Saint Laurent im wilden Westen

 

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Mode schafft die unmöglichsten Verbindungen: Die erz-französischste Marke Saint Laurent zeigte letzte Woche zum Auftakt der internationalen Men-Fashionweeks nicht in Paris, sondern in New Jersey mit der New Yorker Skyline als Kulisse der Show. Dass Rock und Western zusammenpassen, bewies der 36jährige Chefdesigner Anthony Vaccarello mit schlichter Eleganz für sie und ihn. Wenn man bedenkt, dass der Belgier auch die aktuelle heisse Linie der Generation Millenium lanciert hat, muss damit gerechnet werden, dass Cowboystiefel und Indianerschmuck ab dem nächsten Winter den Trend angeben.

 

Modegierige Männer

Nur zu. Formelles mischt sich heute problemlos mit Street- oder Workingwear. Die Freiheit ist da. Und der Mann besitzt endlich auch den notwendigen Mut.

Julien David copyright Raphael Lugassy

Für die Millionen, wenn nicht Milliarden junger Männer, die in den Agglomerationen der Grossstädte wie London, Madrid, Zürich oder Peking, Los Angeles oder Tokio leben, stellt sich die Frage gar nicht. Für sie ist ein gestylter Look völlig normal. Sie haben den Modemut im Blut. Deshalb wurde die Pariser Men-Fashionweek am letzten Wochenende zum wahrhaftigen Happening. Alle Stühle entlang der Laufstege  waren bis auf den letzten Platz besetzt. Bei bester Stimmung haben sich die Männer aus aller Welt an kreativ hochstehenden Schauen für die Mode des Winters 2018/19 inspiriert. Man traf sich beim Edellabel Hermès‘ rund um lauschige Lagerfeuer inmitten eines renovationsbedürftigen Kreuzganges, wo bunte Berglandschaften Pullis und Reisetaschen zierten. In der cleanen Garage des Jungdesigners Julien David hingegen haben die Models ganz witzig in maskierten Hundemasken den trendigen Oversize, Coolness und durchsichtige Regenschütze aus Silikon präsentiert. Sogar bei der Entertainerin Agnes b. war der Andrang so gross, dass sie drei Schauen veranstalten musste. Lanvin erntete tosenden Applaus. Kurz: Die Männer sind begeistert und suchen so mutig wie fast noch nie ihren ganz persönlichen Stil.

„Es findet eine Explosion statt, die eines Tages die Damenmode überrunden wird“, ereifert sich sogar Riad in einer Pariser Tiefgarage an der edlen rue de la Paix, wo sich der Showroom von Nïuku befindet. Der 40jährige Modedesigner gehört zum Dreierteam dieses Junglabels, das wie acht andere Newcomer zum ersten Mal offiziell lief, sozusagen aus dem Underground ins Rampenlicht. Während andere Junglabels absichtlich in den Männermodemarkt einsteigen, weil er weit weniger von den grossen Modegiganten beherrscht wird als bei den Damen, bezeichnet der zweite im Bund, Lenny, die Nïuku-Klamotten als genderless (geschlechtslos). „Viele Frauen kaufen heute Männerkleider“, schmunzelt der Franzose, an dessen Show sich hochkarätige Moderedaktoren, eine äusserst schicke Stadtjugend und stilvoll gekleidete Blacks die Sitz- und Stehplätze streitig gemacht haben, um einen Blick Mode zu erhaschen, die nie langweilt. Man meint, man sehe Vintage und dennoch ist alles neu.

Lenny Guerrier und sein Partner Riad im Showroom ihres Labels Nïuku copyright esther haldimann

Lenny und Riad stammen ursprünglich aus den Banlieues. Seit dem „R“ von Raf Simons auf den Adidas-Turnschuhen interessiere sich auch die urbane Vorstadtjugend für die Highfashion, erklären sie. Ihr Kult für Hoodies, Bombers und Markensneakers, Street- und Workingwear oder eigens auf dem Flohmarkt zusammengestellte Looks hat inzwischen die Laufstege und den Durchschnittsmann erreicht, um alles zu Formelle zu ergänzen.

