Mode als politisches Manifest

Mit weissen Armbinden, aufgedruckten Slogans und Einflüssen aller Kulturen wehrt sich die Mode gegen Fremdenhass und Sexismus.

Donald Trumps Wahl ins Weisse Haus und der britische Brexit schleichen sich in die Highfashion. Die Mode des nächsten Winters, die gerade auf den Laufstegen gezeigt worden ist, gleicht einem Manifest für Toleranz und Weltbürgertum. Absichtlich vereinen die Modemacher ganz unterschiedliche Einflüsse in einer Kollektion. Als grösster britischer Modeplayer vermischt etwa Burberry am gleichen Minikleid den germanischen Minimalismus der 1990er Jahre mit romantischen Rüschen der europäischen Siedlerinnen im Amerika des 19. Jahrhunderts. Doch auch die Coolness des afro-amerikanischen Hip-Hops wird … Lire la suite

Mit starken Düften die Persönlichkeit ausdrücken

Über zweihundert neue Parfums kommen in diesem Herbst auf den Markt: Betörend schwere Düfte für den Mann, zuckersüsse Symphonien voller Blumen und Früchten für die Frau. Dahinter stecken Marktanalysen und ganze Konzepte, um dem Ego der Generation Y zu schmeicheln.
Parfumtrend copyright esther haldimann
Schwere Wolken von Pfeffer und warmen Gewürzen, orientalischen Hölzern und spritzigen Zitrusfrüchten hängen in Gängen und Aufzügen, so stark und intensiv, dass sie sogar durch Türen dringen. Ein Nachbar mag Diors neues Sauvage, dessen Duft nach Roten Beeren, Geranium, Lavendel und Patschuli über den Balkon herüber schwebt. Noch intensiver, noch tiefer, noch sinnlicher zieht ein Mann, der aus einem Bus steigt, die Umgebung in seinen Bann dank Yves Saint Laurents La Nuit de l’homme L’Intense. Weit süssere Blütendüfte versprühen die Frauen, pudrig unterlegtes Neroliöl aus bitteren Orangen (Elie Saab) oder ganze Symphonien aus Narzissen, Strohblumen, zarten Lindenblüten, süssem Flieder, feinen Akazien und aufdringlichen Mimosen. Auch um Schlemmernoten wie Vanille, Honig, Safran, Milchkaffee, Zimt oder Ahornsirup kommt in diesem Winter niemand herum.

Rosen aus Bulgarien, italienische Pflaumen…

Rechnet man alle von einem bereits bestehenden Parfum abgeleiteten Flanker und limitierten Sonderauflagen ein, kommen im Frühling und Herbst jeweils über zweihundert neue Parfums auf den Markt. Viele Parfümeure setzen den Damen in diesem Herbst allzu typisch feminine, süss-fruchtige Blumendüfte und den Männern einen betörenden Cocktail vor. Doch wer setzt diese Trends überhaupt fest? „Es hat sie schon immer … Lire la suite

Neid, Gier und Designerwechsel im Superluxus

Der Champagner fliesst. Die Blicke der Fashionitas glänzen vor Aufregung : 93 Modelabels zeigten Ende September auf den Pariser Catwalks ihre Frühlings- und Sommermode . Hinter den Kulissen aber werden eiskalte Modekriege geführt.

An der Pariser Fashionweek haben die Labels des Superluxus das Sagen. Weit weniger glamourös als ihre Kollektionen kreuzen die Modekonzerne hinter den Kulissen ihre Schwerte. Nach einem vierjährigen, gnadenlosen Streit haben Hermès und Louis Vuitton anfangs September das Kriegsbeil zumindest vorübergehend begraben. Die beiden Luxusmarken sind direkte Konkurrenten. Beide sind vor mehr als 150 Jahren in Paris mit Lederwaren ins Geschäft eingestiegen. Hermès lancierte seinen Prêt-à-Porter 1975. Louis Vuitton stellte im Jahre 2000 als Chefdesigner den amerikanischen Wunderknaben Marc Jacobs ein. Innert dreizehn Jahren hat der lässige New Yorker dem Luxuslederwarenhersteller ein innovatives Modeimage verpasst. Sein Prêt-à-Porter macht zwar nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die begehrten Shows befriedigen dennoch das Ego der betuchten Kundschaft. Dass Jacobs die Firma vor einem Jahr verliess, um sein eigenes Label für den Gang an die Börse fit zu machen, war für LVMH-Chef Bernard Arnault kein Grund zur Trauer : Seiner Tochter Delphine ist der brillante Schachzug gelungen, mit Nicolas Ghesquière frisches Blut und nahtlose Perfektion einzustellen.

