Rosen für ihn

Berauschend und betörend darf der Mann wie ein Blumenstrauss riechen. Die Trendparfums der Männer dieses Sommers stehen für Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Neu ist die Idee allerdings nicht.

Kurz nach dem Druck auf den Zerstäuber breitet sich nur eine würzige, typisch männliche Frische aus. Doch dann entfaltet Man Rose plötzlich einen derart starken Blütenduft, als steckte man seine Nase in einen Blumenstrauss. Schwere Rosendüfte sind der grosse Männerschrei, berauschend, betörend. „Unglaublich“, meint die französische Parfumhistorikerin, Philosophin und Anthropologin Annick Le Guerrer. Als weibliches Symbol der keuschen Jungfrau wiederspiegle die Rose im Männerduft neue Gesellschaftswerte. „Die 30jährigen Männer stehen heute zu ihrer Sensibilität und ihren weiblichen Zügen weit entfernt des alten Images der Machos in Kriegsstiefeln“. Frankreichs frischgewählter Präsident Emmanuel Macron ist ein prächtiges Exempel eines solch … Lire la suite

Marseille – 2600 Jahre Handel und Seefahrt

Mit ihren 800 000 Einwohnern ist Marseille die zweitgrösste Stadt Frankreichs und mit einer Fläche von 240 Quadratkilometern doppelt so gross wie Paris. Die zwei Metropolen unterscheiden sich derart, dass man sie gar nicht vergleichen kann. Hat das mit dem Meer, dem Hafen zu tun? Mit den Menschen, die seit 2600 Jahren vor allem mit den Mittelmeerkulturen verschmelzen, Seehandel treiben und Fremde mit offenen Armen empfangen?

Marseilles Blautöne2 Der Panier ist heute eines der populärsten Quartiere von Marseille. Es liegt genau auf dem Hügel oberhalb des alten Hafens, den der Phokäer Protis vor 2600 Jahren hochgestiegen sein soll nachdem er während seiner Expeditionsfahrt hier angelegt hatte. (Bild eeh)

Protis’ Ankunft

Gemäss Legende ist Marseille die Frucht einer Liebe zwischen einer Einheimischen und einem Fremden. Die aus Kleinasien stammenden Griechen, die Phokäer, errichteten 600 v. Chr. zwischen dem westlicher, im Languedoc gelegenen Agde, und Marseille mehrere Handelsniederlassungen. Bevor sie am Hügel vor Marseille aufkreutzen, hatten sich dort Ligurenstämme und eingewanderte Kelten niedergelassen. Der Phokäer Protis legte mit seinem Expeditionsschiff in der schmalen Bucht an und stieg den felsigen Hügel hinauf, um Nann die Ehre zu erweisen. Noch am gleichen Abend gab dieser Ligurenkönig ein Fest. Seine Tochter Gyptis soll vor Protis getanzt und ihm ein Pfand überreicht haben. So kam Protis über Nacht zu einer fremden Frau und dem Recht zur Gründung Massalias.

Diese Geschichte passt zu den geschwätzigen Marseillern.  Auf jeden Fall waren die Seefahrer aus Kleinasien keine Eroberer, sondern… Lire la suite

Im legendären Pinienzapfen-Zug in die Hoch-Provence nach Digne-les-Bains

Der schönste Weg von Nizza nach Digne-les-Bains führt mitten durch die Südalpen, vorbei an wilden Flüssen und schroffen Abhängen, durch Tunnel und über Viadukte. Zu befahren ist er ausschliesslich im «Train des Pignes», dem Pinienzapfen-Zug.

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Kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof von Nizza tuckert der „Train des Pignes“ am breiten, mit Schilf bewachsenen Flussbett des Vars entlang. Nur Wenigen ist das besondere Glück beschieden, Lire la suite

Marseille lässt nie gleichgültig

Voller Reiz und Widersprüche besitzt die europäische Kulturhauptstadt 2013 viele Kulturen. Die brodelnde Hafenstadt ist ein Puzzle, dessen Teile nicht immer zusammenpassen.

