Mit starken Düften die Persönlichkeit ausdrücken

Über zweihundert neue Parfums kommen in diesem Herbst auf den Markt: Betörend schwere Düfte für den Mann, zuckersüsse Symphonien voller Blumen und Früchten für die Frau. Dahinter stecken Marktanalysen und ganze Konzepte, um dem Ego der Generation Y zu schmeicheln.
Parfumtrend copyright esther haldimann
Schwere Wolken von Pfeffer und warmen Gewürzen, orientalischen Hölzern und spritzigen Zitrusfrüchten hängen in Gängen und Aufzügen, so stark und intensiv, dass sie sogar durch Türen dringen. Ein Nachbar mag Diors neues Sauvage, dessen Duft nach Roten Beeren, Geranium, Lavendel und Patschuli über den Balkon herüber schwebt. Noch intensiver, noch tiefer, noch sinnlicher zieht ein Mann, der aus einem Bus steigt, die Umgebung in seinen Bann dank Yves Saint Laurents La Nuit de l’homme L’Intense. Weit süssere Blütendüfte versprühen die Frauen, pudrig unterlegtes Neroliöl aus bitteren Orangen (Elie Saab) oder ganze Symphonien aus Narzissen, Strohblumen, zarten Lindenblüten, süssem Flieder, feinen Akazien und aufdringlichen Mimosen. Auch um Schlemmernoten wie Vanille, Honig, Safran, Milchkaffee, Zimt oder Ahornsirup kommt in diesem Winter niemand herum.

Rosen aus Bulgarien, italienische Pflaumen…

Rechnet man alle von einem bereits bestehenden Parfum abgeleiteten Flanker und limitierten Sonderauflagen ein, kommen im Frühling und Herbst jeweils über zweihundert neue Parfums auf den Markt. Viele Parfümeure setzen den Damen in diesem Herbst allzu typisch feminine, süss-fruchtige Blumendüfte und den Männern einen betörenden Cocktail vor. Doch wer setzt diese Trends überhaupt fest? „Es hat sie schon immer … Lire la suite

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

Der Schritt ins Unbekannte, der sich meist auszahlt : An der Pariser Fashionweek zeigten hochkarätige Marken die Kollektionen ihrer neu eingestellten, weltbesten Chefdesigner.

Dior_AW1516 - Group shotRaf Simons pour Christian Dior  copyright: Dior

Ganze neun Tage dauerte diesmal die Pariser Fashionweek mit einer neuen Herbst- und Wintermode, die Biss hat : Aalglatte Schaftstiefel verwandeln sich zu Strümpfen. Pelze und Häute, Motive und Farben aus der Savanne oder dem Urwald drücken das Tierische, das Unvorhergesehene, das Ungewisse der Frau aus. Ebenso ungewiss spielen die weltweiten Modeplayer, wenn sie neue Chefdesigner einstellen. Kering und LVMH aus Paris, der Barceloner Konzern Puig sowie Renzo Rossos italienische Holding « Only the Brave » buhlen für ihre diversen Marken um die weltbesten Modedesigner. Auch das an der Pariser Börse notierte, über 170jährige Familienunternehmen Hermès International, führt  zwar wie Chanel kein solches Marken-Portefeuille…, Lire la suite

Jean Paul Gaultier verabschiedet sich mit Humor

Seinen weltberühmten Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Am letzten Samstag zeigte Jean Paul Gaultier während der Pariser Modewoche seine letzte Prêt-à-Porter-Show.

