Man packt alles in die Hose

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Als wäre es das Natürlichste der Welt, schiebt der zehnjährige Marcello morgens seinen Pulli säuberlich in die Jeans. „Nimm mir den sofort wieder heraus“, protestiert der Vater, ein Parisien, der glaubt, den guten Geschmack zu kennen. Doch der Mittefünfziger ist ein Hasbeen. Als Gamer und Skater mit tief ins Gesicht fallenden Haarsträhnen surft nämlich sein Sohn  auf der trendigen Welle. Die Laufstege der Pariser Fashionweek haben es bewiesen: Im nächsten Winter wird der Pullover, sei er noch so dick, in der Hose verstaut. Dass es der Feine mit dem Rollkragen sein darf, scheint auf den ersten Blick gerade noch akzeptabel, denn er macht die Schlanken noch attraktiver. Der gleiche Effekt wird mit einem Ringelpulli erreicht, wenn er wie nahtlos in eine blaue Hose gleitet. Der Bogen in der Hose kann aber herzhaft viel weiter gespannt werden, indem dicke Noppen oder flauschige Maschen in Himbeerrot, Blau oder sehr femininer Jade in einen schmalen, an der Hose angenähten Gurt eingeschnürt werden. So gut wie alles, wird von der Hose verschlungen: Pullunder, Sweater, Gilet und warum nicht, der Bomberblouson?

So abwegig ist die Sache nicht. Den ganzen Bund und Laden des erzmännlichsten Kleidungsstückes zu sehen, wirkt echt sexy. Mann zeigt, was er in der Hose hat. Rebell James Dean hat es in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ 1955 vorgemacht. Allerdings mit dem weissen T-Shirt. Diese Sexiness haben jedoch die Rock-Hippies Jimi Hendrix und Mick Jagger weiter ausgelotet. Als Modeikone und Verfechter der sexuellen Befreiung versenkte der  Leader der Rolling Stones seinen Pulli 1967 hinter einer schimmernden Goldschnalle. Und wer erinnert sich nicht an John Travoltas einzigartige Figur auf dem Tanzparkett? Dank dem Kultfilm Saturday Night Fever, der in den späten Fifeties spielt, ist der Pulli als weltweiter Mainstream in der Hose verschwunden. Das hat die ursprüngliche Botschaft verwässert. Mit der Sexualität der heterosexuellen Männer hat sich die Mode in den letzten Jahrzehnten gar nicht befasst. Der japanische Minimalismus mit seinem übereinander geschichteten Purismus hatte diesem aufregenden Funken ein Ende gesetzt. Nicht für lange und präzis im richtigen Augenblick: Nach dem Harvey-Weinstein-Skandal drängt sich die Diskussion über die sexuellen Grenzen auf. Die Jungen und die Alten sind sich nicht einig. „Kommt mir nicht in Frage“ hat Marcello zu seinem Vater gesagt, der aber nun doch in Betracht zieht, sich im nächsten Winter eine dieser karierten Flanellhosen zu beschaffen, in denen der dicke, beige Rollkragenpulli toll aussieht, und, wer weiss, in eine neue Ära führt.

Mit starken Düften die Persönlichkeit ausdrücken

Über zweihundert neue Parfums kommen in diesem Herbst auf den Markt: Betörend schwere Düfte für den Mann, zuckersüsse Symphonien voller Blumen und Früchten für die Frau. Dahinter stecken Marktanalysen und ganze Konzepte, um dem Ego der Generation Y zu schmeicheln.
Parfumtrend copyright esther haldimann
Schwere Wolken von Pfeffer und warmen Gewürzen, orientalischen Hölzern und spritzigen Zitrusfrüchten hängen in Gängen und Aufzügen, so stark und intensiv, dass sie sogar durch Türen dringen. Ein Nachbar mag Diors neues Sauvage, dessen Duft nach Roten Beeren, Geranium, Lavendel und Patschuli über den Balkon herüber schwebt. Noch intensiver, noch tiefer, noch sinnlicher zieht ein Mann, der aus einem Bus steigt, die Umgebung in seinen Bann dank Yves Saint Laurents La Nuit de l’homme L’Intense. Weit süssere Blütendüfte versprühen die Frauen, pudrig unterlegtes Neroliöl aus bitteren Orangen (Elie Saab) oder ganze Symphonien aus Narzissen, Strohblumen, zarten Lindenblüten, süssem Flieder, feinen Akazien und aufdringlichen Mimosen. Auch um Schlemmernoten wie Vanille, Honig, Safran, Milchkaffee, Zimt oder Ahornsirup kommt in diesem Winter niemand herum.

