Wohin mit der unverkauften Kosmetik?

Bodylotions, Lippenstifte oder Parfums: Jährlich landen Millionen unverkaufter Hygiene- und Kosmetikartikel im Müll. Die meisten werden verbrannt.

Letztes Jahr machte das edle britische Modehaus Burberry Skandal, weil es 2017 Luxusgüter im Werte von 31 Millionen Euros verbrannt hatte. Da lagen nicht nur nagelneue Trenchcoats in Asche, sondern auch teure Parfums. Frankreich hat nachgezählt: Dort machen die Hygiene- und Schönheitsprodukte jährlich mehr als einen Viertel aller zerstörten, unverkauften Güter aus, wenn man vom Lebensmittelbereiches absieht. Das sind elektrische und elektronische Geräte, Textilien, Schuhe oder Bücher im Wert von insgesamt 630 Millionen Euros.

Dass riesige Berge unverkaufter Kleider auf dem Müll landen, anstatt verteilt, verschenkt, wiederverwendet oder recycelt zu werden, ist seit längerem bekannt. Was die Haushaltgeräte und die Elektronik betrifft, funktioniert die Wiederaufbereitung und gewissenhafte Entsorgung vor allem dann, wenn diese ausgedient haben. Doch das ist nur ein Ansatz der zukünftigen Kreislaufwirtschaft: Sie muss auch die Umverteilung unverkaufter Waren in den Griff bekommen. Frankreich will sich darin profilieren und legt nun „als Weltleader gegen die Verschwendung“ ein Anti-Verschwendungs-Gesetzes vor, das die Vernichtung sämtlicher unverkaufter Waren bis spätestens 2023 verbietet. „Eine unserer Umfragen hat ergeben, dass sich drei Millionen Franzosen grundsätzliche Hygieneprodukte nicht leisten können“, beobachtet Dominque Besançon in Paris. Seit 15 Jahren verteilt die Generalbeauftragte dort in der NGO Dons Solidaires unverkaufte Waren an sozial Benachteiligte. Auf diese Weise kamen 2018 Wohn- und Kinderheime, soziale Läden oder Tagesauffangstellen in den Genuss unverkaufter Sachgüter im Wert von 35 Millionen Euros. Eine solche Drehscheibe existiert auch in Deutschland oder Singapur, fehlt aber in vielen anderen europäischen Ländern. Dabei wäre es relativ einfach, die bei einem sogenannten Relaunching oder Saisonwechsel aus dem Verkehr gezogenen Seifen, Sonnencremes oder Zahnbürsten an Vereinigungen weiterzuleiten. Doch um die Abfallberge zu vermeiden, braucht es auch ein grundsätzliches Umdenken der ganzen Warenkette, von der Planung seitens der Hersteller bis zum Verhalten der Kunden.

Luxusgüter werden nicht verramscht

Denn seien wir ehrlich, die trendig grün beschrifteten Shampooflaschen gefallen uns besser als das frühere Modell. Wollen wir nicht ständig alle Farbtöne der Lippenstifte im Laden zur Auswahl präsentiert haben? Stört es uns nicht, wenn wir unser teures Lieblingsparfum auf der Auslage eines Strassenhändlers entdecken? Das war Burberrys Argument für die Zerstörung der Parfums und Kosmetik im Wert von insgesamt 10 Millionen Pfund Sterling: Seit dem Verkauf der Lizenzrechte der Burberry-Schönheitsprodukte an die amerikanische Firma Coty wurden die unverkauften Parfums, Cremes oder Schminken eingezogen und verbrannt, damit sie nicht gestohlen oder billiger verkauft werden konnten. Es habe sich um eine aussergewöhnliche Vernichtung gehandelt, weil sämtliche Kosmetiklinien neu entwickelt würden, relativierte der britische Modeplayer, der inzwischen versprochen hat, solche Vernichtungen in Zukunft zu vermeiden.