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Der dichtgedrängte Menschenauflauf versperrt die halbe Strasse der Grand Boulevards. Ein Polizeibeamter muss den Verkehr auf die Gegenspur umleiten. Es wird gehupt und gestossen. Die Gäste schlängeln sich dennoch gut gelaunt durch die Paparazzis und Schaulustigen zu Jean Paul Gaultiers aller letzter Prêt-à-Porter-Show. Die riesigen Leuchtbuchstaben des legendären Pariser Kinos « Le Grand Rex » kündigen keine herkömmliche Modeschau, sondern die Wahl von « Miss Jean Paul Gaultier 2015 aus Frankreich und Uebersee » an. Dass Jean Paul auch an die Kolonien denkt, ist kein Detail. Nie hat Gaultier die Minderheiten und die kulturelle Vielfalt vergessen. Nur er holte runde Models auf seinen Laufsteg oder feierte mit einem schwarzen Mann als Aushängeschild, sexy und muskulös, vor acht Jahren das 30jährige Bestehen seines Labels. Das Aus kommt jetzt wie ein Hammerschlag. Seit 38 Jahren entwirft der in bescheidenen Verhältnissen im Pariser Vorrort Arcueil aufgewachsene Franzose Mode für alle.
Deshalb passt es, dass er sich nicht mit einer stereotypen Modeschau, sondern mit einer durch die Choreographin Blanca Li inszenierten, verrückten Parodie verabschiedet. Denn als sein 1974 gegründetes, zu Beginn floppendes Label in den 1980er Jahren am Modehimmel aufstieg, organisierten Gaultier und die sogenannten « neuen Modedesigner » (Mugler, Montana, Alaïa) keine klassischen Präsentationen für eine auserlesene Kundschaft, sondern riesige, dem breiten Publikum zugängliche Shows. Der Platinblonde hatte sich auch nicht wie seine Vorgänger zuerst durch die Haute Couture hochgearbeitet, sondern stieg direkt in den frisch eingeführten Prêt-à-Porter ein. Diesem sagt der inzwischen 62jährige Couturier jetzt Adieu, weil er sich grundsätzlich verändert habe. « Nur in der Haute Couture kann ich mich heute wirklich ausleben. Die geschäftlichen Zwänge des Prêt-à-Porters und sein unentwegt beschleundigter Rythmus bieten weder die zur Selbstbesinnung und zur Innovation notwendige Freiheit noch die Zeit », begründet der Couturier den Rückritt. Der Avantgardist, der stets der Zeit einen Schritt voraus war, kann und will mit dem heutigen Tempo der Modeindustrie nicht mehr Schritt halten. Er will sich nur noch in der kreativeren Haute Couture verwirklichen. Der breiten Masse bleiben lediglich seine originellen und sehr erfolgreichen Parfums, die 40 Prozent von Gaultiers Umsatz ausmachen.

Rockige Röcke für Männer
Obwohl es seine Muse, die spanische Schauspielerin Rossy de Palma schafft, das seriöse Modepublikum im Grand Rex mit einer witzig gewürzten Vorstellung aufzuheitern, hinterlässt die Show einen bitteren Nachgeschmack. Als Rebell und Star ohne Starallüren wird Jean Paul der Mode fehlen. Der Sohn einer Sekretärin und eines Buchhalters konnte mit Zahlen nie viel anfangen. Mit fünfzehn wusste er jedoch haargenau, dass nur das Modemachen für ihn in Frage kommt. Mit achtzehn stellte ihn Pierre Cardin an. «Er hat der französischen Mode derart viel beigesteuert. Keiner hatte international mehr Einfluss als er », lobt der heute 92jährige Cardin an der Bar im Rex seinen einstigen Lehrling, der sich in den 1980er Jahren am lebhaften Londoner Nachtleben, den Strassenmärkten und in Trendshops inspiriert hat. Den Matrosenpulli hat Gaultier allerdings nicht erfunden. Coco Chanel und Yves Saint Laurent hatten das blau-weiss gestreifte bretonische Matrosenshirt bereits zuvor zur Highfashion gemacht. Seit Gaultiers « Boy Toy »-Kollektion von 1983 war sein Markenzeichen jedoch in einer jeden seiner Kollektionen präsent. Die Ikone der Schwulenszene hat die Strassenmode auf den Catwalk geholt und mit seinem mutigen Unisex einen frenetischen Durchburch ausgelöst : Er steckte die Männer in Röcke und was für Röcke : Schicke Kilts oder schwingende Abgesteppte in goldigem Seidensatin. Das hat ihm niemand vor- oder nachgemacht.

