Christian Dior: Masslos und unvergänglich

Die Ausstellung Christian Dior – Couturier du Rêve im Pariser Musée des Arts décoratifs ist ebenso grossartig wie die 70jährige Geschichte des weltberühmten Labels.

Unter zwei Stunden kommt niemand wieder hinaus. Das Ausstellungsangebot ist uferlos, genauso masslos und doch pedantisch wie es der 1905 in der Normandie geborene Christian Dior gewesen sein muss. Müde und leer wirkt allerdings sein Blick auf allen ausgestellten Fotos und Gemälden. Denn der ursprüngliche Student politischer Wissenschaften, Zeitungsillustrator und Galerist musste bereits mit einigen Schicksalsschlägen leben, als er 1946 sein Modehaus an der Pariser Avenue Montaigne eröffnete: Seine Mutter, die ihm mit ihrer grossbürgerlichen Eleganz das Modeflair eingehaucht hatte, war 1931 gestorben; sein Vater, ein Düngerfabrikant, in Konkurs gegangen. Nicht nur Christians späterer Freund, der Surrealist Jean Cocteau hat „Dior“ mit Gott und Gold (Dieu et Or) verglichen. Mit „Diors Dünger ist Gold Wert“ hatte schon Papa Reklame gemacht. Umsonst. Lire la suite

Keine Rente für Modedesigner

Die Show ihres Lebens darf nie abbrechen. In Pension zu gehen, ist unter Modeschöpfern unvorstellbar. Trotz mehr als 80 Lenzen bleiben Lagerfeld, Cardin oder Armani im Modegeschäft omnipräsent.

Einige Veteranen, allen voran Karl Lagerfeld (83) und Giorgio Armani (82) haben an den Fashionweeks noch immer das Sagen oder klammern sich wie Pierre Cardin (94), Paul Smith (70) oder Agnès b. (75) an ihr sagenhaftes Metier. Trotz schlohweissem Haar und sympathischen Fältchen darf in diesem Milieu keinesfalls von Greisen die Rede sein. Wie Ikonen werden Kaiser Karl oder König Giorgio vergöttert. Sie halten sich wie Politiker an der Macht fest, weil der faszinierende Puls ihres mondänen Lebens durch den hoch kreativen, weltumspannenden Beruf beherrscht wird. Arbeit sei das nicht. „Sondern Freude und Ausgleich“ für Agnès b., die in den 1970er Jahren den Druckknopf-Cardigan erfunden hat. An der Pariser Fashionweek dieser Woche ist die fünffache Mutter, mehrfache Grossmutter und Urgrossmutter einmal mehr dabei, obwohl sich ihre Kollektionen seit Jahren ähneln. „Solange ich mich amüsiere, höre ich nicht auf“, betont ebenso Lagerfeld … Lire la suite

Jean Paul Gaultier verabschiedet sich mit Humor

Seinen weltberühmten Matrosenpulli wird es nicht mehr geben. Am letzten Samstag zeigte Jean Paul Gaultier während der Pariser Modewoche seine letzte Prêt-à-Porter-Show.

