Christian Dior: Masslos und unvergänglich

Die Ausstellung Christian Dior – Couturier du Rêve im Pariser Musée des Arts décoratifs ist ebenso grossartig wie die 70jährige Geschichte des weltberühmten Labels.

Unter zwei Stunden kommt niemand wieder hinaus. Das Ausstellungsangebot ist uferlos, genauso masslos und doch pedantisch wie es der 1905 in der Normandie geborene Christian Dior gewesen sein muss. Müde und leer wirkt allerdings sein Blick auf allen ausgestellten Fotos und Gemälden. Denn der ursprüngliche Student politischer Wissenschaften, Zeitungsillustrator und Galerist musste bereits mit einigen Schicksalsschlägen leben, als er 1946 sein Modehaus an der Pariser Avenue Montaigne eröffnete: Seine Mutter, die ihm mit ihrer grossbürgerlichen Eleganz das Modeflair eingehaucht hatte, war 1931 gestorben; sein Vater, ein Düngerfabrikant, in Konkurs gegangen. Nicht nur Christians späterer Freund, der Surrealist Jean Cocteau hat „Dior“ mit Gott und Gold (Dieu et Or) verglichen. Mit „Diors Dünger ist Gold Wert“ hatte schon Papa Reklame gemacht. Umsonst. Lire la suite

Diors neue Powerfrau

Mit Maria Grazia Chiuri entwirft erstmals eine Frau Christian Diors Damenmode. Als Feministin, Karrierefrau und Mutter emanzipiert die Römerin das französische Traditionshaus. 

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John Gallianos fristlose Entlassung vor fünf Jahren, das folgende Jahr ohne Chefdesigner und schliesslich Raf Simons überraschender Rücktritt im Sommer 2015 haben an Diors Image gezerrt: Umsatz und Reingewinn des weltbekannten Labels stagnieren diesen Herbst zum ersten Mal seit langem. Dafür macht die Direktion allerdings den Rückgang der Pariser Kundschaft wegen der Attentate verantwortlich. Dass die einst hippeste Modemarke an Glanz verloren hat, untermauert jedoch eine während der Pariser Fashionweek anfangs Oktober unter den Französinnen durchgeführte Umfrage: Das „Lieblingslabel Dior“ steht erst an vierter Stelle, hinter Chanel, Saint Laurent und sogar Chloé. Jetzt aber entfacht Maria Grazia Chiuri an der Avenue Montaigne eine neue Ära. Doch wer ist die 52jährige Powerfrau, deren kohlenschwarze Augen funkeln, … Lire la suite

Calvin Kleins Comeback dank Raf Simons

Der Star der Haute Couture wechselt in den Mainstream, hat aber vieles mit dem König aus der Bronx gemein.

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photo: ph vanderperre willy-blackwhite for PVH

Dass ein Star der Haute Couture zum Mainstream wechselt, ist eher eine Seltenheit. Doch Raf Simons kehrt als Calvin Kleins Chefdesigner zu seinen Ursprüngen zurück. Der Belgier hat das glamouröse Pariser Label Christian Dior vor knapp einem Jahr verlassen. Nach dieser überraschenden Scheidung, kommt es jetzt zu einer Traumhochzeit.

Als der in der Bronx aufgewachsene Calvin 1968 sein Label gründete, wurde Raf gerade geboren. Als Jüngling studierte Simons nicht Mode, sondern Industriedesign. Diesen Überblick wird dem Couturier eine solide Basis bieten, denn er leitet jetzt beim New Yorker Label die gesamte, kreative Globalstrategie. Genau diese Macht wollte Dior seinem Couturier nicht gewähren. Simons musste sich in Paris mit der Damenmode begnügen, weshalb es offenbar zur Trennung gekommen ist. Nun leitet er bei Calvin Klein alle kreativen Bereiche, Marketing und Kommunikation, sowie sämtliche sechs Linien von der Laufstegmode über die Jeans bis zur Unterwäsche.

Simons (48) startete seine Modekarriere 1995 in Antwerpen. Damals wurde Calvin Klein (73) gerade als Meister des Minimalismus  gefeiert. Während Klein mit dem Logo auf der Feinrippenunterhose weltweit den bis heute anhaltenden Trend auslöste,  entwickelte Simons in der Männermode seinen bahnbrechenden Stil: Schmale, lineare Silhouetten in klassischen Materialien ohne Schnickschnack, gezeigt an Models von der Strasse, brave Buben in englischen Schuluniformen, allerdings im Rhythmus von Punk und Kraftwerk marschierend. Klein hat sich an der Strassenkultur der Bronx und der Workingwomen inspiriert, Simons an der Energie der Underground-Rebellen.

Bauhaus und Architektur haben seinen Minimalismus geprägt. Mit der Eleganz der Schlichtheit wusste der Belgier als Chefdesigner bei Jil Sander (2005-2012) zu brillieren. Nach seiner Passage bei Dior würden jetzt John Gallianos extrem bunten, opulenten Sachen altmodisch anmuten. Genauso modern war Calvin Klein, als er als erster die Designermode zum Mainstream gemacht, die Designerjeans lanciert und das Unisex-Parfum herausgegeben hat. Beide besitzen Humor und den Hang zur Provokation: Klein sorgte im puritanische Amerika mit seinen lasziven Werbekampagnen für Skandal. Um das Aufkommen der Neo-Nazis anzuzeigen, liess Simons einst seine Models in Paris mit Hitler-Frisuren defilieren.