Sir Paul Smith

Denn der Mann ist heute modemutig, weil sein Ego seit einem Jahrhundert leidet. Einst eine Modeikone mit rauschenden Krägen (Renaissance), hohen Absätzen, die auch bei den Eidgenossen im 16. Jahrhundert Gang und Gäbe waren, oder Mozartzöpfen (Aufklärung), haben die Kriege den Mann zur Uniform verknurrt. Deshalb mauserte sich der Anzug mit Krawatte nach dem zweiten Weltkrieg nahtlos zur Berufsuniform. Ein Zwang aus dem sich das männliche Geschlecht endlich befreit, um sein wahres „ich“ zu kleiden. „Sein Mut reift seit zwanzig Jahren“, beobachtet der britische Modedesigner Sir Paul Smith. Es ist sein Landsmann David Beckham gewesen, der auf dem Fussballplatz plötzlich einen neuen Look mit Tattoos, Schmuck und gestylter Frisur inszeniert hat. Man nannte diese neuen Männer die Metrosexuellen, die sich mit Masken und Cremen die Haut pflegten. Dann haben die Hipster und Lambersexuellen mit Extravaganz und Coolness den Männern Mut zur lockeren Interpretation ihrer selbst gemacht.

„Sie sind heute mutiger, weil sich die Welt verändert hat, weil sie freier sind.  Lockere Dresscodes werden jetzt in

Carol Lim (Kenzo) copyright esther haldimann

vielen Betrieben akzeptiert. Mit T-Shirts, Jeans, Sneakers oder Formellem kleiden sich die neuen Männer heute aus Freude, nicht mehr aus Zwang“, meint Carol Lim, die als Chefdesignerin zusammen mit Humberto Leon Kenzos alten Stil mit Street- und Workingwear erfolgreich aufpeppt. Beide pendeln zwischen Paris und New York, stammen aber aus Los Angeles, deren Underground seit Jahren in der Mode den Ton angibt und wo auch Stardesigner Hedi Slimane lebt, der diese Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen rockigen Anzügen bei Dior eingeleitet hat.

Sneakers zum Anzug sind seither ein Must und kein Fehltritt. Überhaupt dominiert die Schale nur noch unter den Spitzenpatrons am Davoser Weltwirtschaftsforum oder in der Politik, wo jedoch in Frankreich die „Insoumises“ (Widerspenstigen) rund um den saloppen Jean-Luc Mélanchon bei ihrem Einzug in die Nationalversammlung auch deren bisherigen Dresscode abgeschafft haben.

Mode als politisches Manifest

Mit weissen Armbinden, aufgedruckten Slogans und Einflüssen aller Kulturen wehrt sich die Mode gegen Fremdenhass und Sexismus.

Donald Trumps Wahl ins Weisse Haus und der britische Brexit schleichen sich in die Highfashion. Die Mode des nächsten Winters, die gerade auf den Laufstegen gezeigt worden ist, gleicht einem Manifest für Toleranz und Weltbürgertum. Absichtlich vereinen die Modemacher ganz unterschiedliche Einflüsse in einer Kollektion. Als grösster britischer Modeplayer vermischt etwa Burberry am gleichen Minikleid den germanischen Minimalismus der 1990er Jahre mit romantischen Rüschen der europäischen Siedlerinnen im Amerika des 19. Jahrhunderts. Doch auch die Coolness des afro-amerikanischen Hip-Hops wird … Lire la suite

Ein Kinderspiel

Weit weg von allem Formellen macht die Highfashion der Männer die Mode zum Spiel mit Slogans, Sport und Teddybären.

Street-, Sport-, Skate- und Workwear werden nicht mehr nur privat oder auf der Baustelle getragen. Die Männermodeshows von London, Mailand, Paris und jetzt in New York geben einen köstlichen Vorgeschmack der nächsten Herbst- und Wintermode. Der Mann wird auch im Büro, der Chefetage, an Vernissagen und Versammlungen auf Komfort mit Pfiff zählen können. Drei Trends machen es möglich: Athleisure  als Luxus-Sportwear der Highfashion und Activewear aus technischen Materialien top modisch aufgemotzt. Gemeinsam dienen sie dem dritten Trend, der Verherrlichung der Millenials-Generation, die surft, spielt, trekkt und tanzt. Klar sind die unter Zwanzigjährigen ein Zielpublikum der grossen Modemarken, doch der … Lire la suite

Calvin Kleins Comeback dank Raf Simons

Der Star der Haute Couture wechselt in den Mainstream, hat aber vieles mit dem König aus der Bronx gemein.