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Der dichtgedrängte Menschenauflauf versperrt die halbe Strasse der Grand Boulevards. Ein Polizeibeamter muss den Verkehr auf die Gegenspur umleiten. Es wird gehupt und gestossen. Die Gäste schlängeln sich dennoch gut gelaunt durch die Paparazzis und Schaulustigen zu Jean Paul Gaultiers aller letzter Prêt-à-Porter-Show. Die riesigen Leuchtbuchstaben des legendären Pariser Kinos « Le Grand Rex » kündigen keine herkömmliche Modeschau, sondern die Wahl von « Miss Jean Paul Gaultier 2015 aus Frankreich und Uebersee » an. Dass Jean Paul auch an die Kolonien denkt, ist kein Detail. Nie hat Gaultier die Minderheiten und die kulturelle Vielfalt vergessen. Nur er holte runde Models auf seinen Laufsteg oder feierte mit einem schwarzen Mann als Aushängeschild, sexy und muskulös, vor acht Jahren das 30jährige Bestehen seines Labels. Das Aus kommt jetzt wie ein Hammerschlag. Seit 38 Jahren entwirft der in bescheidenen Verhältnissen im Pariser Vorrort Arcueil aufgewachsene Franzose Mode für alle.
Deshalb passt es, dass er sich nicht mit einer stereotypen Modeschau, sondern mit einer durch die Choreographin Blanca Li inszenierten, verrückten Parodie verabschiedet. Denn als sein 1974 gegründetes, zu Beginn floppendes Label in den 1980er Jahren am Modehimmel aufstieg, organisierten Gaultier und die sogenannten « neuen Modedesigner » (Mugler, Montana, Alaïa) keine klassischen Präsentationen für eine auserlesene Kundschaft, sondern riesige, dem breiten Publikum zugängliche Shows. Der Platinblonde hatte sich auch nicht wie seine Vorgänger zuerst durch die Haute Couture hochgearbeitet, sondern stieg direkt in den frisch eingeführten Prêt-à-Porter ein. Diesem sagt der inzwischen 62jährige Couturier jetzt Adieu, weil er sich grundsätzlich verändert habe. « Nur in der Haute Couture kann ich mich heute wirklich ausleben. Die geschäftlichen Zwänge des Prêt-à-Porters und sein unentwegt beschleundigter Rythmus bieten weder die zur Selbstbesinnung und zur Innovation notwendige Freiheit noch die Zeit », begründet der Couturier den Rückritt. Der Avantgardist, der stets der Zeit einen Schritt voraus war, kann und will mit dem heutigen Tempo der Modeindustrie nicht mehr Schritt halten. Er will sich nur noch in der kreativeren Haute Couture verwirklichen. Der breiten Masse bleiben lediglich seine originellen und sehr erfolgreichen Parfums, die 40 Prozent von Gaultiers Umsatz ausmachen.

Rockige Röcke für Männer
Obwohl es seine Muse, die spanische Schauspielerin Rossy de Palma schafft, das seriöse Modepublikum im Grand Rex mit einer witzig gewürzten Vorstellung aufzuheitern, hinterlässt die Show einen bitteren Nachgeschmack. Als Rebell und Star ohne Starallüren wird Jean Paul der Mode fehlen. Der Sohn einer Sekretärin und eines Buchhalters konnte mit Zahlen nie viel anfangen. Mit fünfzehn wusste er jedoch haargenau, dass nur das Modemachen für ihn in Frage kommt. Mit achtzehn stellte ihn Pierre Cardin an. «Er hat der französischen Mode derart viel beigesteuert. Keiner hatte international mehr Einfluss als er », lobt der heute 92jährige Cardin an der Bar im Rex seinen einstigen Lehrling, der sich in den 1980er Jahren am lebhaften Londoner Nachtleben, den Strassenmärkten und in Trendshops inspiriert hat. Den Matrosenpulli hat Gaultier allerdings nicht erfunden. Coco Chanel und Yves Saint Laurent hatten das blau-weiss gestreifte bretonische Matrosenshirt bereits zuvor zur Highfashion gemacht. Seit Gaultiers « Boy Toy »-Kollektion von 1983 war sein Markenzeichen jedoch in einer jeden seiner Kollektionen präsent. Die Ikone der Schwulenszene hat die Strassenmode auf den Catwalk geholt und mit seinem mutigen Unisex einen frenetischen Durchburch ausgelöst : Er steckte die Männer in Röcke und was für Röcke : Schicke Kilts oder schwingende Abgesteppte in goldigem Seidensatin. Das hat ihm niemand vor- oder nachgemacht.

