Erfinder der modernen Jeans

Das Symbol der Rebellen gipfelt heute im Massentrend mehrerer Generationen. Das stört und ehrt François Girbaud, der Erfinder der modernen Jeans.

Zwei Modelle aus der Kollektion Closed and François Girbaud

Trotz seines Einflusses und seines spitzfindigen Geistes bleibt der Jeansfachmann, was er immer war: Der gute Kumpel von nebenan. Obwohl der Mann mit dem zottigen Bart und dem eifrigen Blick sein Leben lang über den atlantischen Ozean gependelt ist und heute in Los Angeles wohnt, spricht er noch immer im blumigen Akzent aus Frankreichs Südwesten. Dort ist François Girbaud in den 1940er Jahren in Mazamet aufgewachsen, eine Kleinstadt, die sich in der sorgfältigen Entfernung der Wolle von den Schafhäuten profiliert hat. Dort hat er sein erstes Geld als Koffermacher verdient und in einer Rock’n’Roll-Band gespielt. Die Bekleidungsindustrie und der Traum der unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas sollten sein ganzes Leben prägen. „Wir sind die letzten Zeugen“, meint er staunend nur einige Wochen nach Johnny Hallydays Tod, mit dem er einst die Jugend geteilt und den er noch vor kurzem in LA besucht hat. Die letzten Zeugen der Babyboomers, meint Girbaud, die sich einst in die Jeans verliebt haben, um sie nie mehr loszulassen. Denn es handelt sich dabei nicht um irgendeine Hose, sondern um ein Kultstück, mit dem der Träger oder die Trägerin verschmilzt. Eine regelrechte zweite Haut, in die man sich in den frühen Seventies zwängte, so hart war der Denim damals noch. Heute feiert das deutsche Label Closed sein vierzigjähriges Bestehen mit einer von François Girbaud entworfenen Sonderkollektion, alles lockere Teile mit Workwear-Einfluss für das moderne Citylife zu Fuss, auf dem Skateboard oder per Rad. Der Übergang ist fliessend: Einst Mit-Erfinder der Stonewashed und des Baggy inspiriert sich der Techniker Girbaud weiterhin an der Strasse. Auch das Label Closed hat er 1978 mit seiner Partnerin Marithé Bachellerie gegründet und später an die heutigen Besitzer in Hamburg verkauft.

Noch immer wollen die beiden über Siebzigjährigen keine Modedesigner, sondern Forscher und Erfinder sein. „Bildhauer“, sagt François Girbaud verkniffen, schliesslich gehe es darum, dem Körper mit der Bekleidung zu schmeicheln, ihm geschwungene Formen einzuverleiben. Immer in Jeans. Denn als Marithé mit ihren selbstgestrickten Ponchos im Saint Tropez der Brigitte Bardot grossen Erfolg hatte, gab es in der ganzen Welt nur drei Jeans: Die Levi’s für Cowboys und Goldjäger,

Jeansfachmann François Girbaud copyright Rahel Koerfgen

die Lee für die Baumwollfelder der Südstaaten und die Wrangler der Rodeos. Bald würde sich die Girbaud dazugesellen. Während François begann, Johnny und die halbe nach swingender Leichtigkeit suchenden Yéyé-Generation zu beraten und einzukleiden, wusch und wusch Marithé ihre Wranglers zuerst in einem kleinen Pariser Waschsalon von Saint- Germain –des- Prés, um sie geschmeidiger zu machen. Während andere  Chlor und Säuren einsetzten, um den bockigen Denim zu bändigen, suchten die Girbauds nach einer ökologischeren Prozedur. Ihre Erfindung „Stonewashed“, das heisst,  sie in riesigen Becken mit Vulkansteinen zu baden, die den Stoff bimsten, schuf zwar die bleichenden Substanzen ab. Doch: „Wir sind damit in ein grosses Fettnäpfchen getreten“, bekennt François. „Wir waren uns den enormen Wasserverschleiss nicht bewusst, sondern wollten einfach das Bürgertum foppen“. Dass man heute Jeans trägt ohne eine Botschaft zu verbreiten, findet er deshalb lächerlich. Sie demonstrierten in Jeans mit Jane Fonda gegen den Krieg im Vietnam oder mit den Punkern gegen die Konsumationsgesellschaft.