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photo: ph vanderperre willy-blackwhite for PVH

Dass ein Star der Haute Couture zum Mainstream wechselt, ist eher eine Seltenheit. Doch Raf Simons kehrt als Calvin Kleins Chefdesigner zu seinen Ursprüngen zurück. Der Belgier hat das glamouröse Pariser Label Christian Dior vor knapp einem Jahr verlassen. Nach dieser überraschenden Scheidung, kommt es jetzt zu einer Traumhochzeit.

Als der in der Bronx aufgewachsene Calvin 1968 sein Label gründete, wurde Raf gerade geboren. Als Jüngling studierte Simons nicht Mode, sondern Industriedesign. Diesen Überblick wird dem Couturier eine solide Basis bieten, denn er leitet jetzt beim New Yorker Label die gesamte, kreative Globalstrategie. Genau diese Macht wollte Dior seinem Couturier nicht gewähren. Simons musste sich in Paris mit der Damenmode begnügen, weshalb es offenbar zur Trennung gekommen ist. Nun leitet er bei Calvin Klein alle kreativen Bereiche, Marketing und Kommunikation, sowie sämtliche sechs Linien von der Laufstegmode über die Jeans bis zur Unterwäsche.

Simons (48) startete seine Modekarriere 1995 in Antwerpen. Damals wurde Calvin Klein (73) gerade als Meister des Minimalismus  gefeiert. Während Klein mit dem Logo auf der Feinrippenunterhose weltweit den bis heute anhaltenden Trend auslöste,  entwickelte Simons in der Männermode seinen bahnbrechenden Stil: Schmale, lineare Silhouetten in klassischen Materialien ohne Schnickschnack, gezeigt an Models von der Strasse, brave Buben in englischen Schuluniformen, allerdings im Rhythmus von Punk und Kraftwerk marschierend. Klein hat sich an der Strassenkultur der Bronx und der Workingwomen inspiriert, Simons an der Energie der Underground-Rebellen.

Bauhaus und Architektur haben seinen Minimalismus geprägt. Mit der Eleganz der Schlichtheit wusste der Belgier als Chefdesigner bei Jil Sander (2005-2012) zu brillieren. Nach seiner Passage bei Dior würden jetzt John Gallianos extrem bunten, opulenten Sachen altmodisch anmuten. Genauso modern war Calvin Klein, als er als erster die Designermode zum Mainstream gemacht, die Designerjeans lanciert und das Unisex-Parfum herausgegeben hat. Beide besitzen Humor und den Hang zur Provokation: Klein sorgte im puritanische Amerika mit seinen lasziven Werbekampagnen für Skandal. Um das Aufkommen der Neo-Nazis anzuzeigen, liess Simons einst seine Models in Paris mit Hitler-Frisuren defilieren.

Calvin Klein hat sein Label 2003 an den amerikanischen Modegiganten PVH Corporation verkauft. „Seit Mister Klein selbst nicht mehr im Betrieb ist, unterlag das Unternehmen nie mehr einer einzigen, kreativen Vision“, gibt CEO Steve Shiffman in New York zu. Der Couturier aus Paris soll nun ein neues Kapitel schreiben. Was die bisherigen Designer Italo Zucchelli und Francisco Costa auf dem Catwalk gezeigt haben, war nicht mehr umwälzend. Das Geschäft machte Calvin Klein in den letzten Jahren mit der Unterwäsche und den Jeans, allerdings vor allem in den USA. In Europa und Asien trägt die Jugend längst nicht mehr CK. Seit 2013 hat die Firmenleitung eine weltweite Expansionsstrategie eingeleitet und will nun dank Simons Genie den Umsatz von 3 auf 10 Milliarden Dollars erhöhen. Zudem ist ihr ein anderer Schachzug gelungen: Das berühmte Logo blickt nun aus Justin Biebers enger Jeans während seiner Welttournee hervor!

mehr dazu: Amerikas Skandalkönig Calvin Klein provoziert seit 40 Jahren

Designerwechsel – ein Risiko, das die Zukunft bestimmt

 

Die Highfashion gerät aus den Fugen

Macht es noch Sinn, Winterkleider im Frühling zu zeigen? Die Modedesigner aus den USA überrumpeln die Europäer mit ihrem „ready-to-buy“.