Die Korsette aus Grossmutters Truhe

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Internationale Anerkennung errang Gaultier 1990 als er Madonna in einem konisch spitzbusigen Korsett auf ihre « Blond Ambition Tournee » rund um den Erdball schickte. Auch Mylène Farmer und Kylie Minogue bestellten ihre heissen Bühnenkostüme bei Jean Paul, der schon als Knabe mit Grossmutters Korsetten gespielt hatte. Die Couturière, die den Enkel zum Stoffkauf nach Paris mitnahm, war seine erste Muse. Auch seine Leidenschaft für die Bühne und das Kino spriess bereits bei Oma vor dem Fernseher, wo die Tänzerinnen des Cabarets «Les Follies Bergères » den Dreikäsehoch faszinierten. Wie immer sitzt Catherine Deneuve auch an seiner letzten Show in der ersten Reihe. Auch auf den Laufsteg hat Gaultier regelmässig Leute von der Bühne geholt: 2011 zeigte Mylène Farmer sein aus Federn konfektioniertes, schwarzes ( !) Hochzeitskleid, und Conchita Wurst modelte für ihn kurz nach ihrem Sieg am letztjährigen Eurovision Song Contest.
Gaultiers Teddy-Banane und sein späterer Hahnenkamm haben sich im laufe der Jahrzehnte zum graumelierten Bürstenschnitt verwandelt. « Spass » habe ihm alles gemacht, erklärt der bubenhafte Senior hinter den Kulissen des Grand Rex. Auch wenn er sich zu Beginn dieses Jahrtausends zuviel aufgeladen und die Uebersicht seiner Firma verloren hat. 2004 trat er zusätzlich zu seinen sechs eigenen Kollektionen pro Jahr den Chefdesignerposten im edlen Luxushause Hermès an, das zuerst 35, dann 45 Prozent des Aktienkapitals der Jean Paul Gaultier SA übernahm. Während seiner sechsjährigen Tätigkeit für Hermès fehlte dem Unermüdlichen allerdings die notwendige Puste, um seinem eigenen Label weiterhin rassige Impulse einzuverleiben. Als er 2010 Hermès verliess, kaufte der spanische Luxuskonzern Puig sein Label. Seither leitete der Modeschöpfer zwar selbst als Präsident seine Firma, verzettelte sich jedoch, indem er etwa auch ins Design einstieg. Laut den französischen Medien verringere sich sein Umsatz seither pro Jahr um zehn Millionen Euro und er verliere deren sieben.

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Nur noch dieses eine Mal zeigen Models mit Löwenmähnen raffinierte Smokings, tätovierte Jeans und graziöse Perfectos. Sie imitieren die berühmtesten Moderedaktorinnen oder treten als glamouröse Miss Fussballergattinnen auf. Die Miss Vintage – waschechte Models in hohem Alter – gleiten am Arm eines jungen Burschen über den Laufsteg. Unter einem Goldregen hindurch grüsst Jean Paul Gaultier zum letzten Mal das sprachlose Publikum. Dann fällt der Vorhang schlagartig. « Die Welt hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Mein Alter erlaubt es mir nicht mehr, Gaultier zu machen», meint der Modemacher nach der Show, den Champagnerkelch in der Hand. Es gäbe keinen Grund, traurig zu sein. Neue Projekte keimten bereits.

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Jean Paul Gaultier, immer ein Schritt voraus…

Jean Paul Gaultier PorträtCopyright Rainer Torrado

1974 : Sein Look Perfecto/Ballettröckchen/Turnschuhe ist ein Flopp, wird aber in den 1990ern zum Must
1976 : Seine raffinierten Korsette machen aus der Unterwäsche ein Outfit, das sich 1990 allgemein durchsetzt
1983 : Der Matrosenpulli gilt noch heute generell als Symbol für « Made in France »
1984 : Mit seinem Männerrock schreibt Gaultier Modegeschichte
1988 : Gaultier Junior für die Knirpse ist ein trendiges Marksegment, in die Luxusmarken sodann einsteigen
1993 : Sein Parfum « Jean Paul Gaultier » in Büstenform und Korsett macht den Flakon zum sinnlichen Objekt
1997 : Seine aalglatten Kostüme tragen zum Erfolg von Luc Bessons Science-Fiction-Film « Das fünfte Element » bei
2003 : « Tout beau tout propre » ist die erste Schminkpallette für den Mann
2004 : Zwei Männer beenden als Hochzeitspaar seine Show. Im letzten Jahr hat Frankreich die Homoehe offiziell eingeführt

Bilder:Patrice Stable p/o Jean Paul Gaultier (Show), Stanislas Alleaume p/o Jean Paul Gaultier (Backstage), 4.10.2014 

Er brachte die Weiblichkeit des Mannes ans Licht

Yves Saint Laurent Der Film über das Leben des Designers pendelt zwischen Romantik und Dekadenz, Ruhm und Ohnmacht