Als Tochter eines Radrennfahrers fuhr Marithé fort, eigene Schnitte zu auszuklügeln, um die einstige Hose der Minenarbeiter bequemer zu gestalten. Ihre „Pedal Pusher“ aus dem Jahre 1981 mit verkürztem Knöchel und Verstärkung im Sattelbereich wurde inzwischen dreissig Millionen Mal verkauft. Vor einigen Jahren hat sich François nach Los Angeles zurückgezogen, Marithé blieb in Paris. „Wir telefonieren dennoch täglich“, sagt die 73jährige schelmisch unter ihrer langen Stirnfranse hervor. Zu reden gibt es viel, denn er hält nicht inne, um die Denimindustrie ohne Wasserverbrauch und unter fairen Bedingungen in Bangladesch, Pakistan oder Mexiko anzukurbeln.  Nachdem die beiden in den Nullerjahren den Laser zum Bleichen und Strukturieren der Jeans eingesetzt haben, um Wasser zu sparen, tüftelt François weiter mit Sauerstoff und Zellulose. „Denn die Bio-Baumwolle macht nur einen schwindenden Prozentsatz der gesamten Baumwollproduktion aus, die extrem umweltbelastend ist“. Der Jeanserfinder mit der Kinderseele, der sich bei der Arbeit vergnügt, hält bereits stolz einen neuen Jeansstoff in der Hand und drängt, ihn zu berühren:  Ein geschmeidiger Stretchdenim, in den er den dehnbaren Faden vertikal und nicht horizontal einweben lässt. „Für einen besseren Sitzkomfort dank einem elastischen Knie“.

 

Modegierige Männer

Nur zu. Formelles mischt sich heute problemlos mit Street- oder Workingwear. Die Freiheit ist da. Und der Mann besitzt endlich auch den notwendigen Mut.

Julien David copyright Raphael Lugassy

Für die Millionen, wenn nicht Milliarden junger Männer, die in den Agglomerationen der Grossstädte wie London, Madrid, Zürich oder Peking, Los Angeles oder Tokio leben, stellt sich die Frage gar nicht. Für sie ist ein gestylter Look völlig normal. Sie haben den Modemut im Blut. Deshalb wurde die Pariser Men-Fashionweek am letzten Wochenende zum wahrhaftigen Happening. Alle Stühle entlang der Laufstege  waren bis auf den letzten Platz besetzt. Bei bester Stimmung haben sich die Männer aus aller Welt an kreativ hochstehenden Schauen für die Mode des Winters 2018/19 inspiriert. Man traf sich beim Edellabel Hermès‘ rund um lauschige Lagerfeuer inmitten eines renovationsbedürftigen Kreuzganges, wo bunte Berglandschaften Pullis und Reisetaschen zierten. In der cleanen Garage des Jungdesigners Julien David hingegen haben die Models ganz witzig in maskierten Hundemasken den trendigen Oversize, Coolness und durchsichtige Regenschütze aus Silikon präsentiert. Sogar bei der Entertainerin Agnes b. war der Andrang so gross, dass sie drei Schauen veranstalten musste. Lanvin erntete tosenden Applaus. Kurz: Die Männer sind begeistert und suchen so mutig wie fast noch nie ihren ganz persönlichen Stil.

„Es findet eine Explosion statt, die eines Tages die Damenmode überrunden wird“, ereifert sich sogar Riad in einer Pariser Tiefgarage an der edlen rue de la Paix, wo sich der Showroom von Nïuku befindet. Der 40jährige Modedesigner gehört zum Dreierteam dieses Junglabels, das wie acht andere Newcomer zum ersten Mal offiziell lief, sozusagen aus dem Underground ins Rampenlicht. Während andere Junglabels absichtlich in den Männermodemarkt einsteigen, weil er weit weniger von den grossen Modegiganten beherrscht wird als bei den Damen, bezeichnet der zweite im Bund, Lenny, die Nïuku-Klamotten als genderless (geschlechtslos). „Viele Frauen kaufen heute Männerkleider“, schmunzelt der Franzose, an dessen Show sich hochkarätige Moderedaktoren, eine äusserst schicke Stadtjugend und stilvoll gekleidete Blacks die Sitz- und Stehplätze streitig gemacht haben, um einen Blick Mode zu erhaschen, die nie langweilt. Man meint, man sehe Vintage und dennoch ist alles neu.