Heute wollen die Fashionvictims sofort kaufen, was sie sehen. Das meint zumindest New York, wo der Modemarathon mit der kommenden Herbst- und Wintermode vor drei Wochen begonnen hat. Mailand und London folgten. Bis gestern sind in Paris 92 Modeschauen gelaufen, wo der amerikanische Vorstoss einem Erdbeben gleichkommt. Schliesslich war bisher alles bestens eingespielt. Die Damenmode wird jeweils im März und Oktober, fünf Monate vor Saisonbeginn präsentiert. „Die junge Kundschaft will nicht mehr warten. Sie wollen noch am gleichen Tag oder tags darauf tragen, was sie sehen“, übertrieb Tommy Hilfiger an der New Yorker Fashionweek. Er gab aber an, nächstes Jahr seinen Betriebsfahrplan entsprechend umzustellen. Wie genau, weiss noch niemand. Nur eines ist sicher: Die schon immer kommerzieller waltenden amerikanischen Labels wollen keine grossen Shows mehr inszenieren, die keinen unverzüglichen Gewinn abwerfen. Der Texaner Tom Ford hat diesmal sogar gepasst und will … Lire la suite

Alain Ducasse: König eines kulinarischen Weltreichs

Er ist ein sinnlicher Schlemmer, verlangt in seinen Küchen aber eiserne Disziplin. Vom Business will Alain Ducasse nicht sprechen, obwohl er seine Gastronomie in ein weltumspannendes Unternehmen verwandelt hat. Gasgogner, Franzose und Monegasse in einer Person, eilt der eitle Millionär ambitös ständig rund um den Erdball. Der Spitzenkoch übertrumpft skrupellos seine Berufskollegen, ruft jedoch zum Respekt der natürlichen Ressourcen auf.

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Mit seinen 18-Michelin-Sternen gilt Alain Ducasse als König der Kulinarik, der nicht nur mit Kellen, Pfannen und Nahrungsmitteln umzugehen weiss. Der Spitzenkoch ist auch ein Ass in Marketing und Kommunikation. Rund dreissig Restaurants, ein eigener Buchverlag, Weiterbildungsstätten, sein renommierter Hotelführer und seine stets neuen Konzepte und Anschaffungen sorgen weltweit für permanente Medienpräsenz. Trotzdem bleibt der Franzose unfassbar. Nicht nur weil er jährlich mehrmals um den Erdball reist, um in seinen Restaurants von Monte Carlo, Paris, London, New York, Dubai oder Osaka zum Rechten zu sehen. Während sich viele seiner Berufskollegen noch so gerne am Fernsehen in Szene setzen, meidet der verschlossene Ducasse “in der Oeffentlichkeit zu paradieren”. Er will weder gesehen noch… Lire la suite

Wird der Kakao zur Mangelware ?

Können wir weiterhin hemmungslos Schokolade naschen? Dieser Spass wird bald teurer, denn der Kakaokurs und der Haselnusspreis explodieren.

Ragusa Cadeau Noir 400gRagusa Cadeau Blond 400g

Mit dem Genuss von 12,1 Kilogramm Schokolade pro Kopf und Jahr sind die Schweizer Weltmeister.  2013 haben sie weiter zugelegt und 100 Gramm (+1,4 %) mehr verschlungen als im Vorjahr. Sie beissen mit Vorliebe in herkömmliche Tafeln ohne Zusätze. Die Milchschokolade bleibt Trumpf, doch die edle Schwarze gewinnt ebenso an Beliebtheit und macht inzwischen über 20 % des Schweizer Schoggigenusses aus. Seit wenigen Jahren kommen aber noch ganz andere Nationen auf den Geschmack und treiben den Kakaokurs in die Höhe : Auf den ersten Blick erscheint der chinesische Pro-Kopf-Konsum von 220 Gramm schwindend klein. « Auf die Milliarde Einwohner umgerechnet, steigt er jedoch jährlich um 132 %, in Indien gar um 245 % », betont die internationale Kakaohändlerin Sylvie Guillaume. Wie eine Bombe schlug bereits vor vier Jahren die Aussage der internationalen Kakao-Organisation (ICCO) ein, wonach im Jahre 2020 eine Million Tonnen Kakao auf dem Weltmarkt fehlen würden. Seither streiten sich die Experten, ob … Lire la suite

Baku peilt hoch hinaus

Luxushotels schiessen in der aserbaidschanischen Hauptstadt wie Pilze aus dem Boden. Marriott, Four Seasons, Fairmont, Kempinski, Park Inn, sie alle haben in den letzten zwei Jahren in Baku eine verlockende Niederlassung eröffnet.