Marseille, eine Stadt voller Perspektiven

Langsam biegt der TGV in Marseille ein. Monotone Wohnblöcke fesseln den Blick am nördlichen Horizont, doch dann fährt der Zug an einer pittoresken Kirche vorbei, an Häusern mit schmalen, hohen Fenstern, die geschmiedete Balustraden zieren. Diese Mischung ist für Marseille typisch. Architektonische Hässlichkeit und Grazie stehen in enger Berührung. Die Hafenstadt ist in den letzten Jahrhunderten aus unzähligen Dörfern und Landsitzen zur 860 000 Seelen zählenden südfranzösischen Metropole zusammengewachsen, eingekeilt zwischen dem Mittelmeer, felsigen Hügeln und der schmalen Einfahrt ins Rhone Tal. Zu diesem Hinterland hat sich Marseille jedoch nie orientiert. Sie wähnt sich als Tor zum Mittelmeer, ja zur ganzen Welt, obwohl die sesshaften Marseiller diese kaum erkunden. Warum auch? Die halbe Welt trifft hier ein. An Marseille fährt niemand vorbei. Der auf einem Hügel angelegte Sackbahnhof zwingt zum Aus- oder zumindest zum Umsteigen. Auf einem weiteren Felsenberg befindet sich der „Panier“, Marseilles ältester, folkloristischster Stadtteil (siehe Marie Ferrari) mit verwinkelten Treppen, schmalen Gassen und in der Sonne glühender Plätze. Auf dieser Anhöhe am Nord Kai des heutigen alten Hafens haben griechische Seefahrer aus Phokäa 6OO v. Chr. eine Handelsniederlassung errichtet und gleichzeitig „Massalia“ gegründet. Ihr Anführer Protis soll beim bereits ansässigen Keltenkönig Nann um die Hand seiner Tochter Gyptis angehalten haben. „Seither fabriziert die Hafenstadt Marseiller mit allen, die ankommen. Die Stadt funktioniert wie ein Schwamm, der alle absorbiert“, sagt Jean Contrucci. Der einheimische Lokaljournalist und Schriftsteller* empfindet Marseille als lebendiges Mosaik. Aus der Vermischung griechischer Phokäer, lateinischer Römer, Einwanderer aus der Levante, Italien, Korsika und Spanien, der Maghrebiner und der Schwarzafrikaner – rund 80 000 Komoren trafen vor zehn Jahren ein – ist eine brodelnde Stadt und eine Mentalität voller Widersprüche entstanden.

Rund um die Docks ist ein neues Trendviertel entstanden2
In ihrem singenden, überschwenglichen Akzent werden die schwatzhaften Marseiller oft zu sympathischen Grosstaplern, die masslos übertreiben. Mit Recht. Dank der ausgezeichneten Lage zwischen Mittelmeer und Rhone Delta hat sich Marseilles Hafen seit der Renaissance zu einem gigantischen Warenumschlagplatz und zur Industriestadt entwickelt. Die heutigen Tanker und Containerschiffe löschen im 70 km entfernten Hafen von Fos jährlich 86 Millionen Tonnen Ware, zum Grossteil Erdöl und Chemikalien, weshalb er unter den vier grössten Erdölhäfen der Welt figuriert. Als in der blühenden Kolonialzeit Palmenfett, Zuckerrohr und Getreide für die lokale Industrie eingeführt wurden, legten die Dampfschiffe noch in der Stadt an. Genau dort, wo jetzt elegant die zwei postmodernen, im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt errichteten Gebäude „MuCEM“ und „Villa Méditerranée“ das Ufer säumen. In der „Belle Epoque“ mauserte sich Marseille gar zum internationalen Eldorado. „ Alle konsumierten vor Ort. Nur schon das Restaurant am Kai servierte 6OO Speisen, wenn ein Kreuzfahrtschiff eingetroffen war. Ebenso ass ein jeder eine letzte Bouillabaisse bevor er in See stach », ereifert sich Jean Contrucci, der seine Romanfiguren historisch einbettet.

Mucem und Fort Saint Jean am alten Hafen
Dieses multikulturelle Klima und feurige Mittelmeertemperament macht den Reiz der Stadt aus. Im feurigen Blick der Marseiller funkelt jedoch auch das Misstrauen. Schliesslich muss jeder seinen Platz behaupten. Ausserdem werfen die Mafia der zwanziger Jahre, die Paten des Paniers oder die „French Connection“ der 7Oer Jahre dunkle Schatten in die helle Stadt. Banditen machen sie auch heute noch unsicher: 2012 wurden 17 Männer auf offener Strasse erschossen. Diese kaltblütigen Abrechnungen finden allerdings selten im Zentrum, sondern in den Nordquartieren statt, wo sich die Cannabishändler mehrere Siedlungen die Marktanteile streitig machen. Zudem beseitigen die Bandenchefs ihre Händler, wenn sie nicht spuren, und alte Mafiakriege keimen weiter. Obwohl die Polizei seit dem letzten Herbst verstärkt auffährt, erschüttern sieben Erschiessungen junger Männer die europäische Kulturhauptstadt seit Jahresbeginn.

Ein Choufty bewacht die Nordsiedlung La Castellane während in den Hauseingängen Haschisch verkauft wird

Schnellstrassen isolieren die in den 1960er Jahren in aller Eile gebauten Nordsiedlungen, als 200 000 aus dem Algerienkrieg heimkehrende Franzosen und flüchtende Algerier neuen Wohnraum brauchten. Weiss-beige Mehrfamilienhäuser verlottern heute oberhalb eines Friedhofes. Polizeibeamte umzingeln andere, trostlose Häuserblocks, doch die berüchtigte Siedlung „La Castellane“ bleibt unbehelligt. Hier ist Zinedine Zidane aufgewachsen. Damals spielten die Burschen auf den Vorplätzen noch Fussball. Jetzt sind nur „Choufties“ zu erkennen, die Wache halten während die „Charbonniers“ (Köhler) in den Eingängen das Haschisch verkaufen. Die Kalaschnikow steht an der Wand. „Die Maghrebiner haben ein System aufgebaut, das die ganze Siedlung ernährt“, beobachtet Antoine Santiago.