Denn Ghesquière ist ein As. « Der beste seiner Generation », meint Suzy Menkes, die einflussreiche Moderedaktorin der Herald Tribune. Der 43jährige Nordfranzose weiss, was er will, plant minutiös und entwirft haarscharf. Vuittons neuer Creative Director beherrscht die modische Architektur des weiblichen Körpers ebenso gut wie Cristobal Balenciaga, der Gründer von Ghesghières Ex-Arbeitgeber. Der Stardesigner verliess seinen Chefdesignerposten bei Balenciaga im November 2012 mit der stolzen Abfindung von 6,5 Millionen Euros, nachdem er das alte Pariser Modehaus zu einem der begehrtesten und geheimnisvollsten Labels geschliffen hatte. Die Abfindung war allerdings mit einer Schweigeklausel verbunden, die Gesquière schamlos übersah. Der stets gelassene Modedesigner warf in den Medien Balenciaga vor, nur am geschäftlichen Resultat interessiert gewesen zu sein. Skrupellos hätte die Chefetage ihn ausgenutzt. Die Kering-Gruppe, der Balenciaga angehört, zitierte ihn vor Gericht und verlangt sieben Millionen Euros Schadenersatz. Während das Schlichtungsverfahren noch in Gange ist, fiebern Ghesquières weltweite Fans – allen voran Charlotte Gainsbourg und Anna Wintour – dem nächsten Mittwoch entgegen, an dem « Nicolas » zum zweiten Mal den Catwalk von Louis Vuitton betreten und seine intelligenten, nicht sofort erfassbaren Entwürfe enthüllen wird. Und das nur sechs Stunden bevor Christophe Lemaire seine letzte Kollektion und für das Hause Hermès preisgeben wird.

Ueber Lemaires Rücktritt lacht sich Bernard Arnault ins Fäustchen. Denn der Verlust seines Damenmodedesigners trifft Hermès’ CEO Axel Dumas kurz bevor er endlich den unerbittlichen Zweikampf mit Arnault aus dem Wege geschafft hat : Seit vier Jahren knabbert Vuittons ehrbarmungsloser Präsident gierig soviele Hermès-Aktien wie möglich. Es gelang Arnault gar, 23 Prozent der Anteile seines grössten Konkurrenten einzustecken. Ein Affront, der in Hermès’ solidem Modehaus einem Erdbeben gleichkam. Um eine allfällige Uebernahme der Aktienmehrheit zu vermeiden, hat sich die Familie Hermès vereint und 51 Prozent des Kapitals für zwanzig Jahre blockiert. Wegen seines heimlichen Einstiegs in Hermès Kapital wurde Arnault von der französischen Börsenaufsicht zu einer Busse von acht Millionen Euros verknurrt. Nun haben der LVMH-Patron und Dumas ihren sogenannten « Handtaschenkrieg » ebenfalls in einem Schlichtungsverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beendet. Arnault hätte sich nämlich gerne ein Stück von Hermès’ Handtaschenmarkt abgeschnitten. Die bis zu 60 000 Euros gehandelte « Birkin » oder « Kelly » sind in der in der Highsociety ein Must und ein gesuchtes Sammlerstück. Vuittons ebenfalls luxeriösen Taschen haben nie diesen exklusiven Ruf erreicht.

Die beiden werden sich jedoch kaum aus den Augen lassen. Arnault muss zwar seine Hermès-Anteile an die LVMH-Aktionäre ausschütten und darf keine weiteren erstehen, allerdings lediglich während fünf Jahren. Diese Einigung kam genauso überraschend wie die Trennung von Christophe Lemaire. Der Abschied ist umso bitterer als dass der vor vier Jahren von Lacoste kommende Modeschöpfer an Hermès sagenhaftem Erfolg beteiligt ist. „Ich bin Christophe Lemaire sehr dankbar für die Leidenschaft, mit der er den Charakter der Damen-Prêt-à-porter bereichert hat. Unter seiner artistischen Leitung hat dieses Metier seine Ästhetik neu definieren können und sehr erfreuliche finanzielle Resultate hervorgebracht », erklärt Axel Dumas. Tatsächlich ist Hermès’ Reingewinn im ersten Semester dieses Jahres um 8 Prozent gewachsen. Für das Jahresende scheint die erstmalige Ueberschreitung der 4 Milliarden-Umsatzmarke nicht unmöglich. Doch der aus Besançon stammende Lemaire denkt an sein eigenes Geschäft. « Meine eigene Marke wächst signifikant und ich muss und möchte mich ihr nun vollständig widmen können“, sagt der 49jährige mit Recht, denn auch sein Vorgänger Jean Paul Gaultier hatte während seinem Engagement bei Hermès weder Zeit noch Kraft, um sich gebührend seiner eigenen Firma zu widmen. Das einstige « enfant terrible » der Modeszene muss jetzt sogar seinen Prêt-à-Porter einstellen. Sein weltberühmter Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Nur noch Haute Couture und Parfums.