Diese Machenschaften sind vor allem im Luxus skandalös und den Betroffenen peinlich. Um das Hochpreisimage zu erhalten und Parallelmärkte zu vermeiden, werden Luxusgüter nicht verramscht: Zwar in einem anderen Sektor, jedoch aus dem gleichen Grund wird Louis Vuitton die Verbrennung seiner hochqualitativen, aber unverkauften Handtaschen vorgeworfen. Einige der Angestellten des LVMH-Labels sprechen im Internet von Reportingzentralen, die unverkaufte Modelle entweder auf einen anderen Kontinenten oder Richtung Verbrennungsanlage spedierten. Der Luxuslederhersteller hat nie dazu Stellung bezogen und will es auf Anfrage auch heute nicht tun. Ebenso hüllt sich Richemont in Schweigen, was den Rückzug und die Zerstörung seiner Markenuhren im Werte von 400 Millionen betrifft. Befände sich der Schweizer Konzern in Paris, müsste er nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes, seine unverkauften Uhren hundertprozentig recyceln.

Aufwändiges Recycling

Doch der Mainstream steht nicht besser da. Haben wir uns schon einmal gefragt, was bei der Lancierung neuer Linien passiert, wenn ein Anteil der unzähligen Kosmetik- und Hygieneprodukte ausgedieht hat, die wie eine Armee in Reih und Glied in den Rayons der Supermärkte stehen?  Im Falle eines Flops einer ganzen Palette? Musterüberschüsse, Fehler, defekte Verpackungen und Verfalldaten sind weitere Gründe, warum Millionen dieser Produkte, neu aber unverkauft, auf dem Müll landen. Gewisse, wie etwa Fond-de-Teint, deren Verfalldatum aus gesundheitlichen Gründen absolut eingehalten werden muss, schliesst auch das zukünftige französische Anti-Verschwendungsgesetz aus. Andere kann man nicht oder nur aufwändig wiederverwerten: Man schafft es zwar heute, Tagescremen oder Masken aus ihren Tiegeln zu lösen, um das Glas oder Plastik separat aufzubereiten. Auch einzelne Inhaltsstoffe können wiedergewonnen werden. Doch da ein soziales Bedürfnis besteht, wäre die Umverteilung sinnvoller.

Etwa Procter & Gamble oder Beiersdorf arbeiten eng mit den wenigen, bestehenden Strukturen zusammen. „Für die pflegende Kosmetik und die Hygiene wie Zahnpasten läuft es gut“, doch die  Vermittlung von Schminke sei schwieriger, betont Juliane Kronen in Köln, wo die Gründerin und Geschäftsführerin der Start-Up innatura im grossen Stil Sachspenden für soziale Zwecke vermittelt. Wegen der saisonalen Farbwechsel fallen jedoch gerade im Make-Up-Bereich viele Restposten an. Manchmal profitierten Theatergruppen oder Frauen in Schwierigkeiten davon. Aber schlussendlich gäbe es auch unverkaufte Artikel, ganze Paletten oder einzelne Farbnuancen, die tatsächlich niemand wolle. „Der Mensch verhält sich nicht wie es die Unternehmer planen. Wir werden immer irgendwo Unmengen haben“, meint Kronen fatalistisch. Immerhin entwickelt sich unter den Unternehmern jetzt die Bereitschaft, ihr Business-Modell zu überdenken.

Bild: esther elionore haldimann

 

Die Fashion stellt auf grün um

Mit dem Fashionpakt und dem Programm LIFE stellen die grossen Modeplayer die Weichen für umweltbewusste Kleider.

Klar wird es noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis wir völlig entspannt Hoodies, Anzüge oder Abendkleider tragen, die weder der Umwelt, der Artenvielfalt, dem Tier noch den Beschäftigten in der Textilindustrie schaden. Vom Rohstoff über die Produktionsketten und die Transportwege bis zur Ausstattung der Läden, alles soll nun bald aber tiergerecht und nachhaltig werden. Die Modegiganten, die wie Chanel, Hermès, Gucci oder Saint Laurent,  aber auch H&M, Gap oder Carrefour, den Fashionpact unterschrieben haben, engagieren sich, die CO2-Neutralität erst 2050 zu erreichen. Bis 2030 aber wollen sie auf 100 % erneuerbare Energien umstellen, was imponiert, für die Modehersteller jedoch nicht verbindlich ist. Sie müssen dennoch jährlich ihre eingeführten Massnahmen an einer Versammlung bezeugen. Emmanuel Macron persönlich erwartet Resultate, insbesondere was den Respekt der Artenvielfalt, den Schutz der Ozeane und die Begrenzung des Klimaeinflusses betrifft. „Der Textilsektor ist für einen Drittel der Verschmutzung der Ozeane verantwortlich“, donnerte der elegante französische Staatschef ungewohnt heftig Ende August am G7 Gipfel in Biarritz, wo er den Fashionpact enthüllte. 30 internationale Modeakteure und rund 150 Labels haben unterschrieben, dem verschwenderischen Kleiderkonsum und dessen extrem umweltbelastenden Herstellung den Riegel schieben.