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Yves Saint Laurents turbulentes und dramatisches Leben zu verfilmen, ist kein Pappenstil. Es gelingt jedoch Jalil Lespert, das reiche Modewerk des berühmten Couturiers in die packende Liebesgeschichte zweier Männer einzuflechten. Der brillante Schauspieler Pierre Niney erlaubt es, sofort in Yves‘ Haut zu schlüpfen, dessen zerrissene Innenwelt zu fühlen, zu verstehen. Klug lässt Lespert nur die wichtigsten Ereignisse einfliessen, die den Charakter des 2008 im Alter von 72 Jahren verstorbenen, sensiblen Couturier geprägt haben. Böse Zungen werfen dem Regisseur allerdings vor, er habe sich den Inhalt von Pierre Bergé diktieren lassen. Tatsächlich tritt Guillaume Gallienne in der Rolle von Saint Laurents Lebens- und Geschäftspartner als nostalgischer Erzähler auf. Doch wer kannte den Couturier besser als der forsche, grosszügige Bergé? Deshalb lüftet der Film ein manches Geheimnis, ja entblösst den Couturier buchstäblich. Nur Bergé und nicht seiner Mutter erlaubte Saint Laurent den Besuch in der psychiatrischen Klinik nachdem der Modeschöpfer in den Algerienkrieg abberufen, aber wegen eines Nervenzusammenbruchs nie eingerückt war. „ Yves Saint Laurent ist manisch depressiv. Sie müssen wissen, ob sie das erdulden können“, erklärt im Film der Arzt dem verliebten Partner. Wie ein Häufchen Elend am Boden kauernd, enthüllt Niney den Ursprung von Saint Laurents Qual; seine Flucht in die Mode und die Droge, seine totale Risikobereitschaft: „Sie haben mich als weiches Schwulenei beschimpft, in der Toilette grün und blau geschlagen und sie (die Mutter) hat mich nicht beschützt“. Das war im katholischen Internat der algerischen Küstenstadt Oran gewesen in der damals französischen Kolonie. Lesperts Kamera liefert durchs Band weg abwechslungsweise die erhabene Schönheit von Paris und das bunte, heisse Ambiente Nordafrikas. Denn Saint Laurent und Bergé kauften sich bald eine blaue Villa mit einem riesigen Garten in Marakesch, wo sich der brave, scheue Jüngling zum drogensüchtigen Edelrebellen entwickelte.

 
„Ich möchte, dass sich die Männer von ihrer drückenden Last befreien wie es die Frauen jüngst getan haben“, flüsterte dieser 1969 als 29jähriger, bestechlich gutaussehend in dem selbstentworfenen, körperbetonten, khakifarbenen Safarianzug. Ja, er hatte der Frau die Garderobe des Mannes einverleibt. Sie emanzipiert. Doch in wie weit hat er die Männermode beeinflusst? Und schafft es der aktuelle Chefdesigner Hedi Slimane heute, dieses Erbe weiterzuspinnen? Diese Frage drängt sich auf, weil die Filmköstume der auftretenden Männer ebenso bestechen wie die schauspielerische Leistung. Auch wenn der Film nicht auf YSL als Männermodedesigner eingeht, erteilt er dem Mann eine gründliche Lektion in Stil und Aesthetik. „Saint Laurent besass einen ganz eigenen Stil in allen Epochen“, erzählt die Kostümschneiderin Madeline Fontaine. Wie ein Musterschüler im dunkelblauen Flanellanzug und dunkler Krawatte wirkt Yves Mathieu-Saint-Laurent in den 1950er Jahren als Assistent bei Christian Dior. Doch bereits glitzern goldene Manschettenknöpfe am feingestreiften, weissen Hemd, eines seiner ewigen Markenzeichen. Zum Auftakt der Liebesgeschichte mit Pierre Bergé trägt der Scheue am Seineufer einen hellgrauen Trench. Dieser von Saint Laurent 1968 in knautschigem, schokoladebraunem Leder entworfene Mantel gilt noch heute als Quintessenz der französischen Eleganz. „Er mochte praktische, aus der Berufskonfektion und der Armee stammende Kleider. Er hasste unnötigen Schnickschnack. Zuerst entwarf er für sich selbst, weil er im Handel nicht das Passende fand“, erinnert sich der inzwischen 84jährige Pierre Bergé. Doch der Ruhm liess auf sich warten. Als Saint Laurent 1968 seine Männermode lancierte, begeisterten sich die Beatles für Pierre Cardins kragenlose, futuristische Anzüge. Die trendige „Pfauenmode“ à la Jimi Hendrix kam aus London. Die neuen, hellen Anzüge stammten aus Italien. Noch trug Saint Laurent ein Outfit mit Hemd und Krawatte unter dem Pulli, das gleichzeitig formell und gelassen wirkte. Ein Stil, der Saint Laurents heutiger Designer jetzt neu lanciert. Ob sich Slimane an den Filmkostümen oder Saint Laurent selbst inspiriert, bleibt sein Geheimnis. Weder der in Los Angeles entwerfende Art Director noch das Hause Saint Laurent waren zu einer Stellungnahme bereit. „Es muss für ihn sehr schwierig sein, ein so markantes Werk weiterzuführen“, meint Madeline Fontaine.