Lenny Guerrier und sein Partner Riad im Showroom ihres Labels Nïuku copyright esther haldimann

Lenny und Riad stammen ursprünglich aus den Banlieues. Seit dem „R“ von Raf Simons auf den Adidas-Turnschuhen interessiere sich auch die urbane Vorstadtjugend für die Highfashion, erklären sie. Ihr Kult für Hoodies, Bombers und Markensneakers, Street- und Workingwear oder eigens auf dem Flohmarkt zusammengestellte Looks hat inzwischen die Laufstege und den Durchschnittsmann erreicht, um alles zu Formelle zu ergänzen.

Sir Paul Smith

Denn der Mann ist heute modemutig, weil sein Ego seit einem Jahrhundert leidet. Einst eine Modeikone mit rauschenden Krägen (Renaissance), hohen Absätzen, die auch bei den Eidgenossen im 16. Jahrhundert Gang und Gäbe waren, oder Mozartzöpfen (Aufklärung), haben die Kriege den Mann zur Uniform verknurrt. Deshalb mauserte sich der Anzug mit Krawatte nach dem zweiten Weltkrieg nahtlos zur Berufsuniform. Ein Zwang aus dem sich das männliche Geschlecht endlich befreit, um sein wahres „ich“ zu kleiden. „Sein Mut reift seit zwanzig Jahren“, beobachtet der britische Modedesigner Sir Paul Smith. Es ist sein Landsmann David Beckham gewesen, der auf dem Fussballplatz plötzlich einen neuen Look mit Tattoos, Schmuck und gestylter Frisur inszeniert hat. Man nannte diese neuen Männer die Metrosexuellen, die sich mit Masken und Cremen die Haut pflegten. Dann haben die Hipster und Lambersexuellen mit Extravaganz und Coolness den Männern Mut zur lockeren Interpretation ihrer selbst gemacht.

„Sie sind heute mutiger, weil sich die Welt verändert hat, weil sie freier sind.  Lockere Dresscodes werden jetzt in

Carol Lim (Kenzo) copyright esther haldimann

vielen Betrieben akzeptiert. Mit T-Shirts, Jeans, Sneakers oder Formellem kleiden sich die neuen Männer heute aus Freude, nicht mehr aus Zwang“, meint Carol Lim, die als Chefdesignerin zusammen mit Humberto Leon Kenzos alten Stil mit Street- und Workingwear erfolgreich aufpeppt. Beide pendeln zwischen Paris und New York, stammen aber aus Los Angeles, deren Underground seit Jahren in der Mode den Ton angibt und wo auch Stardesigner Hedi Slimane lebt, der diese Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen rockigen Anzügen bei Dior eingeleitet hat.

Sneakers zum Anzug sind seither ein Must und kein Fehltritt. Überhaupt dominiert die Schale nur noch unter den Spitzenpatrons am Davoser Weltwirtschaftsforum oder in der Politik, wo jedoch in Frankreich die „Insoumises“ (Widerspenstigen) rund um den saloppen Jean-Luc Mélanchon bei ihrem Einzug in die Nationalversammlung auch deren bisherigen Dresscode abgeschafft haben.

Bis in alle Ewigkeit

Pompös, bescheiden oder mit inniger Zuneigung geziert: Die Gräber auf dem ältesten Tierfriedhof der Welt erzählen in Paris illustre und ehrvolle Geschichten der Freundschaft zwischen Mensch und Tier. 