Denn die Fastfashion hat die Textilproduktion in den letzten 15 Jahren verdoppelt und zur zweitgrössten Umweltverschmutzerin gemacht. Unsere Bettwäsche und unser Kleiderschrank produzieren weltweit  jährlich 1,2 Millionen Tonnen Treibhausgas. Ganz zu schweigen von der Gewässerverschmutzung durch Färben und Waschen, dem extrem hohen Einsatz von Pestiziden in den Baumwollkulturen oder alle chemischen Fasern, die einen Drittel aller Mikroplastikpartikeln den Meeren beisteuern.

Entsprechend grüne Initiativen finden aber seit einem Monat an den Fashionweeks von New York, Mailand, London und Paris nicht auf dem Laufsteg, sondern am Verhandlungstisch statt. Paris brodelt mit Roundtables, Showrooms und Modemessen, um den Umweltschutz in allen Facetten einzuleiten.  London lancierte sein noch vages Positive-Fashion-Weissbuch, das sich bis in die Schulprogramme auswirken soll.  Mailand hat mit dem Green-Carpet-Fashion-Award nicht nur die umweltbewusstesten Modedesigner ausgezeichnet;  Gucci gab auch bekannt,  die Klimaneutralität bereits erreicht zu haben.  Das erfolgreiche Label kompensiert seine CO2-Emmissionen dank Projekten zum weltweiten Schutz der Wälder. Das florentinische Modehaus gab ebenfalls an, die ganze Beschaffungs- und Produktionskette nachhaltig zu gestalten und will auf organische Fasern oder nachhaltige Materialien fokussieren.

Die Greta Thunberg der Mode

Noch sind aber die reinen Oeko-Labels eine Nische, die es im Internet oder an Messen aufzuspüren gilt. Veja und Jerome Dreyfuss sind die Pioniere für Bio-Leder. Misericordia bezahlt  seit je her faire Löhne. Auf dem Laufsteg gibt es aber nur eine, die durch und durch grün ist und wie eine Greta Thunberg der Mode den Weg weist: Stella McCartney. Die Tochter von Ex-Beatle Paul besitzt die Prominenz, um von anderen Promis angehört zu werden.  „Ich werde weder Leder, noch Pelz, noch Federn einsetzen“, hat die heute 48jährige  schon vor zwanzig Jahren in der Chefetage des Luxuskonzerns Kering – damals noch PPR – während ihres Vertragsabschluss festgehalten. Als Vegetarierin, die auf einer Farm aufgewachsen ist, dominiert bei ihr der Tierschutz. Die Stardesignerin  tüftelt aber auch mit Stoffabfällen und pflanzlichen Ölen, um geschmeidiges  Vegan-Leder zu gewinnen wie man es von ihren Falabellabags kennt. Sie macht aus Stoffresten und den aus den Meeren gefischten Plastikflaschen eine neue Faser, die auch beim Stan Smith Vegan zum Ausdruck kommt. Leimfreie Sneakers sind ihr nächstes Ziel. Mit Adidas entwickelt die Topdesignerin ganze Linien nachhaltigen Sportswears.

