haben wir uns schon einmal gefragt, was bei der Lancierung neuer Linien passiert, wenn ein Anteil der unzähligen Kosmetik- und Hygieneprodukte ausgedieht hat, die wie eine Armee in Reih und Glied in den Rayons der Supermärkte stehen?  Im Falle eines Flops einer ganzen Palette? Musterüberschüsse, Fehler, defekte Verpackungen und Verfalldaten sind weitere Gründe, warum Millionen dieser Produkte, neu aber unverkauft, auf dem Müll landen. Gewisse, wie etwa Fond-de-Teint, deren Verfalldatum aus gesundheitlichen Gründen absolut eingehalten werden muss, schliesst auch das zukünftige französische Anti-Verschwendungsgesetz aus. Andere kann man nicht oder nur aufwändig wiederverwerten: Man schafft es zwar heute, Tagescremen oder Masken aus ihren Tiegeln zu lösen, um das Glas oder Plastik separat aufzubereiten. Auch einzelne Inhaltsstoffe können wiedergewonnen werden. Doch da ein soziales Bedürfnis besteht, wäre die Umverteilung sinnvoller.

Etwa Procter & Gamble oder Beiersdorf arbeiten eng mit den wenigen, bestehenden Strukturen zusammen. „Für die pflegende Kosmetik und die Hygiene wie Zahnpasten läuft es gut“, doch die  Vermittlung von Schminke sei schwieriger, betont Juliane Kronen in Köln, wo die Gründerin und Geschäftsführerin der Start-Up innatura im grossen Stil Sachspenden für soziale Zwecke vermittelt. Wegen der saisonalen Farbwechsel fallen jedoch gerade im Make-Up-Bereich viele Restposten an. Manchmal profitierten Theatergruppen oder Frauen in Schwierigkeiten davon. Aber schlussendlich gäbe es auch unverkaufte Artikel, ganze Paletten oder einzelne Farbnuancen, die tatsächlich niemand wolle. „Der Mensch verhält sich nicht wie es die Unternehmer planen. Wir werden immer irgendwo Unmengen haben“, meint Kronen fatalistisch. Immerhin entwickelt sich unter den Unternehmern jetzt die Bereitschaft, ihr Business-Modell zu überdenken.

Bild: esther elionore haldimann

 

Das Volk hat das letzte Wort

Plötzlich macht alles keinen Sinn mehr. Die alten Dieselmotoren, die gesundheitsschädigende Partikel in Höhe der Kindernasen verbreiten, werden weiterhin durch Paris tuckern. Denn Emmanuel Macron musste nachgeben: Die verschärfte Schadstoffprüfung der Fahrzeuge wird im Januar nicht in Kraft treten. Ebenso wird die geplante Benzinsteuererhöhung, die zum Teil für die Energiewende eingesetzt werden sollte, vorerst für sechs Monate auf Eis gelegt. Dabei war es vor allem die unter Luftverschmutzung leidende Pariser Bevölkerung, die 2017 für Macron gestimmt hat. Nur die Hälfte der Hauptstadtbewohner besitzt überhaupt ein Auto, und nur wenige benützen es, um zur Arbeit zu fahren. Rund 70 Prozent geht zu Fuss und per Metro, Tram, S-Bahn, Velo oder Trottinette. In Paris gibt es gar keine gelben Westen, die vielmehr die Provinz vertreten. All diejenigen, die vom günstigeren Quadratmeterpreis weit entfernt der Agglomerationen profitiert und sich anstatt einer winzigen Grossstadtwohnung ein viel günstigeres Eigenheim auf dem Lande errungen haben. Viele verdienen jedoch nur den Mindestlohn von 1200 Euro netto pro Monat. So bringen sich zahlreiche Familien mit zwei oder drei Kindern durch, spartanisch und präzis budgetiert. Das Geld reicht nur für das Notwendigste, die Festkosten, das Benzin. Brauchen die Kinder neue Sneakers, verzichtet die Mutter auf den Frisör. Die Französin ist stark in Sachen système D für „se débrouiller“ –  das heisst, sich kreativ mit allem demjenigen behelfen, das günstig den Alltag durchbringt und erhellt. Doch nun ist sie erschöpft. Kunst und Kultur fliessen zum Glück durch ganz Frankreich, doch Millionen Franzosen schlagen sich qualvoll durch die letzten Monatstage, wenn das Konto schon zu tief im Minus steckt.

Um seine Wähler, die Einkommenssteuer zahlende Mittelschicht, zu entlasten, besteuert Macron seit einigen Monaten auch die Rentner, falls sie mehr als das Existenzminimum von 1200 Euro Pensionsgeld erhalten. Deshalb ist das Durchschnittsalter der gelben Westen hoch. Die jungen Leute setzen sich fast nur in Form derjenigen Samstags-Demonstranten in Szene, die alles mit Hammer und Baseball-Schläger kurz und klein schlagen. Autos, nur wenige Schritte vom Triumphbogen, entzünden, als wäre das Ganze ein fesselndes Videogame. Neonazis und extreme Linke schlagen auch zu. Alle gelben Westen möchten den Sturz Macrons oder verlangen die Auflösung des Parlamentes gefolgt von Neuwahlen, wenn nicht überhaupt eine VI. Republik mit mehr Initiativrechten für das Volk.