Calvin Klein hat sein Label 2003 an den amerikanischen Modegiganten PVH Corporation verkauft. „Seit Mister Klein selbst nicht mehr im Betrieb ist, unterlag das Unternehmen nie mehr einer einzigen, kreativen Vision“, gibt CEO Steve Shiffman in New York zu. Der Couturier aus Paris soll nun ein neues Kapitel schreiben. Was die bisherigen Designer Italo Zucchelli und Francisco Costa auf dem Catwalk gezeigt haben, war nicht mehr umwälzend. Das Geschäft machte Calvin Klein in den letzten Jahren mit der Unterwäsche und den Jeans, allerdings vor allem in den USA. In Europa und Asien trägt die Jugend längst nicht mehr CK. Seit 2013 hat die Firmenleitung eine weltweite Expansionsstrategie eingeleitet und will nun dank Simons Genie den Umsatz von 3 auf 10 Milliarden Dollars erhöhen. Zudem ist ihr ein anderer Schachzug gelungen: Das berühmte Logo blickt nun aus Justin Biebers enger Jeans während seiner Welttournee hervor!

mehr dazu: Amerikas Skandalkönig Calvin Klein provoziert seit 40 Jahren

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

 

Kreativdirektor – ein Genie des vernetzten Denkens

In zähen Verhandlungen buhlen die französischen Modehäuser um die weltbesten Chefdesigner. Saint Laurent hat blitzschnell Hedi Slimane ersetzt. Diors Damenabteilung hingegen bleibt weiterhin verwaist.

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Früher entwarf ein Yves Saint Laurent eigenhändig seine Kollektionen allein vor dem weissen Blatt – heute ist der Kreativdirektor längst kein Solist mehr, sondern ein Dirigent, der seinem Team angibt, was es zu zeichnen hat. Er schleift überhaupt am ganzen Image einer Marke. Er muss eine starke Vision besitzen und sich dennoch in die manchmal fast hundertjährige Geschichte eines weltberühmten Traditionshauses einbetten. Diese Auffrischung des globalen Eindruckes ist Hedi Slimane (47) bei Yves Saint Laurent binnen vierer Jahre gelungen. Sogar weit weg vom Pariser Firmensitz, in Los Angeles, hielt das sensible Wunderkind der Modeszene … Lire la suite

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

Der Schritt ins Unbekannte, der sich meist auszahlt : An der Pariser Fashionweek zeigten hochkarätige Marken die Kollektionen ihrer neu eingestellten, weltbesten Chefdesigner.

Dior_AW1516 - Group shotRaf Simons pour Christian Dior  copyright: Dior

Ganze neun Tage dauerte diesmal die Pariser Fashionweek mit einer neuen Herbst- und Wintermode, die Biss hat : Aalglatte Schaftstiefel verwandeln sich zu Strümpfen. Pelze und Häute, Motive und Farben aus der Savanne oder dem Urwald drücken das Tierische, das Unvorhergesehene, das Ungewisse der Frau aus. Ebenso ungewiss spielen die weltweiten Modeplayer, wenn sie neue Chefdesigner einstellen. Kering und LVMH aus Paris, der Barceloner Konzern Puig sowie Renzo Rossos italienische Holding « Only the Brave » buhlen für ihre diversen Marken um die weltbesten Modedesigner. Auch das an der Pariser Börse notierte, über 170jährige Familienunternehmen Hermès International, führt  zwar wie Chanel kein solches Marken-Portefeuille…, Lire la suite

Modeplatz London– einmal mehr “The Place to be”

Die Men-Fashionweek wertet den Modeplatz London auf. Doch auch in der Damenmode findet an der Themse ein Generationswechsel statt.

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Die Briten loben derzeit London als innovativster Modeplatz. Mit der Central Saint Martins besitzt die britische Hauptstadt tatsächlich eine der berühmtesten und kreativsten Modeschulen der Welt. Und britische Modeikonen wie Vivienne Westwood, Alexander McQueen oder Paul Smith haben ihren unverkennbaren Look in den letzten Jahrzehnten  weltweit- vor allem in urbanen Kreisen – verbreitet. Die typische Mischung von Exzentrik, Steifheit und inländischer Stoffe ist ein wesentlicher Bestandteil der britischen Kultur. Auch die Königsfamilie beteiligt sich seit je her am Modefieber, das jetzt an der Themse besonders steigt: Kronprinz Charles eröffnete persönlich im letzten Juni an einer Party im Saint James Palast die erste Londoner Men-Fashionweek aller Zeiten.
Prominenz im Komitee und an Parties

