Grasse – Vom Parfum nach Mass zum Industrieprodukt

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Grasse ist die Heimat der Duftstoffe. Vom banalen « Eau de Lavande » bis zum Absolue bitterer Orangen. Romantik haftet diesen Düften an. Nur in Grasse klingt das Wort Fabrik wie Poesie. Mit der Romantik ist es heute nicht ganz aus, doch Grasse ist im 21. Jahrhundert nicht mehr die Welthauptstadt der Parfüms. Aus der einstigen Liebhaberei eines absoluten Luxusproduktes, etwa bestellt von Marie Antoinette, ist zuerst das Eau de Toilette für die breite Masse entstanden. Doch die Düfte und Aromen aus Grasse kommen heute auch in herkömmlichen Shampoos, Joghurts oder Putzmitteln vor. 

Wie kommt es, dass gerade dieses verschlafene Städtchen der Provence ab 1750 zum Zentrum der Düfte, Essenzen und Absolues gewachsen ist? Gerber, Königinnen, Apotheker und Patriarchen haben die Hände im Spiel. Ein historischer Rückblick in zehn Episoden.

 

Weg mit dem Gestank

Grasse liegt 350 Meter über Meer an einem sonnigen Hügel mit Sicht an die 20 Kilometer entfernte Côte D’Azur. Schon im 13. Jahrhundert pflegte die damals 4000 Einwohner zählende Stadt enge Handelsbeziehungen mit Genua und Pisa. Aus Italien wurden Getreide und Tierhäute importiert. Die Grassois lieferten sodann den Genuesen und Pisaner eines der geschmeidigsten Leder. « Die Tierhäute verpesteten mit ihrem ekligen Geruch alle Gassen », erzählt ein Grassois hinter der Theke seines Pubs. Der Barman ist … Lire la suite

Marseille – 2600 Jahre Handel und Seefahrt

Mit ihren 800 000 Einwohnern ist Marseille die zweitgrösste Stadt Frankreichs und mit einer Fläche von 240 Quadratkilometern doppelt so gross wie Paris. Die zwei Metropolen unterscheiden sich derart, dass man sie gar nicht vergleichen kann. Hat das mit dem Meer, dem Hafen zu tun? Mit den Menschen, die seit 2600 Jahren vor allem mit den Mittelmeerkulturen verschmelzen, Seehandel treiben und Fremde mit offenen Armen empfangen?

Marseilles Blautöne2 Der Panier ist heute eines der populärsten Quartiere von Marseille. Es liegt genau auf dem Hügel oberhalb des alten Hafens, den der Phokäer Protis vor 2600 Jahren hochgestiegen sein soll nachdem er während seiner Expeditionsfahrt hier angelegt hatte. (Bild eeh)

Protis’ Ankunft

Gemäss Legende ist Marseille die Frucht einer Liebe zwischen einer Einheimischen und einem Fremden. Die aus Kleinasien stammenden Griechen, die Phokäer, errichteten 600 v. Chr. zwischen dem westlicher, im Languedoc gelegenen Agde, und Marseille mehrere Handelsniederlassungen. Bevor sie am Hügel vor Marseille aufkreutzen, hatten sich dort Ligurenstämme und eingewanderte Kelten niedergelassen. Der Phokäer Protis legte mit seinem Expeditionsschiff in der schmalen Bucht an und stieg den felsigen Hügel hinauf, um Nann die Ehre zu erweisen. Noch am gleichen Abend gab dieser Ligurenkönig ein Fest. Seine Tochter Gyptis soll vor Protis getanzt und ihm ein Pfand überreicht haben. So kam Protis über Nacht zu einer fremden Frau und dem Recht zur Gründung Massalias.

Diese Geschichte passt zu den geschwätzigen Marseillern.  Auf jeden Fall waren die Seefahrer aus Kleinasien keine Eroberer, sondern… Lire la suite

Im legendären Pinienzapfen-Zug in die Hoch-Provence nach Digne-les-Bains

Der schönste Weg von Nizza nach Digne-les-Bains führt mitten durch die Südalpen, vorbei an wilden Flüssen und schroffen Abhängen, durch Tunnel und über Viadukte. Zu befahren ist er ausschliesslich im «Train des Pignes», dem Pinienzapfen-Zug.

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Kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof von Nizza tuckert der „Train des Pignes“ am breiten, mit Schilf bewachsenen Flussbett des Vars entlang. Nur Wenigen ist das besondere Glück beschieden, Lire la suite

Leichter als Luft durch die Provence schweben

Wer im Heissluftballon über die Provence schwebt, vergisst flugs alles Irdische.