Kräne ragen in den Himmel. Lastwagen und Presslufthammer wirbeln den Staub neu entstehender Strassen auf. Baku wächst zusehends. Ein neues Häusermeer entsteht rund um die in der Weltkulturliste der UNESCO eingetragenen Altstadt mit ihren bis ans Ufer des Kaspischen Meeres gebauten Festungsmauern. Dank kolossaler Erdölförderungsverträge erfreut sich die zwei Millionen Einwohner zählende Stadt eines traumhaften Wirtschaftsaufschwunges, der den Bau einer modernen Metro, zeitgenössischer Museen, neuer Geschäftsviertel und fünf grosser Luxushotels ausgelöst hat. Gleich neben dem aus der sowjetischen Zeit stammenden, imposanten Regierungsgebäude lockt das JW Marriott, ein Hochhaus mit 243 modernen, aber sinnlich gestalteten Zimmern und 14 Konferenzräumen. Das grösste und exklusivste Hotel im Südkaukasus steht jedoch seit Juni 2013 oberhalb Bakus Altstadt: Die 318 Zimmer, die Wellness- und Fitnessräume sowie die exklusiven Gold-Etagen des brandneuen Fairmont bieten eine sensationelle Aussicht auf das Kaspische Meer und seine Metropole. Denn das in weissem Marmor strotzende Sechsstern-Hotel belegt einen der drei eleganten „Flame Towers“, deren Bau 350 Millionen Dollars verschlungen hat. Die nachts kitschig züngelnden Glastürme in Flammenform wurden an der internationalen Immobilienmesse von Cannes als weltbestes Tourismusprojekt des Jahres 2013 prämiert. Die drei Türme symbolisieren Bakus Brennstoffreserven und erinnern gleichzeitig an die antike Feuerverehrung der damals ansässigen Zoroastrier.

 
In der haushohen Hotelhalle und im schicken Frühstückbistro sind dennoch nur wenige Gäste anzutreffen. „Baku ist die Stadt der Zukunft. Wir haben hier eröffnet, weil uns der Standort angeboten worden ist und wir Wert darauf legen, Hotels zu führen, die den Charakter eines Wahrzeichens aufweisen“, begründet Xavier Rugeroni das kühne Unterfangen. Fairmonts Vizepräsident für Europa hofft auf einen weiter wachsenden Touristenstrom, der sich innerhalb eines Jahres bereits verdoppelt hat. Mit zwei Millionen Besuchern im Jahre 2012 liegt Baku trotzdem weit hinter Istanbul, das zwölf Millionen Touristen besucht haben. Dank der Erdölförderung und der vor sieben Jahren entdeckten Erdgasreserven ist Baku jedoch zum wichtigsten Wirtschaftsstandort im Südkaukasus gewachsen. 130 Milliarden US Dollar wurden seit 1995 in den aserbaidschanischen Markt investiert. Die Hälfte stammt von ausländischen Investoren, deren Geschäftsreisende jetzt dank dem Know-How und dem Service der Luxushotelketten in den Genuss nobler Restaurants, moderner Technik und funktioneller Konferenzräume kommen.

 
Noch vor zwei Jahren gab es in der ganzen Stadt ausser dem Pionier Park Hyatt kein grosses, mit Wellness, Fitness und Eventräumen ausgestattetes Hotel. Zudem benötigte Baku 2012 moderne Unterkünfte für die Durchführung des Eurovision Song Contest. „Noch ist Baku dem breiten Publikum unbekannt und ein reines Geschäftsreiseziel. Diese Ereignisse helfen jedoch mit, die Stadt zu lokalisieren“, meint Jean-Pierre Soutric. Der Vizepräsident für Europa bei Four Seasons bezeichnet das an Bakus prächtiger Strandpromonade eröffnete Etablissement zwar als eines der schönsten Hotels der vornehmen Marke. Er ist sich jedoch bewusst, dass es nie Belegungsraten wie in Paris oder New York erreichen wird. Auch Four Seasons hat nicht in eigener Initiative nach einer Adresse in Baku gesucht, sondern ein Angebot erhalten. Aserische Investoren leisten sich derzeit nämlich gerne glamouröse Hotelgebäude. Trotz Arkaden im Beaux-Arts-Stil, einem monumentalen Treppenhaus und lauschiger Balkone in der reichverzierten Fassade ist auch das Four Seasons ein Neubau, in dem sich der Gast wie an der Riviera fühlt.

