Von der Piste in die Bar

Für das Auffallen auf der Piste ist gesorgt: Noch nie haben grosse Modedesigner eine derart kreativ und technisch hochstehende Skimode entworfen wie diesen Winter.

Skioverall Bogner

In St. Moritz, Gstaad oder dem bescheideneren Adelboden hat man schon immer gerne angegeben, sei es mit einem eleganten Kurzschwung oder im aktuellsten Skidress. In der Weite der weissen Piste wollen wir alle eine gute Figur abgeben. Bogners Keilhose war in den Fifties der erste bleibende Gag der Pistenmode. Die Coolness in Oversize der ersten Snowboarder der 1990er Jahre vermischt sich heute

Bogner

mit der Forschung nach den idealsten Textilien der letzten Jahrzehnte: Hohe Funktionalität und Highfashion-Design. Zwar hat Hermès schon in den 1930er Jahren und Karl Lagerfeld bei Chanel vor einem Jahrzehnt ein Outfit für die Piste vorgeschlagen, der Winter 2019/2020 ist jedoch rein visuell das Schönste, was je geboten worden ist. Namhafte Designer mischen mit, um uns auf der Piste einen grossen Jahrgang  zu bescheren.

Die kleingewobenen ethnischen Muster von Monclers Jacken liefern ein völlig neues Pistengefühl, vor allem zu den modischen Trompetenhosen; quasi von der Stadt auf die Piste und flugs in die Bar. „Alpine Clubbing“ heisst denn auch Bogners verrückte Sonderkollektion, die sich an den Clubbern von St. Moritz inspiriert. Die Kapsel habe das Ziel, den Wunsch der Kundin zu erfüllen, die nicht nur im Alltag, sondern auch auf der Piste auffallen und die Marke zeigen wolle ohne auf die hohe Funktionalität zu verzichten. Das traditionelle Skisportlabel aus München, das jahrzehntelang die deutsche Nationalmannschaft eingekleidet hat, will gegenwärtig sein Image verjüngen. Deshalb zeigt Bogner an der Berliner Fashionweek nicht nur seine Qualitätssachen, sondern auch freche Showeffekte wie Miniröcke im Schnee zu silbern schimmernden Gamaschen. Aber auch echt skitüchtige Designermodelle werden geboten, etwa der leuchtgelbe Retro-Overall, der die schlanke Silhouette der Schweizer Skirennfahrerin Doris de Agostini heraufbeschwört.

Mit seinem Retro 1960/1970 schafft auch Monclers Chefdesigner Sandro Mandrino eine sehr hype Highfashion-Skimode. Performanz, Technik, Komfort und Leichtigkeit standen zwar für den Italiener, der eine technische Ausbildung besitzt, im Vordergrund, doch auch seine Kreativität kennt keine Grenzen: Die  Fransen seines Blousons Orbeillaz mit hohem Stehkragen entführt in die Rocky Mountains. Verträumte Stickereien von Sternen und Monden zaubern das Himmelszelt auf die enge, nur am Schulterblatt und der Brust sexy ausgeschnittene Trägerskihose. Skandinavische Motive in süssen Farben oder Blumenprints ergänzen diese Grenoble-Kollektion, die sich tatsächlich für die Piste eignet: Die mit Daunen wattierten Jacken bestehen aus technischem, lackierten Nylon, sind wasserabweisend und atmungsaktiv oder besitzen die notwendigen Taschen für Skipass sowie Handy, ergänzt mit Kabelöffnungen aus Silikon.