Macron stärken nur etwa zwanzig Prozent der Stimmbürger den Rücken, die im ersten Wahlgang der letzten Präsidentschaftswahlen für ihn gestimmt hatten. Andere Sozialisten, Bürgerliche und das Zentrum haben dann in der Stichwahl Macron gewählt, um eine rechtsextreme Präsidentin, Marine Le Pen, zu vermeiden. Mit seiner Steuerreform hat der Finanzspezialist aber seither viele Sozialisten verärgert. Überhaupt existiert die sozialistische Partei, die PS, so gut wie nicht mehr und die Bürgerlichen sind geschrumpft. Macron hat das traditionelle Parteiensystem mit seinem „gleichzeitig rechts und links“ zerstört. Jetzt, in einer äusserst delikaten Lage und der Angst vor einem Bürgerkrieg im Bauch, kann der französische Präsident nur auf die Unterstützung seiner Partei, „La République en Marche“, und des Zentrums zählen.

Nochmals die Champs-Elyseen in Feuer und Flamme zu erleben, ist unvorstellbar. Doch trotz der Einstellung der geplanten Benzinsteuer, die jetzt auch noch die Grünen und die Parisiens misslaunt, wollen die gelben Westen viel mehr; mehr Kaufkraft, mehr Macht. Der Wunsch nach der Energiewende der einen und dem Bedürfnis des Autos anderer müssen struktureller angegangen werden. Auf dem Lande braucht es bessere öffentliche Verkehrsmittel. Ebenso erleichtert die Reduktion der Postämter und Krankenhäuser in abgelegenen Gegenden den von Macron geplanten Ausstieg aus der Erdöl Ära nicht. Er setzt den Massstab zu hoch. Zu einer solchen Energiewende mit noch mehr Taxen sind die Franzosen nicht bereit. Ihre Kosten müssten anders finanziert werden. Es bräuchte eine tiefe Steuer-, Finanz- und Staatsreform. Doch die Regierung wirkt zu perplex, um die ganze Situation überhaupt in den Griff zu bekommen. Der Traum der neuen, französischen Gesellschaft – der jungen, progressiven „Macronie“, die sich um jeden Bürger kümmert – zerbricht wie ein Kartenspiel. Zum aktuellen Zeitpunkt sieht niemand einen Ausweg. Die gelben Westen rufen erneut zu Demonstrationen am nächsten Samstag in Paris auf, das wie ein gepeinigter Beobachter zittert.

Muslimin und Feministin in einer Person

Sie ist in fünf islamische Länder aufgebrochen, um das Bild der unterdrückten Musliminnen aus der Welt zu schaffen. Mit ihrem Dokumentarfilm „WomenSenseTour“ und der Feministenbewegung „Lallab“ will die 27jährige Französin Sarah Zouak zeigen, dass Feminismus und Islam vereinbar sind.

Sarah Zouak Bild zvg

Ihre braunen Augen leuchten perfekt mit Lidschatten und Eyeliner geschminkt hinter einer dicken Hornbrille, die sie sofort ablegt, sobald eine Kamera auf sie gerichtet wird. Seit ihrem Film „WomenSenseTour“, der ergreifend den Mut, die Initiativen und die Werke muslimischer Frauen in den fünf Ländern Marokko, Tunesien, Türkei, Iran und Indonesien dokumentiert, steht Sarah Zouak oft selbst im Rampenlicht. Sie wurde zur Ikone einer modernen, französischen Jugend, die den Islam und den Feminismus leben will. Ob mit oder ohne Kopftuch steht gar nicht zur Diskussion. Sarah Zouak selbst verzichtet darauf. Sie trägt meist Jeans und weisse Turnschuhe. „ Sie ist eine Perfektionistin, für die jede Einzelheit stimmen muss“, erzählt ihre Kollegin Attika, die bei „Lallab“ (aus Lalle („Frau“ in Arabisch und „Laboratorium“ zusammengesetzt) gegen die Diskriminierung der Frauen kämpft, eine progressive Frauenbewegung, die Sarah Zouak nach der Rückkehr von ihren Dreharbeiten gegründet hat.

Willkommen sind bei „Lallab“ nicht nur Musliminnen, auch weltliche Französinnen oder Homosexuelle, Lire la suite

Fittness-Insel Oléron

Auf Frankreichs grösster Atlantikinsel braucht man kein Auto. Ein 150 Kilometer langes Radwegenetz erlaubt freie Fahrt durch Wälder und Felder, entlang der Sandstrände und der Salzkanäle. Kultur, Kulinarik und ausgefallene Sportarten lassen sich am Wegesrand entdecken.

 

Als Nachbarin der noblen, romantischen Ile de Ré gilt die Oléron-Insel als die Wilde, die Aktive. Das steht ihr gut. Viele Lebenskünstler, aber auch regelrechte Künstler leben zwischen den alten, bunten Fischerhütten, die heute als Ateliers dienen. Nicht nur Yves Saint Laurents einstiger Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé stammt aus Oléron. Zahlreiche Landwirte, Weinbauern, Handwerker und 300 Fischer bewohnen heute das 171 km2 grosse Eiland gegenüber La Rochelle und Rochefort im atlantischen Ozean. Obwohl Frankreichs zweitlängste, älteste Strassenbrücke vom Festland Aquitaniens hinüber führt, braucht man kein Auto auf der… Lire la suite

Lingerie: Darüber und Darunter

Selten war die Lingerie derart Trumpf: Die Dessous aus zarten Spitzen und Farben werden in diesem Frühling nicht versteckt, sondern gezeigt.