Die Korsette aus Grossmutters Truhe

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Internationale Anerkennung errang Gaultier 1990 als er Madonna in einem konisch spitzbusigen Korsett auf ihre « Blond Ambition Tournee » rund um den Erdball schickte. Auch Mylène Farmer und Kylie Minogue bestellten ihre heissen Bühnenkostüme bei Jean Paul, der schon als Knabe mit Grossmutters Korsetten gespielt hatte. Die Couturière, die den Enkel zum Stoffkauf nach Paris mitnahm, war seine erste Muse. Auch seine Leidenschaft für die Bühne und das Kino spriess bereits bei Oma vor dem Fernseher, wo die Tänzerinnen des Cabarets «Les Follies Bergères » den Dreikäsehoch faszinierten. Wie immer sitzt Catherine Deneuve auch an seiner letzten Show in der ersten Reihe. Auch auf den Laufsteg hat Gaultier regelmässig Leute von der Bühne geholt: 2011 zeigte Mylène Farmer sein aus Federn konfektioniertes, schwarzes ( !) Hochzeitskleid, und Conchita Wurst modelte für ihn kurz nach ihrem Sieg am letztjährigen Eurovision Song Contest.
Gaultiers Teddy-Banane und sein späterer Hahnenkamm haben sich im laufe der Jahrzehnte zum graumelierten Bürstenschnitt verwandelt. « Spass » habe ihm alles gemacht, erklärt der bubenhafte Senior hinter den Kulissen des Grand Rex. Auch wenn er sich zu Beginn dieses Jahrtausends zuviel aufgeladen und die Uebersicht seiner Firma verloren hat. 2004 trat er zusätzlich zu seinen sechs eigenen Kollektionen pro Jahr den Chefdesignerposten im edlen Luxushause Hermès an, das zuerst 35, dann 45 Prozent des Aktienkapitals der Jean Paul Gaultier SA übernahm. Während seiner sechsjährigen Tätigkeit für Hermès fehlte dem Unermüdlichen allerdings die notwendige Puste, um seinem eigenen Label weiterhin rassige Impulse einzuverleiben. Als er 2010 Hermès verliess, kaufte der spanische Luxuskonzern Puig sein Label. Seither leitete der Modeschöpfer zwar selbst als Präsident seine Firma, verzettelte sich jedoch, indem er etwa auch ins Design einstieg. Laut den französischen Medien verringere sich sein Umsatz seither pro Jahr um zehn Millionen Euro und er verliere deren sieben.

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Nur noch dieses eine Mal zeigen Models mit Löwenmähnen raffinierte Smokings, tätovierte Jeans und graziöse Perfectos. Sie imitieren die berühmtesten Moderedaktorinnen oder treten als glamouröse Miss Fussballergattinnen auf. Die Miss Vintage – waschechte Models in hohem Alter – gleiten am Arm eines jungen Burschen über den Laufsteg. Unter einem Goldregen hindurch grüsst Jean Paul Gaultier zum letzten Mal das sprachlose Publikum. Dann fällt der Vorhang schlagartig. « Die Welt hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Mein Alter erlaubt es mir nicht mehr, Gaultier zu machen», meint der Modemacher nach der Show, den Champagnerkelch in der Hand. Es gäbe keinen Grund, traurig zu sein. Neue Projekte keimten bereits.

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Jean Paul Gaultier, immer ein Schritt voraus…

Jean Paul Gaultier PorträtCopyright Rainer Torrado

1974 : Sein Look Perfecto/Ballettröckchen/Turnschuhe ist ein Flopp, wird aber in den 1990ern zum Must
1976 : Seine raffinierten Korsette machen aus der Unterwäsche ein Outfit, das sich 1990 allgemein durchsetzt
1983 : Der Matrosenpulli gilt noch heute generell als Symbol für « Made in France »
1984 : Mit seinem Männerrock schreibt Gaultier Modegeschichte
1988 : Gaultier Junior für die Knirpse ist ein trendiges Marksegment, in die Luxusmarken sodann einsteigen
1993 : Sein Parfum « Jean Paul Gaultier » in Büstenform und Korsett macht den Flakon zum sinnlichen Objekt
1997 : Seine aalglatten Kostüme tragen zum Erfolg von Luc Bessons Science-Fiction-Film « Das fünfte Element » bei
2003 : « Tout beau tout propre » ist die erste Schminkpallette für den Mann
2004 : Zwei Männer beenden als Hochzeitspaar seine Show. Im letzten Jahr hat Frankreich die Homoehe offiziell eingeführt

Bilder:Patrice Stable p/o Jean Paul Gaultier (Show), Stanislas Alleaume p/o Jean Paul Gaultier (Backstage), 4.10.2014 

Hermès hält sich souverän

Während andere Luxuslabels Leute entlassen oder rote Zahlen schreiben, stellt die Hermès Gruppe Personal ein. Die interne Präsenz der Familie, lebenslange Qualität und verspielte Kreativität sind ihr Erfolgsrezept.

Hermès 2013

Legendäre Handtaschen wie die “Birkin”, geniale Ideen wie das in einem Couvert verschwindende Lederschachspiel oder die federleichte Daunenjacke, die man in eine Umhängetasche knüllt: Wer sich Hermès leisten kann, kauft keine Mode, sondern einen Stil, ein Statussymbol. Wer schon möchte nicht auch ein Stück Hermès besitzen? Das Firmensiegel “H” ist zwar selten ostentativ. Am Pariser Firmensitz des Faubourg Saint Honoré, wo sich Charles-Emile Hermès 1880 niedergelassen hat, wähnt man sich unprätentiös, gar distanziert. Pomp und Glamour sind ein Fremdwort in der gediegenen und dennoch behaglichen Athmosphäre. Bis heute ist die protestantische Moral erhalten geblieben. Es wird nicht von Luxus gesprochen, sondern von kreativem Handwerk. Das Hause investiert wenig ins Marketing, sondern in die “Exzellenz des Produktes” und somit auch in entsprechende Handwerkbetriebe wie die Cristallerie in Saint-Louis, den Schweizer Uhrmacher Vaucher aus Fleurier oder die TCIM (Tannerie des cuirs d’Indochine et de Madagascar), ein Spezialist in der Gerbung exotischer Leder. Deren Verarbeitung stellt dann doch kein moralisches Hindernis dar. Wie dem auch sei: Gerade jetzt in der Krisenzeit bevorzugen die Luxuskunden Topqualität und verzichten auf Schnickschnack. Und ein Hermèsprodukt kann ein lebenslanger Partner sein.

