Modegierige Männer

Nur zu. Formelles mischt sich heute problemlos mit Street- oder Workingwear. Die Freiheit ist da. Und der Mann besitzt endlich auch den notwendigen Mut.

Julien David copyright Raphael Lugassy

Für die Millionen, wenn nicht Milliarden junger Männer, die in den Agglomerationen der Grossstädte wie London, Madrid, Zürich oder Peking, Los Angeles oder Tokio leben, stellt sich die Frage gar nicht. Für sie ist ein gestylter Look völlig normal. Sie haben den Modemut im Blut. Deshalb wurde die Pariser Men-Fashionweek am letzten Wochenende zum wahrhaftigen Happening. Alle Stühle entlang der Laufstege  waren bis auf den letzten Platz besetzt. Bei bester Stimmung haben sich die Männer aus aller Welt an kreativ hochstehenden Schauen für die Mode des Winters 2018/19 inspiriert. Man traf sich beim Edellabel Hermès‘ rund um lauschige Lagerfeuer inmitten eines renovationsbedürftigen Kreuzganges, wo bunte Berglandschaften Pullis und Reisetaschen zierten. In der cleanen Garage des Jungdesigners Julien David hingegen haben die Models ganz witzig in maskierten Hundemasken den trendigen Oversize, Coolness und durchsichtige Regenschütze aus Silikon präsentiert. Sogar bei der Entertainerin Agnes b. war der Andrang so gross, dass sie drei Schauen veranstalten musste. Lanvin erntete tosenden Applaus. Kurz: Die Männer sind begeistert und suchen so mutig wie fast noch nie ihren ganz persönlichen Stil.

„Es findet eine Explosion statt, die eines Tages die Damenmode überrunden wird“, ereifert sich sogar Riad in einer Pariser Tiefgarage an der edlen rue de la Paix, wo sich der Showroom von Nïuku befindet. Der 40jährige Modedesigner gehört zum Dreierteam dieses Junglabels, das wie acht andere Newcomer zum ersten Mal offiziell lief, sozusagen aus dem Underground ins Rampenlicht. Während andere Junglabels absichtlich in den Männermodemarkt einsteigen, weil er weit weniger von den grossen Modegiganten beherrscht wird als bei den Damen, bezeichnet der zweite im Bund, Lenny, die Nïuku-Klamotten als genderless (geschlechtslos). „Viele Frauen kaufen heute Männerkleider“, schmunzelt der Franzose, an dessen Show sich hochkarätige Moderedaktoren, eine äusserst schicke Stadtjugend und stilvoll gekleidete Blacks die Sitz- und Stehplätze streitig gemacht haben, um einen Blick Mode zu erhaschen, die nie langweilt. Man meint, man sehe Vintage und dennoch ist alles neu.

Lenny Guerrier und sein Partner Riad im Showroom ihres Labels Nïuku copyright esther haldimann

Lenny und Riad stammen ursprünglich aus den Banlieues. Seit dem „R“ von Raf Simons auf den Adidas-Turnschuhen interessiere sich auch die urbane Vorstadtjugend für die Highfashion, erklären sie. Ihr Kult für Hoodies, Bombers und Markensneakers, Street- und Workingwear oder eigens auf dem Flohmarkt zusammengestellte Looks hat inzwischen die Laufstege und den Durchschnittsmann erreicht, um alles zu Formelle zu ergänzen.

Sir Paul Smith

Denn der Mann ist heute modemutig, weil sein Ego seit einem Jahrhundert leidet. Einst eine Modeikone mit rauschenden Krägen (Renaissance), hohen Absätzen, die auch bei den Eidgenossen im 16. Jahrhundert Gang und Gäbe waren, oder Mozartzöpfen (Aufklärung), haben die Kriege den Mann zur Uniform verknurrt. Deshalb mauserte sich der Anzug mit Krawatte nach dem zweiten Weltkrieg nahtlos zur Berufsuniform. Ein Zwang aus dem sich das männliche Geschlecht endlich befreit, um sein wahres „ich“ zu kleiden. „Sein Mut reift seit zwanzig Jahren“, beobachtet der britische Modedesigner Sir Paul Smith. Es ist sein Landsmann David Beckham gewesen, der auf dem Fussballplatz plötzlich einen neuen Look mit Tattoos, Schmuck und gestylter Frisur inszeniert hat. Man nannte diese neuen Männer die Metrosexuellen, die sich mit Masken und Cremen die Haut pflegten. Dann haben die Hipster und Lambersexuellen mit Extravaganz und Coolness den Männern Mut zur lockeren Interpretation ihrer selbst gemacht.