Haute-Couture im Schnee

An Moncler’s Genius-Kollektionen, die keine eigentliche Ski- sondern Wintermode darstellen, hat sich sogar Valentinos Chefdesigner Pier Paolo Piccioli beteiligt: Seine weitschwingenden, wattierten, bodenlangen Röcke zu engen Jacken mit Puffärmeln, deren Kapuzen wie Hauben wirken, sind pistenuntauglich, werden jedoch in Courchevel für die gesuchte Aufmerksamkeit sorgen. Dass sich nun auch der Superluxus für den Wintersport interessiert, hat nicht nur mit der Pflege des Egos, sondern auch mit den Marktprognosen zu tun. Denn laut den Börsenberichten wird der Umsatz der Sportmode bis 2023 jährlich um 8 Prozent zunehmen. Mc Kinsey bezeichnet den Sportswear sogar als das Segment mit dem höchsten Wachstumspotential. Aber: „Nur Marken, die den Zeitgeist wiederspiegeln oder den Mut haben, sich neu zu interpretieren, werden mithalten können“.

Urban inspiriert

Templa x Raf Simons

„Raf Simons besitzt ein besonderes Flair für den Zeitgeist, und heute besteht eine grosse Nachfrage nach Outerwear, das Technik und Design vereint“, stellt Rob Maniscalco am Telefon in Melbourne fest. Der Chefdesigner des jungen Labels Templa mit Sitz in Melbourne und Antwerpen hat eng mit dem Topdesigner Raf Simons zusammengearbeitet, um mit der Linie „Templa x Raf Simons“ des Belgiers erste Skiwear zu realisieren. Rafs grosszügiger Stil, weiter, geometrischer Silhouetten, ist sofort erkennbar, ein Outfit für die Piste, das schützt und den aktuellen urbanen Schick besitzt. Die aus nachhaltigen Materialen geschnittene Kollektion garantiert einen hohen Komfort. Ob bei Moncler oder Templa, solche Designermodelle kosten allerdings spielend zweitausend Euros.

Das Angebot richtet sich denn auch an den Grossteil der Luxuskunden, die  jungen und vermögenden Millenniums,

Prada

 

die den neuen, urbanen Lifestyle der ständigen Bewegung pflegen. Deshalb springt auch Miuccia Prada in die Bresche: Ihre Linea Rossa ist Pradas dritte Kollektion sogenannter Funktionssachen, die diesen Winter sogar den Tenor der  Hauptkollektion angeben. Sie wiederspiegeln Travel, Speed, Dynamik und Energie, ob in der Großstadt oder auf der Piste. Aus Goretex und recycelten Materialien bequem geschnitten, gibt das Mailänder Modehaus deshalb auch ein perfektes, zwar sehr schlichtes, aber umso funktionstüchtigeres Skioutfit heraus, bestehend aus Jacke, Hose und Pulli, bis hin zu Helm und taktilen Handschuhen. Eine hochqualitative Skiausrüstung mit Raffinesse: Das eingeklebte Taschentuch fängt den berüchtigten Nasentropfen während der Fahrt auf. Die gummierten Reißverschlüsse lassen keine Feuchtigkeit eindringen. Und da man heute auf der Skipiste eher schwitzt als friert, kann man Pradas Tenues an den Oberschenkeln und –armen blitzschnell öffnen, um für Durchzug zu sorgen.

 

Bilder: zvg

Schaufenster zur Traumwelt

Im digitalen Zeitalter wird das Schaufenster zum Bühnenbild.  Darin ist Leïla Menchari Pionierin. Seit 40 Jahren verwandelt sie Hermes‘ Vitrinen in Traumwelten.

 

Unabsichtlich hat die heute 90jährige Künstlerin den aktuellen Trend ausgelöst: Während 40 Jahren zauberte die gebürtige Tunesierin ihre Kindheitserinnerungen saftig grüner Gärten, unheimlicher Höhlen oder blendender Strände in die Schaufenster von Hermès‘ Hauptgeschäft am ehrenwerten Faubourg Saint Honoré in Paris. Zwar ist Leïla Menchari  vor vier Jahren in Pension gegangen, ihre Vitrinen jedoch, die jetzt mit einer Ausstellung geehrt werden, bleiben weltweit ein Begriff. Sogar Leute aus der Provinz oder dem Ausland kamen absichtlich zum edlen Lederlabel, einzig mit dem Ziel, sich vor dem Schaufenster aus dem Alltag schnippen zu lassen, staunend wie ein Kind: Lire la suite