Die populäre Modeikone hat zudem einen guten Draht zu Luxuskonzernleitern wie François-Henri Pinault (Kering) oder Bernard Arnault (LVMH). Sie war es, die Pinault vor zwei Jahrzehnten von der Umstellung auf ein nachhaltiges Modell, – wie ihr Label es lebt – überzeugte.  Inzwischen hat Kering in 7 Ländern auf 100% erneuerbare Energien umgestellt; in Europa auf 77 Prozent. Macron hatte den Keringchef bereits im Mai mit der Ausarbeitung des Fashionpakts beauftragt, den alle Labels der Keringgruppe (Balenciaga, Saint Laurent, Bottega Veneta, etc.), nicht aber Bernard Arnaults LVMH- Luxusmarken (etwa Louis Vuitton, Dior, Celine) unterschrieben haben. Der zweitreichste Mann der Welt hinkt ein bisschen nach, fängt sich aber auf, indem er 5 Millionen zur Bekämpfung der Waldbrände im Amazonas spendet, und nun Stella McCartney als seine Sonderberaterin einstellt:

LVMH lanciert eigenes Umweltschutzprogramm

„Ich habe den Fashionpakt nicht unterschrieben, weil LVMH keine Fashiongruppe ist. Diese stellt nur einen kleinen Anteil unserer Tätigkeit dar. Ausserdem machen viele dieser Unternehmen Fastfashion. Damit haben wir nichts zu tun“, erklärte Bernard Arnault am letzten Mittwoch, als der LVMH Chairman und CEO überraschend sein Umweltschutzprogramm LIFE veröffentlichte.  Es will insbesondere  Alternativen zum Warentransport per Luftverkehr suchen. Mit einer Charta will der Luxuslederwarenkonzern auch die Rohstoffe tierischer Herkunft klar definieren.

Was auf dem Papier steht, geht allerdings noch nicht konkret über den Laufsteg. In London sind Vin + Omi mit ihren Mänteln aus Brennnesseln aufgefallen, die aus Prinz Charles‘ Garten stammen. Vegane Wanderschuhe, Bio-Polos und Jacken aus recycelten Bettfedern zeigte in Mailand auch Tommy Hilfiger. Stella McCartney’s Show mit der Frühjahrskollektion läuft am nächsten Montag.

Vor zwei Jahren hat sie sich von Pinault getrennt. Dank ihrer kürzlichen Ernennung zur Umweltschutzberaterin des weltweit grössten Luxuskonzerns LVMH ist die Beatletochter nun einmal mehr am richtigen Platz: Ihm wird vorgeworfen, jüngst unverkaufte Handtaschen verbrannt zu haben, sie aber erhielt den Green Carpet Fashionpreis  Grownbreaker und wird deshalb auch hier auf grün umschalten.

Bilder: Unterschrieben haben den Fashionpact auch Saint Laurent und Hermès. Der Luxuslederhersteller hat die Szenograhie seiner Runway-Show rezykliert und einer Künstlervereinigung gespendet copyright Jean-François José

Fashionweek Paris: Kaiser Karls letzte Kollektion

Die Fashionweek von Paris endete am letzten Dienstag mit Karl Lagerfelds letzter Kollektion für Chanel. Überzeichnete Proportionen, eine dunkle Eleganz gemischt mit grellen Farben machen die Mode des nächsten Herbstes zum Spiel mit dem Kontrast.

copyright Kenzo Barzucchetti

Ein letztes Mal konnten die geladenen Gäste Karl Lagerfelds Modelle unter dem hohen Glasdach des Grand Palais entdecken, in einer dieser grossartigen Inszenierungen, für die der Verstorbene das Flair hatte. Kunstschnee, lebensgrosse Chalets und verschneite Berggipfel verwandelten diesmal den Grand Palais für seine letzte Kollektion „Chanel in the Snow“ in eine märchenhafte Wintersportstation.

Bevor es aber losging, hielten die Gäste bedrückt eine Schweigeminute. Dann erklang Karls Stimme, die in seinem typischen Zungenschlag erklärte, warum er vor 36 Jahren bei Chanel eingestiegen sei: „Damals hauchte man Marken noch kein neues Leben ein. Für mich hatte Coco eine faszinierende Persönlichkeit“. Ja, der Deutsche war so faszinierend wie Gabrielle Chanel alias Coco, die das Modehaus vor rund 100 Jahren eröffnet hatte. Dass er auch menschlich eine grosse Lücke reisst, bewiesen die nicht immer zurückgehaltenen Tränen seiner langjährigen Models, obwohl man ihnen hinter den Kulissen befohlen hatte, ihre emotionale Trauer in positive Energie umzuwandeln.