Bild: Modell aus Spitze der Kollektion Elise Anderegg, zvg

Der Name der Marke für grosszügige Brüste „Sans Complexe“ steht diesen Frühling stellvertretend für die gesamte Mode: Ob zu gross, zu klein oder zu schlaff, wie auch immer, die Frau hat sich längst von allen Busenkomplexen befreit. Denn die Technik und die Textilien der Lingerie-Industrie haben sich in den letzten Jahrzehnten derart entwickelt, dass eine jede ihren perfekten BH findet. Als Krönung dieses Wohlbefindens macht die Highfashion nun das Darunter zum Darüber.  Transparenz wie man sie von den Dessous kennt, schwindelnd tiefe Dekolletés oder enthüllte Busen werden zum Symbol der … Lire la suite

Wer kann Marine Le Pen bremsen?

Marine Le Pen zvg Marine Le Pen

Den Franzosen fehlt seit Jahren eine klare politische Linie, die ihnen Marine Le Pen hingegen auftischt. Schluss mit dem Diktat aus Brüssel; dank bewachten Grenzen und einer eigenen Währung will sie Frankreichs Wogen glätten. Nach ihrem Triumpf an den Regionalwahlen im letzten Dezember, kandidiert die FN-Präsidentin nun fürs höchste Amt. Die Rechtsextreme besitzt durchaus Chancen, im Frühling 2017 zur Staatschefin gewählt zu werden. 

„Die Gefahr ist nicht gebannt“, warnte Manuel Valls im letzten Dezember nach dem zweiten Wahlgang der Regionalwahlen. Im Hinterkopf dachte Frankreichs Premierminister bereits an die Präsidentschaftswahlen, die im Frühling 2017 vor der Tür stehen. Wird das Land wieder zittern wie während der Regionalwahlen, als der Front National mit 6, 8 Millionen Stimmen ein Rekordresultat erzielt hat? Zwar gewann der FN schlussendlich in der Stichwahl keine Region dank dem Rückzug der in der ersten Wahlrunde auf dem dritten Platz gelandeten sozialistischen Kandidaten. Die Konsequenzen für François Hollandes sozialistische Regierungspartei sind dennoch bitter: Von Calais bis an die Grenze der Ile-de-France und von der Hochprovence bis ans Mittelmeer besitzen die Sozialisten wegen ihres „republikanischen Rückzuges“ nun keinen … Lire la suite

Fahrplan der Präsidentschaftswahlen Frankreichs

 

drapoFrankreichs Präsident(in) wird in zwei Wahlgängen, am 23. April und 7. Mai 2017 für eine Amtszeit von 5 Jahren gewählt

Wer 500 Unterschriften von Mandatsträgern erhält, kann sich am ersten Wahlgang beteiligen. Nur die beiden erst Platzierten kommen anschliessend in die Stichwahl

Marine Le Pen hat ihre Kandidatur am 8. Februar bekanntgegeben

Seit 2007 führen die Sozialisten ähnlich wie in den Vereinigten Staaten eine öffentliche Vorwahl durch, um ihre(n) Kandidat(in) zu bestimmen. 2007 war es Ségolène Royal, 2012 François Hollande. Dieser gilt als bisheriger Staatschef für eine zweite Amtsdauer als naturgemässer Kandidat. Doch die Sozialisten planen dennoch eine Vorwahl. Es kandidieren insbesondere die Ex-Minister Arnaud Montebourg und Benoit Hamon. Ganz Frankreich rechnet auch mit der Beteiligung von Emmanuel Macron und seiner Bewegung En Marche.

Heiss wird es ebenfalls bei den Bürgerlichen: Sie führen am 20. November 2016 überhaupt zum ersten Mal eine Vorwahl durch, um ihren Präsidentschaftskandidaten zu bestimmen.  Elf namhafte Politiker(innen) – neun Männer und zwei Frauen – haben ihre Beteiligung bereits offiziell bekanntgeben. Bekämpfen werden sich vor allem Altpräsident Nicolas Sarkozy sowie die beiden Alt-Premierminister Alain Juppé und François Fillon. Ex-Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire (50) besitzt kleine Chancen, viel Charme und junges Blut.

Gegen die Macht der Männer

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Er ist aus dem Patriarchat des Islams ausgestiegen, um sich als homosexueller Imam selbst zu verwirklichen: Der Theologe, Anthropologe und Psycho-Soziologe Ludovic-Mohamed Zahed (39) distanziert sich von allen Dogmen und interpretiert den Islam völlig liberal. Der HIV-positive Imam hat selbst einen Mann geheiratet und in Stockholm zwei iranische Lesben vermählt. Um die Qualen homosexueller Muslime zu dämpfen, gründete der algerisch-französische Doppelbürger in Paris und Marseille die ersten LGBT-Moscheen Frankreichs.

Interview: Esther Elionore Haldimann

Warum braucht es Moscheen für Homosexuelle?
Ludovic-Mohamed Zahed: Es handelt sich nicht um eine Moschee für Homosexuelle, sondern eine, die alle einschliesst, Heterosexuelle, Homosexuelle, Lesben, Transsexuelle und die Frauen. Die sexuellen Minderheiten und die Frauen sind die Avantgarde der fortschrittlichen Reformen und moralischen Urteile. Es geht um ganz neue Beziehungen zur Religion ohne Dogmen, eher philosophisch, in der Richtung wie man heute den Buddhismus empfindet. Der Islam befindet sich in einer Entwicklung, die die Frauen und die Homosexuellen aus einem Bedürfnis heraus eingeleitet haben. Es hätte ein Hetero sein können, doch diese gehen in traditionelle Moschee wie alle anderen.