Durch Schnellstrassen von der Innenstadt abgeschnitten, sind die Nordsiedlungen zu anonymen Ghettos verkommen

Der Besitzer eines Reinigungsinstitutes lebt seit 25 Jahren in einer kargen Nordsiedlung. Vom Schlafzimmerfenster seiner provenzalisch eingerichteten, komfortablen Wohnung fällt der Blick direkt auf „La Castellane“, wo auch er sich nicht hin traut. „Der systematisch aufgebaute Drogenhandel beschäftigt einen Grossteil der rund 30% arbeitslosen „Minots“ (Jugendliche im Marseiller Jargon). Ein „Choufti“ verdient rund hundert Euros, eine die Droge aufbewahrende “ Nourrice“ (Tagesmutter) bis zu 1500 Euros pro Tag“, weiss der Familienvater, der so gut wie nie ins Stadtzentrum fährt. Er wisse nicht, was er dort zu suchen hätte.

Die starke Polizeipräsenz - hier am alten Hafen -gefällt nicht allen
Geselligkeit und Musse. Von Missmut, Gewalt und Rassismus ist am alten, malerischen Hafen und in der lauschigen Innenstadt ist nichts zu spüren. Hat man nämlich einmal das Vertrauen der Marseiller gewonnen, teilen sie grosszügig ihr Savoir-Vivre. Das strahlende Blau des Himmels, das sich am Horizont mit den Blautönen der See vereint, in der sich weisse und ockerfarbene Fassaden spiegeln, haben nicht nur Künstler wie William Turner, Raoul Dufy oder Georges Braque inspiriert. Sie lullen jeden Durchschnittsreisenden friedlich ein. Imposante Kirchen und Kathedralen aller erdenklichen Stile stehen neben schlichten, alten Forts, die den Hafen flankieren. Der prächtige Ausblick zu den felsigen Inseln Château d’If und Frioul dient als Kulisse des frühmorgens am Kai stattfindenden Fischmarktes.

Fisch- und Kräutermarkt am alten Hafen

Nachmitttags wird flaniert. Die leichte Meeresbrise erfrischt im Schatten eines der unzähligen Cafés oder am Hafenausgang auf einem Uferstein beim Fort Saint Jean sitzend. Bürgermeister Jean-Claude Gaudin hat die Innenstadt in den letzten Jahren herausgeputzt. „Betoniert“, meinen seine Gegner. „Verschönert und dynamisiert“, entgegen die meisten Befragten. Das neue Tram, die Renovation des Kreuzfahrthafens La Joliette und des „Paniers“ haben allerdings in den Stadtfinanzen ein Schuldenloch von 1,8 Milliarden Euros gegraben. Ueberhaupt sind die Gegensätze krass: Der drittgrösste Reeder der Welt, die Marseiller CMA-CGM-Gruppe, hat sich im neuen Trendquartier bei den Docks einen Wolkenkratzer geleistet. Mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung lebt jedoch unter der Armutsgrenze.

Einfahrt in den alten Hafen, links Fort Saint Jean
Wie der aufbrausende Mistral schlägt das fröhliche Marseiller Gemüt deshalb oft in Aufmüpfigkeit um. Man streikt, man arbeitet schwarz, man mogelt, wo man kann. Das missfällt der Elite, die wiederum Klientelismus betreibt. Den Drang zur Rebellion haben die Marseiller im Blut: Bis Ende des 15. Jahrhunderts war die brodelnde Hafenstadt unabhängig und handelte auch später, als Provinzstadt des französischen Königreiches, Sonderrechte aus. König Ludwig XIV musste 1660 persönlich anreisen, um eine Fronde niederzuschlagen. Heute bröckelt die lokale Politik. Der 75jährige, konservative Gaudin pendelt sein Mandat aus. Skandalöse Korruptionsaffären spalten die Sozialisten. Deshalb dürften an den im nächsten Jahr stattfindenden Bürgermeisterwahlen über zwanzig Prozent Proteststimmen an die rechtsextreme Front National gehen. Doch die Marseiller bleiben optimistisch, schiesslich haben sie oft nach Krisen Grosses erreicht: In den 1970er Jahren brach ihre Industrie zusammen. Heute aber zählen ihre Ärzte weltweit zu den bedeutendsten Aidsforschern.

Felsen, Meer und karger Boden in der heissen Sonne
*Marseille Culture(s), Jean Contrucci, Gilles Rof, HC éditions, 2012, Paris
La Vengence du Roi soleil, Jean Contrucci, Verlag JC Lattès, 2013, Paris

23. Mai 2013, copyright (Text und Bild) esther elionore haldimann

Weitere Bilder / plus d’images: Marseille: Europäische Kulturhauptstadt 2013 Capitale Européenne de la Culture 2013