Das ist ganz im Sinne Karls. Der grosse Abwesende hat mit seinen XL-Mänteln in riesigem Hahnentrittmuster und extrem weiten, bodenlangen, bequemen Tweedhosen einmal mehr den Zeitgeist der übertriebenen Proportionen getroffen. Mit David Bowies mitreissendem „Heroes“ endete die Präsentation. Gähnend leer blieb der Ausgang des Backstage-Bereiches während einiger Sekunden. Dort ist der Modeschöpfer jeweils in seinem steifen Gang erschienen. Diesmal grüsste seine langjährige Mitarbeiterin und Nachfolgerin Virginie Viard schliesslich nur kurz, bevor sie in Tränen ausbrach.

So richtig parisisch

Obwohl Karls Ära nun abgeschlossen ist, lebt seine prägnante schwarz-weisse Silhouette und Cocos Sinn für den Tragkomfort weiter. Nicht nur bei Chanel. Viele fluide schwarz-weisse Modelle besitzen in Balmains Kollektion genau diesen Stil und Hedi Slimane, der Karl sehr geschätzt hat, zeigte für Celine mit Goldlitzen eingerahmte Tweedjacken, wie Coco sie einst getragen hatte.  Überhaupt ist dem 50jährigen Stardesigner eine seiner besten Kollektionen gelungen. Diesmal entwarf der sonst so rockige Modemacher eine echt parisische Kollektion mit langbeinigen Silhouetten dank engen Hosen und hohen Stiefeln, Hosenjupes und den legendären, wadenlangen, kleinkarierten Röcken wie sie alle Frauen in den Seventies getragen hatten. Auch Demna Gvasalia hat die vermeintliche Nonchalance der Parisienne inspiriert: „Das sind die Bewohnerinnen, die ich auf der Strasse sehe“, meinte er nach seiner Show bei Balenciaga, wo er hochgestellte Revers und dicke Jacken völlig disproportioniert hat. Denn er sieht nicht nur die elegante Dame in den schicken Stadtvierteln, sondern die urbane Jugend in den Banlieues, wo sich sein Atelier befindet.

Kuriose Kreaturen

Klar sind auf den Laufstegen der Fashionweeks solche Visionen der hochkarätigen Modedesigner immer etwas zu zugespitzt. Und dennoch fliesst der Haupttenor oder ein kleines Detail in den Mainstream: irgendein Kleidungsstück des nächsten Herbst- und Winterlooks muss deshalb überdimensional und wuchtig sein. Dieses Spiel mit den Volumen treibt Comme des Garçons mit regelrechten Kugelröcken, Hosenbeinen so dick wie Schinken oder breiten Lederschulterpatten und riesigen Ohrlappen zu weit. Alles in schwarz. Das ergibt kuriose Kreaturen zwischen Punk, Dschihad und Sexyness in Netzstrümpfen.

Neue Designer

Nina Riccis neue Designer Rushemy Botter (33) und Lisi Herrebrugh (29) spielen ebenso mit den Volumen, möbeln das altbekannte Label aber mit einem schlichten Minimalismus auf. Die Minikleider der beiden Holländer, die auch privat ein Paar sind, bestehen nur aus einem Rechteck, das durch einen Tüllrausch verbreitert wird. Auch Lanvin, dem ältesten französischen Modehaus, muss der neueingestellte Chefdesigner Bruno Sialelli neues Leben einhauchen. Denn seit dem niederschmetternden Ausstieg im Jahre 2015 von Lanvins ehemaligem Stardesigner Alber Elbaz ist es keinem seiner Nachfolger gelungen, an dessen Erfolg anzuknüpfen. Sialelli liefert nun eine bequeme Tagesgarderobe in sehr fluiden, langen Silhouetten wie sie Jeanne Lanvin in den 1910er Jahren verwirklicht hat.  Denn es geht nicht nur um Opulenz, sondern um proportionale Kontraste: Bei Lanvin werden die goldenen Maschenkleider und Pullis hauteng getragen; Christian Dior betont die Taille der schwingenden Röcke.