Sie lehnen sich vor allem gegen das Patriarchat im Islam auf. Warum werfen sie die Homosexuellen und die Frauen in den gleichen Topf, was ihre Diskriminierung betrifft?
Weil ich gegen jedes Patriarchat bin, wo immer es sich befindet. In den traditionellen Moscheen werden die Frauen ganz nach hinten verfrachtet, manchmal beten sie sogar draussen im Garten. Durch solch unkomfortable Plätze werden sie nicht motiviert. Ausserdem erfahren die Frauen ganz allgemein noch heute die grösste Gewalt zuhause von den Männern, auch hier im Westen. In der heutigen arabisch-muslimischen Welt ist die Dynamik der Hinterfragung der Identität in Gange: Muss man derart viril und männlich, stark und gewalttätig sein?

Befindet sich der Islam weltweit nicht eher im Rückschritt zum Fundamentalismus?
Die Abkapselung in den Kommunitarismus und den Radikalismus ist eine störrische Reaktion auf eine Entwicklung, die bereits in Gange ist. Man weiss nicht wie sich in Zukunft entwickeln wird, aber man kann eine Reform des Islams aller beobachten. Die Fortschritte kommen in der arabisch-muslimischen Welt weniger schnell voran als in Europa. Das ist auch gar nicht wünschenswert. Sie müssen ihren eigenen Weg finden, einen demokratischeren, alle einschliessenden. Würden wir ihnen ein Modell aufzwingen, stiessen wir auf totale Ablehnung wie wir es im Irak beobachten. In Tunesien hingegen sind die Menschen offener als anderswo in der muslimischen Welt, weil es dort keine strategischen Interessen gibt, was das Erdöl betrifft. Auch die Konservativsten machen Fortschritte. Klar wollen die Salafisten als Rigoristen zurück zum Ursprung. Die Muslimbrüder stehen zwar für die Anpassung des Dogmas, das das gleiche bleibt, sich aber an die moderne Realität anpasst, was seine Konturen betrifft. Beide verleihen dem Dogma sakralen Charakter. Doch das Dogma in sich ist faschistoid.

Wie gehen schwule und lesbische Muslime heute in Frankreich mit der Islamophobie um?
Persönlich kann ich heute meine Homosexualität und Spiritualität zufrieden ausleben. Homosexuelle Muslime werden aber doppelt diskriminiert; als Muslime oder Araber unter den Franzosen; als Homosexueller in der Familie und dem Islam. Das kann eine grosse Chance sein, ist aber auch der Grund tiefer Depressionen. Unter den jugendlichen Suizidfällen Frankreichs befinden sich 15 Prozent mehr Homosexuelle. Bei den Muslimen müssen es noch mehr sein. Es gibt keine ethnischen Statistiken, doch ich bin davon überzeugt. Die Moschee für alle ist deshalb nicht ein politisches oder ideologisches Projekt, sondern in erster Linie ein Ort, der alle empfängt, damit mehr überleben.

(AP Photo/Claude Paris)

(AP Photo/Claude Paris)

Doch braucht es nicht mehr Einfluss in die Familien, die ihre homosexuellen Kinder ablehnen oder zur Heirat zwingen?
Tatsächlich werden viele von den Familien unter Druck gesetzt, damit sie sich verheiraten. Deshalb kommt es zu zahlreichen Ehen zwischen Schwulen und Lesben. Jeder hat dann einen Liebhaber oder eine Freundin. Das erlaubt ihnen, Kinder zu haben und in der Familie integriert zu sein. Denn kinderlos existiert man in diesen Familien nicht.

Was sagt der Koran zu einer solchen Unehrlichkeit? Muss ein guter Muslim nicht ehrlich und treu sein?
Wem gegenüber, sich selbst oder der Familie? Das ist die Frage. Ein Vers des Korans sagt, dass man seine Eltern respektieren muss. Übertritt ihr Wunsch jedoch die persönlichen Prinzipien und Werte, muss man nicht gehorchen. Wenn Schwule oder Lesben zur Ehe gezwungen werden, dürfen sie sich eigentlich weigern. Denn ist es ehrlich, seine Kinder derart unter Druck zu setzen? Meine eigene Mutter glaubte auch zu wissen, was das Beste für mich ist. Sie brauchte zehn Jahre, um meine Homosexualität zu akzeptieren. Schliesslich hat sie sogar meinen Ex-Mann während des Ramadans zuhause empfangen. Aus Respekt vor sich selbst, muss man seine Ehrlichkeit durchsetzen. Wenn man mit sich selbst ehrlich ist, folgt der Rest.