Kempinski Hotel Badamdar
280 Zimmer ab ca. 181 AZN
http://www.kempinski.com/en/bakuca

Hotel Four Seasons Baku
171 Zimmer ab ca. 340 Fr.
http://www.fourseasons.com/baku/

Fairmont Hotel Flame Towers
318 Zimmer und 19 Appartements ab ca. 340 Fr.
http://www.fairmont.de/baku/

JW Marriott Hotel Absheron Baku
243 Zimmer ca. 295 Fr.
http://www.jwmarriottbaku.com

Park Inn by Radisson Baku
248 Zimmer ab ca. 163 Fr.
http://www.parkinn.com/hotel-baku

24.10.2014 EEH

Neid, Gier und Designerwechsel im Superluxus

Der Champagner fliesst. Die Blicke der Fashionitas glänzen vor Aufregung : 93 Modelabels zeigten Ende September auf den Pariser Catwalks ihre Frühlings- und Sommermode . Hinter den Kulissen aber werden eiskalte Modekriege geführt.

An der Pariser Fashionweek haben die Labels des Superluxus das Sagen. Weit weniger glamourös als ihre Kollektionen kreuzen die Modekonzerne hinter den Kulissen ihre Schwerte. Nach einem vierjährigen, gnadenlosen Streit haben Hermès und Louis Vuitton anfangs September das Kriegsbeil zumindest vorübergehend begraben. Die beiden Luxusmarken sind direkte Konkurrenten. Beide sind vor mehr als 150 Jahren in Paris mit Lederwaren ins Geschäft eingestiegen. Hermès lancierte seinen Prêt-à-Porter 1975. Louis Vuitton stellte im Jahre 2000 als Chefdesigner den amerikanischen Wunderknaben Marc Jacobs ein. Innert dreizehn Jahren hat der lässige New Yorker dem Luxuslederwarenhersteller ein innovatives Modeimage verpasst. Sein Prêt-à-Porter macht zwar nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die begehrten Shows befriedigen dennoch das Ego der betuchten Kundschaft. Dass Jacobs die Firma vor einem Jahr verliess, um sein eigenes Label für den Gang an die Börse fit zu machen, war für LVMH-Chef Bernard Arnault kein Grund zur Trauer : Seiner Tochter Delphine ist der brillante Schachzug gelungen, mit Nicolas Ghesquière frisches Blut und nahtlose Perfektion einzustellen.

Denn Ghesquière ist ein As. « Der beste seiner Generation », meint Suzy Menkes, die einflussreiche Moderedaktorin der Herald Tribune. Der 43jährige Nordfranzose weiss, was er will, plant minutiös und entwirft haarscharf. Vuittons neuer Creative Director beherrscht die modische Architektur des weiblichen Körpers ebenso gut wie Cristobal Balenciaga, der Gründer von Ghesghières Ex-Arbeitgeber. Der Stardesigner verliess seinen Chefdesignerposten bei Balenciaga im November 2012 mit der stolzen Abfindung von 6,5 Millionen Euros, nachdem er das alte Pariser Modehaus zu einem der begehrtesten und geheimnisvollsten Labels geschliffen hatte. Die Abfindung war allerdings mit einer Schweigeklausel verbunden, die Gesquière schamlos übersah. Der stets gelassene Modedesigner warf in den Medien Balenciaga vor, nur am geschäftlichen Resultat interessiert gewesen zu sein. Skrupellos hätte die Chefetage ihn ausgenutzt. Die Kering-Gruppe, der Balenciaga angehört, zitierte ihn vor Gericht und verlangt sieben Millionen Euros Schadenersatz. Während das Schlichtungsverfahren noch in Gange ist, fiebern Ghesquières weltweite Fans – allen voran Charlotte Gainsbourg und Anna Wintour – dem nächsten Mittwoch entgegen, an dem « Nicolas » zum zweiten Mal den Catwalk von Louis Vuitton betreten und seine intelligenten, nicht sofort erfassbaren Entwürfe enthüllen wird. Und das nur sechs Stunden bevor Christophe Lemaire seine letzte Kollektion und für das Hause Hermès preisgeben wird.