Rosen aus Bulgarien, italienische Pflaumen…

Rechnet man alle von einem bereits bestehenden Parfum abgeleiteten Flanker und limitierten Sonderauflagen ein, kommen im Frühling und Herbst jeweils über zweihundert neue Parfums auf den Markt. Viele Parfümeure setzen den Damen in diesem Herbst allzu typisch feminine, süss-fruchtige Blumendüfte und den Männern einen betörenden Cocktail vor. Doch wer setzt diese Trends überhaupt fest? „Es hat sie schon immer … Lire la suite

Perfekt im Perfecto

Perfecto RedskinsNach der Hose, dem Smoking und dem Sakko, macht sich die Damenmode diesen Herbst hinter eine andere Männerdomäne. Was heute schick, aber widerspenstig anmutet, war einst das Outfit der Rebellen. Wie kein anderes Kleidungsstück, versinnbildlicht die Perfecto mit dem hohen Kragen den weichen Kern in der harten Schale. Sexy, unberechenbar, aber empfindlich trug James Dean sie in Nicolas Rays amerikanischem Kultfilms “…denn sie wissen nicht was sie tun” (1955). Marlon Brando erreichte 1953 als ein Gruppenanführer jungendlicher Motorradfahrer in « Der Wilde » die gleiche unschuldige, dekadente Sexyness. Ein vom zweiten Weltkrieg inspiriertes Modell galt unter den mythischen Rockern der Hells’Angels als Sammlerstück. Von Elvis Presley lanciert, wurde die Perfecto anschliessend zum starken Symbol mehrerer Musikgenerationen. Rock, Punk, ja sogar der Pop ist mit ihr verschweisst: Wer erinnert sich nicht an Michael Jacksons blutrot schimmernde Perfecto in « Thriller ».?
Brigitte Bardot und Madonna waren die erste Frauen, die zum Perfecto griffen. In dieser Jacke fühlt sich frau wohl behütet, empfindet Macht und strahlt diese auch aus. Das Fashionvictim Victoria Beckham trägt kurze, enge Modelle in Knautschleder von Marc Jacobs. Dieser bezeichnet seine bei Louis Vuitton in eigelbe Croco- Perfectos eingehüllten Feen als « stark aber zärtlich ». Ursprünglich wurde die Perfecto nach der kubanischen Lieblingszigarre von Irving Schott benannt. Der entwarf 1928 Lederjacken in New York zum Schutze der amerikanischen Motorradfahrer, steiff in Büffel- oder Pferdeleder gegerbt und: unzerrreissbar. Diesen Herbst verleiht die Perfecto der Frau eine starke Allüre. Sie passt hervorragend über lange, leichte Abendkleider oder zu engen Hosen. Das bei Schott Brothers in New York noch immer erhältliche Originalmodell haben die Spitzendesigner allerdings gezähmt. Rosa mit Yin-Yang-Aufdruck, körperbetont geschnitten, im Tarndruck oder flauschig in Daunen abgesteppt, wirft der Blouson mit dem leicht diagonalen Reissverschluss seinen schwarzen Schatten ab. Die Superkurzen in weichem Lammleder haben ungemein Pfiff. Die mit Nägel beschlagenen Schwarzen reflektieren am Treffendsten das rebellische Original, das jedoch nicht alle so unwiderstehlich macht wie einst James Dean. Die Damen sind zur Vorsicht gebeten. Im schwarzen Perfecto kann frau auch aufdringlich wirken oder ein “Rühr mich nicht an! » anzeigen.

Erschienen am 7. 12. 2012 in der AARGAUER ZEITUNG, Baden, Schweiz