In arabisch-muslimischen Kreisen ist die Homophobie aber noch weit verbreitet. Sie behaupten, dass der Koran sie in keiner Weise verwirft.
Er spricht vom « sexuellen Extremismus ». Die Homosexuellen aber empfinden sich nicht als Extremisten, sondern als Menschen mit Empfinden für Gleichgeschlechtliche. In der Erzählung im Koran von Sodom und Gomorra geht es um Patriarchen, die Männer und Frauen vergewaltigen, die versuchen, Lots Töchter zu vergewaltigen. Zudem war Lots Frau keine Lesbe, sondern eine Sodomitin. Das alles hat nichts mit der Homosexualität zu tun, wie wir sie heute definieren. Es handelte sich im Grunde um einen heidnischen Kult gegenüber Fremden. Kein anderes Volk soll sich solchen Schändlichkeiten hingeben, ist der sinnbildlichste Vers im Koran, wobei man jedoch nicht weiss, um was für Schändlichkeiten es sich genau handelt. Für mich geht es um patriarchale, rituelle Vergewaltigungen nicht aber um die Homosexualität. Hingegen steht im Koran (17.84-86): « Jeder handelt entsprechend seines Genres (schakila)». Das ist sehr modern. Klar wird auch von Mann und Frau als Gatte und Gattin gesprochen, schliesslich besteht die Bevölkerung, einst oder jetzt, hier und anderswo, mehrheitlich aus Heterosexuellen. Das will aber nicht heissen, dass es keinen Raum für die Vielfalt gibt. Der Koran erzählt von Männern und Frauen, die nicht heirateten, die man nicht dazu zwingen darf. In den Überlieferungen der Hadith werden die Mukhanaothun (Androgyne) explizit erwähnt. Sie kleideten und schminkten sich bunt wie die Frauen, pflegten Beziehungen unter sich, wurden aber auch als sexuelle Objekte während den Schlachtzügen missbraucht. Der Prophet sagt ihnen nicht, sie seien eine Schande, ich werde euch alle töten, nein, er sagt, man dürfe sie nicht zu sexuellen Beziehungen zwingen.

Warum werden dann weltweit noch heute in sieben Ländern Homosexuelle zum Tode verurteilt?
Der heutige Schwulenhass hat mit der Politik, dem faschistischen Patriarchat und dem wirtschaftlichen Umfeld zu tun. Alle sieben Länder sind muslimisch. Laut dem neuen Strafgesetzbuch des Irans, werden die Homosexuellen laut ihrer Rolle bestraft: Nur der passive Partner wird erhängt, weil er als nahe der Weiblichkeit empfunden wird und entsprechend die Männlichkeit schwächt. Der aktive Partner hingegen, der sich ihrer Meinung nach eher auf der Seite der Männlichkeit, der Macht, befindet, kommt mit einer Auspeitschung davon. Ein Flüchtling aus dem Irak hat mir erzählt, dass 130 Personen in Mossul wegen Homosexualität durch die djihadistische Organisation Islamischer Staat getötet worden sind. Sie würfen sie von den Minaretten hinunter. In Saudi Arabien werden sie geköpft. Davon steht aber nichts im Koran oder der Tradition des Propheten. Das sind reine Erfindungen. Die Archive des ottomanischen Reiches aus dem 16. Jahrhundert beweisen, dass niemals jemand wegen Homosexualität verurteilt worden ist.

Warum werden sie dann heute diskriminiert?
Die berühmte, 1825 in Ägypten herausgegebenen „Tausend und eine Nacht“, die schon seit Jahrtausenden existierte, wurde nach dem Zerfall des ottomanischen Reiches von allem gesäubert, was die Sexualität der Frau und der Schwulen betraf. Das hetero-faschistische Patriarchat wurde zur Entwicklung eines arabischen Nationalismus benutzt, den das ottomanische Reich, die Engländer und die Franzosen erstickt hatten. Es handelt sich aber durch und durch um einen grässlichen Männlichkeitswahn, der mit der Spiritualität nichts gemein hat.

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Wollen sie damit sagen, dass die heutige Homophobie des Islams aus dem Kolonialismus gewachsen ist?
Und mit dem Zerfall des ottomanischen Reiches, der die arabisch-muslimische Welt allen möglichen Aggressionen ausgeliefert hat. Die Kolonialstaaten haben Minderheiten diskriminiert. Noch vor 150 Jahren erlebten wir das Gegenteil: Die in Frankreich verfolgten Homosexuellen kehrten in den Maghreb oder den Mittleren Osten zurück, wo sie ihre Sexualität diskret leben konnten. Der Wandel ist aus geopolitischen Gründen entstanden. Der Islam als Zivilisation wurde durch den Faschismus, die Massaker der Minderheiten, die Kontrolle der Identitäten, die Macht der Männer heimgesucht.

Sie hingegen haben sich selbstverwirklicht. Wo holen sie den Mut her?
Hat man Aids, die Homosexualität, den Islamismus und den Rassismus am eigenen Leibe erlebt, besitzt man einen dicken Panzer. Heute lebe ich gut und glücklich. Ich denke aber an all jene, die sich total verloren fühlen. Heute besitzen die Mitglieder unserer Vereinigungen ihre eigenen Kompetenzfelder. Die Bewegung ist daran, sich zu festigen. Wir müssen weitermachen.