Aus dem Dunkeln ins Neonlicht

Hell- und Königsblau, Knallrot und Lila ergänzen die mehrheitlich sehr dunkel gehaltenen Kollektionen. Schwarz sowie erdige oder bläulich-grüne Wassertöne wiederspiegeln unseren unheimlichen Zeitgeist. Doch dass man den Weg aus der verbalen Gewalt und den politischen Machtspielen finden muss, beweisen die Modedesigner mit ein paar ganz bunten Modellen. Vor allem Nicolas Guesquière führt bei Louis Vuitton aus der Dunkelheit ins Licht  mit den starken Farben und Mustern eines Piet Mondrians. Bei Saint Laurent leuchten die Kugelpelzmäntel und Stilettos in Neonfarben. Und Balenciagas Frau wirkt im hautengen Pinkpulli wie eine virtuelle Skulptur.

Die Modetrends 2017

Um den tierischen Ernst aus dem Alltag zu verjagen, vergnügt sich die Mode des nächsten Jahres hemmungslos mit weiblichen Reizen und hoffnungsvollen Blumen.

Gucci

Gucci

Das Modejahr 2017 liest sich wie die historischen Romane „Désirée“ oder „Die Rosen von Malmaison“. Transparenz, Prunk und Kitsch, wie sie sich nach der französischen Revolution von 1789 im Stil Directoire und Empire ausgedrückt haben, zählen erneut zum guten Geschmack. Damals hatte man sich von der Aristokratie befreit bis der Parvenü Napoleon Bonaparte die Macht ergriffen und sich zum Kaiser gekrönt hat. Donald Trumps Wahl ins Weisse Haus und das Aufkommen von Europas Populisten sind die heutigen Zeichen gesellschaftlicher Umstürze, während denen die Mode jeweils ausschweift. Herkömmliche Baumwolle und Leinen, männliche Hemden und Hosenanzüge müssen deshalb aus dem Schrank verschwinden. Ganz nackt unter einem leichten Gewand aus transparentem Musselin hat die einflussreiche Verführerin Thérésa Tallien die Gäste aus Politik und Diplomatie 1794 in ihrem berühmten Pariser Salon empfangen. Solche Negligees in Schwarz, Weiss oder Pastell sind im kommenden Sommer das unumgängliche Outfit für Partys und Vernissagen… Lire la suite

Die EM schleicht sich in die Highfashion

Während die Götter der Stadien um den EM-Titel kämpfen, kickt die Highfashion mit Kniesocken, Leuchtfarben und Tattoos über die Catwalks.

Zumindest seit der Männer- Fashionweek vor einer Woche in Paris sind die peinlich zerrissenen Leibchen der Schweizer Nationalmannschaft vergessen. Zwar figuriert kein Schweizer Spieler in den Hitlisten der sexysten Fussballer Europas. Doch muss man nicht Weitblick besitzen, um treffsicher zuzuschlagen? Dank der Highfashion jedenfalls wird das leuchtende Gelb von Yann Sommers Handschuhen zum Trend …. des nächsten Sommers. Ein mancher französischer Kommentator hat den sicheren Griff des Schweizer Torhüters gelobt – das noble Sattlerlabel Hermès macht das Gelb des berüchtigten Absinth, der verwarnenden Karte und der Trainingskutten zum Must für betuchte Männer.

Kniesocken als Zeichen des guten Geschmacks

Was den Look betrifft, beeinflussen die Modeikonen des Fussballfeldes längst die Könige der Catwalks. Jetzt wandeln diese aber gar die virilen Fussballerstülpen zum … Lire la suite

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

Der Schritt ins Unbekannte, der sich meist auszahlt : An der Pariser Fashionweek zeigten hochkarätige Marken die Kollektionen ihrer neu eingestellten, weltbesten Chefdesigner.