Im Krisenjahr 2008 schuf das emblematische Pariser Modehaus 439 Stellen. Fast 8000 Menschen arbeiten somit weltweit für die Edelmarke, die 2012 den berauschenden Gewinn von 740 Millionen Euros erreichte. Mit einem Umsatz von 3,48 Milliarden Euros ist der französische Konzern einer der wichtigsten globalen Modeplayer. Er serviert keine schnell vergänglichen Trends, sondern erweitert kreativ die über 150jährige Familiengeschichte. Die Firma ist zwar in Paris an der Börse kotiert, doch die heutige 5. und 6. Generation dieser kinderreichen Familie besitzt nicht nur die Aktienmehrheit. Mehrere Erben arbeiten am Faubourg Saint Honoré als Direktoren einzelner Abteilungen und leiten die Kreation.

Seit dem Rücktritt von Jean-Louis Dumas im Jahre 2006 führte allerdings erstmals ein « Fremder » das Traditionshaus, dessen Grundstein Thierry Hermès anno 1837 mit Zaumzeug gelegt hat. Als ehemaliger Generaldirektor (1989-1997) und Co-Leiter seit 2004 zählt Patrick Thomas jedoch so gut wie zur Familie. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er die Nachfolge eines Familienmitgliedes vorbereite. Nun hat Dumas Neffe Axel die Führung des Konzerns übernommen. Sein Vetter Pierre-Alexis Dumas den Posten des Artdirectors. Von 2003 bis 2010 peppte Jean-Paul Gaultier die manchmal langweilig anmutende, schlichte Eleganz von Hermès Damenmode mit Humor und etwas Sexiness auf.  Gleichzeitig vernachlässigte der berühmte französische Couturier jedoch sein eigenes Label, weshalb er Hermès verliess. Ueberraschend rief der Konzern Christophe Lemaire ans Ruder der Damenmode. Der Franzose hatte während zehn Jahren die Kreation bei Lacoste geleitet. Im Minimalismus und Unisex verhaftet, gleiten seine Entwürfe nahtlos in Hermès’ diskretes Reich, wo Véronique Nichanian seit über zwanzig Jahren mit mutigen Entwürfen dem wohlsituierten Mann ein Stück Mode und Zeitgeist beibringt.  Fast die Hälfte des Umsatzes wird jedoch mit der Maroquinerie erzielt. Nichtsdestotrotz steigt auch der Parfumverkauf dank Knüllern wie “Kelly Calèche” oder “Terre d’Hermès”, ein würziger Saft für starke Männer.

Obwohl die Hermès Gruppe mit Extras wie die Innengestaltung eines Bugattis, Smarts oder Helikopters diversifiziert, bleibt sie ihren historischen Grundsatzbereichen (Pferde, Reise, Automobil) treu. Ihre Strategie ist Teil der Erfolgsgeschichte: Sie kauft nicht wie ihre Konkurrenten andere Modelabels, höchstens Anteile (etwa Gaultier). Sie investiert vor allem in die eigenen, rund dreihundert Läden. Oft kauft Hermès gleich das ganze Gebäude.

Die Aktie Hermès steigt im Gleichschritt der Gerüchte, eines oder mehrere Familienmitglieder würden verkaufen. Als potentieller Käufer wurde regelmässig der Patron der Luxusholding LVMH, Bernard Arnault, gehandelt. Dieser hat es kürzlich geschafft, in Hermès’ Aktienkapital einzusteigen, was einen Finanzkrieg und verbale Schlagabtausche zwischen Arnault und der Hermès-Direktion ausgelöst hat. Laut einem Gerichtsentscheid hat Hermès das Recht erhalten, die familiäre Aktienmehrheit zu schützen. Doch Arnault besitzt inzwischen dennoch mehr als 20 % der begehrten Hermès-Aktien.

Paris, September 2013  – Bild: Hermès zvg