Zur Person: 

profil - barceloneLudovic-Mohamed Zahed ist ein Schnellsprecher, der dennoch jedes Wort auf die Waagschale legt. Er kommt zum Interview in salopper Freizeitkleidung ins Pariser Gay-Viertel, wo  der Imam sein letztes Buch „LGBT-Musulman.es“ in einer Buchhandlung signiert. Doch so locker wie er heute wirkt, war sein bisheriges Leben nicht. Zwanzig Jahre Nachdenken habe es gebraucht, sagt er bei einer Tasse Kaffee in einer Marais-Bar. Der 39jährige hat sein ganzes Leben damit verbracht, mit sich ins Reine zu kommen, denn „Ludo“ wurde 1977 in Alger in zwei Kulturen hineingeboren. Kaum zweijährig, zog die fünfköpfige Familie ins „trübe“ Paris; das helle Licht Algers erblickte der Knabe weiterhin während den Ferien. Schliesslich kehrten alle zurück in die Heimat, doch sein grosser Bruder hat ihm dort bald mit Schlägen beigebracht, was ein Mann ist. Er aber verliebte sich in einen Salafisten, mit dem er fünf Jahre lang betete und studierte. Mitten im Algerischen Bürgerkrieg kam der Maturand 1995 durch den Terroranschlag der Islamisten in Alger zur Besinnung. Die Familie liess sich sofort in Marseille nieder, und Ludovic kehrte dem Islam den Rücken.

Aids-positiv mit neunzehn, hat der Wissenshungrige zuerst Psychologie studiert und sich dem Buddhismus zugewandt. Als Zahed auch in dieser Religion den Frauen- und Schwulenhass entdeckte, nahm er den Islam aus einem neuen Blickwinkel in Angriff, was zu seinem Doktorat „Les minorités sexuelles à l’avant-garde des mutations du rapport à l’Islam de France“ (Die sexuellen Minderheiten als Avantgarde der Beziehungsveränderungen des Islams in Frankreich) geführt hat. Jetzt war er der Avant-Gardist: 2010 gründete der Anthropologe Frankreichs erste Vereinigung homosexueller Muslime HM2F und 2012 die erste LGTB-Moschee (2012) in Paris. Seine 2010 in Südafrika besiegelte Ehe mit einem Mann ist 2014 in Brüche gegangen, auch darüber plaudert der hagere Feinfühlige offen. Alle Türen stehen ihm jedoch nicht offen: Für die Universitäten sei er zu schwul und zu islamisch, weshalb man ihm keine Professorenstelle gewähre. Das sei bitter, mache aber nichts, sagt er. Als freier Wissenschaftler in Marseille, bereise er jetzt die halbe Welt. Mehr dazu auf seiner Homepage www.calem.eu und in seinem Buch „Le Coran et la Chair“, Max Milo, Paris, 2012   (Bilder: zvg)

 

Unmöglich französisch

Wer hat das letzte Wort?

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Sind wir reif (mûr) für die neue französische Rechtsschreibung oder drückt sie uns an die Wand (mur)? Seit Jahrhunderten streiten sich der französische Staat und die einst königliche Akademie um die Vereinfachung ihrer Muttersprache. Auch im heutigen Gefecht ums Circonflexe vertritt die Republik im Namen der Egalité – die ihr schrilles Aigu behält – alle Franzosen, insbesondere seine wohlbehüteten Knirpse, denen sie das Lernen erleichtern will. Die von König Ludwig XIII und Kardinal Richelieu gegründete Académie Française schützt hingegen seit 1620 die Ursprünge der Sprache, den Adel und die Elite. Skrupellos lehnte sie im 18. Jahrhundert etwa die Vorschläge der Reformisten „als Zeichen des Unterschiedes zwischen Sprachwissenschaftlern und den Ungebildeten“ ab. „Die Schrift ist das Gemälde der Stimme, je mehr sie ihr gleicht desto besser ist sie“, antwortete Voltaire 1777. Kühn ersetzte er sodann in seinen Schriften das oi durch ein ai, ein Vorschlag, den die Akademie erst 1835 absegnen wird. Mit dem Recht auf Bildung für alle und Frankreichs Eröffnung unzähliger öffentlicher Grundschulen Ende des 18. Jahrhunderts sind die Gepflogenheiten der französischen Rechtschreibung aber längst nicht mehr einzig Sache von Frankreichs vierzig Akademiemitgliedern, den sogenannten Unsterblichen.

Zirkumflex und Grave wechseln den Platz
Seit kurzem ist der verbale Schlagabtausch um etymologische und phonetische Funktionen erneut in Paris entfacht. „Aus mit dem Circonflexe“ oder „Umstellen geht nicht mehr“- titeln seit dem letzten Frühling die französischen Tageszeitungen. Viele schreiben sich in Twitter die Finger wund. Sogar von der Abschaffung aller Betonungszeichen ist die Rede. Von Exhumierung und Tod. Überforderte Lehrer, hoffnungslose Nostalgiker, die progressive Erziehungsministerin Najad Vallaud-Belkacem und die konservative Akademie Frankreichs streiten um den Satus-Quo versus Vereinfachung und Anpassung. Man könnte meinen, das Land der Menschenrechte stände vor einer Revolution. Dabei hat „NVB“ im Februar im Rahmen der Reform der Schulprogramme lediglich wiederholt, dass die 1990 abgesegneten Rechtschreibungsänderungen als Referenz und die traditionelle Schreibweise weiterhin als richtig gälten. Jetzt kommen allerdings diese Aenderungen von rund 2000 Wörtern zum Schulbeginn von Herbst 2016 in die Schulprogramme. Vor allem das verflixte Zirkumflex und das langgezogene Accent grave (schlimm, tief) sorgen seither für Diskussionsstoff.