Die Wahl von Lemaires Nachfolgerin ist ebenso verblüffend wie dessen Rücktritt. Denn die 36jährige Nadège Vanhee-Cybulski ist dem breiten Publikum kein Begriff. Sie tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Die diskrete Französin entwarf im Maison Martin Margiela und an der Seite von Phoebe Philo bei Céline bevor sie das Studio der jungen, amerikanischen Marke The Row in New York führte. Die entspannte, zeitlose, ja fast prüde Schlichtheit der Unbekannten passt allerdings gut in Hermès Konzept, dürfte aber die Aktionäre weniger begeistern. Oder lacht zuletzt Alex Dumas am besten ? Denn Vanhee-Cybulski passt tadellos in Hermès’ offizielles Image, das absichlich und ganz im Gegenteil zu Bernard Arnault auf Effekthascherei und Starkult verzichtet.

27.9.2014

Perfekt im Perfecto

Perfecto RedskinsNach der Hose, dem Smoking und dem Sakko, macht sich die Damenmode diesen Herbst hinter eine andere Männerdomäne. Was heute schick, aber widerspenstig anmutet, war einst das Outfit der Rebellen. Wie kein anderes Kleidungsstück, versinnbildlicht die Perfecto mit dem hohen Kragen den weichen Kern in der harten Schale. Sexy, unberechenbar, aber empfindlich trug James Dean sie in Nicolas Rays amerikanischem Kultfilms “…denn sie wissen nicht was sie tun” (1955). Marlon Brando erreichte 1953 als ein Gruppenanführer jungendlicher Motorradfahrer in « Der Wilde » die gleiche unschuldige, dekadente Sexyness. Ein vom zweiten Weltkrieg inspiriertes Modell galt unter den mythischen Rockern der Hells’Angels als Sammlerstück. Von Elvis Presley lanciert, wurde die Perfecto anschliessend zum starken Symbol mehrerer Musikgenerationen. Rock, Punk, ja sogar der Pop ist mit ihr verschweisst: Wer erinnert sich nicht an Michael Jacksons blutrot schimmernde Perfecto in « Thriller ».?
Brigitte Bardot und Madonna waren die erste Frauen, die zum Perfecto griffen. In dieser Jacke fühlt sich frau wohl behütet, empfindet Macht und strahlt diese auch aus. Das Fashionvictim Victoria Beckham trägt kurze, enge Modelle in Knautschleder von Marc Jacobs. Dieser bezeichnet seine bei Louis Vuitton in eigelbe Croco- Perfectos eingehüllten Feen als « stark aber zärtlich ». Ursprünglich wurde die Perfecto nach der kubanischen Lieblingszigarre von Irving Schott benannt. Der entwarf 1928 Lederjacken in New York zum Schutze der amerikanischen Motorradfahrer, steiff in Büffel- oder Pferdeleder gegerbt und: unzerrreissbar. Diesen Herbst verleiht die Perfecto der Frau eine starke Allüre. Sie passt hervorragend über lange, leichte Abendkleider oder zu engen Hosen. Das bei Schott Brothers in New York noch immer erhältliche Originalmodell haben die Spitzendesigner allerdings gezähmt. Rosa mit Yin-Yang-Aufdruck, körperbetont geschnitten, im Tarndruck oder flauschig in Daunen abgesteppt, wirft der Blouson mit dem leicht diagonalen Reissverschluss seinen schwarzen Schatten ab. Die Superkurzen in weichem Lammleder haben ungemein Pfiff. Die mit Nägel beschlagenen Schwarzen reflektieren am Treffendsten das rebellische Original, das jedoch nicht alle so unwiderstehlich macht wie einst James Dean. Die Damen sind zur Vorsicht gebeten. Im schwarzen Perfecto kann frau auch aufdringlich wirken oder ein “Rühr mich nicht an! » anzeigen.

Erschienen am 7. 12. 2012 in der AARGAUER ZEITUNG, Baden, Schweiz