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Mitten auf einer mit Muskatellersalbei durchwachsenen Wiese der Provence schenkt ein Mitglied der sechsköpfigen „France Montgolfières“-Crew schwarzen Kaffee aus, an dem die 38 bereitstehenden Passagiere noch etwas verschlafen nippen. Es ist morgens kurz nach fünf Uhr, eine für Heissluftballonflüge ideale Tageszeit: Die Auftriebskraft des ältesten Luftfahrzeuges der Menschheit entsteht nämlich dank dem Dichteunterschied der kälteren äusseren und der wärmeren Luft im Ballon. Frühmorgens herrscht nicht nur die kühlste Tagestemperatur, auch der Wind bläst in der Regel am Schwächsten, und gefährliche Windböen sind selten. An diesem Sommertag säuselt der Mistral mit einer für den Flug optimalen Geschwindigkeit von 25 km pro Stunde. Kurz nach halb sechs Uhr taucht die Sonne purpurrot am wolkenlosen Himmel auf. Am Boden rattern die aufgestellten Ventilatoren, die das ausgebreitete Gewebe aus Polyester und flammenfestem Nomex aufblasen. Schon nach zehn Minuten bäumen sich die zwei Ballone zuerst schlank, dann prall auf. Stechflammen zischen hinein. Durch die Erwärmung wird die Innenluft des Ballons leichter als Luft, weshalb der Ballon steigt. Noch haftet er allerdings am Boden, an einen Range-Rover festgebunden. Eine Montgolfiere in Frankreich zu besteigen, gleicht einer Fahrt zurück zu ihrem Ursprung. Denn es waren zwei Franzosen, die Papierfabrikanten Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier, die den Heissluftballon entwickelt hatten und 1782 zum ersten Mal in Annonay bei Lyon steigen liessen. Sofort interessierte sich König Ludwig XVI an der „fliegenden Kugel“ der Gebrüder. Da man der Sache aber noch nicht recht traute, wurde der erste erfolgreiche, 1783 in Versailles gestartete, beladene Flug nicht mit Menschen durchgeführt, sondern mit einem Schaf, einer Ente und einem Hahn.

Heute sind die Vorbereitungen zu interessant, um an Schwindel, Brände oder Abstürze zu denken. Einmal im Korb sitzend, will ein junger Mann wissen, wo er nach dem Flug abgeholt werde. „Das kommt ganz auf den Wind an“, lacht Pilot Max Duncomb lakonisch und drückt auf eine der vier Düsen seines Gasbrenners. Zwei 1200-Grad heisse, bläulich-gelbe Flammen zischen drei Meter hoch haarscharf neben den Passagieren vorbei in den Ballon hinauf. Kerzengerade schnellt der Ballon in die Höhe. Innert weniger Sekunden ist der violette Muskatellersalbei nicht mehr zu erkennen. Die alten Eichen nimmt das Auge nur noch als Gebüsch wahr. Schon fällt der Blick weit über die Hochebene von Mane, nach Banon bis hin zum spitzen Mont Ventoux. Der Heissluftballon steigt zwei Meter pro Sekunde. Der aus Cambridge stammende Pilot ist voll und ganz mit seinen Düsen beschäftigt. „Zum Aufsteigen brauchen wir 85 Grad im Ballon“, erklärt er zwischen zwei weiteren Gasschüben und liest die Temperatur an seinem kleinen Armaturenbrett ab. Mit einem Luftvolumen von 13 000 Kubikmetern und 19 Passagierplätzen handelt es sich um einen überdurchschnittlich grossen Ballon. Zwischen 15 000 und 100 000 Euros koste eine Montgolfiere, je nach eingebauter Technik, erzählt Max Duncomb. Doch das interessiert die Fahrgäste jetzt kaum. Hoch in der Luft vergisst man alles, was mit dem irdischen Leben zu tun hat. Nur das Blöken einiger Schafe dringt noch hinauf, um dann vollständig in der Stille zu ersticken. Alle sind derart in den Bann gezogen, dass niemand bemerkt, wie der Pilot an einem Strick zieht und dadurch das Drehventil öffnet. Sofort kreist der Ballon um die eigene Achse. Der ungewohnte Blickwinkel von 360 Grad überlastet den Geist. Man kann sich nicht sattsehen. Im Osten leuchtet der Lubéron saftig grün, im Süden versteckt der von Paul Cézanne oft gemalte Berg Sainte-Victoire die Stadt Aix-en-Provence, wo das Atelier des Impressionisten heute als Museum dient. Im Nordwesten glänzt das Alpenmeer silbrig hinter der langen Krete der Montagne de Lure. Davor breitet sich im Westen das Valensole-Plateau aus, die einstige Kornkammer der Provence, wo sich goldgelbe Kornfelder und violette, unendliche Lavendelplantagen noch heute aneinanderreihen. Das ist Jean Gionos Gegend. Die Kulissen seines Romans „Die Geburt der Odyssee“ oder der Novelle „Der Mann, der Bäume pflanzte“ zieht unten vorbei. Als „langsame Harmonie eines göttlichen Rausches“ beschrieb der in Manosque beheimatet gewesene Schriftsteller 1936 diese mit Mandelbäumen, Linden, Kastanien und Espen bewachsenen Voralpen und Hochebenen. Ebenso berauscht blicken die jetzt im Heissluftballonkorb stehenden Passagiere stumm in die Weite und die Tiefe. Da der Korb nicht schaukelt und seine Fluggeschwindigkeit von 19 Knoten (34 Kilometer pro Stunde) als langsam und sacht empfunden wird, kommt auch in der Höhe von 1700 m über Meer kein Schwindel auf.