„Sie sind heute mutiger, weil sich die Welt verändert hat, weil sie freier sind.  Lockere Dresscodes werden jetzt in

Carol Lim (Kenzo) copyright esther haldimann

vielen Betrieben akzeptiert. Mit T-Shirts, Jeans, Sneakers oder Formellem kleiden sich die neuen Männer heute aus Freude, nicht mehr aus Zwang“, meint Carol Lim, die als Chefdesignerin zusammen mit Humberto Leon Kenzos alten Stil mit Street- und Workingwear erfolgreich aufpeppt. Beide pendeln zwischen Paris und New York, stammen aber aus Los Angeles, deren Underground seit Jahren in der Mode den Ton angibt und wo auch Stardesigner Hedi Slimane lebt, der diese Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen rockigen Anzügen bei Dior eingeleitet hat.

Sneakers zum Anzug sind seither ein Must und kein Fehltritt. Überhaupt dominiert die Schale nur noch unter den Spitzenpatrons am Davoser Weltwirtschaftsforum oder in der Politik, wo jedoch in Frankreich die „Insoumises“ (Widerspenstigen) rund um den saloppen Jean-Luc Mélanchon bei ihrem Einzug in die Nationalversammlung auch deren bisherigen Dresscode abgeschafft haben.

Mode als politisches Manifest

Mit weissen Armbinden, aufgedruckten Slogans und Einflüssen aller Kulturen wehrt sich die Mode gegen Fremdenhass und Sexismus.

Donald Trumps Wahl ins Weisse Haus und der britische Brexit schleichen sich in die Highfashion. Die Mode des nächsten Winters, die gerade auf den Laufstegen gezeigt worden ist, gleicht einem Manifest für Toleranz und Weltbürgertum. Absichtlich vereinen die Modemacher ganz unterschiedliche Einflüsse in einer Kollektion. Als grösster britischer Modeplayer vermischt etwa Burberry am gleichen Minikleid den germanischen Minimalismus der 1990er Jahre mit romantischen Rüschen der europäischen Siedlerinnen im Amerika des 19. Jahrhunderts. Doch auch die Coolness des afro-amerikanischen Hip-Hops wird … Lire la suite

Ein Kinderspiel

Weit weg von allem Formellen macht die Highfashion der Männer die Mode zum Spiel mit Slogans, Sport und Teddybären.

Street-, Sport-, Skate- und Workwear werden nicht mehr nur privat oder auf der Baustelle getragen. Die Männermodeshows von London, Mailand, Paris und jetzt in New York geben einen köstlichen Vorgeschmack der nächsten Herbst- und Wintermode. Der Mann wird auch im Büro, der Chefetage, an Vernissagen und Versammlungen auf Komfort mit Pfiff zählen können. Drei Trends machen es möglich: Athleisure  als Luxus-Sportwear der Highfashion und Activewear aus technischen Materialien top modisch aufgemotzt. Gemeinsam dienen sie dem dritten Trend, der Verherrlichung der Millenials-Generation, die surft, spielt, trekkt und tanzt. Klar sind die unter Zwanzigjährigen ein Zielpublikum der grossen Modemarken, doch der … Lire la suite

Die EM schleicht sich in die Highfashion

Während die Götter der Stadien um den EM-Titel kämpfen, kickt die Highfashion mit Kniesocken, Leuchtfarben und Tattoos über die Catwalks.

Zumindest seit der Männer- Fashionweek vor einer Woche in Paris sind die peinlich zerrissenen Leibchen der Schweizer Nationalmannschaft vergessen. Zwar figuriert kein Schweizer Spieler in den Hitlisten der sexysten Fussballer Europas. Doch muss man nicht Weitblick besitzen, um treffsicher zuzuschlagen? Dank der Highfashion jedenfalls wird das leuchtende Gelb von Yann Sommers Handschuhen zum Trend …. des nächsten Sommers. Ein mancher französischer Kommentator hat den sicheren Griff des Schweizer Torhüters gelobt – das noble Sattlerlabel Hermès macht das Gelb des berüchtigten Absinth, der verwarnenden Karte und der Trainingskutten zum Must für betuchte Männer.

Kniesocken als Zeichen des guten Geschmacks

Was den Look betrifft, beeinflussen die Modeikonen des Fussballfeldes längst die Könige der Catwalks. Jetzt wandeln diese aber gar die virilen Fussballerstülpen zum … Lire la suite

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

Der Schritt ins Unbekannte, der sich meist auszahlt : An der Pariser Fashionweek zeigten hochkarätige Marken die Kollektionen ihrer neu eingestellten, weltbesten Chefdesigner.

Dior_AW1516 - Group shotRaf Simons pour Christian Dior  copyright: Dior

Ganze neun Tage dauerte diesmal die Pariser Fashionweek mit einer neuen Herbst- und Wintermode, die Biss hat : Aalglatte Schaftstiefel verwandeln sich zu Strümpfen. Pelze und Häute, Motive und Farben aus der Savanne oder dem Urwald drücken das Tierische, das Unvorhergesehene, das Ungewisse der Frau aus. Ebenso ungewiss spielen die weltweiten Modeplayer, wenn sie neue Chefdesigner einstellen. Kering und LVMH aus Paris, der Barceloner Konzern Puig sowie Renzo Rossos italienische Holding « Only the Brave » buhlen für ihre diversen Marken um die weltbesten Modedesigner. Auch das an der Pariser Börse notierte, über 170jährige Familienunternehmen Hermès International, führt  zwar wie Chanel kein solches Marken-Portefeuille…, Lire la suite

Wir tragen Teppich

Die Männermode-Designer rufen in Paris zu mehr Völkerverständnis auf – aber nicht nur.