Dior_AW1516 - Group shotRaf Simons pour Christian Dior  copyright: Dior

Ganze neun Tage dauerte diesmal die Pariser Fashionweek mit einer neuen Herbst- und Wintermode, die Biss hat : Aalglatte Schaftstiefel verwandeln sich zu Strümpfen. Pelze und Häute, Motive und Farben aus der Savanne oder dem Urwald drücken das Tierische, das Unvorhergesehene, das Ungewisse der Frau aus. Ebenso ungewiss spielen die weltweiten Modeplayer, wenn sie neue Chefdesigner einstellen. Kering und LVMH aus Paris, der Barceloner Konzern Puig sowie Renzo Rossos italienische Holding « Only the Brave » buhlen für ihre diversen Marken um die weltbesten Modedesigner. Auch das an der Pariser Börse notierte, über 170jährige Familienunternehmen Hermès International, führt  zwar wie Chanel kein solches Marken-Portefeuille…, Lire la suite

Neid, Gier und Designerwechsel im Superluxus

Der Champagner fliesst. Die Blicke der Fashionitas glänzen vor Aufregung : 93 Modelabels zeigten Ende September auf den Pariser Catwalks ihre Frühlings- und Sommermode . Hinter den Kulissen aber werden eiskalte Modekriege geführt.

An der Pariser Fashionweek haben die Labels des Superluxus das Sagen. Weit weniger glamourös als ihre Kollektionen kreuzen die Modekonzerne hinter den Kulissen ihre Schwerte. Nach einem vierjährigen, gnadenlosen Streit haben Hermès und Louis Vuitton anfangs September das Kriegsbeil zumindest vorübergehend begraben. Die beiden Luxusmarken sind direkte Konkurrenten. Beide sind vor mehr als 150 Jahren in Paris mit Lederwaren ins Geschäft eingestiegen. Hermès lancierte seinen Prêt-à-Porter 1975. Louis Vuitton stellte im Jahre 2000 als Chefdesigner den amerikanischen Wunderknaben Marc Jacobs ein. Innert dreizehn Jahren hat der lässige New Yorker dem Luxuslederwarenhersteller ein innovatives Modeimage verpasst. Sein Prêt-à-Porter macht zwar nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die begehrten Shows befriedigen dennoch das Ego der betuchten Kundschaft. Dass Jacobs die Firma vor einem Jahr verliess, um sein eigenes Label für den Gang an die Börse fit zu machen, war für LVMH-Chef Bernard Arnault kein Grund zur Trauer : Seiner Tochter Delphine ist der brillante Schachzug gelungen, mit Nicolas Ghesquière frisches Blut und nahtlose Perfektion einzustellen.

Denn Ghesquière ist ein As. « Der beste seiner Generation », meint Suzy Menkes, die einflussreiche Moderedaktorin der Herald Tribune. Der 43jährige Nordfranzose weiss, was er will, plant minutiös und entwirft haarscharf. Vuittons neuer Creative Director beherrscht die modische Architektur des weiblichen Körpers ebenso gut wie Cristobal Balenciaga, der Gründer von Ghesghières Ex-Arbeitgeber. Der Stardesigner verliess seinen Chefdesignerposten bei Balenciaga im November 2012 mit der stolzen Abfindung von 6,5 Millionen Euros, nachdem er das alte Pariser Modehaus zu einem der begehrtesten und geheimnisvollsten Labels geschliffen hatte. Die Abfindung war allerdings mit einer Schweigeklausel verbunden, die Gesquière schamlos übersah. Der stets gelassene Modedesigner warf in den Medien Balenciaga vor, nur am geschäftlichen Resultat interessiert gewesen zu sein. Skrupellos hätte die Chefetage ihn ausgenutzt. Die Kering-Gruppe, der Balenciaga angehört, zitierte ihn vor Gericht und verlangt sieben Millionen Euros Schadenersatz. Während das Schlichtungsverfahren noch in Gange ist, fiebern Ghesquières weltweite Fans – allen voran Charlotte Gainsbourg und Anna Wintour – dem nächsten Mittwoch entgegen, an dem « Nicolas » zum zweiten Mal den Catwalk von Louis Vuitton betreten und seine intelligenten, nicht sofort erfassbaren Entwürfe enthüllen wird. Und das nur sechs Stunden bevor Christophe Lemaire seine letzte Kollektion und für das Hause Hermès preisgeben wird.