 
„Man kann bis 2500 m steigen, doch die Sicht verschlechtert sich entsprechend“, meint der Pilot, der im Winter von Gstaad aus andere Passagiere im Heissluftballon über die Schweizer Alpen befördert. Das Ballonfliegen wurde zur Passion des Engländers während eines Studentenjobs in Deutschland, von wo er zu einem drei Jahre dauernden Weltumflug durch 25 Länder ansetzte. Noch heute geniesse er jeden Flug, sagt der rund Vierzigjährige während unten Melonen- und Salatplantagen vorbeiziehen. Noch weiter fliegen, noch höher steigen, die Alpen überqueren, möchte man, doch der Ballon dreht und schwebt zurück Richtung Forcalquier, gleitet sanft in ein Tobel hinunter, so tief, dass man beinahe die Eichenblätter berühren kann. Plötzlich meldet der Pilot des zweiten, unsichtbaren Ballons über Funk ein entdecktes Feuer an. Schwarzer Rauch steigt in einer Entfernung von rund hundert Metern aus dem Gebüsch. Max Duncomb lässt sofort Gas in den erneut ansteigenden Ballon brausen. Er betätigt seine Steuerdüsen, um die je nach Höhenunterschied ändernden Windrichtungen und –geschwindigkeiten auszunutzen. Wenige Minuten später überfliegen wir das Wahrzeichen von Forcalquier, die im 19. Jahrhundert auf einem Felsen errichtete Kapelle. Hier stand im Mittelalter die Burg der mächtigen Grafen von Forcalquier, die während eineinhalb Jahrhunderten die Gegend bis nach Avignon, Gap und Sault als unabhängiger Staat mit eigenen Gesetzen und Devisen beherrscht hatten. Als Ludwig XI im 13. Jahrhundert den Grafensitz erbte, musste er Forcalquier dennoch mit den Waffen erobern. Selbst während der französischen Revolution und im zweiten Weltkrieg war die heute 4 680 Einwohner zählende Gemeinde eine Hochburg des Widerstandes, in der Jean Giono 1943 den jüdischen Pianisten Jan Meyerowitz versteckte. Dem trockenen Klima zu liebe, liess sich Raoul Dufy 1952 in Forcalquier nieder. Hier starb der Maler des Fauvismus ein Jahr später.

 
Nochmals dreht der Ballon um die Kapelle, hebt sich leicht ab und sticht hinunter. Was von hoch oben wie ein undefinierbares, graues Feld anmutet, entpuppt sich als Strasse, wo die beiden Range-Rover stehen. Das Schweben im Heissluftballon löscht das Zeitgefühl aus. Erst jetzt wird einem bewusst, dass seit dem Start zweieinhalb Stunden verstrichen sind. Die Sonne brennt inzwischen erbärmlich. Man möchte die Jacke ausziehen, doch dafür bietet der Korb keinen Platz. Schwitzend steigen wir nochmals hoch. Das zur Landung vorgesehen Feld wurde verpasst. Unten fahren die Range-Rovers weiter. Nach ein paar Umdrehungen kündigt der Pilot dann doch die Landung an und zieht an einem Strick, um den „Parachute“ zu öffnen. Sanft setzen wir auf einer Wiese auf. Sofort fällt der Ballon zur Seite und sackt ins sich zusammen. Taumelnd betreten die Passagiere den festen Boden. Sie werden jedoch sofort zum Auspressen der Luft aufgefordert, damit der Ballon zusammengerollt werden kann. „Man kommt aus einer anderen Welt, aus einer unsagbaren Stille zurück“, meint ein Passagier, der sich diesen Flug zu seinem 80. Geburtstag geleistet hat. „Verlangen Sie den Himmel“ steht treffend auf dem Prospekt der „France Mongolfières“, deren Mitarbeiter das angekündigte Landfrühstück auspacken. Es erweist sich als typisch französisch: Den himmlischen Rausch verlängernd wird morgens um neun aus Champagnerkelchen der lokale, nach Pfirsich schmeckende Schaumwein „Rinquinquin“ eisgekühlt serviert.
 

Infos:
Die France Montgolfières führt Flüge in der Loire, der Ile-de-France, der Bourgogne, der Auvergne, der Ardèche, der Champagne, der Provence, im Périgord und den Pyrenäen ab 189 Euro pro Person durch. Information und Reservation: http://franceballoons.com oder für Flüge in der Provence: Office de Tourisme Intercommunal du Pays de Forcalquier et Montagne de Lure, Tél. 0033.4.92.75.10.02 oder oti@forcalquier.com

Bild: esther elionore haldimann

Erschienen in Neue Zürcher Zeitung, 13. September 2013