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Fast die Hälfte von Yves Saint Laurent spielt in den 1970er Jahren, während denen Saint Laurent den Mann und sich selbst zum Verführer macht. „Darin war er am Einflussreichsten“, betont Bergé. Allen anderen Couturiers einen Schritt voraus, machte der stilvolle Yves die Jeans salonfähig, schuf die langgliedrige, androgyne Silhouette. Das auf der nackten Haut getragene, mit feinen Blumen bedruckte Seidenhemd. Den Rollkragenpulli unter dem rostbraunen Kordsamtanzug, eine aus Nordafrika stammende Farbnuance. Sein ganzer Lebensstil wurde zum Kult, den der damals flaumbärtige, langhaarige Superschlanke selbst inszenierte: Im Kino lief gerade die Rock-Oper Jesus Christ Superstar als sich der „Rockstar der Modeszene“ splitternackt ablichten liess, um sein erstes Parfum für den Mann anzupreisen. Nie zuvor hatte ein Mann als Werbeobjekt gedient. Nie zuvor hatte ein Couturier selbst für sein Produkt geworben.

„Ich kleide mich ganz bei Saint Laurent ein. Er ist der Geschmack auf Erden. Er ist Mode“, schrieb 1979 ein Fan im Männermodemagazin L’Officiel hommes. Man erträgt Lesperts gewagte Szenen mit Gruppensex, Drogenrausch oder dem in die Toiletten kotzenden Saint Laurent dank diesem feinen Geschmack. „Er wagte es als erster, die Weiblichkeit des Mannes auszudrücken. Wie kein anderer schuf Saint Laurent eine elegante Nonchalance, die immer Klasse hatte“, beobachtet Madeline Fontaine.  Der konservative Yves im Hahnentrittsakko aus Oran hatte sich zum erotischen Edelhippie in Trompetenhosen und Jerseyhemd entfaltet, der sich die Nächte mit Mick Jagger, Paloma Picasso und Andy Warhol um die Ohren schlug. Karl Lagerfeld, rassig mit halblangem, schwarzem Haar, trug das in südamerikanischen Mustern gewobene Hemd weit offen. Sein Freund Jacques Bascher verführt Saint Laurent in einem weissen, saloppen Anzug, wie ihn der Couturier entworfen hatte. Bergé blieb immer seriös und klassisch, bedrohte jedoch den Dandy Bascher handgreiflich, damit er aus Yves‘ Leben verschwindet. „Was immer auch zwischen uns geschehen ist, immer werde ich dir zur Seite stehen“. Mit diesen Worten holt Gallienne die Kinobesucher zurück in die Romantik einer tiefen Liebe.

Seit drei Saisons zurück im Hause Saint Laurent macht Hedi Slimanes Rock-Chic dieser erotischen Eleganz keine Ehre. Zwar schafft er mit Yves‘ Kaban, dem Matrosenpulli, dem Teddyblouson, dem Dufflecoat und dem Trench eine permanente Unisex-Garderobe. Und sein getupftes Hemd dieses Sommers lässt einen Hauch Sinnlichkeit aufkommen. Doch wer die Kinomode tragen will, muss sich gedulden: Mit Kordsamt und Tweed, sensiblen Halstüchern und Saint Laurents feinabgestimmtem Totallook erreicht Slimanes nächste Herbst-Winter-Kollektion die ersehnte Klasse.

Erschienen in AARGAUER ZEITUNG, 4. April 2014