das-denkmal-der-polizeihunde

Das monumentale Eingangsportal ist bereits von der Metro aus zu erkennen, die am nördlichen Stadtrand aus Paris über die Seine zischt. Auf der einstigen Ile des Ravageurs (Insel der Schädlinge) hantierten im 19. Jahrhundert die Lumpensammler. 1898 aber gewährte das französische Gesetz den Tierfreunden das Recht, ihre verstorbenen Vierbeiner zu begraben, allerdings nur sofern sich deren letzte Ruhestätte mindestens hundert Meter von einer Wohnzone befindet. Die Seine-Insel zwischen Paris und dem Dorf Asnières-sur-Seine erfüllte diese Bedingung, weshalb einem Tierfriedhof nichts mehr im Wege stand: Marguerite Durand (1864-1936) ergriff die Gelegenheit beim Schopf, denn die elegante und nachdenkliche Feministin hat nicht nur die Zeitung „La Fronde“ und eine Bibliothek der Frauenbewegung gegründet. Als Reiterin war sie ebenfalls eine grosse Tierliebhaberin und kaufte zusammen mit dem Publizisten Georges Harmois die Hälfte der Ile des Ravageurs, wo die beiden 1899 den weltweit überhaupt ersten „Friedhof für Hunde und andere Haustiere“ eröffnet haben. Frisch renoviert dient der fünf Meter hohe, imposante Originaleingang mit Schmideisen und Fresken heute nur noch der Zierde. Der Weisse Schäferhund Ghost (Gespenst) hütet das aktuelle, … Lire la suite

Kreativdirektor – ein Genie des vernetzten Denkens

In zähen Verhandlungen buhlen die französischen Modehäuser um die weltbesten Chefdesigner. Saint Laurent hat blitzschnell Hedi Slimane ersetzt. Diors Damenabteilung hingegen bleibt weiterhin verwaist.

hedi slimane low

Früher entwarf ein Yves Saint Laurent eigenhändig seine Kollektionen allein vor dem weissen Blatt – heute ist der Kreativdirektor längst kein Solist mehr, sondern ein Dirigent, der seinem Team angibt, was es zu zeichnen hat. Er schleift überhaupt am ganzen Image einer Marke. Er muss eine starke Vision besitzen und sich dennoch in die manchmal fast hundertjährige Geschichte eines weltberühmten Traditionshauses einbetten. Diese Auffrischung des globalen Eindruckes ist Hedi Slimane (47) bei Yves Saint Laurent binnen vierer Jahre gelungen. Sogar weit weg vom Pariser Firmensitz, in Los Angeles, hielt das sensible Wunderkind der Modeszene … Lire la suite

Hedi Slimane verlässt Saint Laurent

Was schon seit Monaten in der Modewelt gemunkelt wurde, hat die Keringgruppe nun heute morgen bestätigt: Ihr erfolgreicher Chefdesigner Hedi Slimane verlässt die legendäre Marke Yves Saint Laurent.

hedi slimane low

Seit sich der 2008 verstorbene Yves Saint Laurent selbst im Jahre 2000 aus der Prêt-à-Porter-Mode zurückgezogen hatte, ist es keinem anderen Modedesigner so gut wie Hedi gelungen in die Haut des dekadenten Firmengründers zu schlüpfen. Seit 2012 hat der Franzose Slimane das gesamte … Lire la suite

Die Highfashion gerät aus den Fugen

Macht es noch Sinn, Winterkleider im Frühling zu zeigen? Die Modedesigner aus den USA überrumpeln die Europäer mit ihrem „ready-to-buy“.

Heute wollen die Fashionvictims sofort kaufen, was sie sehen. Das meint zumindest New York, wo der Modemarathon mit der kommenden Herbst- und Wintermode vor drei Wochen begonnen hat. Mailand und London folgten. Bis gestern sind in Paris 92 Modeschauen gelaufen, wo der amerikanische Vorstoss einem Erdbeben gleichkommt. Schliesslich war bisher alles bestens eingespielt. Die Damenmode wird jeweils im März und Oktober, fünf Monate vor Saisonbeginn präsentiert. „Die junge Kundschaft will nicht mehr warten. Sie wollen noch am gleichen Tag oder tags darauf tragen, was sie sehen“, übertrieb Tommy Hilfiger an der New Yorker Fashionweek. Er gab aber an, nächstes Jahr seinen Betriebsfahrplan entsprechend umzustellen. Wie genau, weiss noch niemand. Nur eines ist sicher: Die schon immer kommerzieller waltenden amerikanischen Labels wollen keine grossen Shows mehr inszenieren, die keinen unverzüglichen Gewinn abwerfen. Der Texaner Tom Ford hat diesmal sogar gepasst und will … Lire la suite

Er brachte die Weiblichkeit des Mannes ans Licht

Yves Saint Laurent Der Film über das Leben des Designers pendelt zwischen Romantik und Dekadenz, Ruhm und Ohnmacht