 

Bilder: Kenzo

« Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin ». In den Siebziger Jahren hat sich die Jugend diesen Slogan gegen den Krieg in Vietnam auf die Umhängetasche geklebt. Damals schon war Khaki Trumpf, das mit Abzeichen und Pins besteckte Militärhemd und die unumgängliche « Armyjacke ». Dass heute der Retrotrend der Seventies erneut mit der aktuellen Kriegsstimmung zusammentrifft, ist eigentlich Zufall. Der Terror findet jetzt allerdings nicht nur in fernen Ländern, sondern direkt vor der eigenen Haustür statt. Lanvins Männershow beginnt dennoch … Lire la suite

Légende d’une chaussure rebelle

Symbole du monde d’ouvrier et de la rébellion,  les légendaires Dr. Martens influencent maintenant les podiums des grandes marques de la mode masculine.

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Le modèle de Kenzo automne-hiver 2014/15, copyright eeh

Même le pape Jean-Paul II aimait les Docs. Quant au dalaï-lama, nul n’ignore son empathie pour la marque de légende. Plus communément, les médecins n’hésitent pas à les porter pour avaler plus aisément les kilomètres de couloirs d’hôpitaux, les avocats ceux des palais de justice. « Ces chaussures donnent l’impression de marcher dans l’air », écrivait déjà, en 1960, le journaliste de la revue anglaise Shoe & Leather News. Les Doc Martens venaient de naître à grande échelle. Rappel permanent de sa date de lancement le 1er avril 1960, le 1460, le premier modèle devenu fétiche et sorti de la fabrique anglaise R. Griggs & Co, ont fêté, il y a quatre ans, leurs 50ème anniversaire. Pourtant, cette mode d’ouvrier, aujourd’hui appelée workwear, redevient tendance: des grandes marques de la mode masculine à l’instar de Kenzo qui lance des chaussures sur d’épaisses semelles en caoutchouc ressemblant aux fameux Doc Martens en version plus chic.

L’histoire des « Doc » qui débute réellement en 1945 rappelle cependant une sombre période: un ex-soldat allemand, le docteur Klaus Maertens, se casse le pied en skiant dans les Alpes. En pleine pénurie de cette fin de guerre, il se bricole avec du matériel retrouvé dans des débris une chaussure orthopédique qui tient bien son pied meurtri. Un des amis luxembourgeois du docteur Maertens, également médecin, est fasciné par ce prototype en semelle de gomme épaisse à coussin d’air. Les deux praticiens décident alors de la produire en nombre et de la commercialiser. En 1959, les deux associés veulent franchiser cette chaussure orthopédique à succès. C’est l’aubaine pour l’usine de Bill Griggs, située dans le comté de Northamptonshire, au centre de l’Angleterre, et spécialisée dans la fabrication de chaussures de travail et de bottes militaires. Huit œillets, cuir de couleur sang de bœuf, fil de couture jaune, Bill Griggs peaufine le design et lance les Dr. Martens sous le nom « Air Wair ». Comme elles sont résistantes à l’eau, à l’huile, au pétrole et à l’acide, les premiers acquéreurs sont des poissonniers d’East London, des facteurs, des ouvriers, des constructeurs, des médecins et des policiers.

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L’originale qui inspire: les Doc Martens du fabriquant anglais Griggs, photo zvg

À l’époque, 5 000 paires sont produites par semaine ; aujourd’hui, 200 000 chaque semaine sortent des usines en Asie, où le groupe a délocalisé la production en 2003. Mais des Docs sans le tampon « Made in England » ne font pas culte. La marque a donc repris la petite partie de production, notamment les vintages et les éditions limitées, sur les vieux métiers anglais.

D’abord destinées au monde du travail, les DM’s ont connu une percée fulgurante, politique et rebelle. Très vite, en effet, elles ont été adoptées par une population plus anticonformiste : les trotskistes et les socialistes les mettent en scène tout comme les Teddy Boys et les premiers skinheads londoniens des années 1960. « Mods », glam rock, punks, hardcore, rock ou grunge, les subcultures, l’underground et les musiciens anglais les rendent « fashion ». Noddy Holder, chanteur des Slade, associe les Derby 1461 à son look en tartan. Sur scène, le bassiste des Cure, Simon Gallup, porte les 1460 jusqu’au genou. Mais Air Wair a aussi été distribué à des 10 000 sans personnes sans abris. Printemps arabe, révolution ukrainienne, casseurs de fin de manifestation en France, il n’est donc pas étonnant que cette infatiguable chaussure influence la mode actuelle.