Ueber Lemaires Rücktritt lacht sich Bernard Arnault ins Fäustchen. Denn der Verlust seines Damenmodedesigners trifft Hermès’ CEO Axel Dumas kurz bevor er endlich den unerbittlichen Zweikampf mit Arnault aus dem Wege geschafft hat : Seit vier Jahren knabbert Vuittons ehrbarmungsloser Präsident gierig soviele Hermès-Aktien wie möglich. Es gelang Arnault gar, 23 Prozent der Anteile seines grössten Konkurrenten einzustecken. Ein Affront, der in Hermès’ solidem Modehaus einem Erdbeben gleichkam. Um eine allfällige Uebernahme der Aktienmehrheit zu vermeiden, hat sich die Familie Hermès vereint und 51 Prozent des Kapitals für zwanzig Jahre blockiert. Wegen seines heimlichen Einstiegs in Hermès Kapital wurde Arnault von der französischen Börsenaufsicht zu einer Busse von acht Millionen Euros verknurrt. Nun haben der LVMH-Patron und Dumas ihren sogenannten « Handtaschenkrieg » ebenfalls in einem Schlichtungsverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beendet. Arnault hätte sich nämlich gerne ein Stück von Hermès’ Handtaschenmarkt abgeschnitten. Die bis zu 60 000 Euros gehandelte « Birkin » oder « Kelly » sind in der in der Highsociety ein Must und ein gesuchtes Sammlerstück. Vuittons ebenfalls luxeriösen Taschen haben nie diesen exklusiven Ruf erreicht.

Die beiden werden sich jedoch kaum aus den Augen lassen. Arnault muss zwar seine Hermès-Anteile an die LVMH-Aktionäre ausschütten und darf keine weiteren erstehen, allerdings lediglich während fünf Jahren. Diese Einigung kam genauso überraschend wie die Trennung von Christophe Lemaire. Der Abschied ist umso bitterer als dass der vor vier Jahren von Lacoste kommende Modeschöpfer an Hermès sagenhaftem Erfolg beteiligt ist. „Ich bin Christophe Lemaire sehr dankbar für die Leidenschaft, mit der er den Charakter der Damen-Prêt-à-porter bereichert hat. Unter seiner artistischen Leitung hat dieses Metier seine Ästhetik neu definieren können und sehr erfreuliche finanzielle Resultate hervorgebracht », erklärt Axel Dumas. Tatsächlich ist Hermès’ Reingewinn im ersten Semester dieses Jahres um 8 Prozent gewachsen. Für das Jahresende scheint die erstmalige Ueberschreitung der 4 Milliarden-Umsatzmarke nicht unmöglich. Doch der aus Besançon stammende Lemaire denkt an sein eigenes Geschäft. « Meine eigene Marke wächst signifikant und ich muss und möchte mich ihr nun vollständig widmen können“, sagt der 49jährige mit Recht, denn auch sein Vorgänger Jean Paul Gaultier hatte während seinem Engagement bei Hermès weder Zeit noch Kraft, um sich gebührend seiner eigenen Firma zu widmen. Das einstige « enfant terrible » der Modeszene muss jetzt sogar seinen Prêt-à-Porter einstellen. Sein weltberühmter Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Nur noch Haute Couture und Parfums.

Die Wahl von Lemaires Nachfolgerin ist ebenso verblüffend wie dessen Rücktritt. Denn die 36jährige Nadège Vanhee-Cybulski ist dem breiten Publikum kein Begriff. Sie tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Die diskrete Französin entwarf im Maison Martin Margiela und an der Seite von Phoebe Philo bei Céline bevor sie das Studio der jungen, amerikanischen Marke The Row in New York führte. Die entspannte, zeitlose, ja fast prüde Schlichtheit der Unbekannten passt allerdings gut in Hermès Konzept, dürfte aber die Aktionäre weniger begeistern. Oder lacht zuletzt Alex Dumas am besten ? Denn Vanhee-Cybulski passt tadellos in Hermès’ offizielles Image, das absichlich und ganz im Gegenteil zu Bernard Arnault auf Effekthascherei und Starkult verzichtet.

27.9.2014