Kein Grund zur Panik
Sie werden nicht abgeschafft. Das Französisch wird weiterhin bekleidet durch die Welt flanieren. Das borgend, abgeschlossen wirkende Dach ^, dieser Hut, der Migräne verursacht, wird nicht total eliminiert, einzig auf dem „i“ und dem „u“. Man kann sich mit entraîner trainieren, das jetzt als entrainer zu schreiben ist, weil das Circonflexe keinen Einfluss auf die Betonung besitzt. Markiert es aber die Endung eines Verbes darf es bleiben: Zum Beispiel im Konjunktiv der Vergangenheit – „qu’il fût“ – dass er geworden war. Ja, lange ist es her, seit der Philosoph René Descartes 1637 das ursprüngliche „s“ – qu’il fust – mit dem Dachzeichen ersetzt hat! Das war einfacher als heute. Die Ausnahmen kann sich kaum jemand einprägen: Die Eigennamen behalten ihr Dach und auch gleiche Worte mit widersprüchlichem Sinn: du (des) – dû (Schuld, ausstehend). Dass sich oignon (Zwiebel) nun in ognon schält, treibt das Wasser in die Augen. Der amerikanische Revolver hingegen wird als révolver französisiert.

Kleine Reformette und Weltruhm
Es ist das Französisch der Zukunft, in das die Erstklässler sofort einsteigen sollen. Ob es den Lehrern, Schriftstellern und Publizisten gefällt oder nicht, die revidierte Orthographie von 1990 wird zur Referenz. Es handle sich um keine Revolution, sondern lediglich um eine kleine Reformette, beschwichtigt das Erziehungsministerium. „Die Reform wird bald in Vergessenheit geraten“, poltert hingegen Hélène Carrère d’Encausse im „Figaro“. Die Akademie habe sie 1990 lediglich grundsätzlich und nicht im Detail abgesegnet, schwört deren auf ewig gewählte Secrétaire perpetuelle. Denn Ende der 1980er Jahre hatte das Französische in der Welt an Ruhm verloren. Viel zu vielschichtig, verlangten die Linguisten eine Reform, weshalb Alt-Premier Minister Michel Rocard den inzwischen aufgelösten Conseil Supérieur de la Langue Française CSLF gründete, eine staatliche Kommission mit Experten als Mitgliedern, die die heute zur Diskussion stehende Rechtsschreibung ausgebrütet haben.

Umstellen unmöglich
„Es ist schwierig“, stöhnt allerdings ein Primarlehrer im Pariser Viertel Bolivar. Die neuen Regeln verwirrten die Kinder. Die Bindestriche fielen ja auch teilweise weg und die Mehrzahl zusammengesetzter Wörter ändere, seufzt er. Alles abzuspeichern, gleicht einem Computer im Kopf. Die Schweizer haben ebenfalls Mühe damit. Ihre Conférence intercantonale de l’instruction publique der Westschweiz und des Tessins hat die berüchtigte Rechtschreibungsreform schon 1996 abgesegnet, aber präzisiert, es stehe jedem frei, die Berichtigungen oder die traditionelle Schreibweise anzuwenden. Beide sind möglich. Beide bleiben richtig, was die Arbeit der Maîtres – nun maitres – erschwert. „Die Rechtschreibereform ist bei uns kein Thema. Den Schülern zu erklären, dass es eine klassische und eine reformierte Variante gibt, wäre nicht sinnvoll – es würde die Rechtschreibung nur komplizierter gestalten – und die ist schon schwierig genug“, meint Gymnasiallehrer Beat Herrmann in Baden. Sofern es nicht um eine Bedeutungsänderung wie „mur – mûr“ gehe, würden weggelassene Akzente kaum als Fehler gewertet. Auch in der Romandie fasst Frankreichs Durchbruch noch nicht Fuss. Denn als Verleger macht die CIIP die Reform im Schulstoff nicht zur Norm. Was aber nicht ist, kann noch werden. In Frankreich jedenfalls hat Vallaud-Belkacem die Schulreform nicht im Parlament abstimmen lassen, sondern per Dekret verordnet. Der neue mit einer roten Makrone am Umschlag gekennzeichnete Primarschulstoff ist in Druck.

Das Phänomen der neuen Hooligans

Während auf dem Fussballfeld um den Europameistertitel gekämpft wird, prügeln sich die neuen Hooligans aus Osteuropa um die Vormachtstellung der Schlachtenbummler Europas.

hooligans marseille dna Photo dna
In den unzähligen Kneipen am Marseiller Hafen trinken viele Fussballfans mehr als ein Bier. Die Engländer blödeln schon vor dem Match Russland-England betrunken herum. Plötzlich tauchen zwischen den lauschigen Pergola jedoch gegen 150 kräftige Russen auf. Die kahlen, tätowierten Muskelprotzen strotzen mit nacktem Oberkörper oder pechschwarzer Kleidung. Sie schlagen sofort die anwesenden englischen Fans kurz und klein, mit Fäusten und Füssen. Mehr als zwei Tausend mobilisierte Polizisten können die halbstündige Schlacht um einen Platz in der Top3 des europäischen Hooliganismus nicht verhindern. Auf solch kühne, brutale Russen waren sie nicht gefasst. Fast hilflos schauen ein paar zu, wie einer ihrer Kollegen am Herz eines verletzten Engländers pumpt. Die Bilanz ist bitter: 34 Verletzte, aber nur 20 Verhaftete und erst noch keine Russen.