Ueber Lemaires Rücktritt lacht sich Bernard Arnault ins Fäustchen. Denn der Verlust seines Damenmodedesigners trifft Hermès’ CEO Axel Dumas kurz bevor er endlich den unerbittlichen Zweikampf mit Arnault aus dem Wege geschafft hat : Seit vier Jahren knabbert Vuittons ehrbarmungsloser Präsident gierig soviele Hermès-Aktien wie möglich. Es gelang Arnault gar, 23 Prozent der Anteile seines grössten Konkurrenten einzustecken. Ein Affront, der in Hermès’ solidem Modehaus einem Erdbeben gleichkam. Um eine allfällige Uebernahme der Aktienmehrheit zu vermeiden, hat sich die Familie Hermès vereint und 51 Prozent des Kapitals für zwanzig Jahre blockiert. Wegen seines heimlichen Einstiegs in Hermès Kapital wurde Arnault von der französischen Börsenaufsicht zu einer Busse von acht Millionen Euros verknurrt. Nun haben der LVMH-Patron und Dumas ihren sogenannten « Handtaschenkrieg » ebenfalls in einem Schlichtungsverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beendet. Arnault hätte sich nämlich gerne ein Stück von Hermès’ Handtaschenmarkt abgeschnitten. Die bis zu 60 000 Euros gehandelte « Birkin » oder « Kelly » sind in der in der Highsociety ein Must und ein gesuchtes Sammlerstück. Vuittons ebenfalls luxeriösen Taschen haben nie diesen exklusiven Ruf erreicht.

Die beiden werden sich jedoch kaum aus den Augen lassen. Arnault muss zwar seine Hermès-Anteile an die LVMH-Aktionäre ausschütten und darf keine weiteren erstehen, allerdings lediglich während fünf Jahren. Diese Einigung kam genauso überraschend wie die Trennung von Christophe Lemaire. Der Abschied ist umso bitterer als dass der vor vier Jahren von Lacoste kommende Modeschöpfer an Hermès sagenhaftem Erfolg beteiligt ist. „Ich bin Christophe Lemaire sehr dankbar für die Leidenschaft, mit der er den Charakter der Damen-Prêt-à-porter bereichert hat. Unter seiner artistischen Leitung hat dieses Metier seine Ästhetik neu definieren können und sehr erfreuliche finanzielle Resultate hervorgebracht », erklärt Axel Dumas. Tatsächlich ist Hermès’ Reingewinn im ersten Semester dieses Jahres um 8 Prozent gewachsen. Für das Jahresende scheint die erstmalige Ueberschreitung der 4 Milliarden-Umsatzmarke nicht unmöglich. Doch der aus Besançon stammende Lemaire denkt an sein eigenes Geschäft. « Meine eigene Marke wächst signifikant und ich muss und möchte mich ihr nun vollständig widmen können“, sagt der 49jährige mit Recht, denn auch sein Vorgänger Jean Paul Gaultier hatte während seinem Engagement bei Hermès weder Zeit noch Kraft, um sich gebührend seiner eigenen Firma zu widmen. Das einstige « enfant terrible » der Modeszene muss jetzt sogar seinen Prêt-à-Porter einstellen. Sein weltberühmter Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Nur noch Haute Couture und Parfums.

Die Wahl von Lemaires Nachfolgerin ist ebenso verblüffend wie dessen Rücktritt. Denn die 36jährige Nadège Vanhee-Cybulski ist dem breiten Publikum kein Begriff. Sie tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Die diskrete Französin entwarf im Maison Martin Margiela und an der Seite von Phoebe Philo bei Céline bevor sie das Studio der jungen, amerikanischen Marke The Row in New York führte. Die entspannte, zeitlose, ja fast prüde Schlichtheit der Unbekannten passt allerdings gut in Hermès Konzept, dürfte aber die Aktionäre weniger begeistern. Oder lacht zuletzt Alex Dumas am besten ? Denn Vanhee-Cybulski passt tadellos in Hermès’ offizielles Image, das absichlich und ganz im Gegenteil zu Bernard Arnault auf Effekthascherei und Starkult verzichtet.

27.9.2014