Die im britischen Fashion Concil vertretenen Industriepatrons und Luxuslabels investieren heute bewusst in den weltweit steigenden Männermodemarkt, indem sie die Jungdesigner international anpreisen und gleichzeitig die traditionnellen Herrenschneider der Savile Row unterstützen. An der ehrwürdigen Modeader des feudalen Trendviertels Maifair hängt nämlich der Haussegen schief. Die seit zweihundert Jahren ansässigen Masschneiderateliers beobachten missmutig wie die Trendy-Labels herkömmliche Modeboutiquen an der “Row” eröffnen. Die neue Men-Fashionweek, die im Januar zum zweiten Mal durchgeführt wird, soll alle vereinen. “Sie bietet der neuen Designergeneration die Gelegenheit, sich zu präsentieren und den anderen Marken die Möglichkeit, involviert zu sein”, erklärt Christopher Bailey, Chefdesigner bei Burberry. Obwohl die legendäre britische Marke weiterhin in Mailand läuft, sitzt Bailey im Menswear-Komitee des British Fashion Concil wie auch der Texaner Tom Ford. Kunst, Mode und Business, Sponsoren aus Grossbrittanien und den Vereinigten Staaten, trafen sich an dieser ersten Londoner Men-Fashionweek an rauschenden Parties und entlang der Laufstege, auf denen 50 Labels ebenfalls für Schwung sorgten. Viele, unbekannte Newcomer entfachen ein kreatives Feuer und legen die britische Steifheit fast vollständig ab. Das Formale drückt sich fast nur noch in perfekt geschnittenen, engen Shorts und schwarzen Socken aus. Streetwear, Gleitmode und Workingwear der amerikanischen Westküste fliessen in die typisch satten, englischen Schnitte. Nicht nur Junglabels, sondern auch Traditionshäuser, etwa Hackett London, lieferten eine freche Show, sehr Dandy oder ganz jung, bunt und locker.

Mode und Politik

Staat und Wirtschaft fördern bewusst die eigenen Talente oder versuchen ausländische anzulocken, um den Modeplatz London zu stärken. Als der Sozialist François Hollande im Mai zum französischen Präsidenten gewählt wurde, forderte der britische Premierminister David Cameron die französischen Unternehmen öffentlich auf, ihren Sitz auf die andere Seite des Aermelkanals zu verlegen. Durch die olympischen Spiele und die königlichen Feiern beflügelt hat der Premierminister zudem mit den britischen Industriepatrons die “Great Campaign” lanciert, die eine Milliarde Pfund in die britischen Unternehmen investiert, eine Manne, von der auch die Mode profitiert. Sie dient insbesondere dazu, die zukünftigen Stardesigner im Lande zu behalten, denn die jüngste Vergangenheit gleicht einem Fiasko: Auf der Höhe ihres Ruhmes angelangt, arbeiteten Englands grösste Talente John Galliano und Alexander McQueen für französische Marken. Zudem beging McQueen Selbstmord, und Galliano ruinierte seine Karriere betrunken mit seinen anitsemitischen Sprüchen in der Pariser Marais-Bar. Jetzt macht jedoch eine neue Generation von sich reden: Das neue Londoner Phänomen der Damenmode heisst Christopher Kane. Der Schotte führt die NewGen (Neue Generation) an, die der Exzentrik den Rücken kehrt. Sein abgestepptes weisses Leder wirkt mitten im Sommer wie Schnee. Tüllrüschen sorgen für Spannkraft; Pastel für extreme Frische. Der zerebrale Luxus des 30jährigen wird bereits mit Prada oder Balançiaga verglichen. Auch wenn das Kreative vor allem in der Männermode ins Auge sticht, besänftigt die NewGen die dramatische Londoner Damenmode der letzten Jahre.

Man kann ihr vorwerfen, sich zu stark dem Markt anzupassen, doch Christopher Kane, J.W.Anderson oder Jonathan Saunders zeichnen einen begehrlichen schlichten, sinnlichen Look. Jonathan Anderson entwirft mit Männlichem (Nadelstreifenhosen zu schwarz-weissen Halbschuhen), typisch britischer, blumiger Musterwahl und destrukturierter Schnitte eine starke Allüre. Nach Gallianos und McQueens Opulenz macht die NewGen Minimalismus und schöne Romantik, die Stella Mc Cartney eingeleitet hat. Jedoch auch dieses Luxuslabel für Umweltbewusste gehört einem ausländischen Konzern: Frankreichs PPR. Für den internationalen Modeexperten Jean-Jacques Picard haben die Modeplätze Paris und Mailand so oder so Vorrang. « Zwischen New York und Mailand programmiert, kann ich nur gelegentlich an die Londoner Fashionweek ». Da Frankreich und Italien zudem mehr Modekonzerne als London besitzen, bleibt auch ungewiss, ob London tatsächlich seinen Modeplatz aufwerten kann und seine zukünftigen Stardesigner im Lande zu halten vermag. Doch London darf sich bereits an Alexander McQueens Heimkehr freuen: Das Label zeigt seine Menfashion nicht mehr in Mailand, sondern diese Woche an der zweiten Londoner Men Fashion Week.

Erschienen in AARGAUER ZEITUNG, Schweiz, 4. Januar 2013

Bild: Jonathan Saunders, Herbst-Winter-Kollektion 2013/14