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Yves Saint Laurents turbulentes und dramatisches Leben zu verfilmen, ist kein Pappenstil. Es gelingt jedoch Jalil Lespert, das reiche Modewerk des berühmten Couturiers in die packende Liebesgeschichte zweier Männer einzuflechten. Der brillante Schauspieler Pierre Niney erlaubt es, sofort in Yves‘ Haut zu schlüpfen, dessen zerrissene Innenwelt zu fühlen, zu verstehen. Klug lässt Lespert nur die wichtigsten Ereignisse einfliessen, die den Charakter des 2008 im Alter von 72 Jahren verstorbenen, sensiblen Couturier geprägt haben. Böse Zungen werfen dem Regisseur allerdings vor, er habe sich den Inhalt von Pierre Bergé diktieren lassen. Tatsächlich tritt Guillaume Gallienne in der Rolle von Saint Laurents Lebens- und Geschäftspartner als nostalgischer Erzähler auf. Doch wer kannte den Couturier besser als der forsche, grosszügige Bergé? Deshalb lüftet der Film ein manches Geheimnis, ja entblösst den Couturier buchstäblich. Nur Bergé und nicht seiner Mutter erlaubte Saint Laurent den Besuch in der psychiatrischen Klinik nachdem der Modeschöpfer in den Algerienkrieg abberufen, aber wegen eines Nervenzusammenbruchs nie eingerückt war. „ Yves Saint Laurent ist manisch depressiv. Sie müssen wissen, ob sie das erdulden können“, erklärt im Film der Arzt dem verliebten Partner. Wie ein Häufchen Elend am Boden kauernd, enthüllt Niney den Ursprung von Saint Laurents Qual; seine Flucht in die Mode und die Droge, seine totale Risikobereitschaft: „Sie haben mich als weiches Schwulenei beschimpft, in der Toilette grün und blau geschlagen und sie (die Mutter) hat mich nicht beschützt“. Das war im katholischen Internat der algerischen Küstenstadt Oran gewesen in der damals französischen Kolonie. Lesperts Kamera liefert durchs Band weg abwechslungsweise die erhabene Schönheit von Paris und das bunte, heisse Ambiente Nordafrikas. Denn Saint Laurent und Bergé kauften sich bald eine blaue Villa mit einem riesigen Garten in Marakesch, wo sich der brave, scheue Jüngling zum drogensüchtigen Edelrebellen entwickelte.

 
„Ich möchte, dass sich die Männer von ihrer drückenden Last befreien wie es die Frauen jüngst getan haben“, flüsterte dieser 1969 als 29jähriger, bestechlich gutaussehend in dem selbstentworfenen, körperbetonten, khakifarbenen Safarianzug. Ja, er hatte der Frau die Garderobe des Mannes einverleibt. Sie emanzipiert. Doch in wie weit hat er die Männermode beeinflusst? Und schafft es der aktuelle Chefdesigner Hedi Slimane heute, dieses Erbe weiterzuspinnen? Diese Frage drängt sich auf, weil die Filmköstume der auftretenden Männer ebenso bestechen wie die schauspielerische Leistung. Auch wenn der Film nicht auf YSL als Männermodedesigner eingeht, erteilt er dem Mann eine gründliche Lektion in Stil und Aesthetik. „Saint Laurent besass einen ganz eigenen Stil in allen Epochen“, erzählt die Kostümschneiderin Madeline Fontaine. Wie ein Musterschüler im dunkelblauen Flanellanzug und dunkler Krawatte wirkt Yves Mathieu-Saint-Laurent in den 1950er Jahren als Assistent bei Christian Dior. Doch bereits glitzern goldene Manschettenknöpfe am feingestreiften, weissen Hemd, eines seiner ewigen Markenzeichen. Zum Auftakt der Liebesgeschichte mit Pierre Bergé trägt der Scheue am Seineufer einen hellgrauen Trench. Dieser von Saint Laurent 1968 in knautschigem, schokoladebraunem Leder entworfene Mantel gilt noch heute als Quintessenz der französischen Eleganz. „Er mochte praktische, aus der Berufskonfektion und der Armee stammende Kleider. Er hasste unnötigen Schnickschnack. Zuerst entwarf er für sich selbst, weil er im Handel nicht das Passende fand“, erinnert sich der inzwischen 84jährige Pierre Bergé. Doch der Ruhm liess auf sich warten. Als Saint Laurent 1968 seine Männermode lancierte, begeisterten sich die Beatles für Pierre Cardins kragenlose, futuristische Anzüge. Die trendige „Pfauenmode“ à la Jimi Hendrix kam aus London. Die neuen, hellen Anzüge stammten aus Italien. Noch trug Saint Laurent ein Outfit mit Hemd und Krawatte unter dem Pulli, das gleichzeitig formell und gelassen wirkte. Ein Stil, der Saint Laurents heutiger Designer jetzt neu lanciert. Ob sich Slimane an den Filmkostümen oder Saint Laurent selbst inspiriert, bleibt sein Geheimnis. Weder der in Los Angeles entwerfende Art Director noch das Hause Saint Laurent waren zu einer Stellungnahme bereit. „Es muss für ihn sehr schwierig sein, ein so markantes Werk weiterzuführen“, meint Madeline Fontaine.