Das ist nicht nur eine Blamage für Frankreich als Organisationsland. Der anschliessende Übergriff der russischen Fans in den englischen Block im zwei Kilometer entfernten Stadion Velodrome während des berüchtigten Matches stellt ebenso die UEFA in den Schatten, die solche Bilder gar nicht zeigt. Die von den meisten nationalen Fernsehsendern aus den Stadien übernommenen UEFA-Bilder konzentrieren sich auf das grüne Feld, um dem Ruf des Fussballs als populärem Familiensport nicht zu schaden und keine weiteren Schlachten zu schüren.

Ausserhalb der Stadien steht Frankreich unter Hochspannung. Nach Terroranschlägen, Überschwemmungen und Krawall muss François Hollande während der EM ebenso jetzt den neuen Hooliganismus in den Griff bekommen. „Es handelt sich für Westeuropa um ein neues Phänomen, das seit 1990 in Osteuropa entsteht“, erklärt in Paris der Historiker Sébastien Louis, ein Experte der radikalen Fans in Europa*, der persönlich beim Schlagabtausch zwischen den Russen und Engländern in Marseille anwesend war. Durch eine verstärkte Repression mit Stadium Verbot und dem Hang der englischen Hooligans sich an Raveparties mit Extasy zu berauschen, habe sich die Lage seit den späten 1980er Jahren in Westeuropa eher beruhigt. „Mit dem Berliner Mauerfall und orientierungslosen Jugendlichen hat sich aber die Gewalt in Osteuropa verschärft. Ausserdem bietet die digitale Technik den Hooligans neue Möglichkeiten sich international zu messen und zu versammeln“. In Ungarn, Polen, der Slowakei und vor allem unter den Hooligans der Moskauer Clubs haben sich durchtrainierte Schläger zu nüchtern vorgehenden, strategischen Sportkämpfern profiliert.

Völlig unter sich, trainieren diese Banden während der sogenannten Free Fights im Wald. Solch organisierte Schlägereien entwickelten sich, laut Sébastien Louis, ebenfalls in Deutschland oder der Schweiz. Zwar gelten die Engländer nach wie vor als stärkste Hooligans Europas, doch diesmal wurden sie von den Russen zu Opfern geprügelt. Neu daran ist, dass diese wie eine paramilitärische Einheit vorgehen.

Der Auftrag der Polizisten sei in Marseille nicht die Verhaftung, sondern die Trennung der gewalttätigen Raufbolde gewesen, verteidigt der Polizeigewerkschafter Jean-Claude Deloge seine Kollegen. Die Russen sind den Franzosen zuerst durch die Latte gegangen, weil diese, extrem gut organisiert, wieder blitzschnell in den vielen, kreuzartig angelegten Gassen des Marseiller Hafens verschwunden sind. Diese besondere Lage habe ihr Einzingeln verunmöglicht. Trotzdem sah es aus, als sei die französische Polizei völlig überfordert. Ginge es nicht um Leben und Tod, könnte man es ihr nicht einmal verübeln. Klar sind Frankreichs Ordnungshüter erschöpft, denn Polizei und Armee kämpfen tagtäglich an allen Fronten: Nicht nur potentielle Terrorziele müssen ständig bewacht werden. Seit Wochen wüten ebenso anarchistische Randalierer jeweils während der Demonstrationen der Gewerkschaften gegen das Arbeitsgesetz. Seit diese ein Kinderspital in Paris beschädigt haben, bewilligt Hollande nur noch Demonstrationen in einem kurzen, hochbewachten Rundgang.

Auch was den Fussball betrifft, reagierte Frankreich schlussendlich zielstrebig: Vor dem Spiel England-Wales in Lens wurden alle Schulen und Läden geschlossen; der Alkoholverkauf ausserhalb der Lokale ist seit Marseille verboten, was allerdings als nutzlos erscheint, denn die Russen waren nüchtern. Auch das ist unter Hooligans neu. Mehrere Hundert Personen wurden inzwischen verhaftet. „Identifizieren und ausweisen“, heisst  laut Regierungssprecher Stéphane Le Foll die Devise. Dank der Ueberwachungskameras konnten schliesslich 43 in Marseille wütende Russen identifiziert und in einem Car verhaftet werden. Drei wurden zu unbedingten Gefängnisstrafen verurteilt. Sie und weitere 20 Russen werden ausgeschafft. Darunter der Rädelsführer ultrarechter Fangruppen Alexander Schprygin alias „Komantscha“ , dem Beziehungen bis zum Kreml nachgesagt werden.

Moskau hat derweil eher pikiert reagiert: Zwar verurteilte Russlands Sportminister Witali Mutko „das schlechte Verhalten“ der russischen Fans. Nach der Verhaftung der 43 Landsleute im Car bei Cannes wurde der französische Botschafter in Moskau allerdings ins Aussenministerium zitiert. Dort warnte Aussenminister Sergei Lawrow vor der „Verschlimmerung der franko-russischen Beziehungen durch das Schüren antirussischer Gefühle“. Die virilen Prügeleien seiner Landsleute hätte er „auf zivilisierte Weise“ geklärt haben wollen.
*) Co-Autor des Buches „Soutenir l’équipe nationale“, Verlag Université Bruxelles

Das Phänomen der neuen Hooligans wurde ebenfalls in den Druckausgaben von SONNTAG und DOPPELPUNKT veröffentlicht