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Fast die Hälfte von Yves Saint Laurent spielt in den 1970er Jahren, während denen Saint Laurent den Mann und sich selbst zum Verführer macht. „Darin war er am Einflussreichsten“, betont Bergé. Allen anderen Couturiers einen Schritt voraus, machte der stilvolle Yves die Jeans salonfähig, schuf die langgliedrige, androgyne Silhouette. Das auf der nackten Haut getragene, mit feinen Blumen bedruckte Seidenhemd. Den Rollkragenpulli unter dem rostbraunen Kordsamtanzug, eine aus Nordafrika stammende Farbnuance. Sein ganzer Lebensstil wurde zum Kult, den der damals flaumbärtige, langhaarige Superschlanke selbst inszenierte: Im Kino lief gerade die Rock-Oper Jesus Christ Superstar als sich der „Rockstar der Modeszene“ splitternackt ablichten liess, um sein erstes Parfum für den Mann anzupreisen. Nie zuvor hatte ein Mann als Werbeobjekt gedient. Nie zuvor hatte ein Couturier selbst für sein Produkt geworben.

„Ich kleide mich ganz bei Saint Laurent ein. Er ist der Geschmack auf Erden. Er ist Mode“, schrieb 1979 ein Fan im Männermodemagazin L’Officiel hommes. Man erträgt Lesperts gewagte Szenen mit Gruppensex, Drogenrausch oder dem in die Toiletten kotzenden Saint Laurent dank diesem feinen Geschmack. „Er wagte es als erster, die Weiblichkeit des Mannes auszudrücken. Wie kein anderer schuf Saint Laurent eine elegante Nonchalance, die immer Klasse hatte“, beobachtet Madeline Fontaine.  Der konservative Yves im Hahnentrittsakko aus Oran hatte sich zum erotischen Edelhippie in Trompetenhosen und Jerseyhemd entfaltet, der sich die Nächte mit Mick Jagger, Paloma Picasso und Andy Warhol um die Ohren schlug. Karl Lagerfeld, rassig mit halblangem, schwarzem Haar, trug das in südamerikanischen Mustern gewobene Hemd weit offen. Sein Freund Jacques Bascher verführt Saint Laurent in einem weissen, saloppen Anzug, wie ihn der Couturier entworfen hatte. Bergé blieb immer seriös und klassisch, bedrohte jedoch den Dandy Bascher handgreiflich, damit er aus Yves‘ Leben verschwindet. „Was immer auch zwischen uns geschehen ist, immer werde ich dir zur Seite stehen“. Mit diesen Worten holt Gallienne die Kinobesucher zurück in die Romantik einer tiefen Liebe.

Seit drei Saisons zurück im Hause Saint Laurent macht Hedi Slimanes Rock-Chic dieser erotischen Eleganz keine Ehre. Zwar schafft er mit Yves‘ Kaban, dem Matrosenpulli, dem Teddyblouson, dem Dufflecoat und dem Trench eine permanente Unisex-Garderobe. Und sein getupftes Hemd dieses Sommers lässt einen Hauch Sinnlichkeit aufkommen. Doch wer die Kinomode tragen will, muss sich gedulden: Mit Kordsamt und Tweed, sensiblen Halstüchern und Saint Laurents feinabgestimmtem Totallook erreicht Slimanes nächste Herbst-Winter-Kollektion die ersehnte Klasse.

Erschienen in AARGAUER ZEITUNG, 4. April 2014